Nordrhein-Westfalen So weit, so schön!
Der Kuckuck ruft, die Frösche quaken – Radwandern auf dem 220 Kilometer langen Ruhrtalradweg
Gleich an der ersten Weggabelung stehen wir auf dem Schlauch. Wo geht es bloß lang? Kein Schild mit dem Logo des Ruhrtalradwegs ist zu sehen. Wir greifen zur Spiralo-Karte. Aha, dort nach links in den Waldweg. Aus heiterem Himmel zischen zwei Düsenjäger über die Köpfe. Dann wird es wieder still. Waldeinsamkeit. Vogel-zwitschern. Würziger Duft von Nadelhölzern.
Wie jeder richtige Fluss fängt auch die Ruhr klein an. Ein dünner Strahl wie aus dem Wasserhahn. Sie entspringt am Nordhang des 696 Meter hohen Ruhrkopfs bei Winterberg im Hochsauerland. Und ist eine Quelle der Bescheidenheit: eine gemauerte Einfassung, ein Gedenkstein aus dem Jahr 1849, ein paar Sitzbänke. Von hier aus wollen wir die Ruhr mit dem Rad drei Tage lang begleiten, bis sie in Duisburg in den Rhein mündet. 220 Kilometer auf dem neuen Ruhrtalradweg.
Die ersten Kilometer schlängelt sich das Bächlein, nach dem später ein ganzes Gebiet benannt ist, plätschernd durch die Wiesen. Neben ihm brummen auf der B480 mit Baumstämmen beladene Laster. Hinter Niedersfeld, dem ersten Dorf an dem jungen Flüsschen, ragt ein Achthunderter auf. Der Langenberg, Nordrhein-Westfalens höchster. Unvermutet kreuzt ein Jogger, seinen Hund mitzerrend, unseren Weg. »Nix für Bremser« steht auf seinem dunkelroten T-Shirt.
»Wer hat den Radweg bloß ausgeschildert? Ein Schildbürger!«
Ein Pulk grellbunter Radrennfahrer, der durch Assinghausen rast, hat keine Augen für das Golddorf, das 1989 den Bundeswettbewerb »Unser Dorf soll schöner werden« gewann. Herausgeputzte Häuser aus Fachwerk und Schiefer, jedes zweite ist ein Gasthaus oder eine Ferienwohnung. Es riecht förmlich nach Erholung. Mittendrin das Denkmal für den 1827 hier geborenen Heimatdichter Friedrich Wilhelm Grimme (Pseudonym: Strunzerdäler), der Werke wie Man soll keinen Jungen ersäufen oder Blümlein der Andacht hervorgebracht hat.
Die Sonne strahlt sommerwarm, der Wind kommt von hinten. Blühende Wiesenhänge und Mischwälder säumen den Weg. So weit, so schön. Nur die Ausschilderung der Radroute, die im Sauerland meist auf Land- und Forstwirtschaftswegen verläuft, gibt uns manche Rätsel auf. Mal fehlen die Wegweiser ganz, mal sind sie falsch postiert, mal weisen sie nicht eindeutig die Richtung. Auch die beiden Jungrentner, die wir in Olsberg treffen, wurden auf den Holzweg geschickt und ringen um Orientierung. Wer hat den Radweg bloß ausgeschildert? »Das war ein Schildbürger.«
Der Weg geht zunehmend auf Distanz zum inzwischen schon fünf Meter breiten Fluss. Stellenweise verlässt er die Talsohle – dann müssen wir den Berg hochasten – und wird zum Panorama-Höhenweg; stellenweise führt er an der Bundesstraße entlang, dann können wir zumindest Strecke machen. Und uns satt sehen an den Kulturen von Nadelhölzern. Sauerland ist Christbaumland: Jeder dritte deutsche Weihnachtsbaum kommt aus dem »Land der 1000 Berge«. In allen Orten werben Plakate für eine weitere Spezialität der Gegend: die Schützenfeste der Schützenbruderschaften.
Mit einem Fest auf der ehemaligen Zeche Nachtigall in Witten wurde vor ein paar Wochen auch der Ruhrtalradweg eingeweiht. Ein Jahr früher als geplant. Der Weg ist noch im Werden, aber alle Akteure wollten, dass es endlich losgeht. 23Anrainerstädte und -gemeinden in Ruhrgebiet und Sauerland haben unter Regie des Regionalverbands Ruhr die Infrastruktur der Wege verbessert und in zwei Jahren aus den großteils bereits bestehenden Strecken einen durchgehenden Fernradweg entwickelt. 4,4 Millionen Euro, Fördermittel der Europäischen Union und des Landes, flossen und fließen noch: Neue Wegabschnitte wurden auf ausgedienten Bahntrassen angelegt und schlechte Uferstrecken asphaltiert, Radbrücken über verkehrsreiche Hauptstraßen geführt, die gesamte Route einheitlich ausgeschildert. 75Prozent des Ruhrtalradweges seien heute schon optimal, versichern die Macher, der Rest werde in den nächsten Jahren »optimiert«.
