Bei einem Hausbesuch in Potsdam vor einiger Zeit öffnete der Fernsehmoderator Günther Jauch die Tür, und das Erste, was einem auffiel: Er war nicht rasiert. So sehr hat sich das Bild des immer gleich aussehenden Fernsehprofis durch beinahe tägliche Bildschirmpräsenz eingeprägt, dass man fast erschrocken war: Auch Jauch hat also Bartstoppeln, wenn er will. Für ihn ist es vermutlich ein Zeichen von Luxus, wenn er mal morgens vor dem Spiegel denkt: Ich muss ja heute gar nicht ins Fernsehen!

Es war im Juli 2001, als Günther Jauch erklärte, dass im Sommer 2006 für ihn ein Lebensabschnitt zu Ende gehen würde. " Meine Planungen laufen bis zum 10. Juli 2006, dem Tag nach dem Endspiel in Berlin", sagte er, "drei Tage danach feiere ich meinen 50. Geburtstag." Die Ankündigung hätte man ernst nehmen sollen, der Mann plant offenbar in langen Zeiträumen. Vergangene Woche wurde bekannt, dass er die Nachfolge von Sabine Christiansen bei der ARD antreten soll.

Seitdem wird darüber diskutiert, was dieser Wechsel für die Medienrepublik bedeutet. Die Talkshow von Sabine Christiansen am Samstagabend, sooft sie belächelt oder kritisiert wurde, gilt als einflussreichste Politiksendung des Landes. In ihren besten Zeiten sahen sechs Millionen Zuschauer zu. " Diese Sendung", sagte der frühere CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz, selbst oft geladener Gast, "bestimmt die politische Agenda mittlerweile mehr als der deutsche Bundestag." Die Zeiten haben sich geändert. Als es eine mächtige Opposition gab, konnte Christiansen im TV-Salon zwischen den Streitenden moderieren. Heute verläuft der politische Diskurs anders: Es gibt kaum Streit, aber der Großen Koalition gelingt es nicht, die Themen zu vermitteln, zu kompliziert, zu undurchsichtig sind sie scheinbar. Die meisten schalten ab, auch die Einschaltquoten von Christiansen sinken. Es muss nicht mehr moderiert werden, es muss übersetzt werden. An dieser Stelle kommt Günther Jauch ins Spiel. Wie kein Zweiter im deutschen Fernsehen erreicht er sein Publikum. Gelingt es ihm, auch den Kontakt zwischen Mensch und Politik wiederherzustellen?

"Für die meisten Zuschauer sind die Politiker wie Fische in einem Aquarium", sagt Marc Conrad, ehemaliger Chef von RTL, der mit Jauch eine Talkshow plante, bevor er selbst den Job verlor. " Sie machen den Mund auf und zu, heraus kommt Luft, es entsteht eine Art Rauschen, das die Zuschauer nicht verstehen. Der Günther kann dieses Rauschen in Töne verwandeln, die die Zuschauer erreichen. Er ist der ideale Übersetzer." Darin liegt Jauchs Kapital: dass die Zuschauer ihn (noch) nicht als Teil des politischen Systems sehen.

Wer ist der Mann, der seine Wirkung auf das politische Geschäft ausdehnen wird? Günther Jauch will über Günther Jauch derzeit nichts sagen. Am Telefon erklärt er am Montag freundlich, er verhalte sich jetzt wie ein Trappist, und bevor man sich fühlt wie bei einer 16000-Euro-Frage in seinem Quiz, fügt er hinzu: "Das sind diese schweigsamen Mönche." So schweigsam, dass in diesem Orden selbst "Mundgeräusche oder unnötige Zeichen" früher bestraft wurden.

Er muss nicht reden, Zeichen sendet er derzeit auf andere Art. Am Donnerstag vor dem WM-Endspiel beginnt die mehrtägige Hochzeitsfeier mit Lebensgefährtin Thea Sihler, mit der er drei Töchter hat. Ein Weggefährte Jauchs, ein Mächtiger aus der Unterhaltungsbranche, sagt, die Feier im großen Stil sei ein Indiz dafür, dass sich im Leben des Günther Jauch etwas verändert habe. Der Mann, für extreme Sparsamkeit und Zurückgezogenheit bekannt, hat eine PR-Agentur mit der Organisation beauftragt. Erst die Hochzeit, dann der Wechsel ins ernste Fach. Es ist, als wolle er zeigen: Ich werde seriös, beruflich und privat. Der Lausbub will erwachsen werden.

Damals, beim Besuch in Potsdam, plauderte Jauch von der Erziehung seiner Kinder, "streng und frei", von Werten. Man betet im Hause Jauch. Je länger er redete, desto klarer wurde: Am Tisch saß einer, der bürgerlich denkt und lebt. Wenn Christiansen die liberale Reformerin gab, wird man Jauch als aufgeklärten Konservativen erleben.