ErinnerungWas war die DDR?

Und was soll von ihr bleiben? Eine Reise zu den Gedenkstätten des untergegangenen deutschen Staates, von Marienborn über Leipzig nach Bautzen. von 

Die deutsche Geschichte ist kein angenehmer Reisebegleiter. Die Geschichte in Gestalt eines grobschlächtigen Mannes, der leicht schwankend das Zugabteil betritt, sieht anders aus, als man sich einen Renegaten der verflossenen DDR vorstellt. Er ist unrasiert, trägt ein schmutziges Netzhemd und riecht nach Schnaps. Frank Franz Draeger, geboren 1958 in Magdeburg, eingesperrt von 1979 bis 1985 unter anderem in Bautzen, wurde wegen versuchter Republikflucht verurteilt. Seine Neigung zu Tätlichkeiten brachte ihm aber noch andere, »normale« Haftstrafen ein, insgesamt 21 Jahre. Draeger, wie er da sitzt mit seinem Einkaufsbeutel als einzigem Gepäck, ist kein Vorzeige-Zeitzeuge aus dem ZDF-Spätprogramm, kein zur Heroisierung geeignetes Opfer des Stalinismus. Er hat gestern im Suff versehentlich den Zug nach Hamburg erwischt, jetzt will er zurück in den Osten. Ungefragt erzählt er seine Gefängniskarriere.

Es ist die Allerweltsbiografie von einem, der immer wieder abstürzte, ausrastete, zuschlug, aber sie versinnbildlicht auch die Vertracktheit der DDR-Aufarbeitung. Draeger ist der Typ, von dem Revisionisten leicht behaupten können, er sei kein richtiger politischer Gefangener gewesen. Man hört förmlich die Lieblingslügen der Ex-Haftanstaltsleiter, Ex-Stasi-Offiziere, Ex-Richter, Ex-Polizisten: So einer habe zu Recht gesessen, so einer wäre auch in der Bundesrepublik kriminell geworden. Gerade ist Draeger wegen Mietschulden aus seiner Wohnung geflogen. Was er mit seiner Haftentschädigung gemacht hat? »22.000 Mark«, sagt er erinnerungsselig, »wir wollten doch schon immer mal Mercedes fahren.« Nur als er seine erste Haftzeit erwähnt, drei Jahre Jugendwerkhof, beginnt er zu weinen. Der Vater habe ständig die Mutter verprügelt, und eines Tages fasste der Sohn den Mut, zurückzuschlagen.

Wenn Draeger weint, bekommt das Wort »aufarbeiten« einen schrecklich konkreten Klang. Dann tut sich der Abgrund des Unbewältigten auf, der von den Ostalgiefilmchen des Mitteldeutschen Rundfunks gemieden und durch die Geschichtswissenschaft allein nicht überbrückt wird. Denn hier geht es um moralische Fragen, um erlittenes Unrecht und fortwirkende Demütigung.

Solche Fragen werden von Erinnerungsarchäologen wie Joachim Scherrieble beackert. Er leitet die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, ist Herr über rostige Schlagbäume, leere Passkontrollhäuschen, ein echtes Fluchtfahrzeug und viel betonierten Platz. Der größte innerdeutsche Grenzübergang, auf halber Strecke zwischen Hannover und Magdeburg, war mal die Vorhölle des Kalten Krieges, eine Schikaniermeile und bedrohlich knirschende Schleuse zwischen den Gesellschaftssystemen. Jetzt brettert im Norden der Autobahnverkehr der A2 vorbei, im Süden rauscht ungehindert der Intercity durch. »Gedenkstätte sein«, sagt Scherrieble, »heißt mehr als eine Dauerausstellung beheizen.« Es heiße Lebensgeschichten sammeln, mit Opfern streiten, mit Tätern, Schulklassen und den Rentnern der Bremer Seniorenunion, »die kommen, um sich anzuschauen, worüber sie schon immer Bescheid wussten«.

Marienborn ist einer der wenigen Orte, an dem Ost- und Westdeutsche nach 1945 gemeinsame Erfahrungen mit der Diktatur machten. Hier schüchterte das MfS auch die Transitwestler ein. Die waren plötzlich konfrontiert mit der Entscheidung: Kuschen oder drei Stunden Kontrollgarage riskieren? Da schwante einem, was Willkür bedeutet, aufhaltbar zu sein, womöglich erpressbar. »Stolpersteinpädagogik« nennt der aus Baden-Württemberg stammende Historiker Scherrieble seine Strategie, westdeutsche Besucher mit der Behauptung zu provozieren, die DDR gehöre auch zu ihrer Geschichte, und ostdeutschen Vergangenheitsverklärern die Vokabel Diktatur einzubimsen. »Bei meinem ersten Gedenkstättenleiter-Treffen wurde ich fast gelyncht, als ich den Begriff Diktatur verwendete, gerade von westdeutschen Kollegen, die fast alle aus NS-Einrichtungen kamen und gleich eine Bagatellisierung des Faschismus fürchteten.«

