BewertungKinder wollen Noten

Die Lehrergewerkschaft fordert, Zensuren abzuschaffen. Dabei sind sie für Schüler der Beweis, dass Leistung zählt. von 

In den kommenden Wochen werden Millionen von Schülern in Deutschland ihre Zeugnisse bekommen. Für viele wird es ein schrecklich-schöner Moment sein, und manchen wird er unvergesslich bleiben – als Augenblick narzisstischen Selbstgenusses oder als Stoff für wiederkehrende Albträume. Im Moment der Zeugnisvergabe schießt die Spannung des Schülerlebens zusammen. Jeder Schüler hofft, die eigene Leistung anerkannt und gewürdigt zu finden. Das geht aber nur im Vergleich mit den Leistungen der anderen – was natürlich die Gefahr der Enttäuschung mit sich bringt, wenn die anderen einen überflügeln. Mit ihren Kindern fiebern auch die Eltern, so sehr sie auch versuchen mögen, es sich nicht anmerken zu lassen, um die Sache für die Kleinen nicht noch stressiger zu machen: Sie freuen sich über den Ehrgeiz ihrer Kinder – und fürchten doch nichts so sehr wie deren Frustration durch schlechte Noten.

Mitten hinein in diese alljährlich wiederkehrende Grundgereiztheit vor den großen Ferien platzt die Forderung: Schafft die Noten ab! Die Lehrergewerkschaft GEW verlangt: »Ermutigung statt Notenschock!« Statt Ziffernnoten sollen »alternative Beurteilungsverfahren« ausgeweitet werden. Die stellvertretende Vorsitzende der GEW, Marianne Demmer, warnt: »Besonders junge Kinder reagieren sehr sensibel auf Entmutigungen durch Notenschocks. Ziffernnoten vertragen sich nicht mit individueller Förderung.« Sie beruft sich dabei auf eine neue Studie im Auftrag des Grundschulverbands, in der festgestellt wird, Noten seien informationsarm, würden oft ohne einsichtige Kriterien vergeben und täuschten Objektivität nur vor. Vor allem aber würden Noten »durch die Dominanz des sozialen Vergleichs demotivierend« auf die Schüler wirken. »Ziffernnoten sind zu ersetzen durch differenziertere Formen der Dokumentation und der Bewertung von Leistungen«, schreiben die Forscher um den Pädagogen Hans Brügelmann in den Schlussfolgerungen ihrer Studie. Auf Zeugnissen, die Noten enthalten, müssten nach Meinung der Notengegner eigentlich Warnhinweise angebracht werden: »Die Kultusminister warnen: Noten können die Entwicklung ihres Kindes gefährden.«

Noten sind gefährlich für Kinder? Seltsam: Die Kinder aus der Klasse meiner Tochter freuen sich darauf, dass sie von der dritten Klasse an endlich Noten auf dem Zeugnis bekommen werden. Schulkinder haben offenbar zu Noten ein viel unbefangeneres Verhältnis als die Experten, die sie davor beschützen wollen. Kinder nehmen die Sache eher sportlich. Meine Tochter und ihre Freunde sind froh, die »differenzierteren Formen der Bewertung« hinter sich zu lassen. In Berlin bekommen Grundschüler, wie fast überall in Deutschland, in den ersten beiden Schuljahren keine Ziffernnoten, sondern verbale Bewertungen. Die Kinder können die ausformulierten Zeugnisse aber meist nur mit Hilfe der Erwachsenen verstehen (manchmal auch dann nicht, denn den Eltern fällt es selbst schwer). Ich habe meine Tochter gefragt: »Wie findest du es, dass du jetzt Noten bekommst? »Super.« – »Warum?« – »Weil man dann endlich weiß, wie gut man ist.« – »Und wenn man eine schlechte Note bekommt?« – »Dann soll man nicht traurig sein und sich nächstes Mal einfach mehr anstrengen.« So pragmatisch sehen es fast alle Kinder. In der Welt der Experten jedoch hält man den Spaß an Noten und am Leistungsvergleich für falsches Bewusstsein, das es zu bekämpfen gilt. Und so wird alljährlich zur Zeugniszeit eine neue Angstkampagne gegen Noten gestartet.

Aber nicht nur Kinder wollen Noten, auch Eltern zeigen sich zum Ärger der Notengegner zunehmend uneinsichtig. »Die Notengläubigkeit von Eltern und Wirtschaft verblüfft mich«, sagte die GEW-Vorsitzende bei einer ihrer letzten Kampagnen für die Schule als notenfreie Zone. »Zeugnisnoten… teilen mit, wo ein Schüler oder eine Schülerin nach Auffassung der Lehrkräfte im Vergleich mit den Klassenkameraden steht. Sie sagen aber nichts darüber, wo die Stärken und Schwächen im Einzelnen liegen.«

