Wie ein Verlierer wirkt Roland Junck wirklich nicht. Der Vorstand von Arcelor blickt fast trotzig auf die große Zeitungsannonce auf seinem Schreibtisch, die noch am vergangenen Samstag in europäischen Wirtschaftsblättern erschienen ist. Als prächtig blühende Pflanze wird dort der Stahlkonzern Arcelor gezeichnet, Konkurrent Mittal Steel dagegen als vor sich hin kümmerndes Gewächs. Die Aktionäre, so die Botschaft, sollten keinesfalls das Übernahmeangebot annehmen, das der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal für Arcelor abgegeben hat. Lakshmi Mittal BILD

Am Sonntag aber hat sich das Luxemburger Management nach fünfmonatiger Übernahmeschlacht überraschend selbst dafür ausgesprochen, doch mit dem Inder zusammenzugehen. »Die Anzeige«, sagte Junck am Dienstagmorgen, »haben sich unsere PR-Agenten ausgedacht. Sie entspricht wohl unserer anfänglichen Haltung, unserem ursprünglichen Kenntnisstand. Mittal war für uns durch den wahllosen Zukauf irgendwelcher Stahlkapazitäten vor allem im Osten groß geworden. Für uns war das ein Wachstumskonzept ohne Zukunft.«

Für die Fusion verzichtet die Familie Mittal auf die Mehrheit

Arcelor hat sich mit allen Mitteln gewehrt, seit Mittal am 27. Januar 2006 seine feindliche Offerte vorlegte. Den Aktionären wurden Sonderausschüttungen und ein Aktienrückkauf geboten, für den die erforderliche Hauptversammlung am Ende nicht mehr zustande kam. Konzernchef Guy Dollé ließ keine Gelegenheit aus, fehlende Geschäftspläne und die vermeintlich schlechte Unternehmensführung bei den Indern zu geißeln. Im Mai meinte er sogar, eine Fusion mit dem Severstal-Konzern des russischen Industriellen Alexej Mordaschow sei allemal besser als ein Zusammengehen mit den Indern.

Und nun soll auf einmal alles anders sein? Vordergründig herrscht Verlobungsfrieden zwischen Mittal, der Nummer eins am weltweiten Stahlmarkt, und Arcelor, der Nummer zwei. Mittal wird mit fast 27 Milliarden Euro oder gut 40 Euro je Aktie einen Preis bezahlen, der um fast die Hälfte höher liegt als das erste Gebot. Der Konzern wird künftig nur noch 43 Prozent besitzen am fusionierten Unternehmen Arcelor Mittal, das mit einer Stahlproduktion von 120 Millionen Tonnen jährlich zehn Prozent des Weltmarktes beliefern wird.

»Die Finanzmärkte haben am Ende so entschieden«, sagt Roland Junck. Das Aktienkapital von Arcelor liegt, in kleinen Paketen gestreut, bei Fonds, Privatinvestoren, den Arcelor-Beschäftigten, dem Staat Luxemburg und der Regierung der belgischen Region Wallonien. Eine maßgebliche Rolle wird dem spanischen Investor José Maria Aristrain zugesprochen, der mit 3,7 Prozent einer der größten Anteilseigner ist. Mit Hilfe der Investmentbank Goldman Sachs soll Lakshmi Mittal den Spanier überzeugt haben, dass Arcelor-Chef Dollé die Fusion mit dem eher für undurchsichtig gehaltenen Russen Mordaschow selbstherrlich und ohne Rücksicht auf die Aktionäre betrieben habe. Aristrain soll darauf eine an dreißig Prozent der Aktionäre heranreichende Opposition gegen Severstal zusammengebracht haben. Dollé konnte sich einer Mehrheit für seinen Plan nicht mehr sicher sein.

Roland Junck macht keinen Hehl aus seinen Zweifeln an solcher Vernunft der Finanzmärkte. Gescheiter wäre es aus seiner Sicht auch am Tag drei nach der Entscheidung noch gewesen, Arcelor wäre mit Severstal zusammengegangen. »Das wäre ein vernünftiges Wachstum in Etappen gewesen«, sagt Junck, »kein solcher Quantensprung.« Bei dem man nicht weiß, will er sagen, zu welchem Ergebnis er wirklich führt.