1995, als Scherrieble in Marienborn ankam, stand das Gras zwei Meter hoch. Das Stabsgebäude, wo heute Ausstellungen, Depots, Bibliothek und Seminarräume untergebracht sind, sei nicht wie jetzt gelb gewesen, sondern weiß. »Nachdem die Grenztruppen im Winter 1989/90 abgezogen waren, hat das MfS die Geschichte geweißelt.« Scherrieble rekonstruierte mühsam den Zustand vom Herbst 89. Als herauskam, dass am Passförderband die vorderste Kontrollbox fehlte, suchte er im Umkreis von zwanzig Kilometern die Gärten ab. Und wurde fündig.

Jetzt steht die hässliche Grenzer-Schachtel wieder an alter Stelle – ein Monument für die Geschichtsaktivisten der ersten Stunde, solche wie Scherrieble, die es auch in Leipzig, Jena, Bautzen, Potsdam, Berlin und Schnakenburg gibt. Fast 30 Einrichtungen gehören heute zur Arbeitsgemeinschaft Gedenkstätten. Wenn es 1995 nach dem CDU-Kanzler Helmut Kohl und Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Gerhard Schröder gegangen wäre, die die Förderung Marienborns ablehnten, würde eine der modernsten Dauerausstellungen zum Thema DDR nicht existieren. Allein letztes Jahr kamen 167.000 Besucher (im Vergleich zu 32.000 im Jahr 1996), und das bei einem Etat von bloß 500.000 Euro und nur sechs fest angestellten Mitarbeitern, zu denen auch Hausmeister, Sekretärin, Buchhalterin zählen. Museumsführungen im klassischen Sinn bietet Scherrieble übrigens nicht. »Wir begleiten einen schmerzlichen Erinnerungsprozess. Ich sage meinen Mitarbeitern immer, sie sollen auf der Klaviatur der Gedenkstätte spielen wie auf einem Instrument.«

Er hat es vorgemacht, mit Rockkonzert und Freilufttheater, mit deutsch-deutschen Sprayer-, Harley-und Klöppel-Treffen. Da kämen sie »aus aller Herren Bundesländer«, machten das Bollwerk der Teilung zum Ort der Begegnung. Eben wurde auf Wunsch jugendlicher Fans eine Sonderschau wieder aufgebaut, die der abstrakten Zahl von etwa tausend Grenztoten ein Gesicht gibt: das des Lehrlings Michael Gartenschläger. 1961 verurteilte die DDR ihn wegen staatsfeindlicher Schmierereien (»Macht das Tor auf«) und Anzünden einer Scheune zu lebenslänglichem Zuchthaus. Als er nach seinem Freikauf 1971 in die Bundesrepublik der freundschaftlichen Ostpolitik kam, prangerte er die Menschenrechtsverletzungen der SED an. Zum Beweis baute er an der innerdeutschen Grenze zwei Splitterminen ab. Wenige Wochen später durchsiebte ein Sondereinsatzkommando des MfS mit Dauerfeuer diesen Feind. Wie heißt es in Heiner Müllers Mauser? »Das tägliche Brot der Revolution ist der Tod ihrer Feinde.«

Dass Gartenschlägers Erschießung zur gesamtdeutschen Geschichte gehört, ebenso wie der Freispruch der Schützen im Jahr 2000 und der Freispruch des zuständigen Offiziers im Jahr 2003, erscheint in Marienborn selbstverständlich. Doch wo sonst kommen solche bitteren Wahrheiten massenwirksam zur Sprache? In Schulbüchern nicht. Im Kino nicht. Im Bundestag nur ausnahmsweise. Dass viele Repräsentanten des DDR-Regimes sich durch die Zahnlosigkeit der demokratischen Rechtsordnung bestätigt fühlen, gehört ja zu den prekärsten Aufarbeitungshindernissen. Weit über 20.000 Untersuchungsverfahren wurden seit der Wende eingeleitet, doch am Ende gab es weniger als 1000 Strafverfahren, weniger als 300 Verurteilungen und weniger als 50 Haftstrafen. Deshalb ist es so wichtig, dass die Opfer durch eine »Opferrente« Anerkennung finden, wie es die Bundesregierung nun endlich beschließen will. Das könnte den Beschönigungsfleiß der alten Kader dämpfen, die seit Jahren auf Gedenkveranstaltungen Geschichtsklitterung betreiben oder revisionistische Bücher verfassen. Das Gegenwartsträchtige unserer jüngsten Geschichte bleibt den Gedenkstätten in der schlecht bezuschussten, von Großpolitikern selten besuchten Aufarbeitungsprovinz überlassen. Neulich fehlte Marienborn sogar das Porto für die Einladungen zum 17. Juni.

