WM Und jetzt, Herr Neururer…?

Peter Neururer, 51, ist Trainer des Erstligisten Hannover 96 und kommentiert für die ZEIT das Geschehen bei der Fußballweltmeisterschaft

DIE ZEIT: …nach der ersten WM-Woche haben Sie uns prophezeit: Deutschland gewinnt im Achtelfinale gegen Schweden. Genau so kam es. Und wie geht es weiter?

Peter Neururer: Ich kann nur sagen: Unsere Chance gegen Argentinien ist in der letzten Woche nicht größer geworden, anders als es zurzeit alle empfinden.

ZEIT: Das heißt, Deutschland verliert?

Neururer: Ich hoffe, dass das nicht passiert. Wir haben ein Heimspiel, ein Superpublikum, also sage ich mir: Warum eigentlich nicht gewinnen? Und sollte das passieren, dann…

ZEIT: Sie werden doch nicht etwa…?

Neururer: Doch, ich sage es: Dann halte ich es für möglich, dass Deutschland Weltmeister wird.

ZEIT: Die Stimmung ist super. Aber fußballerisch hat die WM noch nicht so viel Überraschendes oder Neues gebracht, oder?

Neururer: Nö. Muss sie ja auch nicht. Reicht doch, wenn wir gute Spiele sehen. Überraschend war für mich, dass die Schweiz bis ins Achtelfinale kam und dort ohne Gegentor geblieben ist. Bis zum Elfmeterschießen.

ZEIT: Lassen Sie uns über das Elfmeterschießen als solches reden, vielleicht kommt das ja noch auf die deutsche Mannschaft zu. Die Schweiz verwandelte nicht einen von drei Elfmetern. So was geht eigentlich nicht, oder?

Neururer: Doch, geht schon. Weil einem die Nerven versagen. Elferschießen hat nichts mit Können zu tun oder mit Glück, sondern nur damit, ob ich die Nerven behalte. Wenn das nicht klappt, wird das Tor im Auge des Schützen klein wie ein Eishockeytor, der Ball wird zum Medizinball und der Torwart riesengroß.

ZEIT: Von den Schweizern hieß es, sie hätten extra Elfmeterschießen geübt.

Neururer: Das ist der größte Schwachsinn aller Zeiten. Das kann man nicht trainieren. Klar, im Training schießt jeder Spieler eine Briefmarke ab. Wir trainieren in Hannover auch manchmal Lattentreffer – und den Spielern gelingt das meistens. Aber wenn ich das Elferschießen trainieren wollte, dann müsste ich zum Schützen sagen: Wenn du triffst, kriegst du eine Million Euro, wenn du vorbeischießt, zahlst du mir 1,2 Millionen. Aber so viel Geld haben nicht mal die Schweizer.

ZEIT: Ist Trainieren sogar kontraproduktiv, weil dann das Grübeln anfängt?

Neururer: Könnte sein, und weil die Spieler dann glauben, sie könnten es, und es melden sich im Spiel die Falschen zum Schießen. Meine Regel heißt: Es schießt, wer schießen will, wer sich nach 120 Minuten Spiel gut fühlt. Wer sich gut fühlt, schießt öfter gut. Und ein gut geschossener Elfer ist immer drin, da kann der Torwart nichts machen. Musste ich meinem Sohn auch gerade erst beibringen, diese Theorie.

ZEIT: Wie war Ihre Elferbilanz als Spieler?

Neururer: Ich habe in einem sehr wichtigen Spiel, im Kreispokalendspiel 1972 gegen die SpVgg Marl, den letzten Elfmeter gegen das Lattenkreuz geschossen. Seither war ich als Schütze traumatisiert.

Das Interview führte Matthias Stolz

* Peter Neururer, 51, ist Trainer des Erstligisten Hannover 96 und kommentiert für die ZEIT das Geschehen bei der Fußballweltmeisterschaft

 
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