Die Tourismusstrategen von Ruhrgebiet und Sauerland wollen mit der Ruhrroute möglichst schnell in die erste Liga der viel befahrenen Radfernwege von Donau, Weser und Elbe vorstoßen. Ihre Hochrechnung: Die Radtouristen, Tagesausflügler wie Übernachtungsgäste, werden auf der reizvollen Strecke pro Jahr fünf Millionen Euro ausgeben. Ihre Argumente: der einzigartige Spannungsbogen von der Mittelgebirgslandschaft Sauerland zum Industriekulturraum Ruhrgebiet, von Wäldern, Heide und Mooren über Burgen und Fachwerkstädtchen zu den »Erlebnisstationen« der vergangenen Kohle- und Stahlzeit wie der Henrichshütte und der Villa Hügel, dem Bergwerk Ramsbeck und dem Styrumer Wasserturm.
Wir sind jetzt reif für Meschede. In der Sauerländer Landbäckerei will es eine neugierige Kundin wissen: Sind Sie Radfahrer? Ja. – Fahren Sie kein Auto? Doch! – Aber Radfahren bei schönem Wetter ist schöner, woll?! Sicher.
Hinter Freienohl, wo die Ruhr lieblich mäandert, sucht eine Einheimische Anschluss. Die flotte 50-plus-Raddame dreht ihre Feierabendrunde. In Uentrop leitet sie uns durch die »Negersiedlung«. »Die heißt so, weil hier alle Häuser schwarz gebaut wurden.« Später radeln wir in weitem Bogen um den »Millionenberg«. Hier drohe immer wieder Steinschlag, der Hang müsse daher immer wieder abgestützt werden und verschlinge Unsummen. Vor uns liegt schon das Etappenziel Arnsberg (sprich: Aansberch), auf dem Bergrücken thront die kurfürstliche Schlossruine. Unsere Raddame macht kehrt. Schade. Nette Dönekes ortskundiger Begleiter geben dem Weg die Würze.
Das Hotel Menge an der Schlacht gehört zum Netzwerk der radfahrerfreundlichen »Qualitätsbetriebe RuhrtalRadweg«. Schlacht, weil hier früher das gestaute Wasser in die höher gelegene Altstadt gepumpt wurde, erzählt uns Inhaber Christoph Menge. Natürlich hofft Menge, der eine feine regionale Küche anbietet, dass jetzt mehr Radtouristen absteigen.
Der nächste Morgen. Niedereimer. Obereimer. Alles im Eimer: Haben wir das Schild übersehen? Wir landen in einer Schlafsiedlung. Bruchhausen. Dort versetzen gerade zwei Arbeiter in orangefarbenen Overalls ein Radweg-Schild, das vorher »total dösig« platziert gewesen sei. Aber je weiter wir ins Ruhrgebiet kommen, desto weniger kann schief gehen, weil der Weg jetzt meist am Flussufer verläuft. Schön und eben. Wir passieren goldgelbe Rapsfelder, sattgrüne Wiesen und mausgraue Äcker, Herrenhäuser und Wasserschlösser, Ruhrauen, in denen Eisvögel nisten und Kröten laichen. Machen Rast in der Kornbrennerei Bimberg und auf dem Biolandhof Ohler Mühle. Treffen überall sportive Rentler – diese Spezies von Rentner und Radler, die meist im männlichen Doppelpack auftritt.
An der ehemaligen Zeche Nachtigall kommen auch wir nicht vorbei. Die Wiege des Ruhrbergbaus im lauschigen Muttental bei Witten, die erste Tiefbauzeche des Reviers, aus der das »schwarze Gold« zutage gefördert wurde, ist heute ein Industriemuseum mit Zechen- und Ziegeleigebäuden, Besucherstollen und Bethaus der Bergleute.
Ein paar Radlängen weiter bringt uns die kleine Fähre Hardenstein , nach der nahen Burgruine benannt, ans andere Flussufer zur Schleuse Herbede. Das mit Wasserkraft betriebene, extra für den neuen Radweg gefertigte Schiffchen hat in der ersten Woche schon 3000 Personen in 420 Fahrten übergesetzt. Zwischen Bochum und Essen radeln wir dann ganz entspannt auf alten Leinpfaden, auf denen im 19. Jahrhundert Arbeitspferde die Kohlekähne stromaufwärts treidelten. Knorrige Weiden tauchen ihre Äste ins Wasser, Schwäne und Kanuten teilen sich den Fluss. Diesseits ruft ein Kuckuck, jenseits quaken Frösche.
