Armut

Dr. phil.Obdachlos

Unter den Brücken Berlins hält eine neue soziale Gruppe Einzug: Wohnungslose Akademiker

Berlin

In der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo scharen sich unter Neonfunzeln gebeugte Gestalten um eine warme Mahlzeit. Unter denen, die allein am Tisch sitzen, ist Fritz Joachim Rudert, Doktor der Philosophie. »Wenn Marx den Schopenhauer gelesen hätte«, verkündet er, »dann wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.« Rudert spricht hastig, seine Augen wechseln ihr Ziel so schnell wie seine Gedanken. Buddha, Leonardo, philososphisch-sozialistische Bekenntnisse, dazwischen der anklagende Satz: »Warum sind Büchereien nachts und an Feiertagen geschlossen?« Am Hals trägt er ein Wirrwar aller möglicher Utensilien, unter anderem Wohnungsschlüssel. »Am 30. Juli werde ich rausgeschmissen«, sagt er und fügt hinzu, dass das so schlimm nicht sei. »Mit einer Wohnung ist es wie mit dem Bewusstsein: Es geht auch ohne.« Sein Blick verfinstert sich. »Aber meine Bücher«, sprudelt es aus ihm hervor, »ich habe 6000 Bücher.«

Gibt es das, obdachlose Akademiker? Am Anfang standen zufällige Beobachtungen, die das Gesamtbild eines Phänomens nur zögernd preisgeben. Da war das Truthahnessen für Obdachlose zum Thanksgiving Day in der US-Botschaft. Als die Ansprache einer Sozialarbeiterin an mangelnden Englischkentnissen scheiterte, erinnert sich Ortrud Wohlwend, Sprecherin der Stadtmission, »ergriffen spontan zwei oder drei Obdachlose das Wort, hielten in perfektem Englisch Ansprachen und bedankten sich beim Botschafter mit ausgesuchten Umgangsformen.«

»Ich beobachte das nun seit etwa drei Jahren«, berichtet Brigitte Koch, die Leiterin der Berliner Bahnhofsmission. »Da stehen bei der Essensausgabe Leute in der Schlange, die passen nicht in das Klischee.« Dieses »neue Klientel« falle auf durch gemeinsame Eigenschaften: hoch gebildet, wohnungslos und psychisch krank.

Stefan Schneider, verantwortlicher Redakteur für das Berliner Obdachlosen-Magazin Straßenfeger, sah bereits um die Jahrtausendwende erste Anzeichen für das soziale Abdriften von Vertretern der Mittelschicht. »Ich höre zu, was diese Leute diskutieren, und erkenne eine hohe Kompetenz«, sagt er. Ein Obdachloser habe sich als Arzt zu erkennen gegeben, ein anderer als Jurastudent kurz vor dem Staatsexamen. Auch Schwester Maria Canisi-Kurz, die in der Stadtmission Beziehungsberatung anbietet, kennt das Phänomen. »In der Notaufnahme bin ich auch schon einem Jesuitenpater begegnet.«

Erst kamen junge Ostdeutsche, dann Künstler, nun Hochschulabsolventen

Unweit des Philosophen Ruder hat beim Essen in der Bahnhofsmission ein Mann von beachtlicher Körperfülle mit langen Haaren und wildem Bart Platz genommen. Er trägt ein schwarzes Netzhemd und sieht erschöpft aus. Immer wieder wird sein Körper von heftigem Husten geschüttelt, während seine Arme hilflos rudern. Über Ursachen und Umstände seines gegenwärtigen Lebensstils spricht er nicht. Umso mehr kann er sich für das Thema der chemischen Zusammensetzung von Genussmitteln begeistern. Der Mann, stellt sich im Gespräch heraus, hat Pharmazie studiert. Kann man als Akademiker nicht leichter einen Weg in Arbeit und Lohn zurückfinden? »Die Chefs haben doch nur Angst vor intelligenter Konkurrenz!«, antwortet er. Dann meint er: »Also, zu meiner Person möchte ich anmerken, ich bin nicht der Mann unter der Brücke, falls Sie verstehen, was ich meine.«

»Es kommt immer in Wellen«, sagt der Leiter der Stadtmission, Pfarrer Hans-Georg Filker. Nach der Wende seien es junge Leute aus dem Osten gewesen, die mit dem ungewohnten Mangel an staatlicher Fürsorge nicht klarkamen. Später, als in der Kultur der Rotstift regierte, stürzten die Künstler ab. Und nun die Akademiker. In Berlin, schätzt Filker, betrage ihr Anteil unter den Obdachlosen inzwischen an die 20 Prozent.

