KlassikRattle greift zum Hammer

Die Berliner Philharmoniker wagen sich nach 40 Jahren wieder an einen Wagner-«Ring« und schon ihr »Rheingold« klingt so apokalyptisch wie eine Götterdämmerung von 

Vor vier Wochen haben die Feuilletons mit den Berliner Philharmonikern stille Post gespielt. Ein einzelner Journalist hatte aus heiterem Himmel gemunkelt, die Musiker hätten unter ihrem neuen Chef Simon Rattle ihren traditionsreichen romantischen Ton verloren – und wenig später wurde überall aufgeregt über eine Krise oder Nichtkrise des Orchesters diskutiert. So etwas funktioniert natürlich nur bei den Berliner Philharmonikern. Sie sind das erste Orchester des Landes, ein sorgsam umhegtes Heiligtum der klassischen Musik. Wenn sie einen Frosch im Hals haben, räuspert sich die ganze Kulturnation. Fehlt ihnen tatsächlich etwas?

Mit Simon Rattle sind sie gerade dabei, ihr größtes Romantik-Projekt seit langem in Angriff zu nehmen. Sie spielen in den nächsten Jahren den kompletten Ring des Nibelungen von Richard Wagner, den sie zuletzt vor 40 Jahren unter Herbert von Karajan auf den Pulten liegen hatten. Und am vergangenen Freitag bei der konzertanten Aufführung von Rheingold in der Berliner Philharmonie (die szenische Premiere folgt nächste Woche beim Musikfestival in Aix-en-Provence) konnte jeder hören: Den Berlinern fehlt nichts. Alles, was sie unverwechselbar macht, ist noch da – das voluminöse Klangfundament in den tiefen Streichern und der unnachahmliche Nachdruck, den sie in die Phrasierungen legen, die Wärme im Ton der Holzbläser und das makellos satte Timbre der Blechbläser. Viel eher hatten sie an diesem Abend von manchem zu viel für ein Opernorchester, das auf Sänger Rücksicht nehmen muss und nur einen Teil von Wagners Musikdrama ausmacht. Zu viel Phrasierungsehrgeiz, zu viel Anspannung, zu viel Lust auf kraftmeiernde Klangentfaltung.

Rheingold ist in Wagners Ring schließlich nur der Vorabend. Ein Stück des spitzzüngigen Konversationstons, der wendigen Dialoge und aggressiven Durchbrüche. Walhall steht noch, wenn auch in scheinheiligem Glanz. Nicht zufällig führt Loge, der Halbgott des Feuers, die Regie. Quirliger Luftgeist ist er, schlau, sarkastisch und hakenschlagend souverän. Sein schnippischer Kommentar (»Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen«), mit dem er sich am Ende achselzuckend auf Nimmerwiedersehen verabschiedet, resümiert einen wesentlichen Tonfall des gesamten Stücks: Über dem heraufziehenden Unheil liegt noch ein Hauch ironischer Leichtigkeit. Von der ist in Rattles Interpretation allerdings wenig zu hören. Da kann Robert Gambill als Loge noch so sehr tänzelnde Verschlagenheit demonstrieren, die Berliner Philharmoniker wollen bereits im Rheingold die Brocken der Götterdämmerungskatastrophe durch die Luft fliegen lassen.

Dass Rattles Ring- Sicht nicht auf behutsame mythische Klangbewegung und Illusionismus zielt, konnte man bereits seinem Vorspiel entnehmen. Der Uranfang aus der Tiefe des Rheins ist bei ihm kein numinoses Werden aus dem Nichts heraus, sondern ein klar markierter Anfang mit dem Es der Kontrabässe: Als ob jemand ein Licht angeknipst und mit dem hinzutretenden Fagott, den Hörnern und Streichern ein Raum ausgeleuchtet würde. Der Dirigent erschafft keine Welt sondern nur ein Theater, in dem die Scheinwerfer nach und nach eingerichtet werden. Und wenn mit den Rheintöchtern und dem Auftritt Alberichs die Sprache und die theatralische Geste ins Spiel kommen, scheint sich Rattles Temperament erst richtig für das Stück zu entzünden.

