Als Kind, aufgewachsen in jener Gegend, verwechselte ich oft Zicherie mit Böckwitz. Dabei war es für die Bewohner von allergrößter Bedeutung, ob sie im niedersächsischen Zicherie oder, einen halben Steinwurf weiter, in Böckwitz lebten, in der DDR, fast schon auf dem Todesstreifen. " Was sich in Berlin in weltpolitischem Maßstab darbot, war in Zicherie-Böckwitz in überschaubarem und menschlich nachvollziehbarem Alltagszusammenhang zu beobachten", resümiert der Zeithistoriker Heinrich Thies seine Chronik eines geteilten Dorfes zwischen 1945 bis heute.

Wie unter der Lupe kann Thies anhand des Doppeldorfs Ergebnisse des Hitler-Kriegs, den Wahnwitz deutscher Nachkriegszerrüttungen akribisch beobachten. Er muss sich nicht anstrengen, um das Wuchern des Unmenschlichen und Perversen zu veranschaulichen. Er berichtet von den Fluchtwellen, die nach dem Krieg durch die Nachbargemeinden schwappten, vom Sprengen grenznaher Stallungen, der Perfektionierung der DDR-Grenzsicherungen, in denen 1961 ein westdeutscher Journalist erschossen wurde, wo eine Kuhherde zerfetzt wurde und durch die des Nachts die DDR ihre Agenten in den Westen schleuste. Schicksale kleiner Leute rekapituliert der Chronist, vor allem die zwischenmenschliche Beklommenheit, die sich im gepeinigten Ost-Dorf ausbreitete: "Eigentlich konnte man mit keinem offen reden. Nicht im Konsum und nicht auf dem Friedhof." Es gelang der DDR-Führung, sämtliche ländliche Geborgenheit, das zwanglose Miteinander zu ersticken. Anpassung, Verzweiflung, Trott, Alkohol, ein forsches Bekenntnis zum SED-Sozialismus waren die Folge.

Erzdeutsch ist die Geschichte, die Thies erzählt. Hart, grau und doch von Aufwallungen freundlicher Gemüter, am Schluss von Freiheitswillen durchsetzt. Wie lang ein endgültiges Zusammenwachsen von Zicherie und Böckwitz noch dauern kann, belegt dieses Buch eindrücklich.

Heinrich Thies: Weit ist der Weg nach Zicherie

Die Geschichte eines geteilten Dorfes an der deutsch-deutschen Grenze - Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2005 - 335 S., 19,95