Es waren die DDR-Bürger selbst, die die DDR zur Vergangenheit gemacht haben, durch Demonstrieren und dies mit unkalkulierbarem Risiko, solange die Grenze noch dicht war. Reisefreiheit, freie Wahlen, »Stasi in die Produktion« und – in Plauen noch vor dem Fall der Mauer – »Deutschland, einig Vaterland«, das waren die Forderungen der Demonstranten, unterstützt auch von vielen Mitgliedern der SED und der Blockparteien. Die Forderungen sind längst erfüllt. Eine Wand von Sandsäcken wurde im August 2002 am ehemaligen Checkpoint Charlie in Berlin als Mahnmal zum Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1961 aufgeschichtet. Die Barriere erinnert an den Höhepunkt des Kalten Krieges, an dem sich amerikanische und russische Panzer an dem innerstädtischen Grenzübergang in Berlin gegenüberstanden. BILD

Von einer gemeinsamen Erinnerung an die DDR aber sind wir noch weit entfernt. Das hat mehrere Gründe. Mit dem ersehnten Westgeld kam die Arbeitslosigkeit, weil nun die DDR-Produkte weder im Inland noch im Ausland Käufer fanden. Während die Westdeutschen unter den Bedingungen des Wirtschaftswunders die Demokratie schätzen lernten, wurde den Ostdeutschen dies unter den Bedingungen eines wirtschaftlichen Niedergangs abverlangt, der freilich – anders als bei den östlichen Nachbarn – sozial abgefedert war, aber abgefedert mit Geld aus dem Westen, oft ausdrücklich verbunden mit der Zumutung der Dankbarkeit, eine Zumutung, die auf Dauer jede Beziehung ruiniert, weil sie das Eingeständnis der Abhängigkeit einschließt. Das Hochgefühl des Herbstes versank bei nicht wenigen in Depression und Desorientierung.

Dann kamen die Stasi-Enthüllungen. Es waren die Ostdeutschen selbst, die ihre Stasi-Akte sehen und wissen wollten, wer sie bespitzelt hat. Deshalb die Konzentration auf die IM, die inoffiziellen Mitarbeiter, die oft vergessen ließ, dass die Stasi lediglich ein Machtinstrument der SED war. Aber die medial inszenierten Stasi-Enthüllungen wurden manchen bald zu viel, weil sie den Eindruck gewannen, man zeige vom Westen aus mit dem Finger auf sie.

War die DDR ein Unrechtsstaat? Darüber wurde heiß gestritten. Manche Westdeutsche sagten es, noch mehr Ostdeutsche hörten den Vorwurf: »Ihr hattet den Staat, den ihr verdient habt – denn ihr habt ja alle irgendwie mitgemacht«, was schon deshalb Unfug ist, weil die SED-Diktatur von Moskau installiert und erhalten wurde. Darauf antworteten viele mit Identitätstrotz. »Es war nicht alles schlecht in der DDR«, sagten nun auch solche, die im Herbst auf die Straße gegangen waren – und wählten PDS. Es entstand die DDR-Identität post festum. Selbstverständlich gab es auch in der DDR erfülltes Leben und glückliche Tage, aber nicht wegen, sondern trotz der Diktatur. Wer behauptet, es gebe kein richtiges Leben im falschen, hat keine Diktatur erlebt.

Viele Westdeutsche stellen sich die DDR vor wie eine schäbige Bundesrepublik mit Ostgeld. DDR-Nostalgie ist das Problem mancher Ostdeutscher. Sie übersehen, dass man nicht die Mauer wegreißen und das Echo stehen lassen kann, dass man nicht Freiheit haben kann ohne die Risiken und Befremdlichkeiten der Freiheit. Und sie übersehen, dass die DDR schon deshalb nicht zur Nachahmung taugt, weil sie, wie alle sozialistischen Länder, auch ökonomisch gescheitert ist. DDR-Nostalgie befördert übrigens auch rechtsextreme Haltungen: Da waren wir noch unter uns, ohne Ausländer. Da hatte jeder seinen Arbeitsplatz. Da herrschte noch Ordnung.

Wie also sollen wir die DDR angemessen erinnern? Die rot-grüne Regierung hatte dafür eine »Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbunds ›Aufarbeitung der SED-Diktatur‹« eingesetzt, die am 15. Mai dieses Jahres ihre Empfehlungen vorgelegt hat, begleitet von heftigen Attacken, die im Wesentlichen von Westdeutschen vorgetragen wurden. Denn die professionelle »Vergangenheitsbewältigung« der DDR ist fest in westdeutscher Hand. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten Historiker der DDR dem Regime zu treu verbunden waren, um nun glaubhaft kritisch sein zu können. Aber es hat zur Folge, dass nun Kämpfe um Status und Forschungsgelder auf dem Feld der DDR-Forschung ausgetragen werden. Und manche scheinen zu sagen: »Wir bewältigen euch eure Vergangenheit, denn die unserer Väter haben wir ihnen auch schon bewältigt.« Da gibt es subtile Zusammenhänge – und Irritationen.

Die Kommission möchte neben die Schwerpunkte »Überwachung und Verfolgung« sowie »Teilung und Grenze« einen dritten Schwerpunkt »Herrschaft – Gesellschaft – Widerstand« stellen mit den Themen »Widerstand und Opposition«, »Ideologie«, »Alltag in der durchherrschten Gesellschaft« und »Mechanismen der Machtausübung«. Dass auch der Alltag thematisiert werden soll, ist der Stein des Anstoßes. Das Gedenken habe sich auf die Opfer und das Erbe des Widerstands zu beschränken, wurde behauptet. Wie bitte will man dann diejenigen einordnen, die sich im atheistischen Staat als Christen bekannten und dafür Nachteile in Kauf nahmen, aber nichts unternahmen, um den Staat zu stürzen? Wie sind diejenigen zu beurteilen, die in die CDU eintraten, um nicht in die SED eintreten zu müssen? Man erfasst die DDR-Wirklichkeit nicht, wenn man die Grautöne übersieht.