Geschichte Das Museum bin ich

Erst ging er 1955 aus dem Westen »nach drüben«, dann begann er den Sozialismus zu hassen. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Adolf Endler über die DDR-Nostalgie und den neuen deutschen Patriotismus

Kaum ein DDR-Schriftsteller entsprach dem Ideal einer sozialistischen Vorzeigepersönlichkeit so wenig wie Adolf Endler, 76. Seine wild in alle Richtungen feuernden Polemiken spotteten jeglichen Klassenstandpunktes. Er lebte in ständig wechselnden Ostberliner Wohnungen oder, wie er selbst präzisierte, »Buden«, in denen er Manuskriptberge und Schnapsflaschen anhäufte. Misstrauisch beäugt von der Stasi, führte er die Existenz eines genialischen Großstadtnomaden: brillierte auf illegalen Wohnzimmerlesungen, inszenierte sich als radikalpoetischen Penner »Bobbi Bergermann«, zerschnippelte die linientreuen Presse-Erzeugnisse der DDR zwecks Herstellung komischer Collagen und pflegte das neosurrealistische Genre des Sammelsuriums. Nach seinem Ausschluss aus dem Schriftstellerband 1979 veröffentlichte er hauptsächlich in Untergrundzeitschriften und wurde für die alternative Literaturszene am Prenzlauer Berg eine Art Übervater. Heute ist Endler noch immer einer der unkonventionellsten Gegenwartsautoren. Er wohnt, dank treusorgender Ehefrau nun sehr aufgeräumt, in Berlin-Pankow.

DIE ZEIT: Herr Endler, Sie sind der seltene Fall eines in den Osten geflohenen Westdeutschen. 1930 in Düsseldorf geboren, gingen Sie 1955 in die DDR, nachdem in der Bundesrepublik gegen Sie eine Klage wegen Staatsgefährdung erhoben worden war.

Adolf Endler: Ich hatte im Westen wirklich einige Sachen gemacht, die gegen das Gesetz verstießen. Denn ich lehnte die BRD als nach wie vor kapitalistischen Staat ab. Die DDR war für mich die Alternative. 1961 habe ich sogar ein Gedicht zur Begrüßung der Mauer geschrieben. Später sind meine Texte dann klüger geworden und irgendwann auch ich selbst.

ZEIT: Sie wurden erst vom BND bespitzelt und nachher von der Stasi. Was ist der Unterschied zwischen einer Bespitzelung in der Demokratie und in der Diktatur?

Endler: Ich hatte nie Todesangst vorm BND. In der DDR gab es eine Phase Ende der Siebziger, da stieß ich auf unheimliche Verbindungen zwischen Leuten, mit denen ich bekannt war. Und vor meinem Fenster in Weißensee standen plötzlich merkwürdige Autos. In einer Kneipe kam jemand zu mir und sagte: Du weißt doch, dass du dich hier nicht mehr sehen lassen sollst. So hat die Stasi mich für einige Wochen in Todesangst versetzt. Das hörte erst auf, als die Westpresse mit großem Brimborium meinen Ausschluss aus dem Schriftstellerverband verkündete. Sogar in der Bild-Zeitung stand: »Sieben gegen die Partei!« Da dachte ich, jetzt können sie mir nichts mehr tun, jetzt bin ich zu bekannt.

ZEIT: In Ihrem jüngsten Buch Nebbich. Eine deutsche Karriere , das aus Tagebuchblättern der letzten drei Jahrzehnte besteht, heißt es, eine »mindestens 1000-seitige, glitzrige Geschichte der DDR-Nostalgie« von 1989 bis heute wäre interessanter als eine Geschichte der DDR. Warum?

Endler: Man müsste mal beschreiben, wie die nostalgischen Motive auf die DDR zurückverweisen. So könnte eine indirekte Geschichtsschreibung entstehen. Meine Überlegung entspringt natürlich der permanenten Vergangenheitsverklärung, dass alte Stasi-Generäle sich hinstellen und behaupten, das Gefängnis Hohenschönhausen sei eine gute Adresse gewesen.

