Erinnerung : Was war die DDR?

Und was soll von ihr bleiben? Eine Reise zu den Gedenkstätten des untergegangenen deutschen Staates, von Marienborn über Leipzig nach Bautzen.

Die deutsche Geschichte ist kein angenehmer Reisebegleiter. Die Geschichte in Gestalt eines grobschlächtigen Mannes, der leicht schwankend das Zugabteil betritt, sieht anders aus, als man sich einen Renegaten der verflossenen DDR vorstellt. Er ist unrasiert, trägt ein schmutziges Netzhemd und riecht nach Schnaps. Frank Franz Draeger, geboren 1958 in Magdeburg, eingesperrt von 1979 bis 1985 unter anderem in Bautzen, wurde wegen versuchter Republikflucht verurteilt. Seine Neigung zu Tätlichkeiten brachte ihm aber noch andere, »normale« Haftstrafen ein, insgesamt 21 Jahre. Draeger, wie er da sitzt mit seinem Einkaufsbeutel als einzigem Gepäck, ist kein Vorzeige-Zeitzeuge aus dem ZDF-Spätprogramm, kein zur Heroisierung geeignetes Opfer des Stalinismus. Er hat gestern im Suff versehentlich den Zug nach Hamburg erwischt, jetzt will er zurück in den Osten. Ungefragt erzählt er seine Gefängniskarriere. Das Archivbild vom 15.Februar 1999 zeigt den Abfertigungsbereich des ehemaligen Grenzübergangs an der A2 zwischen Marienborn (Sachsen-Anhalt) und Helmstedt (Niedersachsen). Der im Juli 1945 von den Alliierten eingerichtete Kontrollpunkt wurde zu einem Symbol des Kalten Krieges und der deutschen Teilung. BILD

Es ist die Allerweltsbiografie von einem, der immer wieder abstürzte, ausrastete, zuschlug, aber sie versinnbildlicht auch die Vertracktheit der DDR-Aufarbeitung. Draeger ist der Typ, von dem Revisionisten leicht behaupten können, er sei kein richtiger politischer Gefangener gewesen. Man hört förmlich die Lieblingslügen der Ex-Haftanstaltsleiter, Ex-Stasi-Offiziere, Ex-Richter, Ex-Polizisten: So einer habe zu Recht gesessen, so einer wäre auch in der Bundesrepublik kriminell geworden. Gerade ist Draeger wegen Mietschulden aus seiner Wohnung geflogen. Was er mit seiner Haftentschädigung gemacht hat? »22.000 Mark«, sagt er erinnerungsselig, »wir wollten doch schon immer mal Mercedes fahren.« Nur als er seine erste Haftzeit erwähnt, drei Jahre Jugendwerkhof, beginnt er zu weinen. Der Vater habe ständig die Mutter verprügelt, und eines Tages fasste der Sohn den Mut, zurückzuschlagen.

Wenn Draeger weint, bekommt das Wort »aufarbeiten« einen schrecklich konkreten Klang. Dann tut sich der Abgrund des Unbewältigten auf, der von den Ostalgiefilmchen des Mitteldeutschen Rundfunks gemieden und durch die Geschichtswissenschaft allein nicht überbrückt wird. Denn hier geht es um moralische Fragen, um erlittenes Unrecht und fortwirkende Demütigung.

Der Grenzübergang in die DDR – hier ahnten auch Wessis, was Willkür heißt

Solche Fragen werden von Erinnerungsarchäologen wie Joachim Scherrieble beackert. Er leitet die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, ist Herr über rostige Schlagbäume, leere Passkontrollhäuschen, ein echtes Fluchtfahrzeug und viel betonierten Platz. Der größte innerdeutsche Grenzübergang, auf halber Strecke zwischen Hannover und Magdeburg, war mal die Vorhölle des Kalten Krieges, eine Schikaniermeile und bedrohlich knirschende Schleuse zwischen den Gesellschaftssystemen. Jetzt brettert im Norden der Autobahnverkehr der A2 vorbei, im Süden rauscht ungehindert der Intercity durch. »Gedenkstätte sein«, sagt Scherrieble, »heißt mehr als eine Dauerausstellung beheizen.« Es heiße Lebensgeschichten sammeln, mit Opfern streiten, mit Tätern, Schulklassen und den Rentnern der Bremer Seniorenunion, »die kommen, um sich anzuschauen, worüber sie schon immer Bescheid wussten«.

