Berlin

In der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo scharen sich unter Neonfunzeln gebeugte Gestalten um eine warme Mahlzeit. Unter denen, die allein am Tisch sitzen, ist Fritz Joachim Rudert, Doktor der Philosophie. »Wenn Marx den Schopenhauer gelesen hätte«, verkündet er, »dann wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.« Rudert spricht hastig, seine Augen wechseln ihr Ziel so schnell wie seine Gedanken. Buddha, Leonardo, philososphisch-sozialistische Bekenntnisse, dazwischen der anklagende Satz: »Warum sind Büchereien nachts und an Feiertagen geschlossen?« Am Hals trägt er ein Wirrwar aller möglicher Utensilien, unter anderem Wohnungsschlüssel. »Am 30. Juli werde ich rausgeschmissen«, sagt er und fügt hinzu, dass das so schlimm nicht sei. »Mit einer Wohnung ist es wie mit dem Bewusstsein: Es geht auch ohne.« Sein Blick verfinstert sich. »Aber meine Bücher«, sprudelt es aus ihm hervor, »ich habe 6000 Bücher.« Foto: Thomas Klapsch für DIE ZEIT BILD

Gibt es das, obdachlose Akademiker? Am Anfang standen zufällige Beobachtungen, die das Gesamtbild eines Phänomens nur zögernd preisgeben. Da war das Truthahnessen für Obdachlose zum Thanksgiving Day in der US-Botschaft. Als die Ansprache einer Sozialarbeiterin an mangelnden Englischkentnissen scheiterte, erinnert sich Ortrud Wohlwend, Sprecherin der Stadtmission, »ergriffen spontan zwei oder drei Obdachlose das Wort, hielten in perfektem Englisch Ansprachen und bedankten sich beim Botschafter mit ausgesuchten Umgangsformen.«

»Ich beobachte das nun seit etwa drei Jahren«, berichtet Brigitte Koch, die Leiterin der Berliner Bahnhofsmission. »Da stehen bei der Essensausgabe Leute in der Schlange, die passen nicht in das Klischee.« Dieses »neue Klientel« falle auf durch gemeinsame Eigenschaften: hoch gebildet, wohnungslos und psychisch krank.

Stefan Schneider, verantwortlicher Redakteur für das Berliner Obdachlosen-Magazin Straßenfeger, sah bereits um die Jahrtausendwende erste Anzeichen für das soziale Abdriften von Vertretern der Mittelschicht. »Ich höre zu, was diese Leute diskutieren, und erkenne eine hohe Kompetenz«, sagt er. Ein Obdachloser habe sich als Arzt zu erkennen gegeben, ein anderer als Jurastudent kurz vor dem Staatsexamen. Auch Schwester Maria Canisi-Kurz, die in der Stadtmission Beziehungsberatung anbietet, kennt das Phänomen. »In der Notaufnahme bin ich auch schon einem Jesuitenpater begegnet.«

Erst kamen junge Ostdeutsche, dann Künstler, nun Hochschulabsolventen

Unweit des Philosophen Ruder hat beim Essen in der Bahnhofsmission ein Mann von beachtlicher Körperfülle mit langen Haaren und wildem Bart Platz genommen. Er trägt ein schwarzes Netzhemd und sieht erschöpft aus. Immer wieder wird sein Körper von heftigem Husten geschüttelt, während seine Arme hilflos rudern. Über Ursachen und Umstände seines gegenwärtigen Lebensstils spricht er nicht. Umso mehr kann er sich für das Thema der chemischen Zusammensetzung von Genussmitteln begeistern. Der Mann, stellt sich im Gespräch heraus, hat Pharmazie studiert. Kann man als Akademiker nicht leichter einen Weg in Arbeit und Lohn zurückfinden? »Die Chefs haben doch nur Angst vor intelligenter Konkurrenz!«, antwortet er. Dann meint er: »Also, zu meiner Person möchte ich anmerken, ich bin nicht der Mann unter der Brücke, falls Sie verstehen, was ich meine.«