Neue Abschlüsse Keine einheitliche Linie

Der akademische Nachwuchs soll neben dem Fachwissen nun auch »Schlüsselqualifikationen« erwerben. Doch jede Hochschule versteht darunter etwas anderes

Bislang wird der Streit um die Einführung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge an den Hochschulen viel zu abstrakt geführt. Gegner und Befürworter werfen sich gegenseitig Verrat am Humboldtschen Universitätsideal oder Reformunfähigkeit vor. Interessant und fruchtbringend wird die Debatte aber erst dann, wenn sie sich den Inhalten zuwendet – etwa den so genannten Schlüsselqualifikationen, die nach den Vorgaben der Kultusminister den Studierenden zusätzlich zum Fachwissen in jedem Bachelorstudiengang vermittelt werden sollen.

Wie es darum steht, wurde kürzlich beim Wettbewerb »Schlüsselqualifikationen plus« deutlich, bei dem der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Stiftung Mercator Studienangebote auszeichneten, die nicht nur eine fachliche und berufsfeldorientierte akademische Ausbildung vermitteln. 93 Hochschulen haben sich beteiligt.

Der Diskussionsstand um das, was »Schlüsselqualifikationen plus« sein sollten, drückt sich schon in der Vielfalt der verwendeten Metaphern aus; ein Hinweis auf ein wenig arrondiertes Feld. Neben dem aus der Arbeitsmarktforschung der sechziger Jahre stammenden Begriff Schlüsselqualifikation, geht es um Soft Skills, Inter- und Transdisziplinarität, Studium generale und fundamentale, Methodenkompetenz, interkulturelle Kompetenzen oder gar um »Faszinationskompetenz«.

Die einen punkten mit Bildung, die anderen blicken auf den Arbeitsmarkt

Offensichtlich läuft der Diskurs zwischen den Polen Soft Skills – besser als »Fitness-Training für den globalen Arbeitsmarkt« zu bezeichnen – einerseits und dezidiertem Eintreten für die aufklärerische Bildungsfunktion der Universität andererseits ab.

Der Soft-Skills-Ansatz favorisiert die Ausbildung von Kommunikations-, Team- und Präsentationsfähigkeit. Typisch dafür ist etwa das Angebot der Uni Mannheim, die Module wie Körpersprache, Verhandeln und Entscheiden oder Konfliktmanagement anbietet. Eine frauenspezifische Perspektive wird von der Bucerius Law School Hamburg eingebracht mit dem Kurs »Powerfrauen piepsen nicht – Stimmtraining für Frauen«. Bei vielen Angeboten – etwa beim verbreiteten Kurs »Präsentieren mit Powerpoint« – fragt man sich, ob Hochschulen ihre Zeit nicht für anspruchsvollere Ansätze nutzen sollten.

Angebote, die die Bildungsfunktion der Universität ins Zentrum rücken, möchten insbesondere den Studierenden »nützlicher« Disziplinen, also der Wirtschafts- oder Technikwissenschaften, die Chance geben, auch geistes-, sozial- und kulturwissenschaftliche Angebote wahrzunehmen. So bietet der Lehrstuhl Humanities der TU Hamburg-Harburg Vorlesungen über Stil- und Kulturgeschichte an. Die Uni Erfurt will Ausdrucksvermögen und Mut zum Risiko durch Seminare mit Schriftstellern und Musikern fördern.

Die deutschsprachigen Universitäten haben eine lange Tradition im Verknüpfen von Geistes- und »nützlichen« Wissenschaften. Wir waren Vorbilder für die Universitäten anderer Länder. Amerikanische Eliteunis haben diese Struktur kopiert und halten bis heute daran fest. So heißt es etwa in der Rede aus Anlass der Gründung der Stanford University in Kalifornien im Jahre 1902: »We do a real university work, in the German sense … with graduate studies and seminars, and specific Wissenschaftsgeist, both in humanities and sciences.«

In der heutigen deutschsprachigen Hochschullandschaft setzen interessanterweise vor allem private Hochschulen auf dieses Leitbild. So etwa die Universität Witten/Herdecke und die International University of Bremen. In Bremen belegt ein Student der Naturwissenschaften auch Veranstaltungen in History oder in Integrated Social Sciences. Auffällig ist, dass die kleinen privaten Hochschulen das Add-on der Humanities als Alleinstellungsmerkmal betrachten und damit in Hochglanzbroschüren werben. Die öffentlichen Universitäten haben mit ihrem Universalangebot hier eigentlich einen Wettbewerbsvorteil. Viele Fakultäten bieten ebenfalls die Möglichkeit des Studium fundamentale in Form von Ergänzungsfächern an, verstecken das Angebot aber in dicken Vorlesungsverzeichnissen.

Bei beiden Ansätzen, Soft Skills wie Humanities, verwundert, dass kaum eine Vorstellung der viel zitierten Wissensgesellschaft entwickelt wird und der zu erwartenden oder wünschenswerten Arbeitswelt. Werden die heutigen Studierenden überwiegend als mobile Freelancer in zeitlich begrenzten Projekten arbeiten? Modelle der Schlüsselqualifikation ohne eine solche Auseinandersetzung stehen auf einem wackligen Fundament.

Eine Schwäche der Humanities- und Studium-fundamentale-Modelle ist, dass sie nur selten in die Fachdisziplinen eingebunden sind. Die sinnvollen Bildungsangebote bleiben nur ein Add-on. Sie bekommen für Studierende der Technik-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften so den Charakter des Gemeinschaftskunde- oder Ethikunterrichts.

Wie sieht die Arbeit von morgen aus? Darüber denkt niemand nach

Eine Alternative zu dieser Perspektive der getrennten Welten, hier technische oder ökonomische Optimierung, dort Reflektion und soziale Humanisierung, ist die Ergänzung des Fachwissens um Orientierungswissen in einer Fachdisziplin. Dann werden auch die sozialen und kulturellen Wechselwirkungen zu einem Teil der Disziplin. Ingenieure könnten auf diese Weise explizit erfahren, wie es der Berliner Sozialwissenschaftler Werner Rammert formuliert, was sie in ihrer Praxis schon immer ahnten, dass sie als technische Konstrukteure gleichzeitig soziale Gestalter sind.

Jede Disziplin verfügt heute über einen stark ausdifferenzierten Methoden- und Theorieschatz. Der ist für einen hohen Stand von Forschung und Technik sowie für unseren Wohlstand notwendig. Durch diese Konzentration ist jedoch das Wissen, »wie alles zusammenhängt« und in die Gesellschaft eingebunden ist, verloren gegangen. Überzeugende Modelle, die die Methoden der jeweiligen Fachdisziplin respektieren und zugleich die Orientierungskompetenz der Studierenden innerhalb der Disziplin schärfen, fehlen bislang.

Der Autor lehrt Wirtschaftsinformatik und interdisziplinäre Technikforschung an der Universität Hamburg .

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    • Quelle DIE ZEIT, 29.06.2006
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    • Schlagworte Hochschule | Bildungspolitik | Polen | Fitnesstraining
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