Was ist männlich? Kein Held, nirgendwo

Männer sind nicht von Natur aus kriegerisch. Aber gekränkte Männlichkeit kann ein Kriegsgrund sein.

Am 1. Mai 2003 – Saddam Husseins Standbild war gerade auf Bagdads Platz der Freiheit vom Sockel gestürzt worden – verkündete George W. Bush das »Ende der Kampfhandlungen« im Irak. Der Präsident hatte sich zu diesem Anlass in einem Kampfflugzeug auf den Flugzeugträger USS Abraham Lincoln fliegen lassen und war in der Montur eines Bomberpiloten am Medientross vorbeigelaufen. Diese Inszenierung war, wie sich erweisen sollte, sorgfältiger geplant als der ganze Krieg im Irak. Sorgfältig bis in jene Details, die jeder erkennen, doch kaum jemand benennen mochte: Die Fallschirmgurte über dem Pilotenoverall waren so gespannt, dass sich zwischen den präsidialen Beinen eine beeindruckende Wölbung abzeichnete. »Ich kann nicht beweisen, dass sie ihm da noch was reingestopft haben«, schrieb Richard Goldstein in der New Yorker Village Voice. »Aber die PR-Abteilung im Weißen Haus hat sich genau überlegt, wie das auf dem Bildschirm aussieht.«

Showing some balls, die Eier zeigen, bedeutet im Amerikanischen: Mut und Rückgrat beweisen. Jeder Politiker begehrt dieses Kompliment und fürchtet dessen Negation. He’s got no balls ist ein verheerendes Urteil – gerade in Zeiten des Krieges. George Bush hatte es für nötig gehalten, das Metaphorische wörtlich zu nehmen und sein Gemächt für die Kameras herauszustellen.

Für viele Europäer passt dieser Auftritt perfekt in ihr Bild von Amerika als »Testosteron-Cowboy«. Das trägt zur Belustigung bei, aber nichts zum Verständnis einer politischen Dynamik, die kaum offen thematisiert wird und doch jede Gesellschaft prägt.

Wie Männer ihre Maskulinität wahrnehmen, hat die amerikanische Politologin Cynthia Enloe einmal geschrieben, spiele »in der internationalen Politik eine ebenso große Rolle wie der Fluss des Erdöls, der Waffenhandel oder die Diplomatie«. Das gilt für einzelne Politiker ebenso wie für ganze Gesellschaften – und es gilt heute mehr denn je. Noch nie in der Geschichte haben sich die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen weltweit so rasant verändert wie in den letzten dreißig Jahren. Und noch nie war so offensichtlich, dass die immer wieder hinterfragte Männlichkeit ein politischer Faktor ist, der maßgeblich die Dauer eines Konflikts, die Stabilität einer Demokratie oder die Zukunft einer Nachkriegsgesellschaft beeinflussen kann. Ein Blick auf die Stationen des »Kriegs gegen den Terrorismus« zeigt das recht eindrucksvoll.

Fangen wir bei al-Qaida an. »Ich will nicht, dass schwangere Frauen oder andere unreine Personen mir ihre letzte Ehre erweisen. Keine Frau darf zu meiner Beerdigung oder an mein Grab kommen.« Spätestens nach der Lektüre dieser Zeilen aus Mohammed Attas Nachlass an die Welt war deutlich, wie viel die massen- und selbstmörderische Stilisierung al-Qaidas zu einer Gemeinschaft »heiliger Krieger« mit Maskulinität zu tun hat. Genauer gesagt: mit ihrer gefühlten Bedrohung.

Die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi hat schon zu einer Zeit, als man in Deutschland mit »Fundamentalisten« nur die Grünen meinte, darauf hingewiesen, dass in vielen muslimischen Ländern ein ebenso revolutionärer wie konfliktträchtiger Umbruch im Gang ist. Frauen erkämpften sich Plätze an den Universitäten und auf dem Arbeitsmarkt, begannen über ihr Geld und ihre zukünftigen Ehemänner selbst zu entscheiden. Sie betraten »verbotenes Territorium«. Es entwickelte sich ein arabischer Feminismus – und fast zeitgleich auch der religiöse Fundamentalismus mit seiner Vielfalt an politischen Bühnen: für die Opposition gegen säkulare Despoten, für die Opfer des ökonomischen Niedergangs, für die Gekränkten angesichts der »Verwestlichung« der Frauen – und schließlich eben für Kader selbst ernannter »heiliger Krieger«.

In der sozialwissenschaftlichen Literatur nennt man solche Männerbünde »heroisch«, was in diesem Fall beschreibend und nicht wertend gemeint ist. »Heroisch« sind solche Gesellschaften oder Gemeinschaften, in denen Kriegerehre und bedingungslose Opferbereitschaft für eine »große Idee« hohes Ansehen genießen. Die letzten »heroischen« Gesellschaften auf europäischem Boden verschwanden 1945 mit dem Ende des Faschismus. Seither gelten westliche Gesellschaften als postheroisch – soll heißen: Kriegertum und Soldatenehre bringen keine Anerkennung; die Wehrpflicht, lange Zeit der Garant für Kriegs- und Opferbereitschaft der männlichen Bevölkerung, ist ein Auslaufmodell, militärische Macht basiert auf Waffentechnologie; Militäreinsätze stoßen in der Regel auf erheblichen innenpolitischen Widerspruch – vor allem dann, wenn mit eigenen Opfern zu rechnen ist. Auch die USA zählt man zu den postheroischen Gesellschaften. Allerdings weisen sie mit ihren unzähligen medialen Heldenritualen eine Spielart auf, für die der Politologe Herfried Münkler den Begriff »Popheroismus« geprägt hat.