Mächtig fährt er den Orchesterklang in den Zwischenspielen hoch. Das Hämmern der Ambosse in Nibelheim schmerzt in den Ohren als gellender Lärm einer unerbittlichen Unterdrückungsmaschinerie. Und wenn das Nibelungengold aus der Unterwelt herbeigeschleppt wird, türmen die Musiker den Klangbombast bis unter die Philharmoniedecke. Rattle stellt die Handgreiflichkeiten im Stück heraus, den Mord von Fafner an seinem Bruder Fasolt etwa, schneidend und aggressiv bricht da die Habgier aus. Alberichs Triumphgesten lässt er sinister dröhnen, der Fluch des Zwergs (leicht scheppernd: Dale Duesing) gerät ihm zu wahrhaft fratzenhafter Bösartigkeit. Aber das alles klingt ein wenig forciert, als interessiere sich Rattle nur nebenbei für Loges Parlandoton oder die selbstgefällig gleichmütige Machtallüre, die Willard White als Wotan mit orgelndem Bass verbreitet, als halte er es lieber mit dem Gott Donner aus der Wotansippe: Der will immer gleich den großen Hammer schwingen, wenn die Konflikte sich zuspitzen. Warum so unentspannt?

Gewiss hat da die konzertante Aufführungssituation in Berlin eine Rolle gespielt, bei der das Orchester nicht wie in Bayreuth unter der Bühne, sondern auf der Bühne agiert. Im Graben von Aix wird es den Musikern leichter fallen, sich gegenüber den Sängern zurückzunehmen. Aber vielleicht ist auch die aufgeschwatzte Krise nicht spurlos an ihnen vorübergegangen, und sie haben sich ein bisschen verkrampft beim Versuch, besonders stark und traditionssicher aufzuspielen. Vom Gerede um den ominösen »deutschen« Klang sollten sie sich nicht verrückt machen lassen. Die Rheingold- Aufführung zeigt, dass er umso mehr zur Chimäre wird, je konkreter man ihn in einem Stück fassen will. War das aus berückender Ferne, ganz weich intonierte Tarnhelmmotiv nun besonders »deutsch« im Klang oder gerade nicht? War die markante Energie, mit der die Streicher das Rheinwasser fließen lassen, dem Nimbus ab- oder zuträglich? Ist es im Rheingold wirklich Frevel, dem Umbraton des Orchesters ein paar hellere Farben unterzumischen? Der Klang der Berliner Philharmoniker wird immer etwas Prozessuales bleiben. Musik, die Zeitkunst, lebt vom permanenten Wandel. Wer sich nach dem vermeintlich »wahren« Ton zurücksehnt, meint am Ende doch nur: Früher war alles besser.

Der alte Karajan -Ring von 1967 ist übrigens als der denkbar kammermusikalischste gerühmt worden. Von einer »unvorstellbaren Präzision des Leisen« war damals in dieser Zeitung die Rede und von einem »Wagner für Wagner-Verächter«. Auch da hätten die Berliner Philharmoniker also eine Tradition zu verteidigen.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Herbert von Karajan | Klassik | Richard Wagner | Bayreuth | Berlin
    • Blue Note Records: Erhabene Coolness

      Erhabene Coolness

      Kein Jazz ohne Blue Note Records. Miles Davis, Sidney Bechet und Art Blakey waren hier unter Vertrag. Ein neuer Band zeigt Bilder aus den goldenen Jahren des Genres.

      • Billy Corgan, Sänger der Smashing Pumpkins

        Diese Band hat alles verändert

        Wer mit den Smashing Pumpkins heranwuchs, kann enttäuscht von ihrem neuen Album sein. Oder sich einfach an wunderbare Zeiten erinnern. Eine Liebeserklärung

        • Die Airmachine von Ondřej Adámek

          Die Luft im Klang

          Töne aus Gummihandschuhen und Gartenschläuchen: Gelassen erobert der junge tschechische Komponist Ondřej Adámek den Elfenbeinturm der neuen Musik.

          • Aykut Anhut alias Haftbefehl

            Fettes, verstörendes Talent

            Die Hip-Hop-Gemeinde hat das neue Album von Haftbefehl erwartet wie eine Epiphanie. Dabei geht es um Literatur! Der Offenbacher ist der deutsche Dichter der Stunde.

            Service