Sprache »Ich geh Schule«
Nicht nur für Lehrer ist Kiezdeutsch ein Problem. Linguisten empfehlen, den Jugendslang zum Thema des Grammatikunterrichts zu machen, damit die Schüler korrektes Hochdeutsch lernen
Die Sprache von meine Vorfahr war mehr kompliziert wie heut.« So etwa klingt das Hochdeutsch der Zukunft. Das besagt die Prognose von Uwe Hinrichs, Linguistikprofessor an der Universität Leipzig. Danach wird die Sprache Kleists und Manns in wenigen Jahrzehnten die meisten ihrer Wortendungen verloren haben, komplizierte Flexionen sind bis dahin verschwunden, viele Grammatikregeln radikal vereinfacht. Der Sprachwissenschaftler hat jahrelang aufmerksam dem medialen Umgangsdeutsch gelauscht, wie es in Talkshows, Politmagazinen oder Sportsendungen von Moderatoren und Interviewpartnern gesprochen wird. Da sind die Aussichten »für die nächste Jahren« nicht so gut, man »ratet ab«, zieht Bilanz »über die Arbeit«, setzt jemanden »auf freiem Fuß«, ist »mehr aufgeregt« als sonst und möchte »der Rest des Problems ein andermal besprechen«.
Uwe Hinrichs sagt: »In Sendungen wie Beckmann können Sie solche Schnitzer am laufenden Band hören, quer durch die sozialen Schichten.« Darauf aufmerksam gemacht, würden die meisten ihre Fehler noch erkennen. Zufällige Versprecher seien es dennoch nicht, sondern Vorboten des Neudeutschs von morgen. Hinrichs ist kein Germanist, sondern Spezialist für Balkansprachen. Das, meint er, schärfe seinen Blick, denn in diesen Sprachen hätten sich ähnliche Prozesse schon vollzogen.
Teilweise spiegeln die aktuellen Regelverstöße nur einen langfristigen Trend. Seit Jahrhunderten findet eine schleichende Vereinfachung der indogermanischen Sprachen statt. Schritt für Schritt wechseln sie vom »synthetischen« zum »analytischen« Sprachtyp über. Grammatische Bedeutungen werden zunehmend nicht mehr durch Endungen direkt im Wort ausgedrückt, sondern durch Umschreibungen und Hilfswörter: Aus dem »Haus meines Vaters« wird das »Haus von meinem Vater« und schließlich das »Haus von mein Vater«. Das Englische ist hier dem Deutschen weit voraus. Dort wird der Formenverlust durch die strenger geregelte Wortstellung ausgeglichen. Sie transportiert logische und strukturelle Informationen, die vorher in den Endungen der Wörter steckten.
Massive Veränderungen müssen einer Sprache also am Ende nicht schaden. In Phasen des beschleunigten Umbruchs können aber Verwerfungen entstehen. Eine solche Übergangsperiode zeichnet sich im Deutschen ab. Der Sprachwandel, der über lange Zeit kaum auffiel, gewinnt an Fahrt. Die wesentliche Triebkraft für die rapide Abschleifung der grammatischen Formen sieht Hinrichs – neben dem Einfluss des Englischen – in den vielfältigen Sprachmischungen, die das Einwanderungsland Deutschland prägen. Viele Immigranten springen zwischen einem nur bruchstückhaft gelernten Deutsch und ihrer türkischen, arabischen oder russischen Muttersprache hin und her. Entscheidend ist, dass die Verständigung funktioniert, für Feinheiten bleibt wenig Raum. In den Sprachmängeln des TV-Geplauders sieht Hinrichs die Spuren der Vermischungen und Reduktionen, die inzwischen auch außerhalb der Einwanderermilieus hoffähig geworden sind – begünstigt durch ein gesellschaftliches Klima, in dem der Hochsprache leicht der Ruch der Borniertheit anhaftet.
Unter den Mischsprachen hat es die »Kanak-Sprak« zu Berühmtheit gebracht. Ihre Machosprüche, mit türkischen Einsprengseln und minimalistischer Grammatik versehen, werden längst in Comedy-Shows als Ethno-Gags vermarktet. Formeln wie »Ultrakorregd, Alder«, »Ischwör« (Ich schwöre), »Lan« (Kumpel) oder die Drohung »Ich mach dich Messer« sind bei einem Publikum populär, das den Migrantenalltag nur aus dem Fernsehen kennt. Abseits stereotyper Karikaturen haben sich die Kanak-Sprak und ihre Ableger als »Kiezsprache«, »Türkendeutsch« oder »Straßenslang« zu echten Verkehrssprachen entwickelt, mit denen sich in Berlin-Neukölln oder Hamburg-Mümmelmannsberg Jugendliche unterschiedlicher Herkunftsnationen verständigen. Auch deutschstämmige Teenager, die dazugehören wollen, »sprechen krass«: »Hast du U-Bahn?« (Fährst du mit der U-Bahn?), »Ich geh Schule«.