ZEIT: Wie sehr beschäftigt Sie die DDR noch?

Endler: Aus meinen neuen Texten streiche ich sie konsequent raus. Aber das Thema ist leider unausweichlich. Eine Zeit lang hatte ich einen Freundeskreis, in dem ich mich fast schämte, nie im Knast gewesen zu sein, nur mal in der Ausnüchterungszelle. Jetzt bekomme ich jede Woche drei Einladungen von der Stiftung Aufarbeitung (haut mit der flachen Hand auf einen dicken Stapel Zeitungsausschnitte, Flyer, Notizen, Werbepostkarten) . Leider trifft sich bei solchen Veranstaltungen immer nur ein kleiner Kreis. Der Großteil der Leute, auch hier in meiner Straße, interessiert sich nicht für die Wahrheit. Neulich sagte meine Frau bei einem Streit, wie er sich auf Hinterhöfen gelegentlich ergibt, zu einem dieser Betonköpfe: Aber wir haben schließlich immer noch das Grundgesetz! Worauf der rief: Wieso Grundgesetz? Hier ist doch DDR.

ZEIT: Hat die DDR die Wende überlebt?

Endler: Das ist nicht die DDR, sondern die DDR-Nostalgie. Vor 1989 waren höchstens 30 Prozent der Leute für den Staat. Abends wanderte die Bevölkerung ins Westfernsehen ab – eine seltsame Schizophrenie. Ich glaube, die DDR-Nostalgie entspringt den Empfindungen dieser 70 Prozent, die nicht an die DDR geglaubt haben, aber sich heute an etwas Schönes erinnern wollen. Das ist die neue Schizophrenie.

ZEIT: Woher dieser Beschönigungszwang?

Endler: Weil viele Leute nach der Wende in eine Entwicklung gerieten, die sie nicht erwartet hatten. Sie dachten, dass alles wie in Düsseldorf wird, was aber nicht geschah. Ich könnte mir ein Buch vorstellen: Die DDR – eine Gaunergesellschaft . Alles in der DDR hing ja mit Gaunerei oder Schwarzhandel oder Bestechung zusammen. Ich bin auch nicht freizusprechen von kleinen Gaunereien: Umtausch von Westgeld in Ostgeld und so weiter. Kurz bevor Franz Fühmann starb, besuchten Wolfgang Hilbig und ich ihn in der Charité. Da sagte er: Was höre ich denn, in den Betrieben werden Leute erst zur Verantwortung gezogen, wenn 25 Prozent der Sachen, die sie herstellen, verschwunden sind? Es hat ihn bis in seine Todesstunde beunruhigt, dass die DDR-Betriebe nicht richtig funktionieren. Es gab ein berühmtes Wort von Honecker: »Wir müssen noch mehr aus den Betrieben rausholen!« Tja, das ist dann auch geschehen. Und nun kommt diese Bevölkerung 1990 in eine völlig anders geartete Gaunergesellschaft, wo die alten Gaunereien nicht mehr funktionierten.

ZEIT: Die Anpassungsfähigkeit der Ostdeutschen war offenbar doch nicht weit genug gediehen.

Endler: Am ehesten angepasst haben sich nach 1989 ein paar ganz schlaue Stasi-Mitarbeiter, die schon während der Wende wussten, wie es läuft. Die beiden Spitzel vom Prenzlauer Berg, Schedlinski und Anderson, sind heute hoch erfolgreiche Geschäftsleute. Ich bin sicher, dass die Treuhand mit Stasi-Leuten zusammengearbeitet hat und dass es unglaubliche Nachwendegeschichten gibt, von denen wir nichts wissen. Deshalb fühlen sich die Stasi-Generäle so stark. Es gibt bis heute kein einziges Buch, in dem ein IM beschreibt, was er gemacht hat. Höchstwahrscheinlich existiert eine Geheimorganisation, die ehemalige Stasi-Leute davon abhält, sich zu äußern. Die haben Angst.

