Literarisches Leben Bachmann, im dreißigsten Jahr
Am Anfang war der Schwachsinn. Und der Schwachsinn hieß Schrott, Raoul Schrott. Und der Schwachsinn sprach: Alle sind Idioten, nur ich nicht. Nun kann man diese Behauptung, mit der – nur unwesentlich verfeinert – Raoul Schrott in seiner Rede zur Literatur die 30. Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnete, im Prinzip natürlich zu jedem Zeitpunkt der Weltgeschichte vertreten. Schrott hatte sich allerdings einen besonders ungünstigen ausgesucht. Seine Behauptung, dass früher alles besser war und heute die Verlage (bloße Marktmaschinen), die Lektoren (abgeschaffte Dösköppe), die Juroren (unhöfliche Hampel) und die Klagenfurt-Gewinner (Schülerzeitungsniveau) depraviert seien, stand in relativ starkem Kontrast zur Wirklichkeit. Auch zu dem aus dem Hoch- ins Niedersumerische übersetzenden Schrott müsste es sich doch durchgesprochen haben, dass die jüngere deutsche Literatur seit fünf, sechs Jahren in lange nicht mehr da gewesenem Maß das Vergnügen ihrer Leser ist, dass die Verlage gerade mit riskanten, anspruchsvollen Büchern ein überraschend großes Publikum erreichen und dass diese Bücher von Terézia Mora über Sybille Lewitscharoff bis zu Felicitas Hoppe nicht selten in Klagenfurt das Licht der Welt erblickten und dort auf eine gescheite und leidenschaftliche, formulierungsmächtige Jury stießen.
Für all das stand Klagenfurt auch in diesem seinem dreißigsten Jahr. Zwar meckerten die passionierten Sucher des Haares in der Suppe wie immer, doch sie meckerten auf hohem Niveau. Alles sei prima diesen Sommer, Autoren wie Juroren von guter bis sehr guter Qualität. Das Niveau, meinte eine aparte Variante des Meckerns, sei in der Jury sogar zu hoch. Auch einfachere Fälle würden hier mit der Spitzentechnologie der kritischen Lasertechnik behandelt, was vielleicht zu höflich sei. Die gute alte Methode der herzhaften Faust auf den Tisch, begleitet von schlichten Vokabeln wie »langweilig« oder »unzumutbar«, sei außer Gebrauch gekommen. Kein Juror beschimpfe, wie weiland Karasek und Corino, den anderen aufs übelste. Wohl wahr. Aber wie wurde gemeckert, als das alles noch stattfand!
Wer wissen wollte, wie junge deutsche Autoren heute schreiben, kam auf seine Rechnung. Er bekam zu Schirrmachers Freude mit Silvio Huonder ohne Verantwortungsscheue ein ungewolltes Kind und mit Dirk von Petersdorff in erschöpftem Jubel zwei gewollte. Er erfuhr aber auch von Angelika Overath mit hohem Wellengang und von Annette Mingels tiefgekühlt, dass Familien es nicht leicht haben. Er tagträumte mit Thomas Melle seelenmüde durchs Summercamp der Deutschen Studienstiftung, blieb mit Claudia Klischat dauerarbeitslos und verzweifelte mit Andreas Merkel in der New Economy. Und er bekam schon am ersten Tag die neuen Helden der neusten Saison zu sehen. Clemens Meyer setzte die subproletarische Gangsterfilm-Romantik seines gepriesenen Romans Als wir träumten fort. Und Kevin Vennemann erwies sich wieder, wie in seinem Roman Nahe Jedenew, als die explosivste und risikofreudigste Stilpotenz unter den Jüngeren.
Dann zeigte sich, wie so oft am letzten Tag, das kleine Wunder von Klagenfurt, und es zeigte sich diesmal besonders schön. Niemand kannte bis dahin Kathrin Passig als Belletristin, noch nicht einmal sie sich selbst. Denn die Geschichte, mit der sie kam, las und siegte, ist das erste Stück Literatur, das die Sachbuchautorin überhaupt geschrieben hat. Die ernste, enge, wortlose Lage einer Erfrierenden wird hier Wort, sprachreich und mit paradoxem Witz.
Klar war das der erste Preis. Etwas traurig steht es um die anderen Preise. Die Jury hat erst vergessen, den jungen Talenten, die sie eben noch gelobt hatte, die Treue zu halten. Sie hat sich dann heillos in den Tücken des unwägbaren Wahlprozederes verdribbelt. So bekamen, was gewiss in Ordnung geht, der Provinz-Faulkner Norbert Scheuer für ein fischreiches Brüderstück den dritten und Angelika Overath den vierten Preis. Die hochbegabten Vennemann und Meyer gingen leer aus. Dafür fand sich der dreiundsechzigjährige, nun ja, Avantgardist Bodo Hell auf Platz zwei, eine Absurdität.
Am Ende stand der Scharfsinn. Der Scharfsinn hieß Ulrike Draesner und sprach an einem »Abend zu Ehren von Ingeborg Bachmann«. In einer Sprache, die persönlich und theoretisch zugleich war, brachte Ulrike Draesner das Kunststück fertig, die Bachmann von innen wie von außen, aus der historischen und medientheoretischen Ferne und der leseexistenziellen Nähe zu betrachten. Sie sprach über den »Ingemann«, die Frau, die immer Männer reden lässt. Sie sah, wie »Inge borgt, erfindet, versucht«. Und sie bilanzierte: »Ich höre in Bachmanns Texten, nicht ›als ob‹, sondern als gewollt direkt, einen persönlichen Schrei. Und ich glaube ihn nicht. Er ist gemacht. Da will jemand Opfer sein. Ich finde das aufdringlich.« Nach dem wortlosen Vergessen und dem feministischen Jubel kam hier eine nüchtern-reife Bachmann-Liebe zur Sprache. Auch das passte zu diesem dreißigsten Jahr.
- Datum 28.06.2006 - 03:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.06.2006
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Das hat mit gefallen, Herr Isenschmid, wie Sie die rundum Verbalattacken des gelehrten und belesenen Raoul Schrott zurückweisen.
Dann aber fiel mir auf, wie wenig über die vorgestellten Texte und deren Schreiber durch Sie bekannt wird.
Die Hintergründe, Zusammenhänge und Schreibanlässe der Autoren werden auch von Ihnen in mehr als Dreivierteln des Beitrags zum Bachmannwettbewerb, nicht journalistisch aufgearbeitet. Gerade die Zeilen, die sich mit Frau Passig und deren Text beschäftigen, erscheinen mir, mit dem Hintergrund des öffentlich bekannten Wissens, eher sehr naiv formuliert.
Zumeist geht es heute feuilletonistisch, eher um Bewertungen von Meinungen und Aussagen anderer. Der eigentliche Text wird von Ihnen gar als "gesehen" vorausgesetzt.
Seit Jahrzehnten sammele ich Beiträge aus den
Feuilletons zur aktuellen Literatur. Gerade die ZEIT hatte vor einigen Jahren noch häufiger den Mut, literarische Texte länger zu besprechen, längere, zusammenhängende Zitate in den Rezensionen zuzulassen, gar vollständige Texte abzudrucken.
Ich will hier nur mein Unbehagen an der gegenlaufenden Entwicklung kundtun und nicht einen weiteren Beitrag liefern, in welcher Generation feuilletonistisch schreibender Journalisten oder Literaturliebhaber, die "wahren" Experten und Sachverständigen zu finden sind.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren