Ständig denke ich über Musik nach, sie ist immer in mir. Wie in einem Tagtraum begegnen mir Melodien und Töne. Den ganzen Tag über höre ich Musik in mir, vieles davon kommt aus meinen Träumen und aus meinen Erinnerungen. Alte Stücke und neue Stücke, eigene Kompositionen und Jazzstandards geistern durch meinen Kopf und vermischen sich. Ich komponiere permanent. Vieles davon habe ich noch nicht aufgenommen, das meiste noch nicht einmal aufgeschrieben. Für mich ist das ganze Leben ein kreativer Prozess, teils bewusst, teils im Unterbewusstsein.

Schon als Kind hörte ich eine ganze Menge Musik. Ich hörte Radio und die Platten meiner Eltern, meine Mutter sang mir Lieder aus der Karibik vor. Ich sog alles in mich auf. Vieles davon ist in meinem Kopf geblieben. Heute spiele ich häufig aus meiner Erinnerung und schaue nur ab und zu mal in die Noten, um mich von der Absicht des Komponisten nicht zu weit zu entfernen. Das heißt natürlich nicht, dass ich alles wie vorgegeben belasse. Ich möchte nur nichts tun, was der ursprünglichen Richtung des Stückes zuwiderläuft. Ich versuche, jenen Stücken aus den dreißiger Jahren meine heutigen Gefühle hinzuzufügen. Ich möchte der Musik von damals eine aktuelle Dimension geben, etwas Lebendiges.

Die Musik und das Leben haben keinen Anfang und kein Ende, alles ist Teil eines Kontinuums. Die alten Lieder zu spielen bedeutet, alles bleibt im Fluss und kann sich verändern. Für mich gibt es daher auch keine endgültigen Versionen der Stücke, die ich spiele. Ich spiele nun mal Jazz, und im Jazz improvisieren wir, alles ist in Bewegung, entwickelt sich weiter. Es gibt bestimmte Interpretationen, die sind großartig, zum Beispiel Dooley Wilsons Klavierversion von As Time Goes By aus dem Film Casablanca . Trotzdem spiele ich solche Stücke noch, ich füge vieles von mir hinzu. Jazz ist lebendig. Im Jazz geht es um den Moment, das unterscheidet ihn von anderer Musik. Und Improvisieren ist für mich wie Träumen. Mein Kopf ist dann leer, ich spiele und spiele und könnte danach niemals jemandem erklären, wie ich was gemacht habe. Das geht alles sehr schnell, würde ich lange drüber nachdenken, könnte ich nicht für den Moment spielen.

Jemand hat mal behauptet, es gäbe nur eine einzige Melodie. Und alles andere wäre nichts weiter als eine Variation dieser Melodie. Aber Musik ist mehr, Musik ist auch Harmonie und Rhythmus. Es geht darum, das alles zusammenzubringen mit den eigenen Einflüssen. Wenn man viel Glück hat, setzt man die Dinge so zusammen, dass etwas Eigenes entsteht.

Es gibt eine Vibration, die alles Leben erfasst, und es ist unsere Aufgabe, sie zu spüren und zu nutzen. Dinge zu finden, zu kombinieren und so die Menschheit weiterzubringen.