Otto Schily sagt, er setze sich nach anstrengenden Tagen gerne an seinen Steinway-Flügel und spiele Bach, zur Entspannung, denn die Musik halte er für "die spirituellste aller Künste". Bach und Schily.

Wie eng das zusammengehört, hat der Politiker am vergangenen Freitag preisgegeben, als er im Institut für Kirchenmusik der Berliner Universität der Künste gemeinsam mit Mathias Döpfner auftrat. Der Vorstandschef des Axel Springer Verlags erzählte seinerseits, was er aus der Musik für seinen Alltag als Manager ableite, und so wurde offensichtlich, dass die Gegner aus dem vergangenen Bundestags- und Medienwahlkampf aus der gleichen Quelle schöpfen. Sie sprachen offen, angeregt und angelockt von Sebastian Turner, dem Gründer und Vorstandschef der größten deutschen Werbeagentur Scholz &amp - Friends, über "Orchestration. Führung lernen von der Musik". So der Veranstaltungstitel.

Allein der Gedanke an Bach hat Schily die Zunge mehr gelöst, als es früher die meisten Journalisten vermochten. Schily redete darüber, wie die Musik die politische Ordnung beeinflusse. Er zitierte den Dirigenten Yehudi Menuhin mit dem Satz, wer Musikschulen schließe, müsse sich nicht wundern, wenn die Zahl der Verbrechen zunehme. Auch an Konfuzius und dessen Ansicht, dass man an der Musik hören könne, "ob ein Land wohl regiert und gut gesittet" sei, fand der Minister sichtlich Gefallen, um endgültig mit Platon die Grenze zwischen privater Neigung und praktischer Politik, also zwischen Musik und Innerer Sicherheit zu überschreiten. Der griechische Philosoph schreibt, man solle Wachen in der Nähe von Orten aufstellen, an denen neue Musik gespielt werde. Denn fremde, laszive Tonarten könnten an den Festen des Staates rütteln. Zuerst schien es, als halte Schily zu diesen Worten einige Distanz, so sehr lehnte er sich dabei zurück, so sehr gab er ihnen einen ironischen Beiklang. Doch dann hielt er kurz inne und ließ nachklingen, ob man diesem Satz mit Blick auf die rechtsradikale Musikszene nicht doch folgen solle.

Dass Schily nicht nur deshalb so offen war, weil er im politischen Halbruhestand angelangt ist, sondern dass bei leidenschaftlichen Musikern die Musik offensichtlich ein Weg ist, um öffentliche Rollenmuster aufzubrechen, war auch Mathias Döpfner anzumerken. Der studierte Musikwissenschaftler, der wie Schily normalerweise jeden Einblick verwehrt, der ihn beschädigen könnte, ließ bei den Kirchenmusikern Erstaunliches zu. " Musik ist was für Mädchen", flachste Turner. Es komme nicht von ungefähr, dass es für Manager oft ratsam sei, musische Seiten zu unterdrücken. Und Döpfner setzte noch einen drauf, indem er über die testosteronbeladenen Sprachbilder im Management lästerte ("einen Konkurrenten ausbluten"). Nicht vergessen hat er zweifellos, dass er bei seinem Antritt als Vorstandschef von Springer vor fünf Jahren geradezu belächelt wurde, weil er ja ein Musicus ist und kein Betriebswirt ("Mein Instrument war der Kontrabass"). Aber genau das, so der Subtext seiner Rede, hat er anderen eben auch voraus.

Jenseits friedlicher Metaphern nutzt Döpfner die Musik als Geheimcode.

Sie hilft ihm beim Erkennen von Seelenverwandten wie beim US-amerikanischen Investor Haim Saban, dem er die TV-Sendergruppe ProSiebenSat.1 Media abkaufen wollte. Saban spielte in frühen Jahren in einer Pop-Band in Israel "natürlich als Bassist" , sagt Döpfner.

Und wer sich fragt, wieso Döpfner im Jahr 2002 als neuer Vorstandsvorsitzender einige hundert Millionen Euro vom Filmhändler Leo Kirch einforderte und damit dessen Sturz einleitete, dem antwortet er indirekt, die Musik lehre ein Gefühl für Rhythmus und den richtigen Zeitpunkt.