Sachbuch Auf der Schneckenspur

Eric Kandel, der große alte Mann der Gedächtnisforschung, beschreibt die Geschichte einer neuen Wissenschaft des Geistes.

A plysia californica ist eine ziemlich fette Schnecke, der man in freier Wildbahn eher ungern begegnet. Sie ist bis zu 75 Zentimeter lang, wiegt drei Kilo und ist zu nicht allzu viel in der Lage, außer in Gefahr einen Schwall Tinte auszustoßen und ihr Geschlecht zu wechseln, wenn ansonsten kein geeignetes Paarungsobjekt verfügbar ist. Die Schlichtheit von Aplysias Gemüt beruht darauf, dass sie insgesamt mit nur etwa 20000 Neuronen zurechtkommen muss; das System, das sie zum Lernen verwendet, umfasst nicht mal 100 Neuronen. Ein Säugetierhirn wendet mindestens eine Billion Nervenzellen auf, um das Dasein zu bewältigen, und vor diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass insbesondere Menschen und Schnecken nicht viel gemein haben – schon gar nicht, was ihren Geist angeht.

Eric Kandel, der im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie bekommen hat und als bedeutendster Gedächtnisforscher der Gegenwart gilt, war da ganz anderer Auffassung und hat den größten Teil seines Forscherlebens damit zugebracht, die basalen Funktionen der Gedächtnisarbeit an der dummen Aplysia zu studieren. Weil er ganz zu Recht davon ausging, dass sie dieselben sind wie beim Menschen.

Aplysias neuronale Schlichtheit bedeutet aus Sicht der Forschung gegenüber dem unendlich komplexen Nervensystem des Menschen einen erheblichen Vorteil: Denn die Schaltkreise, die Aplysias Neuronen aufgrund von Umwelterfahrungen ausbilden, sind einfach überschaubar; einige ihrer Nervenzellen sind gar mit bloßem Auge erkennbar. Wenn die Schnecke also auf eine bestimmte Reaktion hin konditioniert wird, kann man an ihrer neuronalen Architektur ablesen, welches Verschaltungsmuster damit ausgebildet wird, und mit unterschiedlich intensiven Konditionierungstrainings kann man auch nachzeichnen, wie Aplysia dauerhafte oder auch nur temporäre Erinnerungen bildet.

Damit sind die zwei wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen Kandels benannt. Er hat nämlich mit Hilfe der Schnecke zeigen können, wie Gedächtnis auf der biologischen Ebene funktioniert, wie also das komplexe Zusammenspiel zwischen Umwelterfahrung und synaptischen Verschaltungen verläuft. Und in einem zweiten Schritt hat er zeigen können, wie aus dem Kurzzeitgedächtnis jene »Erinnerungen« in Langzeitspeicherung überführt werden, die man dauerhaft gebrauchen kann.

Da diese Prozesse auf der neuronalen Ebene evolutionär konserviert sind, also beim Wurm nicht anders ablaufen als beim Nobelpreisträger, hat Kandel eine Tür zur Funktionsweise des Geistes dort geöffnet, wo vor ihm niemand eine gesehen hatte. Sein wissenschaftliches Credo liegt entsprechend im Reduktionismus, also im Aufsuchen der niedrigsten Beschreibungsebene eines komplexen Vorgangs.

Im Licht der Biologie lässt er die Psychoanalyse wiederauferstehen

Kulturwissenschaftler und Psychoanalytiker reagieren auf reduktionistische Forschungsprogramme wie der Pawlowsche Hund und lehnen sie reflexhaft ab. Schließlich haben sie es mit den vorläufig komplexesten Erscheinungsformen des Universums zu tun: dem menschlichen Geist und seinen kulturellen Erzeugnissen. Die Vorstellung, man könnte mit Tiermodellen auch nur irgendetwas über die Funktionsweise des menschlichen Geistes herausfinden, scheint ihnen völlig absurd, aber vielleicht ist es an dieser Stelle wichtig, zu erwähnen, dass Kandel ursprünglich aus der Psychoanalyse kommt und dieser ersten wissenschaftlichen Liebe bis heute die Treue hält.

Wie seine Autobiografie Auf der Suche nach dem Gedächtnis genauso wie die Aufsatzsammlung Die neue Biologie des Geistes zeigt, tritt er mit seinem reduktionistischen Programm sogar an, die Psychoanalyse gegen die Psychoanalytiker zu verteidigen, die er vor allem angreift, weil sie es versäumt hätten, eine wissenschaftliche Verifizierung ihrer theoretischen Annahmen und der Wirkungsweise ihrer therapeutischen Interventionen zu leisten.

An der Harvard Medical School, die in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die wichtigste psychiatrische Ausbildungsstätte überhaupt war, verordnete man Kandel und seinen Kommilitonen zu Beginn der Ausbildung gar, das Lesen von Fachliteratur einzustellen – weil das Lesen nämlich »mit der Fähigkeit des Arztes interferiere, den Patienten zuzuhören«, was die Wahrnehmung von deren Problemen erheblich verzerre.