Das ist zweifellos richtig, wie ich aus eigener schmerzvoller Erfahrung bestätigen kann. Der Abstand zwischen X, dem Rechen-As, und mir, dem für Mathematik unempfänglichen Schüler, der für kleine Erfolge endlos pauken musste, war schier unüberbrückbar. Mich hat es – weiß Gott – viel mehr gekostet, in Mathe von der permanenten Vier auf eine Drei minus zu kommen, als den schlauen X seine ewige Eins, die er abonniert zu haben schien. Mein mit Blut, Schweiß und Tränen erkaufter Leistungssprung vom »ausreichend« zum »befriedigend« verblasste vor X elegantem, weder von der Differentialrechnung noch von der Integralrechnung aufzuhaltendem Höhenflug. Dabei war er nicht einmal ein Streber! Wie ungerecht: Meiner Drei konnte man den Triumph des Willens nicht ansehen und X's Eins nicht die Leichtigkeit, mit der er sie erzielte. Aber andererseits war in dem nicht weiter zu schließenden Abstand zwischen meiner erkämpften Drei minus und seiner zugeflogenen Eins plus etwas Wahres ausgedrückt. Ich muss mir eingestehen: Meine Mathe-Noten waren leider sehr wohl objektiv. Ich hatte weniger Talent, ich war (in Mathe) faul, und ich war mir dessen voll bewusst. Wenn man mir gesagt hätte, die Darstellung des Leistungsabstandes zwischen X und mir in Ziffernnoten sei »demotivierend« für mich, hätte ich gelacht.

Noten haben meine Freude am Lernen von Beginn an bestärkt. Anfang der siebziger Jahre gab es sie in Nordrhein-Westfalen noch von der ersten Klasse an – und ich war gleich begeistert davon. Die Noten waren ein Zeichen dafür, dass man ernst genommen wurde. Man war nun kein Kindergartenkind mehr, und die Leistung, die man erbrachte, zählte etwas. Mit den Noten hatte man etwas zum Vorzeigen, und wenn es mit rechten Dingen zuging, wurde man für gute Noten auch belohnt. Ich bekam für jede Eins fünf Mark, eine stattliche Summe, und der Triumph, mit dem Klassenarbeitsheft oder dem Zeugnis bei meinen stolzen Eltern abkassieren zu gehen, wird mir immer unvergesslich bleiben. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es die Notengegner angesichts dieser steinzeitlichen Motivationspraxis vor Widerwillen schüttelt – denn mit der Fünfmarksgratifikation wurde das teuflische Prinzip der Benotung ja gewissermaßen noch verdoppelt. Es hat aber ziemlich gut gewirkt (außer in Mathe, wo einfach nichts zu holen war). Das Geld war wie die Note ein Zeichen, dass es auf meine Erfolge ankam. Und außerdem konnte man eine Riesenmenge Panini-Fußballbilder davon kaufen.

Die guten Noten in meinen Lieblingsfächern waren für mich Eintrittsbilletts in eine andere, weiter gespannte und anregendere Welt als die meiner bildungsfernen Herkunft. Meine Einsen in Deutsch, später auch in Französisch und Philosophie, konnte mir keiner nehmen. Man konnte sie auch nicht umdeuten. Sie waren die harte Währung, mit der ich mir als Erster in der Familie gegen alle Wahrscheinlichkeit den Eingang ins Gymnasium und in die Universität erkaufen konnte. Meine Eltern haben mir wegen meiner schlechten Noten nie die Hölle heiß gemacht. Sie haben sie als Hinweise auf Schwächen und Faulheiten gelesen, die mit etwas gutem Willen und Disziplin überwindbar waren. Es war ein Triumph, wenn man als Bildungsaufsteiger den Sohn des Anwalts, die Tochter des mächtigen CDU-Lokalpolitikers schlagen konnte – ausweislich der Noten, die nun einmal schwarz auf weiß auf dem Zeugnis standen. Man konnte sie eben nicht so oder auch anders lesen, wie jene schwammigen Beurteilungen, die uns die Notengegner nun schon seit Jahrzehnten als pädagogisches Allheilmittel ans Herz legen. Der Besuch des Gymnasiums war mir nicht zu verwehren und später auch nicht das Studium. In den schriftlichen und mündlichen Beurteilungen, in den Prognosen für meine Schullaufbahn, hatte es nicht so eindeutig ausgesehen. Die Noten haben mich gerettet.

In den ersten Klassen, die meine Kinder besuchen, gibt es nur schriftliche Beurteilungen am Jahresende. Den Notengegnern reicht das aber nicht. Sie möchten Noten am liebsten ganz aus der Schule verbannen. Man glaubt, damit nicht nur den Kindern, sondern auch den Lehrern etwas Gutes zu tun. Denn die Lehrer befinden sich in dem ständigen Dilemma, einerseits individuell fördern zu sollen, andererseits jedoch Noten erteilen zu müssen, die weitreichende Folgen haben können. Denn Noten entscheiden über Versetzung und die Förderempfehlung, mithin über das schulische Schicksal der Kinder.