Ursachen gebe es viele, sagt er, die Streichung der Subventionen im öffentlichen Hauptstadtleben, zerbrechende Familien, die veränderte Lage auf dem Arbeitsmarkt. Dazu kommt das Milieu der Lebenskünstler, die es mit wenig Ehrgeiz und wenig Geld nach Berlin zieht und deren fragile Existenzen auf preiswertem Wohnraum und billigen Secondhand-Läden beruhen. »Die Metropole zieht Menschen mit gehobener Schulbildung an« ,sagt Filker, »deren Lebenstraum lässt sich in dieser Stadt häufig nicht verwirklichen, der Absturz ist programmiert.« Und natürlich gebe es auch in der Mittelschicht unauffällige Trinker, die ein Schicksalsschlag aus der Bahn und auf die Straße werfen könne.

Stefan Schneider, der Straßenfeger- Redakteur, hat noch eine weitere Gruppe ausgemacht: Studenten aus dem außereuropäischen Ausland. »Billigflieger machen die Einreise möglich, und wenn dann die finanzielle Unterstützung durch die Familie abreißt, landen diese Leute bei uns.«

Der 69-jährigen Ronert G. stand einst im gehobenen Dienst eines Versorgungsunternehmens in der DDR. Noch vor der Wende ging er in den Westen, verlor den Anschluss an die Gesellschaft und flüchtete ins Eremitendasein. Fast 20 Jahre lang lebte G. in einem Zelt im Grunewald und fuhr nur ins Berliner Zentrum, um in den Bibliotheken von Instituten Literatur über Politik und Wirtschaft zu lesen. »Ein Einzelgänger, hoch gebildet«, so beschreibt ihn Thomas Winistädt, Krankenstationsleiter der Stadtmission.

»Mein Wohnungsschlüssel – ich kann das noch gar nicht fassen«

G. ist ein hoch gewachsen, die weißen Haare trägt er kurz geschnitten, die buschigen Augenbrauen sind gepflegt. Die Stadtmission hat ihm eine kleine Wohnung vermittelt, nachdem er wegen Erfrierungen im Krankenhaus behandelt werden musste – dass sich überhaupt jemand um ihn sorgte, rührte den Einsiedler so sehr, dass er das Angebot annahm. Nun fischt G. einen Packen ausländischer Zeitungen aus seiner Umhängetasche – er spricht Italienisch, Spanisch, Englisch und Französisch. Und dann präsentiert er, fast verschämt, seinen größten Schatz. »Mein Wohnungsschlüssel«, sagt er leise. »Ich kann das noch gar nicht so recht fassen.« Anfangs, berichtet er, sei er nachts zweimal aufgestanden und habe sich ins Bad gesetzt. Warum? »Ich dachte, das Bad ist vielleicht weg. Einfach weg. Also habe ich mich reingesetzt.«

i Arbeit und Sozialstaat im Internet: www.zeit.de/arbeit

 
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Leser-Kommentare

    • 02.07.2006 um 16:06 Uhr
    • lef

    Warum die immer wieder auftauchende mitleidgeschwängerte Erwähnung, dass die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt "Akademiker" sind?
    Gerade DIE hätten genug Grips haben sollen, um zu begreifen, dass manches Studium zwar einen Doktortitel auf einfachste Weise ermöglicht, dies aber keine Garantie für einen Arbeitsplatz (der bequemsten Art!) bedeutet, wie es früher mal gang+gebe war.

    Mal ganz ehrlich: Solche kennt doch wohl Jede/r: Abiturienten, denen nichts einfiel, als Politologie, Philosophie ff zu studieren. Mit Doktortitel dann natürlich, denn Beschäftigung bekamen die überwiegend nicht, so kreisten sie dann noch auf der Uni und machten ihren Dr.Phil., natürlich auch dann ohne Angebote.