ZEIT: Eine Expertenkommission zur »Aufarbeitung der DDR-Diktatur« empfiehlt, wir sollten uns mehr mit dem sozialistischen Alltag befassen und uns von der Fixierung auf die Stasi lösen.

Endler: Das hat nichts zu tun mit dem Zurückweisen der Stasi-Thematik. Soweit ich es verstehe, soll ja das eine nicht aufhören und das andere anfangen. Ich sehe die DDR als Gesamtsystem, die in ein noch größeres System eingebettet war, und bin nicht bereit, sie aufgrund irgendwelcher Details zu verteidigen. Sie ist mir seit langem verhasst.

ZEIT: Hätten Sie gern zu dieser Kommission gehört?

Endler: Nein, aber ich mache meine privaten Aufarbeitungserfahrungen. Vor einigen Jahren habe ich an dem Buch Revolution im geschlossenen Raum. Die andere Kultur in Leipzig 1970 bis 1990 mitgewirkt. Jetzt soll ich etwas beisteuern zu dem Fotoband Weltnest. Literarisches Leben in Leipzig 1970 bis 1989 , das praktisch eine Gegendarstellung ist. Es kolportiert die vollkommen offizielle Literaturgeschichte, wie sie vom Ministerium für Kultur zurechtmanipuliert wurde. Dieses Buch könnte auch der DDR-Kulturminister Höpcke zu seinem Ruhm herausgeben. Ich will ja nicht bestreiten, dass in Leipzig mal Grass oder Rühmkorf auftreten durfte, aber das wird jetzt herausgestellt, um zu zeigen, wie toll die DDR war.

ZEIT: Was werden Sie dagegen tun?

Endler: Vielleicht schicke ich denen ein altes Tagebuchblatt über die Endler-Legende der DDR, die mich als Gescheiterten darstellte. Man schmierte westdeutschen Journalisten aufs Butterbrot, der Endler sei kaputt, leer geschrieben. Für die Literatur-Funktionäre war ich nicht vorhanden, es gab fast keine Rezensionen. Heute stelle ich fest, dass das Totschweigen, das in der DDR meinen Sachen galt, sich von den DDR-Germanisten auf die Westgermanisten überträgt.

ZEIT: Vielleicht liegt es auch an der Widerspenstigkeit Ihrer Texte? Sie haben mal gesagt, für klare Botschaften sei nicht Endler, sondern das Echo im Bayerischen Wald zuständig.

Endler: Die großen Bucherfolge zum Thema DDR stammen von jungen Autoren wie Jakob Hein oder Jana Hensel, die in schlichten Worten ihre Jugend beschreiben. Es gab vor Jahren schon die Forderung, wir müssten zum Geschichtenerzählen zurückkehren, und jetzt ist es tatsächlich in Gang gekommen. Na, Elke Heidenreich freut sich. Experimentelles wird kaum noch gedruckt. Von wem ich auf dem Gebiet wirklich etwas erwarte, ist Reinhard Jirgl. Ein schwer zu lesender Autor, aber dem gelingt ein tieferes Infragestellen dieses Luftblasenartigen namens DDR, das irgendwann zerplatzte.

ZEIT: Sind Sie nie traurig, dass die Zeit der illegalen Drucke, der romantischen Feld-Wald-und-Wiesen-Lesungen vorbei ist?

Endler: Es gab wirklich Wiesenlesungen, sogar Waldlesungen. (lacht) Manchmal drängelten sich in einer Zweizimmerwohnung hundert Leute. Aber ich kann das nicht vermissen, weil ich die Situation, aufgrund deren die Lesungen so waren, wie sie waren, nie akzeptiert habe.

ZEIT: In Ihrer Stasi-Akte stand als Charakterisierung: »E. lebt sehr zurückgezogen und macht einen mürrischen Eindruck.« Hatte das Mürrische Methode?