Die Notengegner möchten dieses Dilemma mit »Wortgutachten« und »Lernberichten« auflösen. Man verspricht »Leistungsfeststellung ohne Schrecken« durch Lese-Ausweis, Forscherdiplom, Mathe-Pass, Einmaleins-Ausweis, Lerntagebuch und ähnliche Formen notenfreier Beurteilung. Solche Instrumente können sicher in Grenzen sinnvoll sein. Aber sie sind kein Ersatz für ein aussagefähiges Zeugnis, das dem Schüler den Übergang von einer Schule zur nächsten und schließlich aus der Welt der Schule ins wirkliche Leben ermöglicht. Es ist sicher gut gemeint, wenn man mit solchen Bewertungsmethoden, die das Urteil verschleiern, den Vergleichs- und Selektionsdruck aus der Schule zu nehmen versucht. Wer aber jemals Grundschüler beobachtet hat, wie sie ihre Wortzeugnisse vergleichen, wird das für vergebliche Mühe halten. Die Schüler werden nämlich mit der Zeit ziemlich gut darin, sich jene Formeln, mit denen die Lehrer sie beschreiben, in Noten rückzuübersetzen. Sie wissen nach einer Weile genau, welche Formulierung einer Eins, einer Drei, einer Fünf entspricht.

Warum sind so viele Schüler und Eltern mit den Wortzeugnissen nicht zufrieden? Es liegt eine Aura der Unehrlichkeit und Ängstlichkeit selbst noch über den gelungeneren Exemplaren. Das ist nicht die Schuld der Lehrer. Der Fehler steckt im System. Wenn aber das Zeugnis prinzipiell eine angenehme Botschaft haben soll, damit es die »positive Beziehung« zwischen Schüler und Lehrer verstärkt, dann ist eine ehrliche Darstellung der Defizite nahezu unmöglich. Die meisten Lehrer halten die Zeugnisse absichtlich im Ungefähren und Formelhaften. Es wäre im Übrigen auch viel zu hart, ausführlich und detailreich das Unerfreuliche in einem Zeugnis auszubreiten. Details zum unerwünschten Sozialverhalten von Schülern, aber auch zu erfreulichen Entwicklungen, gehören in ein vertrauensvolles Gespräch, nicht in ein Dokument, das einen Menschen ein Leben lang begleitet. Man sollte einmal darüber nachdenken, ob die zu Recht beklagte Undurchlässigkeit des deutschen Schulsystems durch Wortzeugnisse nicht noch verstärkt würde: Gegen ungerechte Noten kann man protestieren, gegen ein – jedenfalls dem Anspruch nach – gewissenhaftes und individuelles Berichtszeugnis nicht. Eine Fünf in Musik ist dazu da, revidiert zu werden. Die Aussage, »im musischen Bereich lässt Jörg es an Einfühlsamkeit fehlen«, wirkt wie ein Urteil über einen Charakterzug.

Lehrer, die am Schuljahresende 30 Zeugnisse schreiben müssen – natürlich alle hoch sensibel und individuell –, sind nicht zu beneiden. Es ist unvermeidlich, sich dabei bestimmte Formeln zurechtzulegen, die man dann für Robert, Jasmin und Lea ein bisschen individualisiert. Zum Glück gibt es dabei jetzt sogar technische Hilfe. Ein Textverarbeitungsprogramm namens Zeugnismaster XP erfreut sich unter gestressten Lehrkräften zunehmender Beliebtheit. Man kann es für 19 Euro aus dem Internet herunterladen. Der einfach zu bedienende Zeugnismaster enthält laut Eigenwerbung »etwa 150 Textbausteine, die zur Formulierung eines Berichtszeugnisses kombiniert werden können. Damit man nicht die Übersicht über die zur Auswahl stehenden Textbausteine verliert, kann man mit nur einem Klick folgende Filterregeln einstellen: gute Schülerleistungen, mittelmäßige Schülerleistungen, schwache Schülerleistungen. Des weiteren sind Textbausteine zum Arbeits- und Sozialverhalten, zu verschiedenen Lernbereichen und zur Förderempfehlung vorhanden. Natürlich können Sie in Ihrem Programm beliebig viele Textbausteine selbst eingeben und damit das Programm erweitern.«

Fehlt bloß noch das Gegenstück – eine Dekodierungs-Software, mit der man die Textbausteine wieder in Noten umrechnen lassen kann. Technisch dürfte auch dies zu lösen sein. Es gibt bereits erste vielversprechende Versuche, die Sprache von Zeugnissen in Noten zurückzuübersetzen. Auf Websites wie www.zeugniscode.de und www.zeugnisdeutsch.de kann man erfahren, welche Noten sich hinter den Phrasen in Zeugnissen verbergen. Was wie Satire klingt, ist doch nur die Absurdität des deutschen Grundschulalltags. Die mit dem Zeugnismaster verschwendete Zeit wäre besser investiert in Ziffernnoten, die in einem ausführlichen Hintergrundgespräch Kindern und Eltern erläutert werden.

