Sderot/Tel Aviv

Amir Peretz muss darauf hoffen, dass sich sein größter Nachteil am Ende doch als Vorteil erweist. Als der Chef der Arbeitspartei im Frühjahr für das Amt des Premiers kandidierte, war er vor allem wegen seiner mangelnden Militärerfahrung kritisiert worden. Den meisten Israelis fiel es schwer, zu glauben, dass nun ausgerechnet er der neue "Mister Security" sein sollte. Der Titel schien so gar nicht zu dem Mann mit linken Überzeugungen zu passen, der ja zuvor noch eine soziale Revolution auslösen wollte. Drei Viertel fanden, er sei der falsche Mann für den Posten.

Eine Minderheit sah das anders: Es sei auch in Israel an der Zeit, einen zivilen Verteidigungsminister zu berufen, wie längst in anderen westlichen Demokratien üblich. Steht nicht in Paris sogar eine Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums? Mit einem feinen Unterschied, lässt sich anmerken. In Frankreich prasseln nicht täglich Kassam-Raketen auf eine Kleinstadt nieder - dort werden auch keine Soldaten auf heimatlichem Boden entführt, wie am vorigen Wochenende in Israel geschehen.

Für den ehemaligen Gewerkschaftsvorsitzenden, der Stress durchaus gewohnt ist und auch weiß, was durchwachte Nächte sind, bedeutet das alles Neuland. So sitzt nun Peretz in seinem blauen Hemd als Zeichen der Zugehörigkeit zur arbeitenden Klasse unter lauter Uniformierten und absolviert einen Crashkurs in Sachen Sicherheit. Er ist das einzige neue Rad in einer von jeher gut geölten Maschinerie. Er sei nicht dumm, lerne schnell und stelle die richtigen Fragen, heißt es über ihn was nur ein halbes Lob ist.

Einschlafen im Dauerhagel palästinensischer Kassam-Raketen

Der Druck ist immens und beginnt gleich zu Hause. Peretz lebt mit seiner Familie in Sderot, nur wenige Kilometer von Gaza entfernt. Auf die kleine Wüstenstadt fielen in den letzten neun Monaten sechshundert palästinensische Kassam-Raketen. Früher schlugen sie bloß ein, mittlerweile explodieren sie. Auch Peretz steht nachts auf, wenn der Alarm "Rote Morgendämmerung" wieder einmal ein Geschoss im Anflug signalisiert, und sucht Schutz unter der Treppe zum ersten Stock. Nach Beginn der Sirene bleiben nur zehn Sekunden, viel ist das nicht für eine Mutter, die ihr Baby aus dem Bett zerren muss. Wie durch ein Wunder gab es keine Toten. Aber achtzig Prozent der 25000 Einwohner sind traumatisiert - sie wollen sich nicht länger auf ihr Glück verlassen.

Hundert Meter neben seinem Häuschen protestieren die Nachbarn. Sie fordern harsche militärische Antworten, eine "Sicherheitszone" in Gaza, Krieg gegen die Hamas. Peretz sieht das anders. Dass er in Sderot wohne, sagt er, verleihe ihm die "moralische Autorität", zu behaupten, dass "unsere Verteidigungsmethoden auf verifizierten operationellen Bedürfnissen beruhen und nicht, Gott behüte, von linken oder rechten Demonstrationen beeinflusst sind".