Deutschland ohne Kinder? Eine Serie in vier Folgen. Alle Analysen, Videoreportagen und -interviews sowie zahlreiche Infografiken finden Sie hier.

Auf diese Frau scheint Deutschland nur gewartet zu haben. Seit Ursula von der Leyen Familienministerin ist, vergeht kaum ein Monat, in dem sie nicht in den Schlagzeilen steht. Kein Wunder: Sie krempelt nicht nur Deutschlands Familienpolitik um, sie trifft damit den Nerv des Volkes. Die Menschen wünschen sich, dass die Geburtenrate in Deutschland endlich wieder steigt. Kürzlich setzte die Ministerin gegen den anfänglich heftigen Widerstand der Konservativen das neue Elterngeld durch, das erstmals auch zwei Monate Erziehungszeit exklusiv für die Väter vorsieht. Schon ist die Rede vom Paradigmenwechsel. Selbst die politische Altherrenriege ist auf einmal mit der modernen Maßnahme einverstanden. Eine Hoffnung vereint sie alle: Jetzt kommen sie endlich, die fehlenden Kinder.

Doch genau das könnte ein Trugschluss sein. »Man kann nicht die Geburtenrate ändern, indem man nur einen Parameter in der Politik ändert«, sagt Jan Hoem, Direktor am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Das Elterngeld sei ein richtiger Anfang. Doch dass dies allein wirke, sei keinesfalls sicher. Als Norwegen 1978 ein Erziehungsgeld auf Einkommensniveau einführte, stieg dort zwar die Zahl der Zweit- und Drittgeburten, jedoch ohne die Gesamtzahl der Geburten merklich zu erhöhen. In Finnland und Dänemark hoben ähnliche Regelungen hingegen nachweisbar die Geburtenrate – in Dänemark sogar deutlich.

Dass Familienpolitik wirkt, wird in der Wissenschaft wenig bestritten, unklar ist nur, wie und unter welchen Rahmenbedingungen. Nötig scheint die richtige Kombination aus Politik, Staatsform und der günstigen Mentalität zu sein. Deutschland ist von seinem besten Mix offenbar noch weit entfernt. Doch dass es ihn gibt, zeigen die skandinavischen Länder. In Schweden, Dänemark, Norwegen oder Finnland liegen die endgültigen Geburtenraten um zwei Kinder pro Frau. Für Familienministerin von der Leyen genug, die Länder zu ihrem Vorbild zu erklären. Ursula von der Leyen im Filminterview - Klicken Sie auf das Bild! BILD

Die Lehre aus Skandinavien lautet: Lasst die Frauen arbeiten!

Doch nicht alles, was dort hilft, hilft auch hier. Das primäre Ziel der skandinavischen Wohlfahrtsstaaten war nicht, die Geburtenrate zu erhöhen. Das Ziel war eine Gesellschaft zu schaffen, die auf Gleichberechtigung basiert.

»Die Deutschen glauben vielleicht, dass sie familienfreundlich sind«, sagt der Demograf Jan Hoem, »doch in Wirklichkeit sind sie es nicht. Weil sie es jungen Frauen so schwer machen.« Denn deren Vorstellungen von einem glücklichen Leben mit Kind würden in Deutschland immer noch diskriminiert. Das Bild von der Rabenmutter sei noch lange nicht aus den Köpfen verschwunden. Hierzulande diskutiere man noch die völlig falsche Frage: nämlich, ob es Frauen neben ihren anderen Pflichten auch erlaubt sein sollte, arbeiten zu gehen. Wenn die Deutschen wirklich von Skandinavien lernen wollten, dann müssten sie als Erstes das Prinzip akzeptieren, dass arbeitende Frauen auch Kinder haben dürfen. »Die deutsche Politik ist geradezu darauf ausgerichtet, Frauen davon abzuhalten, arbeiten zu gehen«, sagt der MPI-Direktor und meint damit nicht nur den Mangel an Kinderbetreuung. Krippen, Kindergärten und Horte seien zwar unbedingt notwendig. Entscheidend sei aber, dass in Deutschland die Gleichberechtigung der Geschlechter bisher nicht viel mehr als eine Illusion sei. So herrsche immer noch das altbackene Familienleitbild vom männlichen Alleinernährer vor, nicht nur in der Bevölkerung, sondern vor allem in der Politik. »Hört endlich mit dieser offensichtlichen Diskriminierung der Frauen auf«, rät der Norweger. Max-Planck-Direktor Jan Hoem spricht über den demografischen Krieg BILD