Die Notengegner haben in den letzten Jahren einige Rückschläge erlitten: Hessen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg haben bereits mit der Wiedereinführung von Ziffernzeugnissen in Grundschulen experimentiert. Eltern sind mit Ersatzzeugnissen nicht zufriedenzustellen. Sie möchten, dass die Lehrer sich nicht um ein Urteil herummogeln. Warum überhaupt diese Angst vor dem Kind, die dauernde Furcht, es durch Klarheit zu verletzen? Eltern und Kinder wollen Noten, weil sie den Unsinn der codierten Sprache satt haben, die sie sich selbst erst wieder in Klartext übersetzen müssen. Genauso geht es übrigens vielen Lehrern. Sie behalten ihren eigenen Zeugnisfrust angesichts des herrschenden Dogmas allerdings lieber für sich – und werfen dann heimlich doch wieder den Zeugnismaster an.

Kinder wollen Noten, weil sie den Vergleich für ihre Entwicklung brauchen. Was ist daran so skandalös? Vielleicht hat es etwas mit der steigenden Zahl der Einzelkinder in unserer Gesellschaft zu tun, dass die kuriose Idee aufkommen konnte, Vergleichen sei »nicht kindgerecht« – eine böse Erfindung der Erwachsenenwelt mit ihrem »falschen Konkurrenzdenken«. Müsste man dann nicht auch die Bundesjugendspiele mit ihrem Punktsystem abschaffen? Es mag auch eine Rolle spielen, dass wir alle wissen, dass die Schule in einer immer schneller drehenden Welt die Kinder nicht mehr wie ehedem aufs Leben vorbereiten kann. Wir fürchten, dass unsere Kinder es viel schwerer haben werden, sich in der Welt zu orientieren. Und da sind wir unsicher, wie viel Konkurrenz, wie viel Druck wir ihnen zumuten sollen. Sollen wir sie möglichst lange davor beschützen oder sie früh darauf hintrainieren?

Was auch immer wir tun: Alle Kinder vergleichen sich – nicht nur ihre Leistungen, auch ihre Wünsche, ihre Geschmäcker – permanent mit anderen. Wie sonst könnten sie zu Individuen werden, und wie sonst könnten sie teamfähig werden? Es ist darum nicht nur unmöglich, sondern auch gar nicht wünschenswert, das Vergleichen aus der Schule zu verbannen. Es kommt vielmehr darauf an, dass es in einer begeisternden Gemeinschaft geschieht, die auch den Unterlegenen auffängt und ihn zu neuen Anstrengungen ermutigt.

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Leserkommentare
    • daanae
    • 02. Juli 2006 22:19 Uhr

    Dieser Artikel zeigt in anschaulicher Weise die (langfristig)Talent-tötende Wirkung von Schulnoten : Zweifellos gut und richtig geschrieben, jedoch inhaltlich angepasst und an stammtischschlauen Statements orientiert. Kinder werden zu Individuen, indem man ihnen zutraut, zumutet und sie darin unterstützt, sich selbst am besten und vor allem differenziert einschätzen zu können, nicht anhand einer Ziffer oder im Vergleich zu anderen. Und eben das leisten Schulnoten nicht.Meine Tochter lenrt ihre gesamte Grundschulzeit ohne Noten. Sie konnte ein Vierteljahr nach Einschulung fließend lesen und erschließt sich seitdem selbstständig, hungrig ihr "Weltwissen", hält in der 2. Klasse Referate über "Erste Hilfe" und "Ägyptische Geschichte" und läßt ihre MitschülerInnen kollegial und mit Lust an ihrem Wissenserwerb teilhaben.
    Herr Lau, Sie demonstrieren einleuchtend, daß Schulnoten wohl für Eltern wichtig sind, die sowieso der Ansicht sind, daß es "Ihnen ja auch nicht geschadet habe" seien es die Schulnoten oder die unverzichtbare Ohrfeige.
    Im Übrigen würde mich interessieren, ob Sie auch sonst die Befindlichkeiten Ihrer Tochter zum Maßstab Ihrer Bewertung und Ihres Handelns machen. Möglicherweise findet sie es toll, bei Rot über die Straße zu gehen und Sie ignorieren galant wissenschaftliche Studien, die zeigen, daß dies mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu Entwicklungsschäden bei Kindern führt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Medley
    • 21. Oktober 2012 7:00 Uhr

    Lieber Daanae, auch wenn ihr Posting schon über 6 Jahre alt ist:

    "Kinder werden zu Individuen, indem man ihnen zutraut...sich selbst am besten und vor allem differenziert ENSCHÄTZEN zu können, nicht anhand einer Ziffer oder im VERGLEICH zu anderen."

    Wie soll man sich denn "differenziert" einschätzen können, wenn nicht im Vergleich zu einer Referenz, also Fall der Kinder zu anderen Mitschülern? Ob sie groß oder klein sind, dass können sie ja auch nur dann "differenziert" einschätzen, wenn sie dazu eine Referenz, also in dem Fall ein Metermaßband/Zollstock in die Hand nehmen und anhand von...huijuijui..."Ziffern" einen Vergleich zu anderen Menschen gleichen Alters und gleichen Geschlechts nehmen. Beispiel: Männliche Person 40 Jahre alt: 1,90 Meter=> Groß. 1,60 Meter= Klein. Und was nochmal die Differenzierung selbst betrifft: Ja nu, dann könnte man ja zB. die Notengebung auch auf 10, oder 20, oder 60 oder 100 Noten erweitern. Einen "1" ist megatop und eine "100" unterirdisch miserabel. Oder von mir aus auch genau umgekehrt. Ginge ja alles.

    "Herr Lau, Sie demonstrieren einleuchtend, daß Schulnoten wohl für Eltern wichtig sind..."

    Bitte was?" Herr Lau demonstriert vorallem sehr einleuchtend, dass die Noten in dem Wertesystem !der Schüler SELBST! nach deren eigenen authetischen kindlichen Empfinden einen hohen Stellenwert haben, sprich, daß sie für sie ziemlich bedeutsam und sehr wichtig sind. Da wurde nix durch dei Eltern internalisiert. Das kommt alles aus deren Inneren.

    • Medley
    • 21. Oktober 2012 7:36 Uhr

    "...wohl für Eltern wichtig sind, die sowieso der Ansicht sind, daß es "Ihnen ja auch nicht geschadet habe" seien es die Schulnoten oder die unverzichtbare Ohrfeige."

    ??? Wo haben sie denn diese Schlussfolgerung, bzw. Erkenntnis oder auch ursächliche wie begleitende Verbindung aus dem Artikel ableiten können, dass dem Autor oder diverse von ihnen herbeizitierte Eltern der Ansicht sind, daß Noten oder Ohrfeigen etwas lässliches sind, was zwar nicht erfreulich oder erwünscht, jedoch aber auch nicht unbedingt schädlich für ihren Nachwuchs sind?

    "Im Übrigen würde mich interessieren, ob Sie auch sonst die Befindlichkeiten Ihrer Tochter zum Maßstab Ihrer Bewertung und Ihres Handelns machen. "

    So wie ich mir ihr Posting durchgelesen habe, so habe ich den subjektiven Eindruck, das eher sie!(gemäß nach ihrer eigenen Schilderung: "Meine Tochter lernte ihre gesamte Grundschulzeit........läßt ihre MitschülerInnen kollegial und mit Lust an ihrem Wissenserwerb teilhaben.") die Befindlichkeiten ihrer Tochter zum Maßstab der/ihrer Bewertung machen.

  1. Bei Kindern ist das nicht anders als bei Erwachsenen.Es ist unsinnig vorgaukeln zu wollen dass Zensuren fuer Leistung schaedlich sind...das Leben belohnt die Faulen auch nicht! Im Gegenteil.Allerdings ist oft das groesste Handicap fuer die schulische Leistung von Kindern das unfaehige Eltern.Da spielt es keine Rolle ob die Familie Geld hat oder nicht- es gibt ja Beispiele genug die beweisen dass man auch etwas lernen kann ohne ein dickes Scheckbuch- es mag ein bischen laenger dauern- aber es ist machbar.

  2. Meine Tochter hat seit Beginn der 1. Klasse Noten bekommen. Nun ist mein Kind mit Voraussetzungen gesegnet, die es ihr in den mittlerweile fünf Schuljahren äußerst leicht machten, in der Regel sehr gute Noten zu bekommen.
    Meine Frage an den Verfasser des Beitrages gerichtetlautet: "Und was hat sie nun davon?" Weil man in der Schule ja sehr früh lernt, sich nur noch für Noten anzustrengen (was nachgewiesen, keine besonders nachhaltige Form des Lernens ist), ist die Anstrengungsbereitschaft meiner Tochter mittlerweile sehr gering. Wozu auch, wenn man doch eh eine gute Note bekommt. Und das Lehrer in höheren Klassen beklagen, dass die Wahrnehmung einer zurück gegebenen, mit - hoffentlich - viel Engagement geschriebenen und korrigierten Arbeit die Kinder und Eltern in der Regel mit der Sichtung der Note endet, finde ich für meine Kinder auch keine erstrebenswerte Aussicht. Dass Kinder, die in einer Gesellschaft aufwachsen, die sich nur an äußerlich meßbaren Erfolgen orientiert, Fehler statt als Ausgang von Entwicklung als zu vermeidendes Übel hinstellt und in der Reaktion auf konstruktive Kritik nach wie vor in Rechtfertigung, Verteidigung oder Angriff endet, sehr früh auf diese Form der Bewertung warten lässt, da sie ja die einzige scheint, die zählt, lässt mich nicht unbedingt optimistischer in die Zukunft schauen.

  3. Noten bringen Spaß und steigern die Leistungsfreude? Ganz zweifellos, und deshalb empfehle ich Ihnen, Ihre Blattkritik ab sofort durch Ziffernnoten zu ersetzen. Zensiert werden nicht nur sämtliche Artikel – wobei die Skala von 1 bis 6 möglichst vollständig ausgeschöpft werden sollte – sondern auch mündliche Beiträge in der Redaktionskonferenz. Zweimal im Jahr erhalten alle Redakteure ein Zeugnis. Wie Jörg Lau dankenswerterweise nachweist, wird dieser objektive Leistungsvergleich sowohl die Motivation Ihrer Mitarbeiter als auch die Qualität Ihrer Artikel nachhaltig verbessern. Endlich weiß jeder, wie gut er ist und woran er noch arbeiten muss! Zur Verbesserung des Betriebsklimas kann in einem weiteren Schritt die Einführung von Kopfnoten (Ordnung, Pünktlichkeit, Mitarbeit und Benehmen) erfolgen. Ich freue mich schon auf die erste Ausgabe der „Zeit“, die unter diesen Bedingungen entsteht.
    Andrea Teupke, Publik-Forum

