Ich habe einen Traum

Sonny Rollins

Sonny Rollins, 75, ist neben John Coltrane und Lester Young einer der großen Tenorsaxofonisten der Jazzgeschichte. Er wurde als Theodore Walter Rollins im New Yorker Stadtteil Harlem geboren, verbüßte eine zehnmonatige Gefängnisstrafe wegen Raubüberfalls. In den fünfziger Jahren begann sein Erfolg, er spielte mit Musikern wie Miles Davis, Thelonious Monk und Max Roach. Am 30. Juni erscheint sein neues Album »Sonny, Please«, das er über seine Website vertreibt. Rollins träumt davon, ein noch besserer Saxofonist zu werden

Ständig denke ich über Musik nach, sie ist immer in mir. Wie in einem Tagtraum begegnen mir Melodien und Töne. Den ganzen Tag über höre ich Musik in mir, vieles davon kommt aus meinen Träumen und aus meinen Erinnerungen. Alte Stücke und neue Stücke, eigene Kompositionen und Jazzstandards geistern durch meinen Kopf und vermischen sich. Ich komponiere permanent. Vieles davon habe ich noch nicht aufgenommen, das meiste noch nicht einmal aufgeschrieben. Für mich ist das ganze Leben ein kreativer Prozess, teils bewusst, teils im Unterbewusstsein.

Schon als Kind hörte ich eine ganze Menge Musik. Ich hörte Radio und die Platten meiner Eltern, meine Mutter sang mir Lieder aus der Karibik vor. Ich sog alles in mich auf. Vieles davon ist in meinem Kopf geblieben. Heute spiele ich häufig aus meiner Erinnerung und schaue nur ab und zu mal in die Noten, um mich von der Absicht des Komponisten nicht zu weit zu entfernen. Das heißt natürlich nicht, dass ich alles wie vorgegeben belasse. Ich möchte nur nichts tun, was der ursprünglichen Richtung des Stückes zuwiderläuft. Ich versuche, jenen Stücken aus den dreißiger Jahren meine heutigen Gefühle hinzuzufügen. Ich möchte der Musik von damals eine aktuelle Dimension geben, etwas Lebendiges.

Die Musik und das Leben haben keinen Anfang und kein Ende, alles ist Teil eines Kontinuums. Die alten Lieder zu spielen bedeutet, alles bleibt im Fluss und kann sich verändern. Für mich gibt es daher auch keine endgültigen Versionen der Stücke, die ich spiele. Ich spiele nun mal Jazz, und im Jazz improvisieren wir, alles ist in Bewegung, entwickelt sich weiter. Es gibt bestimmte Interpretationen, die sind großartig, zum Beispiel Dooley Wilsons Klavierversion von As Time Goes By aus dem Film Casablanca . Trotzdem spiele ich solche Stücke noch, ich füge vieles von mir hinzu. Jazz ist lebendig. Im Jazz geht es um den Moment, das unterscheidet ihn von anderer Musik. Und Improvisieren ist für mich wie Träumen. Mein Kopf ist dann leer, ich spiele und spiele und könnte danach niemals jemandem erklären, wie ich was gemacht habe. Das geht alles sehr schnell, würde ich lange drüber nachdenken, könnte ich nicht für den Moment spielen.

Jemand hat mal behauptet, es gäbe nur eine einzige Melodie. Und alles andere wäre nichts weiter als eine Variation dieser Melodie. Aber Musik ist mehr, Musik ist auch Harmonie und Rhythmus. Es geht darum, das alles zusammenzubringen mit den eigenen Einflüssen. Wenn man viel Glück hat, setzt man die Dinge so zusammen, dass etwas Eigenes entsteht.

Es gibt eine Vibration, die alles Leben erfasst, und es ist unsere Aufgabe, sie zu spüren und zu nutzen. Dinge zu finden, zu kombinieren und so die Menschheit weiterzubringen.

Ich träume davon, weiterhin Dinge zu schaffen, die die Menschen positiv stimmen, sie voranbringen, ihnen Energie zum Leben geben. Ich habe diese Energie von meinen Idolen bekommen, das hat mir geholfen zu leben. Und ich möchte dasselbe für andere Menschen tun. Über die Musik kann mir das gelingen. Sie ist an sich eine neutrale Kraft. Man kann sie benutzen, um Menschen dazu zu bringen, andere Menschen umzubringen. Es gibt eine ganze Menge kriegerischer Musik, die dafür sorgt, dass Menschen in ein Flugzeug steigen und Bomben abwerfen auf andere Menschen. Und die Musik gibt ihnen das Gefühl, das Richtige zu tun. Musik kann benutzt werden, um zu zerstören. Sie kann aber auch benutzt werden, um etwas aufzubauen.

Meine Musik soll dazu beitragen, etwas zu erschaffen. Ich möchte Musik des Lebens machen, daran glaube ich. Ich träume ständig davon, die Dinge besser zu machen. Wenn die Leute meine Musik mögen, dann freut mich das, aber es ist auch eine Herausforderung. Ich kann mich nicht einfach entspannen und darüber nachdenken, was für eine tolle Platte ich da wieder gemacht habe. Ich bin mir viel zu sicher, dass ich es noch besser machen kann. Das ist wahrscheinlich meine Jazz-Seele: Ich versuche, mich der Musik immer wieder neu und anders zu nähern. Ich möchte besser spielen, bessere Ideen haben, mehr lernen. Ich versuche, zu spielen, was in der Luft liegt. Ich möchte mir bewusst machen, was auf der Welt geschieht, und es mit meinem Saxofon verarbeiten. Es ausdrücken. Nur so bleibe ich so lebendig wie der Jazz.

Also versuche ich, mich als Musiker und als Mensch immer weiter zu verbessern. Das ist eine große Aufgabe, so gibt es jeden Tag etwas zu tun. Solange ich lebe, habe ich die Möglichkeit, Dinge wieder und wieder zu probieren. Ich hoffe also, dass meine Träume nie vollständig in Erfüllung gehen, denn nur so bin ich lebendig.

Anzeige
Schreiben Sie den ersten Kommentar!
    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
    • Von Jan Kühnemund
    • Datum 3.7.2006 - 10:22 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 29.06.2006
    • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Gesellschaft_und_soziales_Leben
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service