Rom

Die Viale Ruggero Bacone ist eine Privatstraße in Roms schickstem Viertel Parioli. Angenehm kühl ist es hier unter alten Bäumen und im Schatten der Häuser aus den 1930er Jahren mit ihren klaren Fassaden und pompösen Marmoreingängen. Philippinische Hausangestellte führen die Hunde aus, schleppen in der drückenden Hitze Einkaufstüten nach Hause und wässern die Balkonpflanzen. Parioli ist das Viertel der Großbürger und Neureichen, die es vorziehen, unter sich zu sein und lieber in großzügigen Appartements zu leben statt in den engen, lärmigen Gassen der Altstadt. Ein berühmter Filmproduzent wohnt in der Viale Bacone und die Witwe eines bekannten Schauspielers. In Hausnummer 2, in einer 240 Quadratmeter großen Erdgeschosswohnung, residiert zurzeit Prinz Vittorio Emanuele di Savoia, einziger Sohn des letzten Königs von Italien. Die Fenster der Wohnung sind vergittert, wegen der Diebe, die Parioli gerade jetzt im Sommer heimsuchen. BILD

Über die vergitterten Fenster spotten die Journalisten, die seit Tagen die Privatstraße verstopfen, sie ließen die Wohnung aussehen wie ein Gefängnis. Der Vergleich liegt nahe. Vittorio Emanuele musste nämlich einsitzen und steht jetzt unter Hausarrest. Er wird der Korruption verdächtigt, der Bildung einer kriminellen Vereinigung und Förderung der Prostitution. Sechs Tage lang musste sich der Prinz mit drei anderen Häftlingen eine Gefängniszelle im süditalienischen Potenza teilen, bevor der Untersuchungsrichter ihm nach einem Teilgeständnis die Erlaubnis erteilte, sich daheim in Rom von den Strapazen der U-Haft zu erholen. Ihr Gatte sei müde, abgemagert und furchtbar gestresst, klagte Vittorio Emanueles Ehefrau Marina Doria. Er brauche jetzt Ruhe.

Ruhe könnte eigentlich ganz Italien gut gebrauchen. Stattdessen wird das Land von einem Skandal nach dem anderen heimgesucht, während es um seinen Ruf als erfolgreiche Fußballnation bangt und sich die Justiz müht, endlich ein wenig Licht in das dichte Geflecht der Korruption zu bringen.

Den Anfang machte zu Jahresbeginn ein gigantischer Bankenskandal. Italienische Sparer mussten feststellen, dass ihre Vermögen bloße Verfügungsmasse für die dunklen Geschäfte von skrupellosen Großbankern und Immobilienhaien waren – und das alles unter der schützenden Hand des damaligen Zentralbankgouverneurs Antonio Fazio.

Im Frühjahr dann erschütterten Fußballaffären das Land. Die Manager von Rekordmeister Juventus Turin sollen die Meisterschaft 2004/2005 komplett verschoben haben, indem sie nicht nur für den eigenen Verein, sondern auch für ausgesuchte Konkurrenzklubs Schiedsrichter, Elfmeter und Ergebnisse vorbestellten. Die Folge: Juventus Turin, eine Aktiengesellschaft und zugleich der noble Lieblingsverein von angeblich 12 Millionen Tifosi (»Fans«), steht zum ersten Mal in seiner glorreichen 109-jährigen Geschichte vor dem Zwangsabstieg in die Zweite oder sogar Dritte Liga. Die Meistertitel Nummer 28 und 29 sollen aberkannt werden.

Verantwortlich für dieses Desaster ist in erster Linie der frühere Generaldirektor Luciano Moggi. Unter tätiger Mithilfe von Verbandsfunktionären, willfährigen Journalisten und Schiedsrichterkoordinatoren dirigierte er den Fußball, während seine Söhne mit der größten Spieler- und Trainervermittlungsagentur den Transfermarkt beherrschten. Ihre Geschäftspartner waren vom Feinsten: eine Tochter des Großbankiers Geronzi (Capitalia), der Sohn des früheren Regierungschefs De Mita, ein Sohn des Nationaltrainers und langjährigen Juventus-Meistercoachs Marcello Lippi.