Ebendiesen »Post- oder Popheroismus« interpretiert ein Osama bin Laden als entscheidende Schwäche des Westens und dessen Vormacht Amerika. »Amerikaner lieben das Leben, unsere Krieger lieben den Tod« – diese Parole gehört zum Propagandarepertoire militanter Islamisten, seit die USA nach dem Tod von 18 amerikanischen Soldaten in Mogadischu 1994 Hals über Kopf aus Somalia abgezogen waren.

Betrachtet man die Reaktionen in der amerikanischen Öffentlichkeit auf die Al-Qaida-Anschläge vom 11. September 2001, dann hatte diese Propaganda einen Nerv getroffen. Konservative Medien interpretierten die amerikanische Reaktion auf den Angriff ganz ausdrücklich in geschlechtlichen Kategorien: »Alle Helden der New Yorker Feuerwehr, die am 11. September starben, waren Männer.« – »Amerika hat seine Krieger wieder ins Herz geschlossen.« – »Dies ist die Stunde der echten Kerle.« So lauteten Schlagzeilen und Kommentare – nicht nur aus der Feder von Männern. »Die neue Liebe für Feuerwehrleute, Polizisten und Soldaten seit 9/11«, konstatierte die Publizistin Charlotte Hays auf einem Frauen-Forum des American Enterprise Institute, »stellt endlich das normale Geschlechterverhältnis zwischen Frauen und Männern wieder her.«

Bei allem Hass und aller Wut auf die Attentäter vernahm man in der rechtskonservativen Öffentlichkeit auch verhohlene Bewunderung für die Todesverachtung der Terroristen. Mohammed Atta und Co. mochten »Wüstennigger« gewesen sein, wie es manche Blogger oder Radiomoderatoren formulierten. Aber: They showed some balls.

Die Terroranschläge sind nach dieser Lesart also nicht nur ein monströses Verbrechen, sondern auch ein Weckruf: Im »Krieg gegen das Böse«, konfrontiert mit einem todesverachtenden Feind, muss die »Entmännlichung« im eigenen Land gestoppt werden.

Im amerikanischen Alltag nimmt dieser Appell eher tragikomische als heroische Formen an. Zum Beispiel, wenn Mitglieder der christlichen Rechten vor Filmleinwänden beten, auf denen abwechselnd die einstürzenden Türme des World Trade Center und küssende Schwulenpärchen auftauchen.

Wenn die islamistische Propaganda gegen die «verweiblichte« Supermacht USA also einen Nerv in der amerikanischen Gesellschaft getroffen hat, dann bleibt zu fragen, ob das auch die Kriegsführung der USA beeinflusst hat. Ja, meint Thomas Friedman, Amerikas Doyen unter den außenpolitischen Kommentatoren. Den Irak per Militärintervention in eine demokratisierte, marktliberale Kernzelle der arabischen Region verwandeln zu können sei Hauptmotiv für diesen Krieg gewesen. Aber dahinter verbarg sich, so Friedman, ein zweites. «Unter radikalen Muslimen hatte sich der Glaube breit gemacht, dass sich das Machtgefälle zwischen der arabischen Welt und dem Westen durch Selbstmordattentate ausgleichen lässt, weil wir verweichlicht seien und ihre Leute bereit zu sterben«, schrieb Friedman im Juni 2003 in der New York Times. »Diese Blase konnte man nur zerstechen, indem amerikanische Soldaten ins Herz dieser Welt vordrangen, von Haus zu Haus, und klarmachten, dass wir bereit sind, zu töten und zu sterben.«

Diese Reaktion auf die Provokation eines Märtyrerkults war, wie man inzwischen weiß, katastrophal falsch. Die Gewaltspirale ist – auch aufgrund einer stümperhaften Nachkriegsplanung der USA – eskaliert. Kaum ein Tag im Irak vergeht ohne Selbstmordattentate; mehrere 10000 irakische Zivilisten sind diesem Dauerkrieg mit immer undurchsichtigeren Fronten bislang zum Opfer gefallen; in den USA stehen, angesichts über 2500 gefallener US-Soldaten, die Zeichen auf Rückzug.