    Auch wenn es sozieldarwinistisch klingt:
    Wer konsumieren will, muss etwas produzieren UND VERKAUFEN.
    Wer in seiner Arbeit nicht gebraucht wird, wer etwas produziert, das Keine/r braucht, aber trotzdem Alles haben will, ist
    - zu lange Zeit mitgefüttert worden. Das ist in Zeiten des Überflusses gern getan, aber es ist nicht garantiert worden.
    Die Zeit des Überflusses ist eben vorbei.

    Extra zu erwähnen: Gegen eine bestimmte Zeit, in der angehende Künstler, auch Dr.Phils, eine staatliche Unterstützung kriegen, um ihr Talent beweisen zu können, hätte ich überhaupt nichts einzuwenden. Aber sehr wohl gegen die lebenslange Alimentierung, die hier Usus war.
    5 Jahre z.B., das müsste ausreichen. Danach bitte klare Aufforderung, etwas Brauchbares zu lernen.

    Vor der Putzfrau, die (spät noch) Altenpfegerin geworden ist
    (ein Beispiel in meinem Bekanntenkreis),
    habe ich weit mehr Respekt, als vor einem Dr.Phil., der sein Schicksal beklagt und depressiv wird.
    Auch wenn dieser Fatalismus noch so oft in der "Zeit" Verständnis findet.

    Und mit einem akademischen Abgestürzten habe ich weit weniger Mitleid, als mit einem Handwerker, dessen Handwerk nicht mehr bebraucht wird (z.B. im Bausektor, wie massenhaft zur Zeit). Auch da war vor langer Zeit absehbar, dass der Bausektor irgendwann gesättigt ist,
    im Gegensatz zum Akademiker haben die es aber nicht unbedingt wissen können.

    • 02.07.2006 um 16:54 Uhr
    • hefe60

    ... ja Priester werden gebraucht - vor allem immer dann, wenn es schlechter geht. Aber andere schöngeistige Wissenschaftler? Mmmh... man könnte noch weitere unnötige Kosten sparen, würde man diese Fakultäten an den UNI`s ganz abschaffen. Aber halt. Es gibt ja noch potentielle Erben reicher Vermögen. Denen bleibe dann so ein Studium erhalten.

    • 02.07.2006 um 18:08 Uhr
    • Anonym
    3. Ja ...

    ... hauptsache immer das Klischee vom weltfremden und nutzlosen Akademiker nähren - wäre ja auch viel schöner, wenn man endlich die lästigen Kritiker unseres wundervollen Systems los wäre, damit auch der letzte Hauch schlechten Gewissens verschwindet.

  1. In dem Artikel wird hervorgehoben, dass in letzter Zeit der Anteil der Akademiker unter Obdachlosen gestiegen ist. Meiner Meinung nach hangt diese Beobachtung nicht so sehr am Akademikersein - oder Nichtsein - als vielmehr am Druck im Arbeitsleben und auch gesellschaftlicher Erfolgsdruck. In fruheren Jahren war dieser Druck nicht so hoch, erfasst nun aber auch Akademikerberufe mehr und mehr bzw. die Aussichten fur einen Akademikerjob werden schlechter. Unter diesem Druck entgleisen Mitglieder der Gesellschaft und werden zu Aussteigern.

    Ich habe meinen Zeitwohnsitz in Calgary, Kanada, und genau dieses Problem vor Jahren schon mit einer Sozialarbeiterin diskutiert, die "Street People" betreut - aus allen Schichten bis hin zu Bankern und Juristen. Inzwischen ist durch den Oelboom die Arbeitslosenquote auf weniger als 1% gefallen, das Obdachllosenproblem hier durch alle Berufs - und Gesellschaftsschichten aber nicht. Es ist der anwachsende psychische Druck als Ursache des Problems, wobei naturlich durch Arbeitslosigkeit oder der Gefahr dafur der Druck enorm steigt. Darauf weisen im ubrigen zahlreiche Studien: in den letzten Jahrzehnten ist die Zahl psychisch Kranker laufend gestiegen, da verwundert es nicht, dass bei Krisen so mancher aussteigt, auch wenn er nicht direkt als krank einzustufen ist.

