Es mag Ihnen, meine Damen und Herren, absurd erscheinen, das ausgerechnet von einem zu hören, der nicht zuletzt wegen seiner Deutschlandreise hier steht – dennoch: Es gibt in Deutschland zu viele Deutschlandbücher. Sie waren wohl unvermeidlich nach all den Untergängen. Und doch ist es nicht gut, wenn eine Nation sich der Selbstbegrübelei, dem Selbstberaunen allzu sehr hingibt. Es gab also guten Grund, lieber einen Bogen um Deutschland zu machen. Den habe ich dann wirklich gemacht. Ich bin einmal ganz herum gereist. Denn es gibt nur diesen Ausweg aus dem deutschen Begrübelungszirkel: Hinaus ins Freie, in die Abenteuer des Erzählens. Sehen, was da ist.

Ich bin mit der Kritik groß geworden. Universität. Zeitung. Geburtstagsfeier. Sogar kritische Hochzeitsreden habe ich erlebt. Und natürlich die Literatur. Nach der romantischen Aura des 19. Jahrhunderts, nach der Aura mystischer Dichterorden, wie sie Thomas Mann beschreibt, nach der Aura der Kälte von Brecht bis Benn dann dies: Die deutsche Nachkriegsliteratur hüllt sich in eine Aura des Kritischen. Denn das hatte die westdeutsche mit der ostdeutschen Literatur gemeinsam: Man las sie politisch, und sie wollte politisch gelesen sein. Kritik war, um es salopp zu sagen, die halbe Miete.

Um nicht missverstanden zu werden: Dies soll nicht zu einer Polemik gegen Kritik geraten, schon gar nicht im Journalismus. Wenn ein Publizist einem Missstand seine Aufmerksamkeit widmet und die Dinge scharf formuliert – mehr davon. Die Fähigkeit, scharf zu sein, wo Schärfe geboten ist, und die Fähigkeit des Publikums, harte, meinetwegen überzogene Kritik auszuhalten, scheint mir sogar nachgelassen zu haben. Täusche ich mich, oder ist alles ein bisschen braver geworden?

Merkwürdigerweise verträgt sich das aber ganz gut mit einem anderen, eher unscharfen, aber wirkmächtigen Phänomen: einer Pose, einem Sound der Kritik, der ins Ohr dringt wie Kaufhausmusik und die Poren der Wahrnehmung verklebt.

Der erstaunliche Höhenflug der Kritik in Deutschland begann nach dem Krieg, mit der Sehnsucht nach Leere und Kahlschlag. Es war die Sprache des begreiflichen und notwendigen Versuchs, mit sich ins Reine zu kommen. Und er wurde befeuert durch das magische Jahr 1968, das in seinem kurzen, authentischen Moment eine wilde Mischung aus allen möglichen Impulsen und darum so erregend war. Ich würde gern diesen Moment gegen das, was daraus wurde, in Schutz nehmen.

Die erste Generation der 68er waren Bürgerkinder, zu den ersten Demonstrationen erschien man mit Krawatte. Spätere Generationen, ich weiß, wovon ich rede, kannten nicht mehr, was sie niederrissen. Sie kannten nur noch ihresgleichen. Die Kritik war mit sich selbst allein. Kritik aber, die mit sich allein ist, tendiert zum Lagerkoller, und der tendiert im Extremfall zum Lager. Am Morgen danach hat man dann einen philosophischen Kater. Ich habe ihn mit Joseph Conrad behandelt, habe Hölderlin- und Rimbaud-Tropfen eingenommen, kalte Benn-Wickel aufgelegt, bittersüße Capote-Cocktails und manches mehr geschlürft.

Und dann, wenn man Glück hat, wacht man eines neuen Morgens auf, räumt die Wickel weg, klopft sich den Staub der Kritik aus den Kleidern, geht auf Reisen und schreibt neue Lieder. Ein Bild von Neo Rauch heißt so: Neue Lieder! Unter den neuen deutschen Erzählern, scheint mir, ist dieser Pfad ins Freie nicht wenigen vertraut. Die Reise kann nach Meßkirch führen, in Textgebirge, und heraus kommt ein wunderbar gebildetes und erzähltes Buch – eine Wiedergeburt der erzählenden Biografie. Ein anderer Reisender bringt das Moskauer Telefonbuch zum Singen – die Wiedergeburt einer literarischen Form der zwanziger Jahre. Das alles entzündet meine vielleicht etwas kindliche Freude darüber, dass dieses Land wieder Erzähler, Lieder, Bilder, Maler hat, nicht mehr nur Kritiker, Projekte, Konzepte. Ich weiß, dieser Satz ist übertrieben, aber nicht sehr.