Kaum ein DDR-Schriftsteller entsprach dem Ideal einer sozialistischen Vorzeigepersönlichkeit so wenig wie Adolf Endler, 76. Seine wild in alle Richtungen feuernden Polemiken spotteten jeglichen Klassenstandpunktes. Er lebte in ständig wechselnden Ostberliner Wohnungen oder, wie er selbst präzisierte, »Buden«, in denen er Manuskriptberge und Schnapsflaschen anhäufte. Misstrauisch beäugt von der Stasi, führte er die Existenz eines genialischen Großstadtnomaden: brillierte auf illegalen Wohnzimmerlesungen, inszenierte sich als radikalpoetischen Penner »Bobbi Bergermann«, zerschnippelte die linientreuen Presse-Erzeugnisse der DDR zwecks Herstellung komischer Collagen und pflegte das neosurrealistische Genre des Sammelsuriums. Nach seinem Ausschluss aus dem Schriftstellerband 1979 veröffentlichte er hauptsächlich in Untergrundzeitschriften und wurde für die alternative Literaturszene am Prenzlauer Berg eine Art Übervater. Heute ist Endler noch immer einer der unkonventionellsten Gegenwartsautoren. Er wohnt, dank treusorgender Ehefrau nun sehr aufgeräumt, in Berlin-Pankow. BILD

DIE ZEIT: Herr Endler, Sie sind der seltene Fall eines in den Osten geflohenen Westdeutschen. 1930 in Düsseldorf geboren, gingen Sie 1955 in die DDR, nachdem in der Bundesrepublik gegen Sie eine Klage wegen Staatsgefährdung erhoben worden war.

Adolf Endler: Ich hatte im Westen wirklich einige Sachen gemacht, die gegen das Gesetz verstießen. Denn ich lehnte die BRD als nach wie vor kapitalistischen Staat ab. Die DDR war für mich die Alternative. 1961 habe ich sogar ein Gedicht zur Begrüßung der Mauer geschrieben. Später sind meine Texte dann klüger geworden und irgendwann auch ich selbst.

ZEIT: Sie wurden erst vom BND bespitzelt und nachher von der Stasi. Was ist der Unterschied zwischen einer Bespitzelung in der Demokratie und in der Diktatur?

Endler: Ich hatte nie Todesangst vorm BND. In der DDR gab es eine Phase Ende der Siebziger, da stieß ich auf unheimliche Verbindungen zwischen Leuten, mit denen ich bekannt war. Und vor meinem Fenster in Weißensee standen plötzlich merkwürdige Autos. In einer Kneipe kam jemand zu mir und sagte: Du weißt doch, dass du dich hier nicht mehr sehen lassen sollst. So hat die Stasi mich für einige Wochen in Todesangst versetzt. Das hörte erst auf, als die Westpresse mit großem Brimborium meinen Ausschluss aus dem Schriftstellerverband verkündete. Sogar in der Bild-Zeitung stand: »Sieben gegen die Partei!« Da dachte ich, jetzt können sie mir nichts mehr tun, jetzt bin ich zu bekannt.

ZEIT: In Ihrem jüngsten Buch Nebbich. Eine deutsche Karriere , das aus Tagebuchblättern der letzten drei Jahrzehnte besteht, heißt es, eine »mindestens 1000-seitige, glitzrige Geschichte der DDR-Nostalgie« von 1989 bis heute wäre interessanter als eine Geschichte der DDR. Warum?

Endler: Man müsste mal beschreiben, wie die nostalgischen Motive auf die DDR zurückverweisen. So könnte eine indirekte Geschichtsschreibung entstehen. Meine Überlegung entspringt natürlich der permanenten Vergangenheitsverklärung, dass alte Stasi-Generäle sich hinstellen und behaupten, das Gefängnis Hohenschönhausen sei eine gute Adresse gewesen.