BewertungKinder wollen Noten

Die Lehrergewerkschaft fordert, Zensuren abzuschaffen. Dabei sind sie für Schüler der Beweis, dass Leistung zählt. von 

In den kommenden Wochen werden Millionen von Schülern in Deutschland ihre Zeugnisse bekommen. Für viele wird es ein schrecklich-schöner Moment sein, und manchen wird er unvergesslich bleiben – als Augenblick narzisstischen Selbstgenusses oder als Stoff für wiederkehrende Albträume. Im Moment der Zeugnisvergabe schießt die Spannung des Schülerlebens zusammen. Jeder Schüler hofft, die eigene Leistung anerkannt und gewürdigt zu finden. Das geht aber nur im Vergleich mit den Leistungen der anderen – was natürlich die Gefahr der Enttäuschung mit sich bringt, wenn die anderen einen überflügeln. Mit ihren Kindern fiebern auch die Eltern, so sehr sie auch versuchen mögen, es sich nicht anmerken zu lassen, um die Sache für die Kleinen nicht noch stressiger zu machen: Sie freuen sich über den Ehrgeiz ihrer Kinder – und fürchten doch nichts so sehr wie deren Frustration durch schlechte Noten.

Mitten hinein in diese alljährlich wiederkehrende Grundgereiztheit vor den großen Ferien platzt die Forderung: Schafft die Noten ab! Die Lehrergewerkschaft GEW verlangt: »Ermutigung statt Notenschock!« Statt Ziffernnoten sollen »alternative Beurteilungsverfahren« ausgeweitet werden. Die stellvertretende Vorsitzende der GEW, Marianne Demmer, warnt: »Besonders junge Kinder reagieren sehr sensibel auf Entmutigungen durch Notenschocks. Ziffernnoten vertragen sich nicht mit individueller Förderung.« Sie beruft sich dabei auf eine neue Studie im Auftrag des Grundschulverbands, in der festgestellt wird, Noten seien informationsarm, würden oft ohne einsichtige Kriterien vergeben und täuschten Objektivität nur vor. Vor allem aber würden Noten »durch die Dominanz des sozialen Vergleichs demotivierend« auf die Schüler wirken. »Ziffernnoten sind zu ersetzen durch differenziertere Formen der Dokumentation und der Bewertung von Leistungen«, schreiben die Forscher um den Pädagogen Hans Brügelmann in den Schlussfolgerungen ihrer Studie. Auf Zeugnissen, die Noten enthalten, müssten nach Meinung der Notengegner eigentlich Warnhinweise angebracht werden: »Die Kultusminister warnen: Noten können die Entwicklung ihres Kindes gefährden.«

Noten sind gefährlich für Kinder? Seltsam: Die Kinder aus der Klasse meiner Tochter freuen sich darauf, dass sie von der dritten Klasse an endlich Noten auf dem Zeugnis bekommen werden. Schulkinder haben offenbar zu Noten ein viel unbefangeneres Verhältnis als die Experten, die sie davor beschützen wollen. Kinder nehmen die Sache eher sportlich. Meine Tochter und ihre Freunde sind froh, die »differenzierteren Formen der Bewertung« hinter sich zu lassen. In Berlin bekommen Grundschüler, wie fast überall in Deutschland, in den ersten beiden Schuljahren keine Ziffernnoten, sondern verbale Bewertungen. Die Kinder können die ausformulierten Zeugnisse aber meist nur mit Hilfe der Erwachsenen verstehen (manchmal auch dann nicht, denn den Eltern fällt es selbst schwer). Ich habe meine Tochter gefragt: »Wie findest du es, dass du jetzt Noten bekommst? »Super.« – »Warum?« – »Weil man dann endlich weiß, wie gut man ist.« – »Und wenn man eine schlechte Note bekommt?« – »Dann soll man nicht traurig sein und sich nächstes Mal einfach mehr anstrengen.« So pragmatisch sehen es fast alle Kinder. In der Welt der Experten jedoch hält man den Spaß an Noten und am Leistungsvergleich für falsches Bewusstsein, das es zu bekämpfen gilt. Und so wird alljährlich zur Zeugniszeit eine neue Angstkampagne gegen Noten gestartet.

Aber nicht nur Kinder wollen Noten, auch Eltern zeigen sich zum Ärger der Notengegner zunehmend uneinsichtig. »Die Notengläubigkeit von Eltern und Wirtschaft verblüfft mich«, sagte die GEW-Vorsitzende bei einer ihrer letzten Kampagnen für die Schule als notenfreie Zone. »Zeugnisnoten… teilen mit, wo ein Schüler oder eine Schülerin nach Auffassung der Lehrkräfte im Vergleich mit den Klassenkameraden steht. Sie sagen aber nichts darüber, wo die Stärken und Schwächen im Einzelnen liegen.«

Das ist zweifellos richtig, wie ich aus eigener schmerzvoller Erfahrung bestätigen kann. Der Abstand zwischen X, dem Rechen-As, und mir, dem für Mathematik unempfänglichen Schüler, der für kleine Erfolge endlos pauken musste, war schier unüberbrückbar. Mich hat es – weiß Gott – viel mehr gekostet, in Mathe von der permanenten Vier auf eine Drei minus zu kommen, als den schlauen X seine ewige Eins, die er abonniert zu haben schien. Mein mit Blut, Schweiß und Tränen erkaufter Leistungssprung vom »ausreichend« zum »befriedigend« verblasste vor X elegantem, weder von der Differentialrechnung noch von der Integralrechnung aufzuhaltendem Höhenflug. Dabei war er nicht einmal ein Streber! Wie ungerecht: Meiner Drei konnte man den Triumph des Willens nicht ansehen und X's Eins nicht die Leichtigkeit, mit der er sie erzielte. Aber andererseits war in dem nicht weiter zu schließenden Abstand zwischen meiner erkämpften Drei minus und seiner zugeflogenen Eins plus etwas Wahres ausgedrückt. Ich muss mir eingestehen: Meine Mathe-Noten waren leider sehr wohl objektiv. Ich hatte weniger Talent, ich war (in Mathe) faul, und ich war mir dessen voll bewusst. Wenn man mir gesagt hätte, die Darstellung des Leistungsabstandes zwischen X und mir in Ziffernnoten sei »demotivierend« für mich, hätte ich gelacht.

Noten haben meine Freude am Lernen von Beginn an bestärkt. Anfang der siebziger Jahre gab es sie in Nordrhein-Westfalen noch von der ersten Klasse an – und ich war gleich begeistert davon. Die Noten waren ein Zeichen dafür, dass man ernst genommen wurde. Man war nun kein Kindergartenkind mehr, und die Leistung, die man erbrachte, zählte etwas. Mit den Noten hatte man etwas zum Vorzeigen, und wenn es mit rechten Dingen zuging, wurde man für gute Noten auch belohnt. Ich bekam für jede Eins fünf Mark, eine stattliche Summe, und der Triumph, mit dem Klassenarbeitsheft oder dem Zeugnis bei meinen stolzen Eltern abkassieren zu gehen, wird mir immer unvergesslich bleiben. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es die Notengegner angesichts dieser steinzeitlichen Motivationspraxis vor Widerwillen schüttelt – denn mit der Fünfmarksgratifikation wurde das teuflische Prinzip der Benotung ja gewissermaßen noch verdoppelt. Es hat aber ziemlich gut gewirkt (außer in Mathe, wo einfach nichts zu holen war). Das Geld war wie die Note ein Zeichen, dass es auf meine Erfolge ankam. Und außerdem konnte man eine Riesenmenge Panini-Fußballbilder davon kaufen.

Die guten Noten in meinen Lieblingsfächern waren für mich Eintrittsbilletts in eine andere, weiter gespannte und anregendere Welt als die meiner bildungsfernen Herkunft. Meine Einsen in Deutsch, später auch in Französisch und Philosophie, konnte mir keiner nehmen. Man konnte sie auch nicht umdeuten. Sie waren die harte Währung, mit der ich mir als Erster in der Familie gegen alle Wahrscheinlichkeit den Eingang ins Gymnasium und in die Universität erkaufen konnte. Meine Eltern haben mir wegen meiner schlechten Noten nie die Hölle heiß gemacht. Sie haben sie als Hinweise auf Schwächen und Faulheiten gelesen, die mit etwas gutem Willen und Disziplin überwindbar waren. Es war ein Triumph, wenn man als Bildungsaufsteiger den Sohn des Anwalts, die Tochter des mächtigen CDU-Lokalpolitikers schlagen konnte – ausweislich der Noten, die nun einmal schwarz auf weiß auf dem Zeugnis standen. Man konnte sie eben nicht so oder auch anders lesen, wie jene schwammigen Beurteilungen, die uns die Notengegner nun schon seit Jahrzehnten als pädagogisches Allheilmittel ans Herz legen. Der Besuch des Gymnasiums war mir nicht zu verwehren und später auch nicht das Studium. In den schriftlichen und mündlichen Beurteilungen, in den Prognosen für meine Schullaufbahn, hatte es nicht so eindeutig ausgesehen. Die Noten haben mich gerettet.

In den ersten Klassen, die meine Kinder besuchen, gibt es nur schriftliche Beurteilungen am Jahresende. Den Notengegnern reicht das aber nicht. Sie möchten Noten am liebsten ganz aus der Schule verbannen. Man glaubt, damit nicht nur den Kindern, sondern auch den Lehrern etwas Gutes zu tun. Denn die Lehrer befinden sich in dem ständigen Dilemma, einerseits individuell fördern zu sollen, andererseits jedoch Noten erteilen zu müssen, die weitreichende Folgen haben können. Denn Noten entscheiden über Versetzung und die Förderempfehlung, mithin über das schulische Schicksal der Kinder.

Die Notengegner möchten dieses Dilemma mit »Wortgutachten« und »Lernberichten« auflösen. Man verspricht »Leistungsfeststellung ohne Schrecken« durch Lese-Ausweis, Forscherdiplom, Mathe-Pass, Einmaleins-Ausweis, Lerntagebuch und ähnliche Formen notenfreier Beurteilung. Solche Instrumente können sicher in Grenzen sinnvoll sein. Aber sie sind kein Ersatz für ein aussagefähiges Zeugnis, das dem Schüler den Übergang von einer Schule zur nächsten und schließlich aus der Welt der Schule ins wirkliche Leben ermöglicht. Es ist sicher gut gemeint, wenn man mit solchen Bewertungsmethoden, die das Urteil verschleiern, den Vergleichs- und Selektionsdruck aus der Schule zu nehmen versucht. Wer aber jemals Grundschüler beobachtet hat, wie sie ihre Wortzeugnisse vergleichen, wird das für vergebliche Mühe halten. Die Schüler werden nämlich mit der Zeit ziemlich gut darin, sich jene Formeln, mit denen die Lehrer sie beschreiben, in Noten rückzuübersetzen. Sie wissen nach einer Weile genau, welche Formulierung einer Eins, einer Drei, einer Fünf entspricht.

Warum sind so viele Schüler und Eltern mit den Wortzeugnissen nicht zufrieden? Es liegt eine Aura der Unehrlichkeit und Ängstlichkeit selbst noch über den gelungeneren Exemplaren. Das ist nicht die Schuld der Lehrer. Der Fehler steckt im System. Wenn aber das Zeugnis prinzipiell eine angenehme Botschaft haben soll, damit es die »positive Beziehung« zwischen Schüler und Lehrer verstärkt, dann ist eine ehrliche Darstellung der Defizite nahezu unmöglich. Die meisten Lehrer halten die Zeugnisse absichtlich im Ungefähren und Formelhaften. Es wäre im Übrigen auch viel zu hart, ausführlich und detailreich das Unerfreuliche in einem Zeugnis auszubreiten. Details zum unerwünschten Sozialverhalten von Schülern, aber auch zu erfreulichen Entwicklungen, gehören in ein vertrauensvolles Gespräch, nicht in ein Dokument, das einen Menschen ein Leben lang begleitet. Man sollte einmal darüber nachdenken, ob die zu Recht beklagte Undurchlässigkeit des deutschen Schulsystems durch Wortzeugnisse nicht noch verstärkt würde: Gegen ungerechte Noten kann man protestieren, gegen ein – jedenfalls dem Anspruch nach – gewissenhaftes und individuelles Berichtszeugnis nicht. Eine Fünf in Musik ist dazu da, revidiert zu werden. Die Aussage, »im musischen Bereich lässt Jörg es an Einfühlsamkeit fehlen«, wirkt wie ein Urteil über einen Charakterzug.

Lehrer, die am Schuljahresende 30 Zeugnisse schreiben müssen – natürlich alle hoch sensibel und individuell –, sind nicht zu beneiden. Es ist unvermeidlich, sich dabei bestimmte Formeln zurechtzulegen, die man dann für Robert, Jasmin und Lea ein bisschen individualisiert. Zum Glück gibt es dabei jetzt sogar technische Hilfe. Ein Textverarbeitungsprogramm namens Zeugnismaster XP erfreut sich unter gestressten Lehrkräften zunehmender Beliebtheit. Man kann es für 19 Euro aus dem Internet herunterladen. Der einfach zu bedienende Zeugnismaster enthält laut Eigenwerbung »etwa 150 Textbausteine, die zur Formulierung eines Berichtszeugnisses kombiniert werden können. Damit man nicht die Übersicht über die zur Auswahl stehenden Textbausteine verliert, kann man mit nur einem Klick folgende Filterregeln einstellen: gute Schülerleistungen, mittelmäßige Schülerleistungen, schwache Schülerleistungen. Des weiteren sind Textbausteine zum Arbeits- und Sozialverhalten, zu verschiedenen Lernbereichen und zur Förderempfehlung vorhanden. Natürlich können Sie in Ihrem Programm beliebig viele Textbausteine selbst eingeben und damit das Programm erweitern.«

Fehlt bloß noch das Gegenstück – eine Dekodierungs-Software, mit der man die Textbausteine wieder in Noten umrechnen lassen kann. Technisch dürfte auch dies zu lösen sein. Es gibt bereits erste vielversprechende Versuche, die Sprache von Zeugnissen in Noten zurückzuübersetzen. Auf Websites wie www.zeugniscode.de und www.zeugnisdeutsch.de kann man erfahren, welche Noten sich hinter den Phrasen in Zeugnissen verbergen. Was wie Satire klingt, ist doch nur die Absurdität des deutschen Grundschulalltags. Die mit dem Zeugnismaster verschwendete Zeit wäre besser investiert in Ziffernnoten, die in einem ausführlichen Hintergrundgespräch Kindern und Eltern erläutert werden.

Die Notengegner haben in den letzten Jahren einige Rückschläge erlitten: Hessen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg haben bereits mit der Wiedereinführung von Ziffernzeugnissen in Grundschulen experimentiert. Eltern sind mit Ersatzzeugnissen nicht zufriedenzustellen. Sie möchten, dass die Lehrer sich nicht um ein Urteil herummogeln. Warum überhaupt diese Angst vor dem Kind, die dauernde Furcht, es durch Klarheit zu verletzen? Eltern und Kinder wollen Noten, weil sie den Unsinn der codierten Sprache satt haben, die sie sich selbst erst wieder in Klartext übersetzen müssen. Genauso geht es übrigens vielen Lehrern. Sie behalten ihren eigenen Zeugnisfrust angesichts des herrschenden Dogmas allerdings lieber für sich – und werfen dann heimlich doch wieder den Zeugnismaster an.

Kinder wollen Noten, weil sie den Vergleich für ihre Entwicklung brauchen. Was ist daran so skandalös? Vielleicht hat es etwas mit der steigenden Zahl der Einzelkinder in unserer Gesellschaft zu tun, dass die kuriose Idee aufkommen konnte, Vergleichen sei »nicht kindgerecht« – eine böse Erfindung der Erwachsenenwelt mit ihrem »falschen Konkurrenzdenken«. Müsste man dann nicht auch die Bundesjugendspiele mit ihrem Punktsystem abschaffen? Es mag auch eine Rolle spielen, dass wir alle wissen, dass die Schule in einer immer schneller drehenden Welt die Kinder nicht mehr wie ehedem aufs Leben vorbereiten kann. Wir fürchten, dass unsere Kinder es viel schwerer haben werden, sich in der Welt zu orientieren. Und da sind wir unsicher, wie viel Konkurrenz, wie viel Druck wir ihnen zumuten sollen. Sollen wir sie möglichst lange davor beschützen oder sie früh darauf hintrainieren?

Was auch immer wir tun: Alle Kinder vergleichen sich – nicht nur ihre Leistungen, auch ihre Wünsche, ihre Geschmäcker – permanent mit anderen. Wie sonst könnten sie zu Individuen werden, und wie sonst könnten sie teamfähig werden? Es ist darum nicht nur unmöglich, sondern auch gar nicht wünschenswert, das Vergleichen aus der Schule zu verbannen. Es kommt vielmehr darauf an, dass es in einer begeisternden Gemeinschaft geschieht, die auch den Unterlegenen auffängt und ihn zu neuen Anstrengungen ermutigt.

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Leserkommentare
  1. Das Bild, das die GEW in der Öffentlichkeit abgibt, lässt vermuten, dass sich dort überproportional viele Menschen zusammengefunden haben, für die Schulnoten regelmäßig eine Demütigung gewesen sein müssen.

  2. Bei Kindern ist das nicht anders als bei Erwachsenen.Es ist unsinnig vorgaukeln zu wollen dass Zensuren fuer Leistung schaedlich sind...das Leben belohnt die Faulen auch nicht! Im Gegenteil.Allerdings ist oft das groesste Handicap fuer die schulische Leistung von Kindern das unfaehige Eltern.Da spielt es keine Rolle ob die Familie Geld hat oder nicht- es gibt ja Beispiele genug die beweisen dass man auch etwas lernen kann ohne ein dickes Scheckbuch- es mag ein bischen laenger dauern- aber es ist machbar.

  3. Weniger gute Schulleistungen sind doch nicht immer ein Zeichen für Dummheit oder Faulheit. Es gibt hochsensible und intelligente Kinder, denen es im täglichen Schul-Horror einfach nicht möglich ist, gute Leistungen zu bringen. Zumindest diesen erspart man mit den notenfreien Zeugnissen unnötige Demütigungen. Natürlich ist es für den Lehrer einfacher, eine 5 ins Zeugnis zu knallen als eine Beurteilung zu verfassen, die dem Kind gerecht wird.

  4. ....ich hatte eher an faule Lehrer gedacht,denn ohne Noten haben sie ja weniger Muehe.

    • daanae
    • 02. Juli 2006 22:19 Uhr

    Dieser Artikel zeigt in anschaulicher Weise die (langfristig)Talent-tötende Wirkung von Schulnoten : Zweifellos gut und richtig geschrieben, jedoch inhaltlich angepasst und an stammtischschlauen Statements orientiert. Kinder werden zu Individuen, indem man ihnen zutraut, zumutet und sie darin unterstützt, sich selbst am besten und vor allem differenziert einschätzen zu können, nicht anhand einer Ziffer oder im Vergleich zu anderen. Und eben das leisten Schulnoten nicht.Meine Tochter lenrt ihre gesamte Grundschulzeit ohne Noten. Sie konnte ein Vierteljahr nach Einschulung fließend lesen und erschließt sich seitdem selbstständig, hungrig ihr "Weltwissen", hält in der 2. Klasse Referate über "Erste Hilfe" und "Ägyptische Geschichte" und läßt ihre MitschülerInnen kollegial und mit Lust an ihrem Wissenserwerb teilhaben.
    <br />Herr Lau, Sie demonstrieren einleuchtend, daß Schulnoten wohl für Eltern wichtig sind, die sowieso der Ansicht sind, daß es "Ihnen ja auch nicht geschadet habe" seien es die Schulnoten oder die unverzichtbare Ohrfeige.
    <br />Im Übrigen würde mich interessieren, ob Sie auch sonst die Befindlichkeiten Ihrer Tochter zum Maßstab Ihrer Bewertung und Ihres Handelns machen. Möglicherweise findet sie es toll, bei Rot über die Straße zu gehen und Sie ignorieren galant wissenschaftliche Studien, die zeigen, daß dies mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu Entwicklungsschäden bei Kindern führt.

