Das Leben der Gertrud Zenzes war erstaunlich, zumal für eine Frau ihrer Generation: Geboren 1898 im Riesengebirge, studierte sie Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Nationalökonomie in München, Greifswald und Breslau, promovierte und nahm 1921 ihre erste Stelle als Bibliothekarin in Berlin an. Dort kreuzte sich ihr Weg mit dem eines Dichters, der im Brotberuf »Spezialarzt für Hautkrankheiten« war, und sie wurde sein »Trudchen«, sein »Petit«, der zärtlich geliebte »Mungo«. Die Leidenschaft währte kaum ein Jahr, dann schrieb Gottfried Benn der Geliebten einen seiner berühmtesten Abschiedsbriefe: »Zur Zeit u., wie mir scheint, für eine lange Zeit muß ich allein leben u. werde Dich nicht sehn. Gehn wir also auseinander mit dem Bewußtsein, daß wir uns wieder treffen werden, daß zwischen uns nichts war u. sein wird als große Freundschaft, Glück u. Zärtlichkeit, so oft die Stunde schlug u. wenn sie wieder schlagen wird.«

Das waren die Anfänge von Benns Kontaktallergie, seiner Menschenscheu, der er später mit der Taktik des »Doppellebens« Herr zu werden versuchte. Sobald ihm jemand zu nahe trat, stieß er ihn zurück. »Ich habe nur oft, ja meistens soviel Mauern um mich rum«, schrieb er »Trudchen« schon zu Beginn ihrer Liebe, »daß ich dem andren kein Verstehen zeigen mag, ich bin so hart geworden, um nicht selber zu zerschmelzen u. schließlich auch sehr fremd u. sehr allein.«

Im Dezember 1922 begann Benn, die Freundin wieder zu siezen, so wie er seine meisten Freundinnen, auch die intimen, siezte. Gertrud Zenzes gehörte allerdings zu den ganz wenigen Menschen aus Benns Umkreis, mit denen er zum Du zurückkehrte, freilich erst ein Vierteljahrhundert später. Jenseits der Liebe scheint sie seine »Mauern« schließlich doch noch durchbrochen zu haben.

Paradoxerweise konnte ihr das gelingen, weil sie sich von ihm auf die denkbar radikalste Weise distanzierte: Schon 1926 emigrierte sie nach Kalifornien, wo sie zunächst in der medizinischen Forschung arbeitete, um sich 1931 mit einer deutschen Buchhandlung selbstständig zu machen. Sie blieb der Literatur ihrer Heimat also verbunden und bemühte sich auch, den Kontakt zu Benn zu halten. Das zeigt die umfangreiche Korrespondenz der beiden, die jetzt wiederentdeckt und vom Deutschen Literaturarchiv Marbach erworben wurde. Bisher waren 20 Briefe von Benn an Zenzes bekannt, nun liegen mehr als 80 vor. Drei davon werden hier erstmals veröffentlicht.

Benns frühe Parteinahme für die Nationalsozialisten muss für Gertrud Zenzes ein ähnlicher Schock gewesen sein wie für seinen berühmten Bewunderer Klaus Mann, und die erschütternd linientreue Erklärung vom 23. September 1933 hat sie eher noch tiefer verunsichert. Nach der Machtübernahme erblickte Benn in Hitler tatsächlich den Vollstrecker höherer Prinzipien. Er war sich seiner so sicher, dass er sogar um Verständnis für den von Zenzes kritisierten Antisemitismus warb. Kein zweiter Brief ist bekannt, in dem Benn seinen Fatalismus, seine Überzeugung, an einem historischen Wendepunkt zu stehen, so unverblümt ausdrückt wie hier.

Wir wissen, dass Benn seine Hitlerei keine zwei Jahre später auskuriert hatte. Als er während des Krieges den Band Ausdruckswelt zusammenstellte, den er Zenzes am 25. Juni 1949 versprach, gab es zwischen ihm und den Nazis keine gemeinsame Ebene mehr. Das Buch enthält Passagen, für die ihr Autor ins KZ hätte kommen können.

Benn gehörte sowohl zu den Tätern als auch zu den Verfolgten des Nationalsozialismus, das macht ihn zum Sonderfall. Er selbst betrachtete sich nach dem Krieg sicher in erster Linie als Opfer, als einen Mann, der spätestens 1936 in eine äußerst bedrohliche Lage geraten war. Umso beachtlicher ist es, dass er sich 1949, in den Zeiten der kollektiven Amnesie und Persilscheine, dafür entschied, seine Rolle im Nationalsozialismus öffentlich zu diskutieren.