Fragt man Rudolf Behr, wozu Salat eigentlich gut sei, holt er tief Luft, fährt rechts ran und lässt den Motor seines Audis noch eine Weile laufen. Im Schatten der Buchen auf einer holprigen Allee zwischen Holtorfsloh und Ohlendorf sortiert ein niedersächsischer Bauer seine Gedanken, Windräder mühen sich kraftlos am Horizont, menschenleere Stille. »Also«, sagt Behr und schaltet den Motor aus, »Salat. Eigentlich ganz einfach.« Am Salat könne man viel erkennen von der Gesellschaft, die den Salat umgibt, aber das sei eine lange Geschichte. Wo soll er da anfangen, er, der 54-jährige rundliche Mann mit den riesigen Gemüsefeldern südlich von Hamburg? Natürlich sei klar, dass die Geschichte bei Arbeitsminister Franz Müntefering ende. Bei Münte endeten ja alle Ohlendorfer Salatgeschichten, und nur seinetwegen zögen sich die Geschichten unnötig in die Länge. »Salat wächst am Boden«, sagt Behr, »da fängt mein Problem an.« BILD

Rudolf Behr ist Deutschlands größter Gemüsebauer. Seine Salate liefert er an die Laderampen von Metro, Rewe, Edeka, Wal-Mart, Tengelmann. 120 Millionen Köpfe Eissalat verkauft er jedes Jahr, 80 Millionen Minirömer, 42 Millionen Kohlrabis. Würde man seine Ernte am Ende eines Jahres auf einen Haufen kippen, könnte man eine ganze Stadt darunter begraben. »Aber erst mal muss man sich bücken, um einen Salat abzuschneiden«, sagt Behr, »und die große Frage ist: Wann lohnt es sich noch, sich zu bücken?«

Eine Antwort soll an diesem Morgen seine Frau Christiane finden. Im Bürohaus neben der hohen Gemüsehalle fährt die Frau des Bauern das Computerprogramm »Ernte« hoch, unruhig streifen ihre Augen durch das Besprechungszimmer: zehn Langzeitarbeitslose, daneben die Betreuer von der Agentur für Arbeit in Lüneburg. Jetzt nur nichts ausplaudern, was die Arbeitslosen vertreiben könnte. Nichts wird Christiane Behr sagen von möglichen Rückenschmerzen, nichts von den 6000 Helfern, die ihr Mann jedes Jahr und bei jedem Wetter auf den Salatfeldern braucht, schon gar nichts von dem neuen Typ Arbeiter, den ihr Mann ständig sucht, bloß nichts von diesem »europäischen Wanderarbeiter«.

Die Kosten für die Gummistiefel übernimmt die Arbeitsagentur

Auf den Fotos, die Christiane Behr zeigt, sitzen Frauen auf einem Erntewagen, hinter ihnen reichen Männer Salatköpfe hoch. »Das mache ich nicht«, flüstert ein arbeitsloser Türke, der schon jetzt genug hat. Sitzenden Frauen arbeite er nicht gebückt hinterher.

Unbefristete Arbeitsverträge, bessere Jobs, mehr Geld – alles denkbar, sagt die Frau des Bauern, aber erst in ein paar Jahren. Jetzt gebe es 5,42 Euro pro Stunde, Schichtarbeit, sonntags Zuschläge, nachts auch. »Wenn Sie durchhalten«, verspricht ein Mann von der Agentur für Arbeit, »kriegen Sie von uns nach jedem Monat 210 Euro Treueprämie. Netto.« – »Auch wir«, fällt der Frau des Bauern ein, »zahlen Ihnen eine Anwesenheitsprämie. 77 Euro im Monat.« Fragen?

»Gibt’s auch Pausen?«, will ein Arbeitsloser wissen, ein anderer: »Wie viel Geld insgesamt?«