  4. Der Artikel erhält von mir eine 4 minus.
    Damit fängt das Problem an: schwungvoll geschrieben (etwa eine 2), mit persönlichen Eindrücken gespickt (auch eine 2) aber wenig allgemeingültig (eine 4 bis 5), wenig belegt (eine glatte 5) und furchtbar einseitig (eine 5).
    Da hat einer wegen der Noten gelernt, aber den eigentlichen Sinn außer Acht gelassen! Eine reduzierte Welt ist einfacher.

  5. „Die EU-Kultusminister warnen:
    Noten können die Entwicklung ihrer Kinder gefährden!“
    Eine Replik auf Jörg Laus „Kinder wollen Noten“
    von Hans Brügelmann, Universität Siegen

    Aus den Aussagen von ein paar informell be-fragten Schülern folgert Lau: „Kinder wollen Noten“ – und darf diese Pauschalisierung mit Großfoto und Text prominent über zwei Sei-ten im LEBEN aufmachen (vgl. DIE ZEIT Nr. 27 v. 29.6.2006). Ganze 14 Zeilen davon sind dem Bezug auf eine Expertise gewidmet, in der unsere Arbeitsgruppe im Auftrag des Grundschulverbands den aktuellen For-schungsstand umfassend und differenziert aufgearbeitet hat. Mehrere hundert Stu-dien sind für dieses Gutachten zusammen-getragen, ausgewertet und interpretiert worden. Doch die persönlichen Erfahrungen eines Einzelnen scheinen der ZEIT hier wichtiger.

    Nach PISA zeigte sich die aufgeklärte Öf-fentlichkeit einig: Es ist ein Skandal, dass das deutsche Schulsystem ein Viertel seiner Schüler ohne zureichende Basiskompeten-zen ins Leben entlässt. Betroffen sind vor allem Kinder aus den unteren sozialen Schichten und aus Migrantenfamilien. Mehr als ein Drittel aller 15-jährigen SchülerIn-nen hat im Laufe ihrer Schulzeit die demü-tigende Erfahrung von Zurückstellung und Sitzenbleiben erlebt. Die Folgen belegt er-neut eine gerade veröffentlichte Befragung der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni Köln: Nach der Angst, ihre Eltern zu verlieren, rangiert unter Jugendlichen die Furcht, in der Schule schlechte Leistungen zu erbringen, an zweiter Stelle.

    Und da kommt der Akademiker Jörg Lau und erzählt in der ZEIT, dass ihn seine schlech-te Mathenote nicht gekränkt habe. Darf man mit persönlichen Zufallserfahrungen in so einer wichtigen Frage Stimmung machen? Laus Tochter gar atmet auf, dass sie endlich Noten bekommt, „weil man dann endlich weiß, wie gut man ist“. Wie „gut“? Genau das ist nämlichdas Fatale: Bewertungen kleiner Leistungsausschnitte werden in unserer Schule zu Urteilen über den ganzen Men-schen, heben ihn empor oder – so die Kehr-seite der Medaille - stoßen ihn hinab.

    Kinder wollen wissen, wo sie stehen, schreibt Lau. So weit, so gut, nur: Eine „3“ in Deutsch sagt dem Schüler nicht, was er kann. Sie sagt ihm allenfalls, ob er mehr o-der weniger kann als seine Klassenkamera-den. Aber offen bleibt, ob er „besser“ ist als andere, weil er in geübten Diktaten nur wenige, aber in freien Texten aber viele Rechtschreibfehler hat, ob er flüssig vorle-sen kann, aber Informationen aus Sachtex-ten nur ungenügend versteht. In der Note verdunstet die Vielfalt des individuellen Leistungsspektrums, der Rest kommt in eine Schublade. Aber auch deren Etikett kann täuschen.

    Gerade lese ich in einer Fallstudie unseres Projekts "Lernbiografien im schulischen und außerschulischen Kontext", dass die 13-jährige Billy in Mathematik zwischen „3“ und „5“ steht, nachdem sie bei der Lehrerin da-vor jahrelang eine „1“ hatte. Weiß Billy dank der Noten tatsächlich, wo sie „wirklich steht“? Und was ist beim Klassenwechsel von Marc? Eben noch bekam er in seiner leistungsstarken Klasse eine „4“, da steigt er nach dem Umzug der Familie auf eine „2“. Weil er jetzt mehr kann?

    Verschiedene Lehrer, wie viele Studien zei-gen, bewerten nach unterschiedlichen Krite-rien, haben unterschiedliche Maßstäbe. In Mathematik beispielsweise ist für den einen der Lösungsweg wichtig, für den anderen zählt nur das richtige Ergebnis. Gibt man dieselben Arbeiten einer größeren Zahl von LehrerInnen zur Bewertung, streuen die Noten über die ganze Skala von „1“ bis „5“ oder gar bis zur „6“. Und das nicht nur im Aufsatz, sondern auch in Rechtschreibung und in Mathematik. Auch für Merkmale der Person wie soziale Herkunft und ethnische Zugehörigkeit, wie Geschlecht und Sprach-gewandtheit lassen sich systematische Ver-zerrungen nachweisen.

