Nicht der Angriff der Hitler-Armeen auf die Sowjetunion im Sommer 1941, sondern bereits der Überfall auf Polen im September 1939 bildete den Auftakt zum deutschen Vernichtungskrieg: So lautet die gut belegte These eines Buches, das der Historiker Jochen Böhler in der bekannten, von Walter H. Pehle über Jahrzehnte betreuten »Schwarzen Reihe« des S. Fischer Verlages veröffentlicht hat.

Der Autor (Jahrgang 1969) ist Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Warschau. Für seine aufsehenerregende Publikation – die erste umfassende Darstellung des Polenkrieges aus deutscher Feder überhaupt! – hat er alle erreichbaren polnischen und deutschen Quellen ausgewertet. Das Ergebnis lässt keinen Zweifel zu: Soldaten der Wehrmacht liefen in Hunderten polnischen Dörfern und Städten Amok, ermordeten Tausende von Zivilisten und legten zahlreiche Ortschaften in Schutt und Asche. Doch nicht nur Zivilisten, sondern auch polnische Soldaten wurden Opfer von Massakern. Viele von ihnen wurden nach der Gefangennahme kurzerhand erschossen. Ein Angehöriger des Infanterieregiments 41 im Operationsgebiet der 8. Armee notierte am 13. September: »Überall wurden polnische Zivilisten und Soldaten herausgezogen. Als die Aktion beendet ist, brennt das ganze Dorf. Am Leben blieb niemand, haben auch alle Hunde erschossen.«

Am schlimmsten erging es den polnischen Juden. Sie waren faktisch Freiwild für die deutschen Soldaten, die sich einen Spaß daraus machten, ihnen die Bärte zu scheren. Juden wurden zu entwürdigenden Arbeiten zwangsrekrutiert, häufig auch als Geiseln genommen und erschossen. Auch hier kam es bereits zu einer engen Kooperation zwischen SS- und Polizeieinheiten und Wehrmachtformationen. Die Ereignisse auf dem polnischen Kriegsschauplatz werfen so einen Schatten voraus auf das, was zwischen 1941 und 1944 in den besetzten Gebieten der Sowjetunion in noch schrecklicheren Dimensionen praktiziert werden sollte.

Wie konnte es zu den Orgien der Gewalt und Vernichtung im Spätsommer 1939 kommen? Böhler betont stark die ideologische Vorprägung von Offizieren und Soldaten: Sie marschierten in Polen ein mit einem bestimmten, rassistisch verzerrten Bild von »den Slawen« und »den Juden«. Ein seit langem gepflegtes kulturelles Überlegenheitsgefühl mischte sich mit tief verwurzelten, durch die NS-Propaganda verstärkten antisemitischen Ressentiments. Die Feldpostbriefe bieten dafür reiches Anschauungsmaterial; immer wieder ist hier von »Saujuden« und »widerlichen Judengestalten« die Rede.

Allerdings macht der Autor deutlich, dass die tradierten Feindbilder und Vorurteile allein das ganze Ausmaß der Gewaltbereitschaft nicht erklären können. Dazu bedurfte es zusätzlicher Eindrücke und Erfahrungen in den ersten Tagen und Wochen des Krieges. Eine wichtige Rolle schreibt Böhler dem »Freischärlerwahn« zu. Unter den deutschen Truppen war die Vorstellung verbreitet, es mit einem heimtückischen Gegner zu tun zu haben, der vorzugsweise aus dem Hinterhalt operierte. Eine Partisanenbewegung, die von großen Teilen der polnischen Bevölkerung unterstützt wurde, existierte jedoch zu Beginn des Kriegs nicht. Sie war, wie überzeugend nachgewiesen wird, ein reines Fantasieprodukt – aber ein höchst folgenreiches. Denn dadurch wurde die Nervosität unter den deutschen Soldaten gesteigert, die sich dann vielerorts in willkürlichen Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung entlud.

Die Gewaltexzesse hätten nur unterbunden werden können, wenn die Täter bestraft worden wären. Doch das blieb die Ausnahme. Die meisten Befehlshaber deckten die Verbrechen der Truppe, ja ermunterten sie teilweise noch zu schärferem Vorgehen. Die ersten »verbrecherischen Befehle« der Wehrmachtführung wurden nicht, wie man bislang angenommen hat, vor Beginn des »Unternehmens Barbarossa« im Frühjahr 1941 erlassen, sondern bereits im September 1939 formuliert und exekutiert. Böhlers Buch darf schon jetzt als ein Pionierwerk betrachtet werden.