Endler: Nein. Ich war einfach manchmal sehr sauer. Methode hatte vielleicht die Art und Weise, wie ich in Briefen die Behörden beschimpft habe. Schimpfen konnte ein Schutz sein. Dem Heinz Czechowski beispielsweise hat keiner mehr was getan, wenn der gesagt hat: Dieser Staat ist scheiße, diese Regierung ist pleite. Oft war völlig unklar, warum einer, der drei schnöde Zeilen geschrieben hatte, ein Jahr im Gefängnis landete, während ein anderer, der einen ganzen kritischen Roman im Westen herausbrachte, unbehelligt davonkam. Es ist eine unheimliche Zufälligkeit in alldem, weshalb ich auch den Opferverbänden misstraue. Und dann kommt das Wort von der zweiten deutschen Diktatur. Für mich war die DDR nicht dasselbe wie die Nazizeit.

ZEIT: Weshalb?

Endler: Die DDR hatte kein Auschwitz. Punktum. Die DDR war abhängig von der Sowjetunion, Großdeutschland war nicht abhängig von irgendwem. Hitler wurde von 95 Prozent der Deutschen akzeptiert, sodass die keine IMs brauchten, weil es Tausende von Denunzianten gab. Die DDR hingegen hatte 70 Prozent der Bevölkerung gegen sich, deshalb brauchte man IMs. Da sind riesige Unterschiede.

ZEIT: In Fällen von willkürlicher Verhaftung verschwindet der Unterschied für den Einzelnen. Man konnte in den Fünfzigern wegen ein paar Flugblättern zehn Jahre weggesperrt, auch gefoltert werden. Nicht mit mittelalterlichen Folterwerkzeugen, aber mit Schlafentzug, Kälte, monatelanger Isolation.

Endler: Der Stalinismus spielte sicher eine große Rolle bei der Ausbildung der Verhörspezialisten. Was Hitler und Stalin angestellt haben, kann man vergleichen. Es gibt auch offenkundige Ähnlichkeiten zwischen »Drittem Reich« und DDR: die Massenaufmärsche, das Fahnengeschwenke, die FDJ-Ideologie. Aber anders als Ernst Nolte würde ich die Systeme nicht gleichsetzen. Verglichen mit der Nazizeit war die DDR etwas ziemlich Harmloses.

ZEIT: War die DDR eine Diktatur?

Endler: Natürlich. Man muss sie ja nicht mal als solche erfinden, denn sie hat sich selbst so bezeichnet, als Diktatur des Proletariats. Kurzzeitig gab es sogar die Parole »Erziehung zum Hass«. Das war ein ganz mieser Polizeistaat.

ZEIT: In Ihrem Nebbich -Band von 2005 trifft der Held Bubi Blazezak den Reichspropagandaminister Goebbels. Der sitzt auf einer silbern gepolsterten Parkbank und sagt: »Der Bolschewismus steht vor der entscheidenden Niederlage seiner Geschichte!« Hat Goebbels Recht behalten?

Endler: Als Nazideutschland zusammenbrach, hatte Goebbels nicht Recht behalten, und der Kommunismus zog sich ja noch lange hin. Meine Mutter stammte aus Belgien, und ein Teil unserer Familie waren Widerstandskämpfer, die von den Nazis erschossen wurden. Ich erinnere mich, dass ich nach dem Krieg überlegte: Wen könntest du eigentlich erschießen? Und ich habe mir geantwortet: Einen Nazi könntest du immer erschießen. Ich war Antifaschist durch und durch und dachte, dass mit dem Sozialismus etwas Neues würde. Gesiegt hat vorerst das kapitalistische System, das eines Tages untergehen wird wie alles in der Geschichte. Es ist kein von mir geliebtes System, aber in der Bundesrepublik sind die Verhältnisse erträglich, während sie in der DDR letztlich unerträglich waren.