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    • Medley
    • 21. Oktober 2012 7:00 Uhr

    Lieber Daanae, auch wenn ihr Posting schon über 6 Jahre alt ist:

    "Kinder werden zu Individuen, indem man ihnen zutraut...sich selbst am besten und vor allem differenziert ENSCHÄTZEN zu können, nicht anhand einer Ziffer oder im VERGLEICH zu anderen."

    Wie soll man sich denn "differenziert" einschätzen können, wenn nicht im Vergleich zu einer Referenz, also Fall der Kinder zu anderen Mitschülern? Ob sie groß oder klein sind, dass können sie ja auch nur dann "differenziert" einschätzen, wenn sie dazu eine Referenz, also in dem Fall ein Metermaßband/Zollstock in die Hand nehmen und anhand von...huijuijui..."Ziffern" einen Vergleich zu anderen Menschen gleichen Alters und gleichen Geschlechts nehmen. Beispiel: Männliche Person 40 Jahre alt: 1,90 Meter=> Groß. 1,60 Meter= Klein. Und was nochmal die Differenzierung selbst betrifft: Ja nu, dann könnte man ja zB. die Notengebung auch auf 10, oder 20, oder 60 oder 100 Noten erweitern. Einen "1" ist megatop und eine "100" unterirdisch miserabel. Oder von mir aus auch genau umgekehrt. Ginge ja alles.

    "Herr Lau, Sie demonstrieren einleuchtend, daß Schulnoten wohl für Eltern wichtig sind..."

    Bitte was?" Herr Lau demonstriert vorallem sehr einleuchtend, dass die Noten in dem Wertesystem !der Schüler SELBST! nach deren eigenen authetischen kindlichen Empfinden einen hohen Stellenwert haben, sprich, daß sie für sie ziemlich bedeutsam und sehr wichtig sind. Da wurde nix durch dei Eltern internalisiert. Das kommt alles aus deren Inneren.

    • Medley
    • 21. Oktober 2012 7:36 Uhr

    "...wohl für Eltern wichtig sind, die sowieso der Ansicht sind, daß es "Ihnen ja auch nicht geschadet habe" seien es die Schulnoten oder die unverzichtbare Ohrfeige."

    ??? Wo haben sie denn diese Schlussfolgerung, bzw. Erkenntnis oder auch ursächliche wie begleitende Verbindung aus dem Artikel ableiten können, dass dem Autor oder diverse von ihnen herbeizitierte Eltern der Ansicht sind, daß Noten oder Ohrfeigen etwas lässliches sind, was zwar nicht erfreulich oder erwünscht, jedoch aber auch nicht unbedingt schädlich für ihren Nachwuchs sind?

    "Im Übrigen würde mich interessieren, ob Sie auch sonst die Befindlichkeiten Ihrer Tochter zum Maßstab Ihrer Bewertung und Ihres Handelns machen. "

    So wie ich mir ihr Posting durchgelesen habe, so habe ich den subjektiven Eindruck, das eher sie!(gemäß nach ihrer eigenen Schilderung: "Meine Tochter lernte ihre gesamte Grundschulzeit........läßt ihre MitschülerInnen kollegial und mit Lust an ihrem Wissenserwerb teilhaben.") die Befindlichkeiten ihrer Tochter zum Maßstab der/ihrer Bewertung machen.