Man muss das DDR-Aufarbeitungs-Spiel, das oft genug ein Vabanquespiel ist, eben spielen können. Tobias Hollitzer hat darin länger Übung als die meisten Kollegen – seit der Besetzung der Leipziger Stasi-Zentrale Anfang Dezember 1989. Heute ist sie als Museum in der »Runden Ecke« bekannt und für eine enorme Sammlung von Wanzen, Abhöranlagen, Postkontrollmaschinen, Geruchsproben berühmt. Wenn man die schmalen Büroflure betritt, wird man wie durch eine Zeitschleuse ins trübe Zentrum des Überwachungswahns gesogen. Hier riecht es noch nach DDR-Linoleum, hier sind die Sprelacardtische und die grobmaschigen Gardinen weiterhin in Gebrauch. Vergangene Woche ersteigerte Museumschef Hollitzer auf eBay Mielkes Privatzimmer aus dem Leipziger Gästehaus des Ministerrates. Aber, sagt er, langsam vergehe ihm die Lust an Sammlertriumphen. Denn der laufende Ausstellungs-, Stadtführungs-, Vortrags-, Kino- und Geschäftsbetrieb bleibe eine Plackerei. »Es fällt uns immer wieder auf die Füße, dass wir zehn Jahre lang fast ohne Geld ausgekommen sind.«

Bis zum Jahr 2000 hatte das Leipziger Bürgerkomitee, das sich aus Demonstranten des Wendeherbstes rekrutierte und die ehemalige Bezirksverwaltung des MfS buchstäblich in Handarbeit zum Museum umbaute, nur eine einzige feste Stelle. Auch jetzt malt Hollitzers Mutter aktuelle Plakate oft noch per Hand. Hollitzer hat sich maßlos geärgert, als vergangenen Herbst im Auftrag des Bundes eine Expertenkommission antrat, um die Gedenklandschaft zu evaluieren. Als wüssten die Malocher im Aufarbeitungsbergwerk nicht selbst am besten, wo ihre Defizite liegen, als hätten sie nicht in zahllosen Fördermittelanträgen um deren Behebung gerungen. Forschung beispielsweise bekam die Runde Ecke bisher nie finanziert, obwohl jedes seriöse DDR-Geschichte-Museum auf eigene Forschung angewiesen ist. »Museumsobjekte an sich sind ja lächerlich, wenn man sie nicht ausreichend kontextualisiert«, sagt Hollitzer. So ist die Brief-Aufdampfmaschine, die man für den Dreh des preisgekrönten Stasi-Films Das Leben der Anderen verlieh, im Museum an ein weit verzweigtes Wissenskonvolut angeschlossen: »Bei uns hätte der Regisseur noch viel lernen können. Zum Beispiel, dass das Abhören keinesfalls auf dem Dachboden stattfand, sondern per Mietleitung der Post vom offiziellen Stasi-Quartier aus.«

Hollitzer kommt aus einem christlich-bürgerbewegten Elternhaus, durfte nicht studieren und hat vor 1989 die Oberen mit Hinweisen auf staatliche Verstöße gegen DDR-Gesetze malträtiert. Diese kohlhaassche Attitüde blitzt noch durch, wenn er in seiner MfS-Zentrale sitzt. »Wenn der Bund von uns Professionalität fordert, muss er sie auch ermöglichen. Es gibt kein Kontrollrecht ohne Förderpflicht.« Als Beispiel für vorbildliches Erinnern wird nun allenthalben das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig gepriesen. Es befindet sich zehn Spazierminuten von der Runden Ecke entfernt, ein auf Hochglanz polierter, bunt bestückter Ableger des Bonner Hauses der Geschichte, leicht konsumierbar. »Der Quadratmeterpreis dieser Ausstellung entspricht ungefähr dem Jahresetat, den die Runde Ecke lange Zeit hatte«, hat die Westberliner Historikerin Silke Klewin mal bemerkt, die die Gedenkstätte Bautzen leitet und gemeinsam mit Hollitzer und Scherrieble gegen die Expertenkommission protestierte.