ZEIT: In einem Brief von 2003 schreiben Sie, Ihr gesammeltes Erinnerungsmaterial sei ungeeignet, »dem realitätsflüchtigen Phänomen DDR-Nostalgie Nahrung zu geben«.

Endler: Mir schwebt vor, ein Buch zusammenzustellen nach Durchforstung alter DDR-Zeitschriften, mit Fotos von schießenden Kindern und fröhlichen Soldaten. Das Bild, das da zustande käme, wäre so wahnsinnig, dass einem alle Nostalgie vergehen möchte. Hier habe ich noch ein Exemplar des Neuen Deutschlands vom 9. Oktober 1989. Da sieht man die offiziellen Militärparaden vom 40. Jahrestag der Republik und zehn Fotos nebeneinander, auf denen immer wieder Erich Honecker mit einem Staatsgast abgebildet ist. Die DDR als Absurdität sondergleichen! Hier sind zum Beispiel die »Initiativen der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter zur Verwirklichung der Beschlüsse des VI. Parteitages des SED«. Auf jeden Fall waren die Kleintierzüchter schwer gegen die Hochrüstungspolitik der USA. Welche Zeitung Sie auch nehmen, es ist alles von ungeheurer Blödheit.

ZEIT: Daran möchte natürlich niemand gern erinnert werden.

Endler: Und die Blödheit setzt sich mit der Wende fort. Die Blödheit besteht darin, dass man glaubt: Jetzt kommt ein neues System, und alles wird gut. Ich habe mir nie Illusionen gemacht. Die Vorstellungen, die ich als Jungkommunist vom Kapitalismus hatte, haben sich im Großen und Ganzen bis heute erhalten.

ZEIT: Sie haben unsere Epoche mal als »Knotenpunkt einer Ära beispielloser Geschichtsverknäulung« bezeichnet. Wie ließe sich der Knoten aufdröseln?

Endler: Gar nicht. Ich träume oft von DDR-Verhältnissen, meistens in Angstträumen. Nach dem Krieg hatte ich Verfolgungsträume, wurde ständig von Flugzeugen angegriffen, die zischten über mich hinweg und warfen Bomben. Ich träume natürlich nicht nur Angstträume, aber die guten Träume sind keine DDR-Träume.

ZEIT: Unter dem Titel Ich möchte kotzen schrieben Sie eine Polemik zum Denkmalstreit über die Skulpturen der DDR und forderten, die sozialistischen »Klopse und Klamotten« sollten aus pädagogschen Gründen stehen bleiben, »verwundert begutachtet von unseren Kindern und Kindeskindern«.

Endler: Ich bin nicht mehr dieser Meinung, weil viele Leute das Unsinnige an der Vergangenheit nicht erkennen. Sie verteidigen diese grandios hässlichen Dinger, die sie früher nicht mochten, weil sie glauben, da werde unzulässigerweise etwas angegriffen. Jetzt hat sich ein Westler gefunden, der das Thälmann-Denkmal am Prenzlauer Berg immer schön sauber hält. Und auf den Parteisitzungen der PDS kann man kleine Lenin-Denkmäler kaufen.

ZEIT: Gruseln Sie sich vor der allenthalben spürbaren Sehnsucht, politische Probleme durch eine gemeinsame Begeisterung fürs Deutschsein zu überwinden?

Endler: Die Kampagne »Du bist Deutschland« ist mir sehr unangenehm, wie auch der neue Patriotismus, der sich überall breit macht. Patriotismus heißt Vaterlandsliebe. Bundespräsident Heinemann hat mal gesagt: Ich liebe nicht mein Vaterland, sondern meine Frau. Es fängt schon mit der Leitkultur an, dieses Hinüberdriften aus der Misere in große Worte. Ich misstraue ein bisschen dem neu eröffneten Geschichtsmuseum, dem DHM. Bin ich Deutschland? Bin ich Deutscher? Ich habe mich mal als böhmischen Zigeunergeiger bezeichnet, der auf einem Holzklotz sitzt und in die nächsten zehn Jahre starrt. Falls es zehn Jahre werden.

