Was hat die amerikanische Außenpolitik in einem japanischen Sexfilm zu suchen? Und wie kommt der Mittelfinger von George Bush auf das Dach eines Tokyoter Hochhauses? In der Welt der japanischen Pink Movies sind solche Abstrusitäten ganz normaler Leinwandalltag. Das Pink Movie (pinku eiga), eine vom prüden japanischen Staat erlaubte Form des Sexfilms, wurde seit seiner Entstehung in den sechziger Jahren immer auch für avantgardistische Experimente und politische Statements genutzt. Man ließ den Regisseuren alle Freiheiten, solange nur die Anzahl der Sexeinlagen stimmte. BILD

So erinnert die erste Szene von The Glamorous Life of Sachiko Hanai an die deutschen Schulmädchenreporte der siebziger Jahre. Das Callgirl Sachiko vom »Club für sexuelle Rollenspiele« hat sich eine dicke Brille aufgesetzt und spielt die strenge Lehrerin. Während sie in Faltenrock und weißer Bluse babyleichte Fragen, etwa nach der Hauptstadt der Vereinigten Staaten, stellt, wird sie von ihrem vermeintlichen Schüler ungelenk befingert. Schon dieses sexuelle Pflichtprogramm wird von dem jungen Regisseur Mitsuru Meike gnadenlos überzogen. Wenig später setzt eine Handlung ein, deren durchgedrehte Wendungen man nur noch mit offenem Mund folgen kann.

In einer Sushi-Bar wird das Callgirl Zeugin eines Schusswechsels zwischen Agenten aus Nordkorea und dem Nahen Osten. Streitobjekt ist der Mittelfinger von George W. Bush, der im Laufe des Gefechts in Sachikos Handtasche landet, deren Besitzerin leider auch eine Kugel im Kopf mit aus dem Restaurant nimmt. Fortan läuft sie mit einem Loch in der Stirn herum und zitiert Noam Chomsky. Indessen führt der Mittelfinger des amerikanischen Präsidenten ein lüsternes Eigenleben, stellt dem Callgirl nach und droht zwischendurch, die Welt in die Luft zu sprengen.

Seit jeher hat das niedrige Budget der Pink Movies den Einfallsreichtum der Macher beflügelt. Man kommt nicht umhin, an Roger Cormans legendäre Sex-, Crime- und B-Movie-Fabrik zu denken, die im Kalifornien der sechziger Jahre Talente wie Francis Ford Coppola, Steven Spielberg oder Jonathan Demme hervorbrachte. Die Regisseure der Pink Movies versprühen eine ähnlich anarchische Energie, sowie die ungebrochene Bereitschaft, noch der primitivsten Ausstattung eine eigene Ästhetik abzutrotzen. Ganz beiläufig macht sich Mitsuru Meike über die Regeln des Sexfilms lustig, wenn in einer abgeschiedenen Grotte plötzlich ein Bett für die Gelüste eines Paares bereitsteht. Oder wenn Sachikos Orgasmen aufgrund ihrer Kopfverletzungen immer zeitverzögert und an denkbar ungeeigneten Orten ablaufen.

Mit der geballten Kraft seiner kruden Optik fällt dieser Sexfilm auch über das Machtgebaren des amerikanischen Präsidenten her. Immer wieder rollt ein Fernseher durchs Bild, der sich von ganz allein einschaltet und Bush reden lässt. Allerhand vulgäres Zeug hat Meike ihm in den Mund gelegt, was aber recht natürlich wirkt. Fast scheint es, als kämen die unter religiösem Floskelwerk verborgenen Schmutzfantasien des Präsidenten endlich auf erlösende Weise zu ihrem Recht. Make love and war : Nicht nur den Knopf für die Massenvernichtungswaffen will Bushs Mittelfinger drücken, zwischendurch geht er auch auf die Suche nach Sachikos G-Punkt.

Mitsuru Meike: The Glamorous Life of Sachiko Hanai
Rapid Eye Movies, 1 DVD