Selbst für einen Mann, der an den Außengrenzen des Kapitalismus operiert, war die Reise ungewöhnlich. Im Winter 1995 flog Lakshmi Mittal von Indien nach Kasachstan, um den Kauf eines neuen Stahlwerkes zu besiegeln. Die letzten 1000 Kilometer zwischen der Hauptstadt Almaty und dem Industriegebiet von Temirtau musste er mit dem Auto fahren. " Wir kamen von Delhi, wo es 30 Grad warm war, nach Zentralasien, wo 40 Grad unter null herrschten", erinnert sich der Unternehmer. " Während der gesamten Fahrt durch die unbewohnte Steppe fragte ich mich, was passiert, wenn unser Wagen liegen bleibt."

Doch der größte Schrecken war die sowjetische Industrieruine. Die Hochöfen waren erloschen, seit einem halben Jahr bekamen die 30000 Arbeiter keinen Lohn mehr. Statt Stahlreserven fand Mittal in den Lagerhallen nur Tausende Flaschen rumänischen Weins, die aus Naturalientausch herrührten. In der gesamten Stadt mit ihren 200000 Einwohnern gab es keine Staatswährung, sondern nur wertlose Papiernoten, die die Fabrik einst ausgegeben hatte.

Mittal ließ sich nicht abschrecken. Er kaufte das Werk mitsamt den Erzminen, feuerte die Werksführung und investierte 1,1 Milliarden Euro in neue Anlagen. Heute beschäftigt das Werk 22000 Arbeiter, zahlt pünktlich Löhne, liefert hauptsächlich nach China und gehört zu den drei größten Stahlfabriken im Mittal-Imperium.

Nach ähnlichem Muster hat der "Sonnenkönig des 21. Jahrhunderts" (Hindustan Times) mehr als 50 Werke in 16 Ländern gekauft meist in Schwellenländern, wo sich herkömmliche Konzernchefs nicht hinwagen.

"Sein Geniestreich war, Fabriken zu niedrigen Preisen aufzukaufen und mit indischen Ingenieuren genau in dem Moment umzustrukturieren, als der Nachfrageboom in China begann", sagt Jean Lemierre, Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau. Er nennt Mittal einen "hervorragenden Finanzier und Industriellen, der heute auch auf Qualität und soziale Fragen achtet".

Solche Töne waren freilich rar, als der 56 Jahre alte Lakshmi Mittal und sein 30 Jahre alter Sohn Aditya Anfang 2006 in Paris ihren größten Übernahmeversuch verkündeten. Zunächst ließ sie der französische Wirtschaftsminister Breton abblitzen, der ihre Fusionspläne mit dem Dreiländerkonzern Arcelor als "unhöflich", "unmodern" und gar als "gewalttätigen Überfall" bezeichnete. Auch der anschließende Empfang durch mehrere hundert Aktionäre, Bankiers und Journalisten geriet zunächst eisig. Doch die Verwunderung war groß, als der vornehme Milliardär und sein brav gescheitelter Sohn auftraten. Die beiden Männer mit pechschwarzem Pagenkopf und vollen Lippen entsprachen so gar nicht den Vorstellungen von Schrotthändlern, die mit Brachialmethoden zu den weltgrößten Schlotbaronen aufgestiegen waren.

Mit leiser Stimme und trockenem Kolonialenglisch ging Vater Mittal die kuriserenden Gerüchte frontal an und hatte nach zwei Stunden seine erste Charme-Offensive gewonnen. Schon nachmittags hieß es, 15 Prozent der Aktionäre befürworteten die Fusion. Jetzt ist es die Mehrheit.