Bilden Kiezsprachen nun das Epizentrum eines sprachlichen Bebens, dessen entferntere Wellen auch das überregionale Hochdeutsch durchzurütteln beginnen? Viele seiner germanistischen Kollegen glauben im Gegensatz zu Uwe Hinrichs nicht, dass die bildungsbürgerlich geprägte Schriftsprache demnächst in den großen Sprachmixer geraten wird. In den Niederungen der Umgangssprache stellt sich die Situation allerdings anders dar. Wenn Kanak-Sprak und Co. ihr Image als Jugendslang erst losgeworden seien, könnten sie auf das Alltagsdeutsch der Ballungszentren jenseits von Schulhöfen und Jugendtreffs abfärben, sagt Heike Wiese, Soziolinguistin an der Humboldt-Universität. Sie verweist auf den New Yorker Stadtdialekt, dem deutsche und polnische Einwanderer ihre grammatischen Spuren aufgeprägt haben.
Viele Jugendsprachforscher fühlen sich genötigt, die Kiezsprachen und Jugendjargons gegenüber dem Vorwurf der Sprachverarmung in Schutz zu nehmen. Sie sehen in ihnen ein Laboratorium, das ständig neue Formen hervorbringt. Bislang funktionieren die Stadtteilsprachen jedoch nur als mündliches Kontaktmedium Gleichgesinnter. Abstraktere Sachverhalte für ein Publikum jenseits des eigenen Dunstkreises lassen sich damit kaum vermitteln. »Was man sagt, muss auch in der Form konsistent sein«, sagt Norbert Dittmar, Professor für Soziolinguistik an der FU Berlin.
»Viele Jugendliche sprechen Kanak-Sprak, um ›cool‹ zu sein, wissen aber genau, dass es eine Sondersprache ist, und können zwischen Slang und Hochdeutsch wechseln«, sagt Helmut Glück, Germanistikprofessor in Bamberg. Eine Abkoppelung von den Normen der Standardsprache befürchtet er jedoch für die bildungsferneren Schichten. »Es gibt hässliche Beispiele, bei denen Bewerber abgelehnt wurden, weil die Bäckersfrau meinte, den Kunden deren Sprechweise nicht zumuten zu können.« Besonders problematisch sei die »doppelseitige Halbsprachigkeit« von Jugendlichen aus Immigrantenfamilien, die weder Deutsch noch die Sprache ihrer Eltern richtig beherrschten.
Die Lehrer sollten das Nebeneinander von Hoch- und Stadtteildeutsch als eine neue Form der Zweisprachigkeit anerkennen, aber – ähnlich wie gegenüber Dialektsprechern – deutlich machen, dass im Unterricht oder im Beruf die Normen der Hochsprache gelten, empfiehlt Norbert Dittmar, der einmal pro Woche türkischen Jugendlichen Sprachunterricht gibt. »Die Schüler müssen neben ihrer Kiezsprache auch das Standarddeutsch können, sonst kommen sie nicht weit.« Darum müsse man auch das Kiezdeutsch zum Thema des Grammatikunterrichts machen, sagt Heike Wiese. »Wenn ihr Sprachgebrauch ernst genommen wird, könnten Jugendliche eher bereit sein, sich mit dem Standarddeutsch zu beschäftigen.« Die meisten Lehrer sind aber auf die deutsch-neudeutsche Zweisprachigkeit noch nicht eingestellt.
- Datum 29.06.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.06.2006
- Kommentare 4
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ist wohl eher doppelseitige Sprachlosigkeit...
hat keinen Platz im Schulunterricht,man sollte den Kindern aber beibringen wo sie ihren eignen Slang anbringen koennen und wo nicht.Ich wuerde auch niemanden einstellen bei dem ich erstmal einen Uebersetzer brauche um zu verstehen was er oder sie von sich gibt.Genau, wie ich niemanden einstellen wuerde der des Lesens nicht maechtig ist-schliessslich der taegliche Ablauf auf dem Arbeitsplatz kein Jahrmarkt.