Kandels Bericht über den »intellektuellen Abstieg« der Psychoanalyse in jener Zeit gehört zu seinen interessantesten autobiografischen Aufzeichnungen. Wissenschaftlich resultierte aus der Selbstgenügsamkeit des analytischen Purismus folgerichtig das Problem, dass die einfache Addition von Fallbeschreibungen irgendwann keinen Erkenntnisgewinn mehr abwirft, weil das Leben so bunt dann doch nicht ist. Da die Fallbeschreibungen überdies allein auf die subjektive Deutung des jeweiligen Analytikers zurückgingen, fehlte auch jeder verifizierbare Befund über die Indikation und Wirksamkeit psychoanalytischer Interventionen. Kandel selbst zog daraus den Schluss, dass es besser sei, der Psychoanalyse den Rücken zu kehren und dem Geist mit Hilfe der Biologie nachzuspüren.

Aber von dort aus ist er wieder zurückgekehrt. Kandels Programmatik zur Resurrektion der Psychoanalyse im Licht der Biologie findet sich in einem 1979 verfassten Text mit dem Titel Psychotherapie und die einzelne Synapse. Jedes Gespräch zwischen Menschen, argumentiert er dort, habe eine direkte Wirkung auf die neuronale Struktur der Gehirne der Beteiligten. »Tatsächlich«, so Kandel, »würde ich behaupten, dass die psychotherapeutische Intervention nur insoweit Veränderungen im Geist der Patienten hervorruft, insofern unsere Worte Veränderungen in den Gehirnen der anderen erzeugen.« In dieser Perspektive verschmelzen biologische und psychologische Perspektiven auf das Bewusstsein, und hier findet Kandel den Ansatzpunkt für die von ihm propagierte neue Biologie des Geistes.

Gehirne strukturieren sich nach der Erfahrung – gerade beim Menschen

Dass sein Forschungsprogramm in methodischer Hinsicht reduktionistisch ist, keineswegs aber in theoretischer, erschließt sich vor allem anhand von Kandels Autobiografie, in der er sein Interesse am Gedächtnis mit seiner frühen Erfahrung der erzwungenen Emigration aus dem Wien der dreißiger Jahre in Zusammenhang bringt: »Wie hinterließ die Wiener Vergangenheit ihre bleibenden Spuren in den Nervenzellen meines Gehirns? (…) Wie vermochte der Schrecken das Hämmern an unserer Wohnungstür so dauerhaft in das molekulare und zelluläre Gefüge meines Gehirns einzubrennen, dass ich das Erlebnis mehr als ein halbes Jahrhundert später in allen visuellen und emotionalen Einzelheiten wieder aufleben lassen kann?«

Sowohl die Autobiografie als auch die Aufsatzsammlung führen in beeindruckender Weise vor, wie eine Forscherpersönlichkeit vom Rang Kandels ihre Fragestellungen entwickelt und, vor allem, wie ein solcher Forscher sie in experimentelle Designs übersetzt, also empirisch zugänglich macht. Insofern kann man beide Bücher all jenen empfehlen, die wissen wollen, wie man Wissen erzeugt. Zugleich unterstreichen die Berichte Kandels einmal mehr, dass die Dualismen von Geist und Gehirn, Natur und Kultur, Anlage und Umwelt Schnee von vorgestern sind: Gehirne strukturieren sich in Abhängigkeit von Erfahrung, und das gilt für das menschliche Gehirn mehr als für jedes andere Nervensystem der Biosphäre.

Was Kandel auf der Ebene der Forschung vorzuweisen hat, ist eindrucksvoll und nach wie vor richtungweisend. Im Fall seiner Autobiografie wird sein Weg zur Erkenntnis durchgängig in die Lebensgeschichte eingebunden – eine intellektuelle Reise, die im europäischen Denken des 20. Jahrhunderts beginnt und in einen amerikanisch geprägten intellektuellen Pragmatismus des 21. Jahrhunderts mündet, in dem es auch normal ist, dass 80-jährige Nobelpreisträger Start-ups gründen und erfolgreiche Jungunternehmer werden.

Mit dieser Geschichte eines Wanderers zwischen den Disziplinen werden einem nicht nur einmal mehr die Diskrepanzen zwischen den akademischen Kulturen diesseits und jenseits des Atlantiks vorgeführt, sondern auch die Tiefenwirkung historischer Erfahrungen wie die der nationalsozialistischen Judenverfolgung, die Kandels Autobiografie wie ein subkutanes Leitmotiv durchzieht.

Freilich wird den Lesern in beiden Büchern einiges abverlangt, denn es liegt in der Natur der Sache, dass die Texte hybrid sind und zwischen Lebensgeschichte, Theorie und Forschungsergebnissen changieren, die stellenweise für Laien sicher nicht nachzuvollziehen sind. Ein anderes Problem liegt darin, dass die Bücher viele Überschneidungen aufweisen, weshalb es im Großen und Ganzen hinreichend ist, nur eines von beiden zu lesen. Wer sich mehr für die Lebensgeschichte Kandels interessiert, ist mit der Suche nach dem Gedächtnis besser bedient; wem eine Renaissance der Psychoanalyse am Herzen liegt, der sollte sich der Aufsatzsammlung widmen. In beiden Fällen bekommt man aber eine Einführung in eines der faszinierendsten Gebiete der Wissenschaft der Gegenwart, und man bekommt diese von einer Person, die einen jenen Weg mitgehen lässt, den ihr eigenes Denken zurückgelegt hat.

 
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