    Jörg Lau hat Recht: Verbale Beurteilungen sind nicht objektiver. Aber sie beanspru-chen dies auch nicht und sie machen die Subjektivität des Lehrerurteils durchsich-tig und diskutierbar. Natürlich ist es nicht damit getan Ziffern durch Wörter zu er-setzen, und leider trifft Laus Karikatur der wechselseitigen Übersetzung von Noten in Textbausteine und umgekehrt eine immer wieder zu beobachtende Praxis in den Schu-len. Unser Gutachten spricht dieses Problem sehr deutlich an und macht Vorschläge zu seiner Überwindung. Die Chance von Berich-ten liegt aber darin, dass sie können, was mit Noten nicht gelingen kann: Konkret be-schreiben und damit erkennbar machen, wo genau die Stärken und Schwächen in einem Lernbereich liegen, und - nicht minder wich-tig -, wie die Leistungen sich entwickeln, d. h. was der einzelne Schüler dazugelernt hat und was seine nächsten Lernaufgaben sind.

    Lau und seine Eltern haben seine schlechten Noten als Hinweis auf „Schwächen und Faul-heiten“ gelesen, die „mit etwas gutem Willen und Disziplin“ beseitigt werden konnten. Wir haben in mehreren Untersuchungen fest-stellen müssen, dass Kinder mit Erfahrungs- und Kompetenzunterschieden von drei bis vier Entwicklungsjahren in die Grundschule kommen. Dieser Abstand bleibt über die Schulzeit hinweg erhalten – nicht weil Kin-der, die schlechte Noten bekommen, nichts tun, sondern weil die anderen ebenfalls da-zulernen. „Karawaneneffekt“ haben wir die-sen im Grunde erfreulichen Tatbestand ge-nannt: Alle Kinder lernen dazu, aber wer als erster ins Rennen gegangen ist, kommt häu-fig auch als erster im Ziel an. Und da soll man vergleichend bewerten? Leistung ist doch wohl, was der Einzelne aus seinen Mög-lichkeiten gemacht hat. Der Zuwachs an Können und Wissen ist zu würdigen, wenn wir Leistung anerkennen wollen, wie Lau zu Recht fordert.

    Wohlgemerkt: wir reden nicht über Sport-ler, die sich bei deutschen Meisterschaften oder bei olympischen Spielen vergleichen, weil sie sich in ihren ganz besonderen Bega-bungen und Fähigkeiten aneinander messen wollen – und dies freiwillig. Wir reden auch nicht von der Ausbildung für einen Beruf, in der es darum geht, Dritte vor den Unzuläng-lichkeiten eines inkompetenten Handwer-kers oder Arztes zu schützen. Wir sprechen über die allgemeinbildende Schulen, in die die Kinder in einer besonders verletzlichen Phase ihrer Entwicklung gehen müssen. Statt ein Viertel von ihnen als Versager ab-zustempeln, sollten wir sie für ihr zukünfti-ges Leben stark machen.

    Wie aber muss sich ein Schüler fühlen, der lernt und lernt, dadurch mehr und mehr kann, aber immer nur gesagt bekommt: Die anderen sind „besser“ als du. „Noten ge-fährden die Entwicklung ihres Kindes“, zi-tiert Lau unsere Anspielung auf die Warnung der EU-Gesundheitsminister. Dies hat nichts mit Gutmenschentum oder Kuschel-pädagogik zu tun. Unsere Gesellschaft kann es sich einfach nicht leisten, alle diejenigen mit 5en und 6en abzumeiern, die wegen ge-ringerer Begabung oder einer Behinderung, wegen fehlender Förderung durch die Eltern oder wegen misslicher Zufälle in ihrer Bil-dungsbiographie ihre Schullaufbahn mit dem Handicap eines mehrjährigen Rückstands starten.

    Kinder brauchen und wollen Noten? Warum kommen dann andere Länder, die bei PISA, TIMSS und IGLU sogar erfolgreicher waren als Deutschland, viele Schuljahre ohne No-ten aus? Und warum gibt es dort keinen Aufstand! Wollen Schüler und ihre Eltern dort nicht wissen, „wie gut sie sind?“. Meine Gegenthese: In Deutschland brauchen wir die Verrechenbarkeit von Ziffernnoten, weil wir Kinder ständig aussortieren: Zurückstel-lung am Schulanfang; Sitzenbleiben; Über-weisung in die Sonderschule für „Lernbehin-derte“; Aufteilung auf die Schularten der Sekundarstufe. Wenn ständig solche Schicksalsentscheidungen drohen, will man natürlich möglichst frühzeitig wissen, wie die Ampel an der nächsten Kreuzung stehen wird. Und dann bleibt Lehrern natürlich nichts anderes übrig, als in ihren Verbalgut-achten die Ziffern der Fahrspuren sprach-lich zu umschreiben. Wie anders wollen sie später solche tief greifenden Entscheidun-gen vor Schülern und Eltern rechtfertigen?