ZEIT: Wenn Sie ein Museum hätten, was würden Sie ausstellen?

Endler: Kunst. Die Surrealisten, Dadaisten, Futuristen. Bloß keine DDR-Geschichte! Ich mag das überschaubare Brücke-Museum, kleine Museen mit 20, 30 Bildern. Mein Freund, der Schriftsteller Jan Faktor, war mehrmals in dem Museum der DDR-Alltagskultur in Eisenhüttenstadt, das immer vergessen wird. Faktor befasste sich ständig mit Werbetexten der DDR, da habe ich ihm ein Buch geliehen, in dem all die Gegenstände aufgelistet waren, vom Schwamm bis zur Bürste. Ich selber habe so viel altes Zeugs gesammelt, dass es mir bis zur Halskrause steht.

ZEIT: Das Museum sind Sie?

Endler: Kann man so sagen. Aber deshalb muss ich mir nicht noch mal den Trabant angucken. Unser alter Trabi kam übrigens nach der Wende um, als die Hausbesetzer aus der Mainzer Straße von der Polizei vertrieben wurden. Wir konnten vom fünften Stock aus zusehen, wie das kleine Auto erst von den Besetzern umgekippt, dann von der Polizei als Schild benutzt wurde. Dann war es hin.

Das Gespräch führte Evelyn Finger

Von Adolf Endler erschienen nach der Wende unter anderem »Nebbich« (Wallstein-Verlag), »Der Pudding der Apokalypse« (Suhrkamp), »Tarzan am Prenzlauer Berg« (Reclam). Bibliophile Künstler-Bände aus seiner Underground-Zeit finden sich unter www.zvab.de: »Bubi Blazezaks gedenkend«, »Nadelkissen. Aus den Notizzetteln Bobbi Bergermanns«, »Nächtlicher Besucher in seine Schranken gewiesen. Eine Fortsetzungs-Züchtigung« (alles Berliner Handpresse)

»Viele hatten nach der Wende erwartet, alles werde nun so wie in Düsseldorf, was aber nicht geschah«»Ich habe so viel altes Zeugs aus der DDR gesammelt, dass es mir heute bis zur Halskrause steht«

 
Leser-Kommentare
  1. >>> Wiedereinmal werden Aspekte der DDR zu jämmerlichen Befindlichkeitsstörungen. Nur der Aspekt dass die DDR eine Kriegsfolge war, die die Deutschen für einige Jahrzehnte gezähmt hatte, und in Europa den Frieden gesichert hatte.

    So ähnlich wie der Versailler Vertrag, der Deutschland ja auch zähmen sollte nicht wahr? Wer denkt er könne Deutschland zähmen, in dem er es möglichst stark schädigt, hat nix kappiert. Das wird alles auf euch zurückfallen. Die Antideutschen werden in diesem Land kein angenehmes Leben mehr führen können.

    >>> Was nach der Wiedervereinigung nicht mehr so war, der Militarismus hat schneller wieder Auftrieb bekommen als man jemals geglaubt hätte, Belgrad wurde schneller wieder gebombt als sich das warscheinlich Gorbatschow hätte träumen lassen, und das Verhalten deutscher Eliten in Politik zeigt, dass sie die 2+4 Verträge nichtmehr einhalten wollen.

    Es waren glöaube ich ganze vier Tornados der Bundeswehr in Belgrad dabei, der Rest waren die friedensliebenden Britten und Amis. Und die Russen haben sich ihren Einfluss ja auch noch rasch gesichert.

    >>> Die DDR war das kleinere Übel, gegenüber dem jetzigen neuen gefährlichen Militarismus, und der Gefahr eines neuen modernisierten Faschismus.

    Weil die DDR ja auch überhaupt nicht militarisiert war. Dummes Geschwätz von jemandem der die DDR nur aus dem Fernsehen kennt.

