[Gottfried Benn in Berlin an Gertrud Zenzes in San Francisco]
Den 23.9.33 BILD

Liebes Trudchen,
ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief und die Zeitschriften und die Zeitungsauschnitte. Aber um es gleich zu sagen: Sie brauchen mir nichts zu schicken, was Deutschland herabsetzt und alle diese Nachrichten, über die wir ja hier auch orientiert sind. Wir können uns ja an jeder Strassenecke ausländische Zeitungen kaufen und wir wissen durchaus darüber Bescheid, dass die meisten Länder der Welt Deutschland im Augenblick noch mehr hassen als sonst und alles tun, um ihm zu schaden. Besonders das Land, in dem Sie leben, ist ja darin gross.

Vielleicht aber, Trudchen, interessiert es Sie doch, nochmal von mir persönlich zu hören, was ja in meinem Buch [Der neue Staat und die Intellektuellen – J. B.] schon steht, dass ich und die Mehrzahl aller Deutschen den neuen Staat bejahen, Hitler für einen sehr grossen Staatsmann halten und vor allem vollkommen sicher sind, dass es für Deutschland keine andere Möglichkeit gab. Das alles ist ja auch nur ein Anfang, die übrigen Länder werden folgen, es beginnt eine neue Welt, die Welt, in der Sie und ich jung waren und gross wurden, hat ausgespielt und ist zu Ende. Sie müs[s]en das alles nicht so gefühlvoll ansehen, auch nicht so pathetisch, Sie müssen in sich den Gedanken ganz feste Gestalt annehmen lassen, dass wir vor einer Wendung der abendländischen Geschichte stehen, die vielleicht nur dem elften Jahrhundert verglichen werden kann oder dem Ausgang der Antike. Man kann eigentlich heute jeden nur, der Einwände macht, fragen: Denken Sie geschichtlich oder denken Sie privat? Denkt er privat, kann er natürlich kritisieren und das übliche intellektuelle Geschwätz vom Stapel lassen. Wer aber geschichtlich denkt, wird schweigen, alles hinnehmen, was ihm diese Zeit an innerer Zerstörung und auch persönlichem Schaden zufügt denn er weiss, dahinter stehen die Gesetze des Lebens, die nicht auf Glück ausgehen, sondern auf Schicksal. Ich halte es für sehr möglich, dass dies dem Bewohner eines anderen Landes drollig klingt, hochtrabend, auch etwas unwirklich. Aber es ist ausgesprochen das, was wir erlebt haben, es ist das Erlebnis Deutschlands: der Abbau des Individuums für das Volk, für die Rasse, für das ferne, myt[h]ische Kollektiv, das nun einmal die Menschheit darstellt.

Was nun das Judenproblem angeht, an dem Sie vielleicht besonders leiden und das Nordamerika mit seinem unvergleichlichen Rassenmischmasch natürlich ganz fremd ist, so sehen Sie das sicher auch ganz falsch. Denken Sie einmal, unter den Berliner Ärzten waren 85% Juden, den Rechtsanwälten 75%. In den journalistischen und Theaterbetrieben auch ungefähr 80%. Es ist doch vollkommen selbstverständlich, dass dieser Zustand eines Tages als unmöglich angesehen wurde. Jetzt sagen die Juden selber, sie hätten ihrerseits Massnahmen treffen müssen, um einem solchen Zustand vorzubeugen. Aber im Augenblick ist es natürlich zu spät. Das Judenproblem ist ja sehr, sehr schwierig. Haben Sie das Buch von [Josef] Kastein gelesen, das im Rowohlt-Verlag erschienen ist, über die Geschichte der Juden? Lesen Sie es doch!

Soviel für heute, Trudchen. Bleiben Sie gesund. Glauben Sie nicht alles, was man über Deutschland schreibt, bewahren Sie uns Freundschaft und Heimatgefühl. Tausend Grüsse

Ihr alter Benn


[Gottfried Benn in Berlin an Gertrud Zenzes in New York]
25. IV 47.

Liebes Trudchen,
unter Zugrundelegung Ihrer Ankündigungen, die ich zunächst für Chimäre und Fata Morgana hielt, muss ich Ihnen heute mitteilen, dass Ihre herrlichen Sendungen eingetroffen sind mit Ausnahme des Cigaretten-Pakets. Das Paket mit den medizinischen Sachen an erster Stelle! Ein Senfpflaster – u. dazu Schnürsenkel (hier überhaupt nicht zu haben, alles trägt Bindfaden an den Schuhen!) u. Nähgarn! Jetzt bekomme ich sogar die Strümpfe gestopft! Zahnbürste, Stück Seife! Dank, Dank!