Raddatz hebt mit Recht die hohe Intellektualität Hans Mayers hervor, aber auch seine Eitelkeit und Geltungssucht. Diese führten freilich in seinem Lehrbereich in den fünfziger Jahren auch zu begrenzten, aber doch deutlichen Freiräumen des Denkens. Aber nicht vergessen werden darf seine Rolle in Leipzig bei der "Erstürmung der bürgerlichen Universität" nach 1948. Er ließ sich von FDJ und SED feiern und vorspannen, wo aus Leipzig doch (unter anderem) Hans-Georg Gadamer, Theodor Litt, Alfred Petzelt hinausgedrängt worden waren und wurden und wo der gewählte Studentenratsvorsitzende Wolfgang Natonek (LDP) unter Vorwänden verhaftet und verurteilt wurde. Hans Mayer schwieg.

Prof. Hahn, Husum

Fritz J. Raddatz monströses Porträt von Hans Mayer hat mich verwundert, auch wenn ich die erbitterte Feindschaft beider Männer in Mayers letzten Lebensjahren berücksichtige: Gerade Raddatz müsste es besser wissen, er hat von Mayers Großmut und und Wertschätzung profitiert.

Die einzelnen Züge, die Raddatz genüsslich ausführt, sind natürlich jedem, der mit Mayer in Berührung kam, vertraut - gewiss war er auch mein schwierigster Lehrer, und sein Assistent zu sein erforderte ein Höchstmaß an Toleranz, Geschick und Durchhaltevermögen. Doch eines war immer klar, dass es sich dabei um Schattenseiten von Tugenden handelte, um starke Schattenseiten von zudem verqueren, beschädigten Tugenden, die aus seiner Zeitgenossenschaft und Lebensgeschichte resultierten: Jude, Homosexueller und Marxist zu sein bedeutete eine Lebenshypothek, mit der in seiner Zeit kein einigermaßen psychisch ausgewogenes Auskommen möglich war. Und doch war er ein Lehrer von hohen Graden, der Begeisterung über Musik und Literatur weckte, weil er selber begeisterungsfähig war, der den sozialkritischen Blick schärfte, weil die Sozietät ihm so übel mitgespielt hatte, und der bei allen Einzelphänomenen nie den pilosophischen Gedanken vernachlässigte. Wer bei ihm nichts lernte, schreibe das auf sein eigenes Konto.

Schließlich (und auch diese Qualität erwähnt Raddatz nicht) war Mayer der bedeutendste Germanist seiner Generation und auf jeden Fall ihr bester Schriftsteller. Er hat Literatur "vergleichend" behandelt, bevor es diese germanistische Sonderdisziplin noch gab, weil er in der Weltliteratur so zu Hause war wie in der deutschen.Seine Essays etwa über Kleist, Goethe, Diderot, Sartre ersetzen ganze Bibliotheken, und seit Gervinus hat keiner in der Germanistik so treffend und elegant, so klar und mitreißend geschrieben.

Er war voller Leben, dass es sich ausschließlich in Literatur und Kunst und Schreiben auffalten konnte, ist dem Unglück seines Daseins zuzuschreiben, das er im Spiegel so manchen Werks klarsichtig analysiert hat.

Prof. Gert Ueding, Universität Tübingen