    >>> Die Sowjetunion hatte die Staaten des Warschauer Pakts lange durchgefüttert um sich damit Frieden zu erkaufen, auch den Adolf Endler, und sich damit zusammen mit der Rüstung übernommen.

    Hihi. Sagen wir besser die Sowjetunion hat sich an den Staaten des Warschauer Pakts beköstigt. Das kommt der Wahrheit schon näher. ALs nächstes werden sie behaupten, der Kommunismus ist ein funktionierendes Wirtschaftssystem.

    >>> Gorbatschow hat den Befreiungsschlag versucht , auch weil er gehofft hatte auf die Deutschen vertrauen zu können.

    Deswegen ist auch die russische Wirtschaft zusammen gebrochen, weil die Befreiung von der Last Osteuropa durchfüttern zu müssen, ein derartiges Wirtschaftswachstum ausgelöst hat, dass der Staat einfach kollabieren musste.

    >>> Aber Leute wie Endler die nur ihre Befindlichkeitsstörungen zelebrieren, und nicht erkennen dass es letzendlich um den Frieden ging und geht gibt es zuviele, so dass es Rußland womöglich nochmal auferzwungen wird sich mit Deutschland zu befassen.

    In Zeiten des Atomkriegs dürfte diese Befassung nicht allzu lange dauern. Das einzig richtige an ihrem Kommentar sind die Befindlichkeitstörungen, die sie bei dem sich selbst überschätzenden Author. Aber sie sollten dennoch mal selbst einen Psychiater aufsuchen.

  2. ist mir, dass Interviews ständig mit Leuten geführt werden, die entweder das System geleitet haben( Markus Wolf) oder mit Leuten, die auf der anderen Seite standen und sich unterdrückt fühlten.

    Was ist eigentlich mit dem Lehrer in Stralsund, dem Meister in Dresden oder dem Kraftfahrer aus Leipzig, der auch in das NSW durfte?

    Denn, wenn es bei der Geschichtsaufarbeitung um subjektive Wertungen geht, die beispielsweise Markus Wolf und auch Adolf Endler preisgeben, sollten quer durch die DDR - Gesellschaft, Meinungen eingeholt werden.

    Objektive Aufarbeitung von Geschichte würde ich dann doch eher Leuten überlassen, die eine wissenschaftliche Ausbildung haben.

    Oder ist das zu unemotional?

    Vielleich kann man ja den einen oder anderen am Bahnhof "Zoo" finden;-)

  3. Wiedereinmal werden Aspekte der DDR zu jämmerlichen Befindlichkeitsstörungen. Nur der Aspekt dass die DDR eine Kriegsfolge war, die die Deutschen für einige Jahrzehnte gezähmt hatte, und in Europa den Frieden gesichert hatte. Was nach der Wiedervereinigung nicht mehr so war, der Militarismus hat schneller wieder Auftrieb bekommen als man jemals geglaubt hätte, Belgrad wurde schneller wieder gebombt als sich das warscheinlich Gorbatschow hätte träumen lassen, und das Verhalten deutscher Eliten in Politik zeigt, dass sie die 2+4 Verträge nichtmehr einhalten wollen. Die DDR war das kleinere Übel, gegenüber dem jetzigen neuen gefährlichen Militarismus, und der Gefahr eines neuen modernisierten Faschismus. Die Sowjetunion hatte die Staaten des Warschauer Pakts lange durchgefüttert um sich damit Frieden zu erkaufen, auch den Adolf Endler, und sich damit zusammen mit der Rüstung übernommen. Gorbatschow hat den Befreiungsschlag versucht , auch weil er gehofft hatte auf die Deutschen vertrauen zu können. Aber Leute wie Endler die nur ihre Befindlichkeitsstörungen zelebrieren , und nicht erkennen dass es letzendlich um den Frieden ging und geht gibt es zuviele, so dass es Rußland womöglich nochmal auferzwungen wird sich mit Deutschland zu befassen.

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