Marienborn ist einer der wenigen Orte, an dem Ost- und Westdeutsche nach 1945 gemeinsame Erfahrungen mit der Diktatur machten. Hier schüchterte das MfS auch die Transitwestler ein. Die waren plötzlich konfrontiert mit der Entscheidung: Kuschen oder drei Stunden Kontrollgarage riskieren? Da schwante einem, was Willkür bedeutet, aufhaltbar zu sein, womöglich erpressbar. »Stolpersteinpädagogik« nennt der aus Baden-Württemberg stammende Historiker Scherrieble seine Strategie, westdeutsche Besucher mit der Behauptung zu provozieren, die DDR gehöre auch zu ihrer Geschichte, und ostdeutschen Vergangenheitsverklärern die Vokabel Diktatur einzubimsen. »Bei meinem ersten Gedenkstättenleiter-Treffen wurde ich fast gelyncht, als ich den Begriff Diktatur verwendete, gerade von westdeutschen Kollegen, die fast alle aus NS-Einrichtungen kamen und gleich eine Bagatellisierung des Faschismus fürchteten.«

1995, als Scherrieble in Marienborn ankam, stand das Gras zwei Meter hoch. Das Stabsgebäude, wo heute Ausstellungen, Depots, Bibliothek und Seminarräume untergebracht sind, sei nicht wie jetzt gelb gewesen, sondern weiß. »Nachdem die Grenztruppen im Winter 1989/90 abgezogen waren, hat das MfS die Geschichte geweißelt.« Scherrieble rekonstruierte mühsam den Zustand vom Herbst 89. Als herauskam, dass am Passförderband die vorderste Kontrollbox fehlte, suchte er im Umkreis von zwanzig Kilometern die Gärten ab. Und wurde fündig.

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Ost-West Gerechtigkeit

Wiedereinmal hat dieser Artikel, wie schon die Evaluation meines Workshops "Praxis der Gerechtigkeit" beim ersten deutschen Sozialforum 05 in Erfurt oder auch andere repräsentative Umfragen, das signifikante Ergebnis zu Tage gefördert, dass Deutschland von mindestens zwei verschiedenen Gerechtigkeitsparadigmen getrennt wird. Während die einen Markt- und Sozialstaatlich vermittelte Gerechtigkeit ablehnen, gleich ob sie davon profitieren oder nicht, bejahen die anderen diese Gerchtigkeitsparadigmen. Im Widerspruch dazu sehen jene andere wenig Anlass dazu hinter einer Doktrin wie: "jeder nach seinen Bedürfnissen, jedem nach seinen Fähigkeiten" höchste Gerechtigkeit zu vermuten, wie erstere es tun.

Das dieser tiefe Abgrund nicht bewältigt, sondern als Entäußerung des Gewissens mit Milliardentransfers ins Vergessen abgedrängt wird, wäre ein Skandal wert, wenn nicht die sublimierten Reize dessen, sich selbstdestruktiv verkehrt auswirken könnten. Bei der einheitlichen Feier einer Fußball WM im eigenen Land, kann das fehlen dieser einen manchmal zu offensichtlich anspringen. Während die Konjungtur allerdings, spätestens nach Beendigung der Spiele wieder nicht im erhofften Maß anziehen wird und weil die selbstzerfleischung am unthematisierten Widerspuch die weitere Talfahrt besiegelt.

Redlichist das nicht

Im ersten Semester meines Journalistikstudiums lernte ich, dass sich in einer Schlagzeile oder Überschrift der Inhalt eines Beitrages wiederfinden sollte. Also dachte ich, nun erfahre ich, was die DDR war und was von ihr bleiben wird. Erfahren habe ich nur etwas über die Stasi und ihre Vergehen, als habe es sonst nichts in der DDR gegeben, schon gar nichts positives. Und unter den Zeitzeugen war auch nicht einer, der sich für die DDR engagiert und nicht mit ihr im Konflikt gelebt hat. Von der Bildzeitung hätte ich dies nicht anders erwartet, von der Zeit schon, dnn redlich istdas nicht.
Man stelle sich vor, es wäre ein Beitrag unter dem Titel "Was war die BRD" zu schreiben und es würden nur Einrichtungen für Arbeitslose, Obdachlose und andere Systemverlierer- bzw. gegner vorgestellt, außerdem nur Zeitzeugen aus dieser Klientel. Niemand würde es drucken . Mit Recht nicht, denn es wäre ebenso unredlich. Schade, dass Die Zeit sich auf ein solches Niveau begibt um dem Zeitgeist zu genügen. E.Fensch

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