    • 02.07.2006 um 19:31 Uhr
    • macey

    Der Abschluß eines Studiums in den Geisteswissenschaften ist
    verbunden mit nicht abwägbaren Risiken, die
    hoffentlich den heutigen Abiturjahrgängen bekannt sind: Die
    Aussicht, nach einem Studium der Philosophie oder Soziologie
    entweder zu den Geringverdienern zu gehören oder gar obdachlos unter einer Brücke zu landen, wird von Jahr zu Jahr wahrscheinlicher, da der akademische Arbeitsmarkt insgesamt sehr angespannt ist und es kaum noch Chancen für einen (in diesen Fächern meist erforderlichen) Quereinstieg in einen Job gibt.

    In der Verantwortung von Elternhaus, Schule, Berufsberatung,
    aber auch der entsprechenden Fakuläten an den Universitäten, sollte es liegen, auf die enormen Risiken geisteswissenschaftlicher Fächer hinzuweisen, denn was nützt ein Kopf voller Wissen, wenn dieser Kopf krank wird von Perspektivelosigkeit und Armut.

    • 02.07.2006 um 19:48 Uhr
    • Daaje

    Es sollte seltsam erscheinen, dass wir mehr produzieren als wir brauchen und meinen, dass die Zeiten des Überflusses vorbei sind. Immer weniger Menschen braucht es, die Kühe zu melken, die Felder zu pflügen, die Ziegel für unsere Häuser zu brennen, zu tun, was für unser Überleben notwendig ist. Die Menschen können sich nun anderen Gebieten zuwenden. Welche Gebiete dies sind, ist nicht gottgegeben, sondern ist nur dadurch bestimmt, was die Menschen wünschen. Das Joch der Subsistenz abgeschüttelt, dem Paradies nahe wie nie beklagen wir uns darüber, dass nicht mehr alle Menschen arbeiten müssen um das Notwendige zu produzieren.

    In "1984" schrieb Orwell über dieses Problem und die perfide Lösung die überschüssige Arbeitskraft in der Kriegsindustrie zu binden. In "Schöne neue Welt" schrieb Huxley über das selbe Problem mit der Lösung, die überschüssige Arbeitskraft in der Produktion immer neuer und sinnarmer Vergnügungsgüter zu binden.

    Vielleicht gibt es aber einen sinnvolleren Umgang mit unserer Freiheit als fortwährenden Krieg oder dekadentes Entertainment. Wie wäre es, sich der Religion zuzuwenden ? Oder, wenn wir ihr nicht trauen, der Philosophie ? Oder, wenn uns Semantik partout nicht behagt, der Kunst ?

    Jede Partei des Bundestages hat ihre Wirtschaftsexperten, die ihnen bestätigen, dass nur die Politik dieser Partei der wirtschaftlichen Lage gerecht wird. Vielleicht würde da ein wenig Logik helfen, aber jene, bei denen Logik und Argumentationstheorie im Studium auf dem Stundenplan stand, nennen wir schöngeistig, und befinden, dass sie nichts brauchbares gelernt haben. Dass ein Philosoph angesichts seiner Ausbildungswahl obdachlos ist, finden manche gerecht. Gerecht ? Im Sinne Platons, Aristoteles, Hobbes, Lockes, Kants oder Nozicks ? "Gerecht" im Sinne der Bibel oder einfach nur im Sinne seiner Intuition ? Welches ist nun der richtige Sinn von Gerechtigkeit ? Gehen wir einfach auf die Straße und fragen einen Philosophen.

    • 02.07.2006 um 20:35 Uhr
    • zorc

    lef schreibt: "Und mit einem akademischen Abgestürzten habe ich weit weniger Mitleid, als mit einem Handwerker, dessen Handwerk nicht mehr bebraucht wird (z.B. im Bausektor, wie massenhaft zur Zeit). Auch da war vor langer Zeit absehbar, dass der Bausektor irgendwann gesättigt ist, im Gegensatz zum Akademiker haben die es aber nicht unbedingt wissen können." -- Warum haben die es nicht wissen können?

    • 02.07.2006 um 20:39 Uhr
    • zorc

    "UNI's"? "reiche Vermögen"?? -- Ein bisschen schöngeistige Nachrüstung würde Ihnen, hefe60, offenbar ganz gut tun. Oder fällt Orthographie noch unter den Teil, den alle lernen dürfen?

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  • Von Gineiger
  • Datum 28.6.2006 - 15:37 Uhr
  • Serie -
  • Quelle DIE ZEIT, 29.06.2006
  • Kommentare 30
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