Produktionstechnisch ist das Hähnchen nahezu ausgereizt. Erst haben Geflügeldesigner sein Wachstum beschleunigt, dann seine Effizienz gesteigert. Aus 1,6Kilo Futter macht ein modernes Tier ein Kilo Fleisch, so eine Quote schafft kein Schwein oder Rind. Und dann noch das Tempo: 38 Tage nach dem Schlüpfen ist das Hähnchen reif für die Schlachtmaschine. Sein kurzes Leben verbringt es mit Millionen von Artgenossen in großen Hallen, weit draußen auf dem Land. Überwacht von Maschinen, wächst dort ein Nahrungsmittel heran, perfekt abgestimmt auf den modernen Ernährungsstil: fettarm und preiswert. Sehr preiswert sogar. BILD

»Weltweit lässt sich kein Fleisch so billig herstellen wie Hähnchenfleisch«, sagt ein deutscher Mäster, der anonym bleiben möchte. Es ist das Ergebnis der Industrialisierung von Lebewesen. Sie beginnt bei der Gensequenz von Hühnerprototypen und führt über Brutfabriken, Masthallen und Fließband-Schlachthöfe bis zum Chicken-Nugget. Jahrzehntelang hat die Fleischwirtschaft daran gearbeitet, Tiere an ihre Produktionsprozesse anzupassen – aber nirgendwo ist sie so weit vorangekommen wie beim Hähnchen. »Zur Jahrtausendwende kontrollierten Industrieunternehmen 74 Prozent der weltweiten Geflügelproduktion«, berichtet die Welternährungsorganisation FAO. Zum Vergleich: Beim Schweinefleisch ist der Anteil der Industrieware in etwa halb so hoch. Nach Berechnungen des Fachblatts Broiler Economics werden weltweit jährlich knapp 60 Millionen Tonnen Hähnchen gegessen, innerhalb der nächsten zehn Jahre dürfte der Konsum von Geflügel- den von Schweinefleisch erstmals übersteigen.

Die Würde des Tieres? Ist antastbar! Das war sie auf früheren Entwicklungsstufen auch schon. Aber die Optimierer sind ein gewaltiges Stück vorangekommen – bei ihren Methoden wie im Maßstab der Tierproduktion. Auf der einen Seite hat die Industrialisierung der Nahrungskette die Hygiene verbessert, die Qualität ist sicherer, und die Quelle des Fleisches ist leichter zu ermitteln als früher. Auf der anderen Seite hat das seinen Preis: Ein paar Unternehmen beherrschen die Wertschöpfungskette weltweit.

Ganz am Anfang dieser Kette hat die vielleicht bedeutendste Revolution stattgefunden: Moderne Industriehähnchen stammen inzwischen bloß noch aus den Laboren einer Hand voll internationaler Zuchtkonzerne. Der weltgrößte Züchter Cobb-Vantress gehört dem weltgrößten Hähnchenfleischverarbeiter Tyson Foods aus den USA. Und Aviagen, die Nummer zwei, wird von einer einflussreichen deutschen Agrarholding um Erich Wesjohann kontrolliert – dessen Bruder Paul-Heinz einer der bedeutendsten europäischen Fleischproduzenten ist. Zusammen dürften Aviagen und Cobb-Vantress knapp drei Viertel des Weltmarktes in der Zucht abdecken. »Die wenigen Unternehmen konzentrieren sich auf die einträglichsten Erzeugnisse und vereinheitlichen ihre Produkte und Produktionsverfahren immer stärker«, sagt Jens Clausen. Er forscht für das Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit in Hannover und war 2004 Mitautor einer Studie über biologische Vielfalt im Agrarsektor. Sein Fazit: »Übrig bleiben ein paar Standardhähnchen, die überall auf der Welt verkauft werden.« Und tatsächlich landen – ob als Chicken-Burger oder Wienerwald-Broiler, Grillbuden-Menü oder Supermarktangebot – regelmäßig Hähnchen der beiden Marktführer auf den Tellern. Vorzugsweise aus den Modellreihen Cobb 500 und Ross 308.

Peter Page ist einer der Väter des Ross 308. Seine Visitenkarte weist ihn als Group Vice President Europe von Aviagen aus, Firmensitz in Newbridge in der Nähe von Edinburgh, Schottland. »Wir machen das Huhn fit für die moderne Landwirtschaft«, sagt er. »Wollen Sie ein Tier mit mehr Brustfleisch? Das züchten wir Ihnen in fünf Jahren. Oder vielleicht eines mit schwarzen Federn?« Derzeit geht es auch um Federn, aber nicht um deren Farbe, sondern vielmehr darum, sie spurlos wegzubekommen. Die maschinelle Fleischwerdung der Vögel in den Schlachtbetrieben hinterlässt nämlich gelegentlich Kratzspuren und schmälert auf diese Weise den Profit: Supermarktketten wollen sauberes Hähnchenfleisch – sonst lassen es die Kunden liegen.

Page bleibt gelassen, wenn er über sein Geschäft spricht. Er sei ein Zulieferer, wie es sie in der Automobilindustrie zu Hunderten gebe, und je professioneller jeder Teil arbeite, desto besser für alle. »Dadurch wird es billiger. Was hat ein Auto gekostet, bevor Henry Ford die Fließbandproduktion einführte?« Der Brite hat Recht: In den sechziger Jahren musste man hierzulande noch mehr als zwei Stunden arbeiten, um sich ein Kilo Brathähnchen leisten zu können. Zur Jahrtausendwende waren es bloß noch 13 Minuten. Im Gegenzug schlachtet Tyson in den USA nun 253000 Tiere – pro Stunde, rund um die Uhr! »Schauen Sie sich Ihr Trinkwasser an«, sagt Aviagen-Manager Page. »Das fällt ja auch nicht als Regen vom Himmel.«

High-Tech-Hähnchen vom Typ Ross 308 (»weltweit führend«) sind inzwischen so sehr auf Leistung getrimmt, dass ein Bauer allein mit Körnern und einem Misthaufen nicht mehr weit käme. Aus diesem Grund liefert Aviagen seine Vögel auch mit einer hundert Seiten starken Bedienungsanleitung aus, dem Broiler Management Manual , das je nach Bedarf noch um weitere Spezialhandbücher ergänzt werden kann. Dort ist der Tagesablauf der Tiere bis ins Detail geregelt: welches Futter, wie viel Licht, welche Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Vitamine, Spurenelemente. Alles, damit der Ross 308 (»verwendbar für eine Vielzahl von Endprodukten«) später optimal weiterverarbeitet werden kann.