Es fing alles so leicht an. Als meine Kinder, Zwillinge, zur Welt kamen, gab es direkt in unserer Straße, zu Fuß nur drei Minuten von unserer Wohnung entfernt, einen Kindergarten. Ein Jahr nach der Geburt hörte ich zufällig auf dem Spielplatz, diese Kita sei so gut, dass manche Eltern ihre Kinder von weit her brächten. Das Thema Kindergarten war mir damals fremd – ich wusste nichts über die unterschiedlichen Träger oder pädagogischen Konzepte, hatte keine Ahnung von der Vielfalt der Möglichkeiten in Berlin. Mein Anspruch war bescheiden, damals. Mir schwebte ein unspezifischer Ort vor, an dem die Kinder fröhlich mit anderen Kindern spielen und sich nette Menschen liebevoll um sie kümmern. Mag sein, dass ich mich damals noch von meinen eigenen Erfahrungen leiten ließ – von zwei schönen Jahren in einem ganz normalen Kindergarten einer saarländischen Kleinstadt. Meine Eltern hatten diesen Ort nicht wählen können, es gab zwei, vielleicht drei Kindergärten in der Stadt, und dieser befand sich in der Nähe unseres Hauses. Außer einem Garten ist mir davon wenig in Erinnerung geblieben, viel gelernt habe ich dort vermutlich nicht, und dennoch durfte ich später studieren. Wer hier mittanzen möchte, muss möglicherweise jahrelang auf einen Platz warten. Spielplatz eines Kindergartens in Berlin-Kreuzberg BILD

Kurz nachdem die Zwillinge zwei Jahre alt geworden waren, machte ich mit der Leiterin der Kita in unserer Straße einen Termin aus. Immerhin hatte ich schon gehört, dass man sich für Kindergartenplätze längere Zeit im Voraus bewerben sollte. Einige hatten sogar gesagt, am besten direkt nach der Geburt, aber das erschien mir damals hysterisch. Die Kita-Leiterin hatte weißblond gefärbte Stoppelhaare. Sie redete lange und heftig auf mich ein, sprach von »Angeboten«, die ihre »Einrichtung« machte, vom »psychomotorischen Ansatz« und von »snoozeln« – so ihre Bezeichnung für die Schlummerstunde, wie ich später herausfand. Ich hatte es nicht gewagt, sie danach zu fragen. Hier, auf dem Stuhl im Büro der Kita-Leiterin, fühlte ich zum ersten Mal dieses Unbehagen, welches mir im weiteren Verlauf meiner Suche sehr vertraut werden sollte – ein Gefühl von Machtlosigkeit. Ich saß auf diesem Stuhl und heuchelte Einverständnis mit pädagogischen Theorien, die mir nichts sagten. Beim Rundgang durch die Kita lobte ich die Räumlichkeiten, obwohl mich der Anblick abgegriffener Matratzen im Kuschelraum und das große Durcheinander von Spielsachen, Hausschuhen und Regenjacken erschreckten. Bloß nicht negativ auffallen, dachte ich, die lassen das später an deinen Kindern aus. Die haben dich in der Hand.

Werden meine Kinder später wegen meiner falschen Wahl scheitern?

Die Kinder in der Kita wirkten fröhlich, es gab einen großen Spielplatz im Hof, das Essen kam nicht aus einer Großküche, sondern wurde im Haus gekocht. Es ist alles in Ordnung, sagte ich mir und ließ unsere Zwillinge auf die Warteliste setzen. Ein Jahr später, hieß es, kurz vor ihrem dritten Geburtstag, könnten die beiden anfangen. Ich war nicht euphorisch, aber froh. Der kurze Weg zur Kita würde uns das Leben enorm erleichtern.

Dann traten die anderen Mütter auf den Plan.