    Doch weil die Auslesefunktion der Schule so tief im Denken aller verankert ist, scheint es kaum jemanden zu interessieren, wie si-cher Noten die Leistungen der Schüler und ihre voraussichtliche Entwicklung wirklich erfassen. Dabei zeigt nicht nur PISA, dass sich die Leistungsverteilungen von Gymnasi-um-, Real- und Hauptschule breit überlap-pen. Auch Tests erlauben keine verlässliche-ren Prognosen. Deshalb wurden zum Beispiel die Schulreifetests schon vor Jahren abge-schafft. Zwar war für Kinder, die als „nicht schulreif“ diagnostiziert wurden, das Risiko größer, in der Grundschule Schwierigkeiten zu bekommen, als für „schulreife“. Aber die große Mehrheit von ihnen war erfolgreich, wenn sie trotz des negativen Testurteils eingeschult wurden. Testwerte und Ziffern-noten täuschen eine diagnostische Schein-präzision vor, die ihren Kredit weit überzie-hen. Vor allem bei der Entscheidung über Einzelfälle. Noch schlimmer: Kinder mit ver-gleichbaren Voraussetzungen entwickeln sich in der Regel besser, wenn sie nicht zu-rückgestellt, sondern eingeschult werden, wenn sie nicht wiederholen müssen, sondern versetzt werden, wenn sie in der Regelschu-le bleiben statt auf die Sonderschule zu ge-hen und wenn sie eine höhere Schulform in der Sekundarstufe besuchen dürfen. So werden Noten zur self-fulfilling prophecy. Nicht nur wegen des Pygmalion-Effekts, also der Steigerung oder Dämpfung der Leis-tungszuversicht durch externe Rückmeldun-gen, sondern auch wegen der hohen Bedeu-tung der äußeren Lernbedingungen. Zukünf-tiger Schul- und Lebenserfolg ist eben nicht aus aktuellen Leistungen berechenbar.

    Man sollte aber auch über die Wirkung der „harten Währung“ Noten auf die Begabten und sozial Begünstigten nachdenken. Dazu gibt es ebenfalls empirische Studien, deren Ergebnisse nachdenklich stimmen müssen. Ein Lernen aus Interesse an der Sache lei-det nicht nur unter der Bestrafung durch schlechte Noten. Es lässt auch nach, wenn die Abhängigkeit von externen Belohnungen überhand nimmt. Sicher: Menschen lernen auch, wenn jemand sie mit Zuckerbrot und Peitsche dazu antreibt. Aber dieser Antrei-ber kann nicht ein Leben lang neben dem Anzutreibenden stehen. Und er soll es auch nicht. Schule ist nicht nur der Ort, an dem Wissen und Können vermittelt werden sol-len, sie ist auch der Raum, in dem sich die individuelle Persönlichkeit und soziales Ver-halten entwickeln. Nur wenn Selbstständig-keit gefordert und ermöglicht wird, können Kinder lernen, selbstständig zu werden.

    Darum haben wir in unserem Gutachten deutlich gemacht, dass die Kontroverse No-ten- vs. Berichtszeugnisse nur die Spitze des Eisbergs ist. Es geht vor allem um das Verhältnis von Fremd- und Selbstbeurtei-lung. Schule muss die Fähigkeit fördern, aus realistischer Selbsteinschätzung Folgerun-gen für die Entwicklung des eigenen Könnens zu ziehen. „Pädagogische Leistungskultur“ nennt der Grundschulverband diesen An-spruch an eine gute Schule (vgl. DIE ZEIT Nr. 50 v. 8.12.2005). Die hierarchische Schule der Kaiserzeit passt nicht mehr in eine demokratische Gesellschaft. Sie ist po-litisch überholt. Und sie lebt von Annahmen über „Begabung“, „Leistung“ und ihre Erfas-sung, die sich wissenschaftlich längst nicht mehr halten lassen. In der Fachwelt ist dies seit mehr als 40 Jahren bekannt – und zwi-schenzeitlich immer wieder bestätigt wor-den, wie unsere Expertise zeigt.

  6. Einfache Lösungen für komplizierte Sachverhalte: Das ist offenbar der Trend der ZEIT. Sechs Schubladen stehen zur Verfügung, jedes Schulkind wird in eine gesteckt. Super! Außerdem spart das dem Redakteur die Mühe, ein Berichtszeugnis zu lesen. Aber vielleicht wäre damit die Zeit besser genutzt als mit dem Schreiben kompetenzarmer Artikel.
    Und: Auch in Klassen mit Berichtszeugnis gibt es Lernkontrollen und Klassenarbeiten, deren Ergebnisse Kinder und Eltern vergleichen können - und dies auch tun.

  7. ....ich hatte eher an faule Lehrer gedacht,denn ohne Noten haben sie ja weniger Muehe.

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  • Schlagworte Eltern | Gymnasium | Lehrer | Sozialverhalten | Kinder | Noten
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