Nun wird ja nicht nur in den USA, der einzig übrig gebliebenen Supermacht, mit dem »Postheroismus« gehadert. Die Propaganda der fehlenden Opferbereitschaft trifft in unterschiedlichem Ausmaß immer und überall – nicht zuletzt, weil diese Propaganda immer auch die »Männlichkeit« der Angesprochenen infrage stellt. Auch die Gesellschaften Europas sind durch den Terrorismus al-Qaidas zum ersten Mal in ihrem »Postheroismus« herausgefordert. Bloß bleibt die öffentliche Debatte darüber halbherzig. Es wird über verschärfte Sicherheitsgesetze, die Gültigkeit von Bürgerrechten und den Einsatz der Bundeswehr im Inneren diskutiert, nicht aber über das Politikum der Männlichkeit. Was das heißt, zeigt ein Blick auf Afghanistan. Dort gerät die Bundeswehr, eine »postheroische«, aber nach wie vor traditionell männliche Armee, zunehmend in einen Konflikt, bei dem es ganz offensichtlich um die Wahrnehmung von Maskulinität, männliche Ehre und die Rolle der Frauen geht. Die Taliban schöpfen seit Monaten das wachsende Reservoir neuer Kämpfer ab, das sich speist aus der Frustration über den schleppenden Aufbau des Landes und der männlichen »Demütigung« durch Frauen, die in das öffentliche Leben zurückkehren. Würde man Letzteres endlich als politische Dynamik begreifen, wäre die Geschlechterfrage nicht mehr darauf beschränkt, afghanische Frauen zu unterstützen und zu fördern. Dann könnte man im Rahmen des nation building auch Strategien entwickeln, die neuen Rechte von Frauen in eine solche Männerwelt zu vermitteln. Womöglich brauchte man dafür aber auch eine neue Debatte über die Armee im Zeitalter des peace-keeping, die für diese Konflikte sensibilisiert ist. Bloß findet sie eben nicht statt.

Was schließlich die Herausforderung des Terrorismus an eine postheroische Gesellschaft angeht, so liegt die wirksamste Antwort ohnehin nicht beim Militär. Die wirksamste Verteidigung, schreibt Herfried Münkler, bestünde in der »heroischen Gelassenheit« der Bevölkerung, die auch nach einer Serie von Anschlägen nicht in Hysterie und Panik verfällt, demonstrativ ihrem Alltag nachgeht und ihre liberalen Prinzipien nicht aufgibt. Der Held wäre dann endgültig nicht mehr ein Krieger, sondern der Zivilist. Und der ist in der Hälfte aller Fälle weiblich.

Was ist männlich? - Eine ZEIT-Serie über den Widerspruch, ein Mann zu sein »

 
Leser-Kommentare
  1. Wir befinden uns im postfeministischen Zeitalter, bei dem der Kampf gegen das sogenannte Patriarchat als gewonnen betrachtet wird, auch wenn die Ausrottung des Mannes und dessen was Männlichkeit ausmacht trotz aller Prognosen nicht gelungen ist. Ganz im Gegenteil, Frauen sind männlicher geworden, Frauen finden sich in Männerberufen, gehorchen männlichen Prinzipien, bis hinein in klassische Männerdomänen, wie die Armee.
    Um die Niederlage nicht offen zugeben zu müssen, wird das Männliche, was immer wir darunter verstehen wollen, problematisiert.
    Der Widerspruch ein Mann zu sein, was soll das? Ich bin ein Mann und ich sehe darin keinen Widerspruch! Menschen sind meist Realisten, beruhen nicht die ganzen Denkmodelle der Volkswirtschaft darauf, und sie nutzen die Möglichkeiten, über die sie verfügen. Männer haben, im Unterschied zu Frauen, auf Grund ihrer Mentalität, ihrer Körperkraft und anderer Eigenschaften, die hier aufzuzählen den Rahmen sprengen würde, die Möglichkeit, Konflikte auch unter Einsatz von Gewalt mit einer realistischen Option auf Sieg zu lösen, und unter gewissen Umständen nutzen sie diese Möglichkeit. Nicht dem Druck ihrer Geschlechtsorgane folgend, sondern aus reinem Kalkül. Dieses Kalkül kann auch die Gewinnung von Macht und Ansehen beeinhalten.
    Wo Frauen Chancen sehen, Gewalt auszuüben, um Ziele mit einigermaßen vertretbaren Risiken zu erreichen, nutzen sie diese Option nicht wenige als Männer.

    [...]

    Ein Held, das ist nicht Mr. Bush, das ist dieser Junge aus Hintertupfing, der durch Zwang, Not oder Idealismus zur Armee kommt, in einen Krieg geworfen wird, dort schreckliche Dinge erleben muss und dann im Angesicht der Gefahr seine furchtbare Angst überwindet, um unter Einsatz seines Lebens Großartiges für seine Truppe zu leisten.
    Es ist nicht die Bestimmung eines Mannes zu kämpfen und zu sterben.
    Der Mann trägt in seiner Hose keinen Dolch oder Stachel, sondern einen zarten Pflanzstab. Männer sind Menschenpflanzer und ihre höchste Aufgabe ist es, ein liebevoller Vater zu sein. Männer können kämpfen und deswegen werden sie gerne als Kriegssklaven mißbraucht. Kämpfen ist nicht ihre Bestimmung.

    Carljung

    Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und pauschale Herabwürdigungen. Danke, die Redaktin/fk.

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