  5. Haben Sie das Gutachten, das Sie in zwei Sätzen nebenher erwähnen, überhaupt gelesen, Herr Lau? Ich kann daanee nur zustimmen: Zufallsbeobachtungen können repräsentative Studien nicht ersetzen. Und vielleicht denken Sie auch mal an Schüler, die nicht nur in einem Fach, sondern generell Probleme mit schulischen Anforderungen haben...

  6. Meine Tochter hat seit Beginn der 1. Klasse Noten bekommen. Nun ist mein Kind mit Voraussetzungen gesegnet, die es ihr in den mittlerweile fünf Schuljahren äußerst leicht machten, in der Regel sehr gute Noten zu bekommen.
    <br />Meine Frage an den Verfasser des Beitrages gerichtetlautet: "Und was hat sie nun davon?" Weil man in der Schule ja sehr früh lernt, sich nur noch für Noten anzustrengen (was nachgewiesen, keine besonders nachhaltige Form des Lernens ist), ist die Anstrengungsbereitschaft meiner Tochter mittlerweile sehr gering. Wozu auch, wenn man doch eh eine gute Note bekommt. Und das Lehrer in höheren Klassen beklagen, dass die Wahrnehmung einer zurück gegebenen, mit - hoffentlich - viel Engagement geschriebenen und korrigierten Arbeit die Kinder und Eltern in der Regel mit der Sichtung der Note endet, finde ich für meine Kinder auch keine erstrebenswerte Aussicht. Dass Kinder, die in einer Gesellschaft aufwachsen, die sich nur an äußerlich meßbaren Erfolgen orientiert, Fehler statt als Ausgang von Entwicklung als zu vermeidendes Übel hinstellt und in der Reaktion auf konstruktive Kritik nach wie vor in Rechtfertigung, Verteidigung oder Angriff endet, sehr früh auf diese Form der Bewertung warten lässt, da sie ja die einzige scheint, die zählt, lässt mich nicht unbedingt optimistischer in die Zukunft schauen.

    • alpha
    • 03. Juli 2006 16:02 Uhr

    Ja, Herr Lau, auch ich habe als Kind gern Noten bekommen. Weil sie bei mir wie auch bei Ihnen und Ihrer Tochter bis auf wenige Ausnahmen gut waren, weil auch ich Eltern hatte, die selbst bei Fünfern Verständnis zeigten und weil auch ich in einem Schulsystem aufgewachsen bin, in dem gute Noten nun mal das einzig wertvolle sind. Was die ersten beiden Punkte angeht, stellen wir drei allerdings nicht gerade eine repräsentative Stichprobe dar.
    <br />Begriffe wie Lerntagebuch, Lese-Ausweis und Mathe-Pass scheinen Sie schon gehört zu haben, dennoch tun Sie im restlichen Artikel so, als forderte die GEW ausschließlich schriftliche Beurteilungen in Akademiker-Deutsch. Sie argumentieren für die Wichtigkeit der Ziffern-Noten, wenn es um den Schulwechsel geht und ignorieren dabei, dass die Fürsprecher der Notenabschaffung in den seltensten Fällen das dreigliedrige Schulsystem erhalten wollen.
    <br />Umfassenden wissenschaftlichen Studien und den Erfahrungen von Vorzeigeschulen wie der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden und Vorzeigeländern wie Schweden stellen Sie Ihre eigene kleine Biographie gegenüber und sprechen dabei noch von Objektivität.
    <br />Zu allem Überfluss erwähnen Sie dann noch ein Computerprogramm, als würde dessen bloße Existenz beweisen, dass alle ausformulierten Zeugnisse auf diese Art verfasst würden. Auch ein Würfel geht von eins bis sechs und soll bei der Notenvergabe schon eingesetzt worden sein.
    <br />Wäre ihr Artikel als Kommentar deklariert gewesen, hätte ich gut damit leben können. So handelt es sich aber um bloße Meinungsmache ohne Fundament, verschleiert hinter dem guten Ruf der ZEIT und gehobenem Schreibstil. Sehr Schade.

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  • Schlagworte Eltern | Gymnasium | Lehrer | Sozialverhalten | Kinder | Noten
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