Alle Gespräche im Freundeskreis und auf dem Spielplatz begannen jetzt mit dem Satz »Hast du schon einen Kindergarten?«. Jede Mutter wusste von irgendeiner herausragenden Einrichtung zu erzählen, die besonders gut für die Kinder sei, und immer klang das, was die anderen berichteten, viel verlockender als die städtische Kita in unserer Straße. Freundin A. hatte gute Erfahrungen mit einem Elterninitiativen-Kindergarten gemacht, in dem insgesamt nur 15 Kinder waren, deren Mütter sich zudem im Stil so ähnlich waren, dass sie ihren Kindern fast identische Sachen anzogen, sie schwärmte von der Ruhe in der kleinen Gruppe. K. erzählte von den lichten Räumen, in denen ihr Kind betreut wurde. S. schwor auf Frühenglisch, M. auf christliche Erziehung, E. auf die Waldorf-Methode. Ich dachte an den hässlichen gelben Funktionsbau der Kita in unserer Straße und den Lärm, den die insgesamt 120 Kinder dort machten. Sah das Gebäude nicht asbestverseucht aus? Ich stand ziemlich allein da mit meiner pragmatischen Entscheidung zugunsten des kurzen Weges und begann an der Wahl zu zweifeln. Vor allem waren mir umstandslos Plätze zugesichert worden, während andere Mütter sich mit Hilfe von Rechtsanwälten einklagten, jahrelang auf Wartelisten standen oder sonntags den Gottesdienst ihrer Gemeinde besuchten, um die Leiterin des christlichen Kindergartens für sich zu gewinnen. Gute Kindergärten waren offenbar auf lange Sicht ausgebucht. Wieso hatte ich dann sofort zwei Plätze bekommen? Je mehr ich anderen Müttern zuhörte, desto größer erschien mir die Bedeutung des Kindergartens für das Leben meiner Kinder. Würden hier nicht die Weichen gestellt für ihre gesamte Entwicklung? Ohne Englisch würden sie es nicht auf eine der begehrten Europaschulen in Berlin schaffen. Wenn sie nicht lernten, sich zu konzentrieren, würden sie es vermutlich auf gar keine Schule schaffen. Meine Kinder würden später nicht an der Globalisierung scheitern, sondern am Versagen ihrer Mutter bei der Kita-Wahl, sie wären dem Wettstreit mit ihren Altersgenossen um Ausbildungs- und Arbeitsplätze nicht gewachsen, wenn ich jetzt nicht handelte. Unmöglich konnte ich mich für den erstbesten Kindergarten entscheiden, also vereinbarte ich Termine in den unterschiedlichsten Einrichtungen, rund 25 waren es am Ende einer einjährigen Suche.

Welcher Kindergarten sollte es sein? Der beste, ganz klar. Nur – was war »gut«? Damals wusste ich gar nicht, was ich suchte, aber ich nahm jede Empfehlung gierig auf. Sehr wenige Kitas kamen überhaupt infrage. Oft wusste ich schon am Eingang, dass sich der Besuch nicht lohnte. Wenn es beispielsweise nach Tütensuppe roch oder einer dieser Teewagen aus Stahlrohr an mir vorbeiratterte, der mit seinen Teekannen und Kekstellern an eine Krankenhausstation erinnerte. Ich lernte, die unterschiedlichen Typen von Pädagogen zu unterscheiden – von bräsigen Basteltanten, die seit Jahren das immergleiche Programm abspulen, über schlecht gelaunte Aufpasserinnen bis hin zu engagierten Erzieherinnen. Bald wusste ich: Gute Erzieherinnen sind das, was ich suche. Gute Erzieherinnen, sagte mir jedoch der Leiter einer Kita, die zu den begehrtesten in der Stadt gehört, seien schwer zu finden. »Wir bekommen zwei- bis dreitausend Bewerbungen auf jede Stelle, nur zehn davon werden überhaupt zu einem Gespräch eingeladen. Oft müssen wir dreimal inserieren, bis wir gefunden haben, was wir suchen.« Mit rund 1000 Euro Einkommen bei einer 40-Stunden-Woche liegt der durchschnittliche Stundenlohn einer Erzieherin bei ihrem Berufseinstieg kaum über dem eines ungelernten Babysitters. Kein Wunder also, dass viele von ihnen so schlecht gelaunt sind.