St. Moritz

Kuhglocken. Vorsichtig klettert das Engadiner Fleckvieh über die steilen Almwiesen, die hoch über St. Moritz liegen. Vereinzelte Schneefelder trotzen oberhalb der Baumgrenze noch dem blitzblauen Bergsommer. Ein schmales Asphaltband windet sich hier durch das alpine Idyll bis zu dem Hospiz auf dem Albulapass in 2312 Meter Seehöhe. Knapp zwölf Kilometer lang, an manchen Abschnitten der Straße beträgt die Steigung bis zu dreizehn Prozent.

In einer der steilen Kehren tauchen plötzlich zwei Gestalten in hellblauen Trikots auf. Dem ersten Anschein nach sitzen sie beinahe entspannt im Sattel ihrer Rennräder und treten gleichförmig in die Pedale, als bummelten sie munter entlang der Landstraße im Tal. Tatsächlich nähern sie sich in hohem Klettertempo, und mit mächtigem Zug fliegen sie förmlich durch die engen Serpentinen. Kopf und Schultern sind tief über den Lenker gebeugt, der Blick starrt konzentriert nach vorn.

In diesem Moment sind sie Körpermaschinen, in denen jede Faser ihres Organismus dazu dient, ein möglichst hohes Maß an Energie zu produzieren und in Bewegung umzusetzen. Kraft, Ausdauer, Belastungsgrenzen – unentwegt tasten ihre mentalen Sensoren Muskeln, Atmung und Pulsfrequenz ab. Ihre Gedanken sind argwöhnische Messsonden, stets in Sorge, rechtzeitig einen kritischen Bereich aufzuspüren, bevor noch die durch Training hochgetunte Rennmaschine durch Überforderung Schaden nimmt und die Leistung plötzlich einbricht. Körper und Geist müssen aufeinander abgestimmt, das Leistungspotenzial mit der Leistungsbereitschaft in Einklang gebracht werden. Jetzt balancieren die beiden Radprofis noch jenseits der Schmerzgrenze. Den Pass hochradeln sie mit rund sechzig Prozent des Renntempos einer Hochgebirgsetappe. Zwei bis drei Alpenübergänge überwinden sie auf jeder Ausfahrt. In wenigen Tagen schon werden sie aber täglich in den roten Bereich vordringen, sich schinden und ihren Körper, der in dieser Phase für Infektionen besonders anfällig ist, mörderischen Strapazen aussetzen.

»Herrlich«, sagt Georg Totschnig und blickt bei einem kurzen Stopp mit freudestrahlendem Gesicht in die Bergwelt. Manchmal denkt der Tiroler daran, wie gerne er sich die friedlichen Hänge gemeinsam mit seiner Familie erwandern würde, anstatt die felsigen Höhen auf seinem Rennrad erobern zu müssen. Wie gerne er nach einem Anstieg hier verweilen und das Panorama genießen würde, anstatt sich unverzüglich wieder im Höllentempo in die Tiefe zu stürzen. Nur um sich wenig später die nächsten Kehren und Rampen hochzuquälen, auf Attacken der Rivalen zu lauern, die eigene Chance für den entscheidenden Antritt zu erwittern. Sich dann, auf den letzten Kilometern, überwinden und auch noch die allerletzten Reserven mobilisieren.

Beim zweiten Berg kehrten die Kräfte und die Hoffnung wieder zurück

Die verführerische Vorstellung von einem Almausflug verfliegt aber schnell. Gemeinsam mit seinem Freund und Teamkollegen Peter Wrolich hat Totschnig in St. Moritz sein Camp zum Höhentraining aufgeschlagen. In wenigen Tagen, am 1. Juli, werden die beiden in Straßburg bei der Tour de France an den Start gehen: 3657 Kilometer in 20 Etappen auf der großen Schleife durch Frankreich, hart im Wind auf den Landstraßen im Norden, kann sein, dass sie bei Gluthitze, kann sein, dass sie bei peitschendem Regen Pyrenäen- und Alpenpässe bezwingen müssen. Oder mal so, mal so. »Tour der Leiden« heißt die Rundfahrt abgeschmackt. Aber die Phrase sagt alles.