Das ist das Wort des Jahres für mich. Danach hab ich schon lange gesucht, vielen Dank!
betzilla
Stumm wird man, diesen Artikel lesend, allein schon eine Sprachfärbung eines recht abgetrennten Kiezes Neukölln in Berlin mit "Kanak...", also Kanake zu bezeichnen. Linguisten, die wohl auch in Kenntis darüber sein könnten, dass die Erlernung der Muttersprache in Schrift und Grammatik, Wissenshorizonte eröffnen kann... sollten Politiker dahin drängen, Türkisch als 1. Sprache und Deutsch als 2. Sprache in der Grundschule in diesen Armenhauskesseln einzuführen. Es gibt Europaschulen, die dies in allen Sprachen praktizieren, allein Türkisch und Arabisch fehlen.
Wir stehen als Eltern sprachlos vor dem Berliner Rahmenplan der 26 Buchstaben des Alphabetes in 2 Grundschuljahren erlernen lässt und fragen uns, warum war das in den 80igern noch bis zum Winter, also in 3 Monaten möglich? Sind die Kinder dümmer geworden?
Diese Klassen werden mit dreißig Kindern gefüllt, so dass selbst pfiffige Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern wenig Chancen haben, zu Wort zu kommen und den Lärmpegel auszuhalten. Gleichzeitig wird eine neue Unterrichtsform: Wochenplanarbeit eingeführt. Diese Unterrichtsform ist mit
einer maximalen Klassenstärke von 18 Schülern (2 Lehrer pro Klasse) vorgesehen. Mittels Tests fasst man die Schüler vor der Einschulung in Begabungsgruppen zusammen, wird aus Finnland übermittelt. Die Finnen wundern sich, da sie den Lehrplan und das Schulmodell aus Ostberlin übernommen haben, was die Deutschen hier praktizieren?
Sollte da nicht eher die Bildunspolitk zum Thema gemacht werden? Weshalb ist es nicht möglich, die Klassenstärken auf 20 Kinder zu beschränken?
Weshalb fasst man die Kinder nicht in Begabungsgruppen zusammen? Weshalb hat man 1989 die Bio-, Chemie-, und Physiklabore im Ostteil der Stadt in den Kellerräumen weggeschlossen und 17 Jahre nach der Wende schlummern sie noch dort? Dafür experimentiert man mit der Lust. Haben die Kinder Lust, können sie Lernen... die Materialien stehen im Regal, haben sie keine Lust... was ist dann?
Weshalb kann man die Kinder nicht in Türkisch und Deutsch alphabetisieren, wenn man weiß, dass die Erlernung der Grammatik der Muttersprache der Schlüssel zur Erlernung der Grammatik der anderen Sprachen ist?
Weshalb strafft man nicht den Inhalt und vermittelt Wissen in der Grundschule? Denken Kinder sich nicht alle möglichen Sprachen aus, wenn sie sich langweilen?
Wird nicht hier über ein Männlein gesprochen, also einen sehr kleinen Teil an Jugendlichen Deutschen, mit türkischen Großeltern... hier Geborene... die sill und stumm im Berliner Bildunsloch untergehen, wie die deutschen Jugendlichen mit deutschen Großeltern ebenfalls?
Was ist politisch in dieser Stadt geplant? Bildungsförderung? Tut Kindermund Wahrheit kund, wenn mein Sohn mit folgendem Lied aus der Schule eintrifft. "Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm. Da kam ein deutscher Panzer und fuhr es um. Wo kam blos der Panzer her, von der deutschen Luftabwehr. Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm..."
Wenn sich die berliner Bildungspolitik weiterhin wie die deutsche Luftabwehr verhält und auf Männlein schießt, anstatt Männlein (Kinder) zu bilden, egal welcher Muttersprache...
dann ist es zwecklos über Hochdeutsch zu schreiben...
Sprechen denn die Lehrer noch Hochdeutsch, die mit sinkenden Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen in dieser Berufsgruppe eben kaum noch durch das Bildungsbürgertum gestellt werden??? Wer wird denn noch Lehrer???
Die Kindergartengruppen werden auf 20 Kinder aufgestockt, die Klassen brechen mit 30 Kindern auseinander.... die Schulen ebenfalls... gleichzeitig fusionieren Gymnasien... werden geschlossen... damit diese dann in wenigen Jahren mit 40 Schülern pro Klasse wieder eröffnet werden und das Bildungsschlusslicht in Europa einnehmen???
Wer denkt hier in dieser Stadt logisch, analytisch, strategisch... sinnvoll, vorausschauend????
Früher waren die Pfiffikusse die Meister der Klasse, sie gaben nicht nur das Lernziel vor, sondern wurden auch gefordert. Heute werden sie als "hochbegabt" tituliert und in die Ergotherapie abgeschoben. Die Lehrer, deren IQ weit unterliegt, sind überfordert!!
Vielleicht sollte man nicht das Gesundheitswesen und die Krankheiten ausbauen, sondern das Bildungssystem systhematisch und nicht chaotisch sanieren!!!
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