Das alles ändert sich schlagartig am Essener Baldeneysee, einem von fünf Stauseen im mittleren Ruhrtal. Vor allem bei Wochenend und Sonnenschein wie heute. Dann tobt der Kampf der Freizeitsportkulturen: Fußgänger und Radfahrer, Jogger und Inline-Skater, alle kommen sich auf dem jetzt ziemlich breiten Weg am Hardenbergufer sehr nahe, manchmal auch böse in die Quere. Tack, tack, tack stöckelt eine Nordic-Walking-Kampftruppe in breiter Front über den Asphalt. »Die kannze alle inne Tonne kloppen«, mosert eine gewöhnliche Spaziergängerin. Am Haus Scheppen, früher ein adliges Lehnsgut, gesellt sich noch die Biker-Fraktion dazu, Ledermänner und -frauen aus DU, MH, OB und BO mit ihren knatternden Kisten.
Über dem Lastkahn »Angelika« taucht die Sonne zartrosa ins Wasser
Bei Kettwig hat sich die Ruhr ausgestaut. Vorbei an eingezäunten Flächen zur Wassergewinnung führt jetzt der holprige Schotterpfad gnadenlos auf die Autobahnbrücke aus turmhohen Betonstelzen zu, die das Flusstal überspannt und die Bauernhäuser und Pferdekoppeln darunter wie Märklin-Spielzeug aussehen lässt. In Mülheim haben die Planer den Radweg mit viel Geschick zusammengepuzzelt, er führt durch den Schlossgarten Broich und über den Naturlehrpfad, durch die Styrumer Ruhraue zum imposanten Wasserturm mit dem multimedialen Wassermuseum.
Es dämmert schon. Zeit zum Endspurt. In Duisburg-Ruhrort wird die Ruhr im labyrinthischen Hafengebiet noch einmal industriell hart rangenommen. Wir finden unseren Weg auf dem geschotterten Deich zwischen Fluss und Rhein-Herne-Kanal, zwischen Hafenarmen und Schleusenbecken mit Blick auf Halden von Kohle und Altmetall, Containertürme und Dutzende von Kränen. Dann verschwindet die Ruhr im Rhein. Von der Promenade mit der Schifferbörse und dem Museumsschiff Oskar Huber schauen wir auf die mächtige Stahlstele »Rheinorange«, eine Landmarke, die das Flussende signalisiert.
Die alte Ruhr hat alles gegeben, sie war Energiequelle und Wasserlieferant, Transportweg und Erholungsraum. Die junge Radroute an ihrer Seite hat hingegen noch Luft nach oben. Über Angelika, dem rheinabwärts tuckernden Lastkahn, taucht die Sonne zartrosa ins Wasser. Auf einer Decke am Ufer sitzen zwei junge Türkinnen, vor ihnen liegen Schulhefte. Die eine gibt der anderen Nachhilfe in Deutsch. »Es heißt: Meine Eltern warten auf mich. Auf wen warten sie? Auf mich. Verstehst du?«
Wir beißen in eine Currywurst, dann ist auch für uns Schicht im Schacht.
INFORMATION
ANREISE: Der Dortmund-Sauerland-Express RE57 verkehrt ab 6.42 Uhr alle zwei Stunden von Dortmund nach Winterberg. Vom Bahnhof ist der Ruhrtalweg ausgeschildert. In allen Nahverkehrszügen können Räder mitgenommen werden. Wer nur Teilstrecken fahren oder eine Tagestour machen möchte, hat es nie weit bis zum nächsten Bahnhof
KARTE: Spiralo-Radwanderkarte Ruhrtalradweg im Maßstab 1:50000, Bielefelder Verlag, 9,95 Euro
FÄHRE: Die Ruhrtalfähre in Witten verkehrt täglich auf Zuruf von 9 bis 20 Uhr (mittwochs ab 12 Uhr)
UNTERKUNFT: Als »Qualitätsbetriebe Ruhrtal- Radweg« firmieren fahrradfreundliche Unterkünfte wie Hotel Menge, Ruhrstr. 60, Arnsberg (Tel. 02931/52520, www.hotel-menge.de ), Doppelzimmer von 73 bis 105 Euro, feine regionale Küche; Ringhotel Zweibrücker Hof in Herdecke (Tel. 02330/6050, www.riepe.com ), DZ ab 94 Euro
VERANSTALTER: Büscher Reisen (Tel. 0234/5891898, www.buescherreisen.de ) bietet begleitete (ab 219 Euro) und unbegleitete Touren (ab 175 Euro) von drei bis sechs Tagen an. Das sechstägige Ruhrvergnügen mit Tagesetappen von 30 bis 64 Kilometern kostet ab 295 Euro und ist über Sauerland-Hotline zu buchen
AUSKUNFT: Info-Hotline Sauerland: 01805-096980, Info-Hotline Ruhrgebiet: 01805-181630, www.ruhrtalradweg.de
- Datum 28.06.2006 - 08:06 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.06.2006
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