In den kommenden Wochen werden Millionen von Schülern in Deutschland ihre Zeugnisse bekommen. Für viele wird es ein schrecklich-schöner Moment sein, und manchen wird er unvergesslich bleiben – als Augenblick narzisstischen Selbstgenusses oder als Stoff für wiederkehrende Albträume. Im Moment der Zeugnisvergabe schießt die Spannung des Schülerlebens zusammen. Jeder Schüler hofft, die eigene Leistung anerkannt und gewürdigt zu finden. Das geht aber nur im Vergleich mit den Leistungen der anderen – was natürlich die Gefahr der Enttäuschung mit sich bringt, wenn die anderen einen überflügeln. Mit ihren Kindern fiebern auch die Eltern, so sehr sie auch versuchen mögen, es sich nicht anmerken zu lassen, um die Sache für die Kleinen nicht noch stressiger zu machen: Sie freuen sich über den Ehrgeiz ihrer Kinder – und fürchten doch nichts so sehr wie deren Frustration durch schlechte Noten. Kinder sind stolz darauf, wenn sie sich vor anderen auszeichnen können BILD

Mitten hinein in diese alljährlich wiederkehrende Grundgereiztheit vor den großen Ferien platzt die Forderung: Schafft die Noten ab! Die Lehrergewerkschaft GEW verlangt: »Ermutigung statt Notenschock!« Statt Ziffernnoten sollen »alternative Beurteilungsverfahren« ausgeweitet werden. Die stellvertretende Vorsitzende der GEW, Marianne Demmer, warnt: »Besonders junge Kinder reagieren sehr sensibel auf Entmutigungen durch Notenschocks. Ziffernnoten vertragen sich nicht mit individueller Förderung.« Sie beruft sich dabei auf eine neue Studie im Auftrag des Grundschulverbands, in der festgestellt wird, Noten seien informationsarm, würden oft ohne einsichtige Kriterien vergeben und täuschten Objektivität nur vor. Vor allem aber würden Noten »durch die Dominanz des sozialen Vergleichs demotivierend« auf die Schüler wirken. »Ziffernnoten sind zu ersetzen durch differenziertere Formen der Dokumentation und der Bewertung von Leistungen«, schreiben die Forscher um den Pädagogen Hans Brügelmann in den Schlussfolgerungen ihrer Studie. Auf Zeugnissen, die Noten enthalten, müssten nach Meinung der Notengegner eigentlich Warnhinweise angebracht werden: »Die Kultusminister warnen: Noten können die Entwicklung ihres Kindes gefährden.«

Noten sind gefährlich für Kinder? Seltsam: Die Kinder aus der Klasse meiner Tochter freuen sich darauf, dass sie von der dritten Klasse an endlich Noten auf dem Zeugnis bekommen werden. Schulkinder haben offenbar zu Noten ein viel unbefangeneres Verhältnis als die Experten, die sie davor beschützen wollen. Kinder nehmen die Sache eher sportlich. Meine Tochter und ihre Freunde sind froh, die »differenzierteren Formen der Bewertung« hinter sich zu lassen. In Berlin bekommen Grundschüler, wie fast überall in Deutschland, in den ersten beiden Schuljahren keine Ziffernnoten, sondern verbale Bewertungen. Die Kinder können die ausformulierten Zeugnisse aber meist nur mit Hilfe der Erwachsenen verstehen (manchmal auch dann nicht, denn den Eltern fällt es selbst schwer). Ich habe meine Tochter gefragt: »Wie findest du es, dass du jetzt Noten bekommst? »Super.« – »Warum?« – »Weil man dann endlich weiß, wie gut man ist.« – »Und wenn man eine schlechte Note bekommt?« – »Dann soll man nicht traurig sein und sich nächstes Mal einfach mehr anstrengen.« So pragmatisch sehen es fast alle Kinder. In der Welt der Experten jedoch hält man den Spaß an Noten und am Leistungsvergleich für falsches Bewusstsein, das es zu bekämpfen gilt. Und so wird alljährlich zur Zeugniszeit eine neue Angstkampagne gegen Noten gestartet.

