50 Klassiker der Modernen Musik Donner des Laubs

Zwischen Stockhausenscher Serialität, Bachmannscher Lyrik und Italien: Zum 80. Geburtstag von Hans-Werner Henze

»Man muss mit dem Ausdruck ›Genie‹ vorsichtig umgehen, sagte Frau Dr. Bachmann«, schreibt Hans Werner Henze selbstironisch in seinen autobiografischen Mitteilungen Reiselieder mit böhmischen Quinten. Da hat Frau Doktor ihn gerade zurechtgewiesen, weil er ihrer Meinung nach mit dem Begriff allzu leichtfertig hantiert. Genies, meint die »liebe Inge« und »große Freundin«, seien nur Personen, »die selbst neue Texte schaffen, erfinden, in die Welt setzen«, und selbst in deren Fall sei Vorsicht geboten mit der wohlfeilen Etikettierung.

Ingeborg Bachmann wäre am vergangenen Sonntag achtzig Jahre alt geworden, Henze wird am kommenden Sonntag achtzig. Wenn überhaupt etwas zwischen sie passte (»ungefähr meine einzige Stütze, intellektuell und künstlerisch«, sagt Henze), war es ein Blatt Papier mit einem Bachmann-Gedicht. Einmal, 1956, gibt sie Henze vier Zeilen: »Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,/ist die Nacht von Dornen erhellt, und der Donner/des Laubs, das so leise war in den Büschen,/folgt uns jetzt auf dem Fuß.« Das ist dieser süchtig machende Bachmann-Klang, von dem auch Henze nicht genug bekommen konnte: »Wie schade«, sagt er, »so kurz?« Und die Inge dichtet auf einer Zugfahrt noch vier Zeilen dazu.

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So entstehen Nachtstücke und Arien für Sopran und großes Orchester , sie machen ordentlich Skandal bei der vom Publikum hoch gefeierten Uraufführung in Donaueschingen. Wie auf Verabredung nämlich erheben sich Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono und verlassen den Saal. »So entwanden sie sich den Schönheiten meiner jüngsten Bemühungen«, stellt Henze im Nachhinein sarkastisch fest und trifft gleich mehrere Nägel auf den Kopf. Weiter weg von den Positionen der Darmstädter Schule und den Prinzipien seriellen Komponierens hätte Henze nicht gehen können. Für ihn war Serialität eine Grammatik, nicht mehr. Er beherrschte sie locker in den Grundzügen, die Drei sinfonische Etüden und auch das Zweite Streichquartett legen Zeugnis davon ab. Andererseits war Henze mit seinem Vokabelreichtum, seiner Farbenfrohheit und seinen Schönheitsideen zu bunt für diese grau gerasterte Kompositionsnorm. Wenige Jahre später werden die Nachtstücke von Karl Böhm nicht zufällig wie spätester Richard Strauss dirigiert. Henze, unermüdlich und handwerklich brillant auf allen möglichen Kompositionsfeldern unterwegs, war da schon wieder weiter auf der Suche nach musikalischen Kompromissen, die nie faul waren. Dass etwas neu klänge und gleichzeitig vertraut, blieb sein Ziel. Er erreichte es bewundernswert oft. Wie selbstverständlich nimmt er später im sinfonischen Werk sowohl die Pose des Falstaff (in der Achten) ein, dem am Ende vieles heiter wird, wie auch die des Utopisten im beethovenschen Sinn, der (in der Neunten) immer glaubt, dass die Kunst das Leben bessere. Manchmal reichen vier oder acht geniale Zeilen und die dazugehörige geniale Musik. Mirko Weber

 
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