Er ist recht jung für den Job, er hat eine äußerst positive Ausstrahlung, vermittelt Teamgeist und Leichtigkeit. Und er arbeitet mit angelsächsischen Methoden. Warum steht Simon Rattle jetzt trotzdem so in der Kritik? Angeblich achtet er die deutschen Tugenden nicht genug, die Schwere und die Tiefe und das. Wie wehrt man sich gegen so einen Vorwurf? Dem Berliner Chefdirigenten fehlt vor allem ein objektives Maß für die Bewertung seiner Arbeit. Vermutlich würde Rattle gern mal gegen ein anderes Orchester antreten. Wahrscheinlich würde er zwei zu null gewinnen. So wie Klinsmann. Man sagt immer, der sei einem gnadenlosen Erfolgsdruck ausgesetzt. Dabei kann es eine Gnade sein, entweder zu siegen oder zu verlieren. Dann herrscht wenigstens Klarheit. Offenbar funktioniert der Klinsmann-Effekt nicht überall.

Nächster Fall: Er ist noch ein Anfänger im Trainerberuf, war aber früher ein herausragender Fußballer. Er hat eine festgefahrene Mannschaft übernommen, junge Spieler geholt, sich mit den Eminenzen angelegt und umstrittene Personalentscheidungen getroffen. Und dann ist Marco van Basten nach einem harten und dummen Spiel mit seinem Oranje-Team im Achtelfinale ausgeschieden. Wie gesagt, der Klinsmann-Effekt funktioniert nicht immer. Im Falle des holländischen Trainers liegt es daran, dass seine Revolution rückwärts ging. Er zwängte seine Spieler ein, ließ sie deutsch spielen, defensiv und robust. Das war ein Fehler.

Jürgen Klinsmann legt seinen Spielern keine Fesseln an, er befreit sie davon, er lässt sie nicht deutscher spielen, sondern internationaler. Wäre er ein Musiker, dann würde man sicher sagen, Klinsmann habe die Mannschaft ihrer deutschen Seele beraubt. Doch das geht nicht bei einem, der den offensivsten deutschen Fußball seit 1972 spielen lässt und der die Schweden in zwölf Minuten aus dem Turnier geworfen hat.

Im Moment ist Klinsmann sakrosankt, und selbst wenn seine Mannschaft ausscheidet, wird er es erst mal bleiben. Jedenfalls, wenn sie mit aufrechtem Gang untergeht. Spätestens in einer Woche jedoch wird die Frage lauten: Was bedeutet der Erfolg der Nationalmannschaft für den milliardenschweren Betrieb Bundesliga, für den Alltagsfußball in Deutschland? Da gibt es einen verdeckten, aber fundamentalen Deutungsstreit zwischen Jürgen Klinsmann und Bayern München, namentlich dessen Manager Uli Hoeneß. Der begründet das seit Jahren mäßige Abschneiden seines Clubs in der Champions League damit, dass die Münchner eben finanziell nachhaltig arbeiten, die Mailänder, Madrilenen und Londoner hingegen spekulativ und unseriös. Die kauften mit geliehenem Geld die teuersten Spieler ein und würden, so prognostizierte Hoeneß, früher oder später sicher Pleite gehen. Nun sind Real Madrid, der FC Barcelona oder Inter Mailand aber immer noch nicht am Ende, der FC Bayern ist immer noch mittelmäßig. Gibt es also noch einen anderen Grund für die Schwäche der Bundesliga?

Hier hat Klinsmann eine provozierend banale Antwort: Die Fußballer in Deutschland sind nicht fit genug. Und weil sie nicht fit sind, sind sie zu langsam, und wer langsam ist, kann nicht modern spielen. So schlicht, so brutal. Das hätte niemand zu denken gewagt. Fit, so glaubte man, sind die sowieso. Sind sie aber nicht, wie der Bundestrainer mit vier Wochen modernem Fitness-Programm und anschließender Leistungsexplosion seiner Spieler eindrücklich bewiesen hat.