Aber nicht nur Kinder wollen Noten, auch Eltern zeigen sich zum Ärger der Notengegner zunehmend uneinsichtig. »Die Notengläubigkeit von Eltern und Wirtschaft verblüfft mich«, sagte die GEW-Vorsitzende bei einer ihrer letzten Kampagnen für die Schule als notenfreie Zone. »Zeugnisnoten… teilen mit, wo ein Schüler oder eine Schülerin nach Auffassung der Lehrkräfte im Vergleich mit den Klassenkameraden steht. Sie sagen aber nichts darüber, wo die Stärken und Schwächen im Einzelnen liegen.«

Das ist zweifellos richtig, wie ich aus eigener schmerzvoller Erfahrung bestätigen kann. Der Abstand zwischen X, dem Rechen-As, und mir, dem für Mathematik unempfänglichen Schüler, der für kleine Erfolge endlos pauken musste, war schier unüberbrückbar. Mich hat es – weiß Gott – viel mehr gekostet, in Mathe von der permanenten Vier auf eine Drei minus zu kommen, als den schlauen X seine ewige Eins, die er abonniert zu haben schien. Mein mit Blut, Schweiß und Tränen erkaufter Leistungssprung vom »ausreichend« zum »befriedigend« verblasste vor X elegantem, weder von der Differentialrechnung noch von der Integralrechnung aufzuhaltendem Höhenflug. Dabei war er nicht einmal ein Streber! Wie ungerecht: Meiner Drei konnte man den Triumph des Willens nicht ansehen und X's Eins nicht die Leichtigkeit, mit der er sie erzielte. Aber andererseits war in dem nicht weiter zu schließenden Abstand zwischen meiner erkämpften Drei minus und seiner zugeflogenen Eins plus etwas Wahres ausgedrückt. Ich muss mir eingestehen: Meine Mathe-Noten waren leider sehr wohl objektiv. Ich hatte weniger Talent, ich war (in Mathe) faul, und ich war mir dessen voll bewusst. Wenn man mir gesagt hätte, die Darstellung des Leistungsabstandes zwischen X und mir in Ziffernnoten sei »demotivierend« für mich, hätte ich gelacht.

Noten haben meine Freude am Lernen von Beginn an bestärkt. Anfang der siebziger Jahre gab es sie in Nordrhein-Westfalen noch von der ersten Klasse an – und ich war gleich begeistert davon. Die Noten waren ein Zeichen dafür, dass man ernst genommen wurde. Man war nun kein Kindergartenkind mehr, und die Leistung, die man erbrachte, zählte etwas. Mit den Noten hatte man etwas zum Vorzeigen, und wenn es mit rechten Dingen zuging, wurde man für gute Noten auch belohnt. Ich bekam für jede Eins fünf Mark, eine stattliche Summe, und der Triumph, mit dem Klassenarbeitsheft oder dem Zeugnis bei meinen stolzen Eltern abkassieren zu gehen, wird mir immer unvergesslich bleiben. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es die Notengegner angesichts dieser steinzeitlichen Motivationspraxis vor Widerwillen schüttelt – denn mit der Fünfmarksgratifikation wurde das teuflische Prinzip der Benotung ja gewissermaßen noch verdoppelt. Es hat aber ziemlich gut gewirkt (außer in Mathe, wo einfach nichts zu holen war). Das Geld war wie die Note ein Zeichen, dass es auf meine Erfolge ankam. Und außerdem konnte man eine Riesenmenge Panini-Fußballbilder davon kaufen.

Die guten Noten in meinen Lieblingsfächern waren für mich Eintrittsbilletts in eine andere, weiter gespannte und anregendere Welt als die meiner bildungsfernen Herkunft. Meine Einsen in Deutsch, später auch in Französisch und Philosophie, konnte mir keiner nehmen. Man konnte sie auch nicht umdeuten. Sie waren die harte Währung, mit der ich mir als Erster in der Familie gegen alle Wahrscheinlichkeit den Eingang ins Gymnasium und in die Universität erkaufen konnte. Meine Eltern haben mir wegen meiner schlechten Noten nie die Hölle heiß gemacht. Sie haben sie als Hinweise auf Schwächen und Faulheiten gelesen, die mit etwas gutem Willen und Disziplin überwindbar waren. Es war ein Triumph, wenn man als Bildungsaufsteiger den Sohn des Anwalts, die Tochter des mächtigen CDU-Lokalpolitikers schlagen konnte – ausweislich der Noten, die nun einmal schwarz auf weiß auf dem Zeugnis standen. Man konnte sie eben nicht so oder auch anders lesen, wie jene schwammigen Beurteilungen, die uns die Notengegner nun schon seit Jahrzehnten als pädagogisches Allheilmittel ans Herz legen. Der Besuch des Gymnasiums war mir nicht zu verwehren und später auch nicht das Studium. In den schriftlichen und mündlichen Beurteilungen, in den Prognosen für meine Schullaufbahn, hatte es nicht so eindeutig ausgesehen. Die Noten haben mich gerettet.