»Hier tobt ja der memoriale Klassenkampf«, sagt Hollitzer sarkastisch. Seine Gegner säßen unter anderem im Bunkermuseum Kossa, einem ehemaligen Gefechtsstand der NVA, der jetzt vom so genannten Eurocenter Sächsische Militärgeschichte betrieben wird. Dessen Geschäftsführer ist der ehemalige Kommandant des Leipziger MfS-Bunkers, der Vereinsvorsitzende war vor der Wende Chef der städtischen Volkspolizei. Die friedliche Revolution ist noch nicht gewonnen, und es sind die Hollitzers, die weiterkämpfen, widerwillig unterstützt von der Politik. Die betrachtet die DDR-Geschichte als abgeschlossenes Problem, das sich vom Thron der Nachwendezufriedenheit herab verhandeln lässt. Die Forderung der Expertenkommission nach einer Verwissenschaftlichung der Aufarbeitung kann aber für Museen und Gedenkstätten nicht im gleichen Maße gelten wie für einen Forschungsverbund. Denn die berühmte Distanz zu den Gegenständen, die ein Schreibtischhistoriker vielleicht braucht, gibt es vor Ort naturgemäß nicht. Dort sind die »Gegenstände« präsent: die geschredderten, verklumpten Stasi-Akten, die Verhörlampen, die Gefangenentransporter mit den spindschmalen Blechkabinen.

Thomas Raufeisen ist in so einem Transporter herumgekarrt worden, mit dem Rücken in Fahrtrichtung und eingezogenem Kopf, ohne zu wissen, wohin die Fahrt ging. Das war 1982, da rollte er nach 14 Monaten Stasi-U-Haft von Hohenschönhausen in Richtung Bautzen. Das berüchtigtste Zuchthaus der DDR östlich von Dresden ist heute Gedenkstätte, manchmal kommt Raufeisen, Jahrgang 1962, noch hierher, um Auskunft zu geben. »Was man heute sieht und was man damals fühlte, ist nicht das Gleiche«, sagt er in der Einfahrt, wo an diesem Junisamstag die Sonne scheint und alle Türen offen stehen. Dann geht er hinein in den kühlen Knast, der früher viel kühler war. Die langen Gänge, die niedrigen Zellentüren, die Pritschen, die kellerfensterschmalen Lichtspalte, die Klappen vor den Türspionen, das filmreife Treppenhaus. Es sei damals vor allem lauter gewesen, sagt Raufeisen, auch die Stille war lauter. Der Ingenieur, der mit Frau und Kind angereist ist, wirkt nicht wie einer, der stündlich unter seiner Vergangenheit leidet. Er spricht ruhig, sehr reflektiert über die schlüsselrasselnde Verlorenheit, die einen hier erfasste. »Nach der Freilassung 1985 hatte ich anfangs Probleme, beim Bäcker ein Brötchen zu verlangen. Man traute sich nicht mehr, etwas zu wollen.«

Auch Raufeisen ist ein untypisches Opfer des Stalinismus, wie jeder Einzelne bei näherer Betrachtung. Bis zu seinem 17. Lebensjahr hatte er ein ganz normales Leben in Hannover geführt. Dann musste die Familie Hals über Kopf in die DDR fahren, weil sich herausstellte, dass der Vater Stasi-Agent bei der Preussag war und Gefahr lief, enttarnt zu werden. »Ein Schock«, sagt Raufeisen. Sein älterer Bruder, der volljährig war, schaffte es, legal wieder auszureisen. Er selbst wurde in eine Eliteschule gesteckt, die er schmiss, weil er die Fahnenappelle, den Frontalunterricht, den Handgranatenweitwurf nicht aushielt. »Ich kam mir vor wie in einem Schwarzweißfilm aus den Dreißigern. Dieser völlig normale Militarismus.« Anders, als manche Wissenschaftler glauben, können gerade die ehemaligen Gefangenen mit ihren Ausnahmebiografien viel über die alltägliche Diktatur erzählen. Der junge Raufeisen, der Architekt hatte werden wollen und nun eine Kfz-Schlosser-Lehre machte, wurde sogar von der NVA gemustert. Als er sich weigerte, drohte die Stasi, nahm ihn eine Nacht in Abschreckungshaft. Nach zwei albtraumhaften Jahren endete die Familie wegen geplanter Republikflucht im Gefängnis. Thomas Raufeisen bekam drei Jahre, seine Mutter sieben, sein Vater lebenslänglich.

Sie saßen im selben Gebäude in Bautzen. Aber nur zweimal im Jahr, sagt Raufeisen, durfte die Familie sich sehen. Als er jetzt vor seiner alten Zelle steht, zweiter Stock, Nummer 30, und Silke Klewin ihn fragt, ob er nicht ungeheuer wütend sei, antwortet er: »Wütend zu sein ist schwierig. Auf wen? Auf meinen Vater? Auf die DDR?«

Silke Klewin lebt diesen schwer zu verortenden Zorn stellvertretend für die Opfer gelegentlich aus. Wenn sich bei einer Bautzener Veranstaltung die Bewacher zu Wort melden und die rehabilitierten Ex-Häftlinge als Kriminelle beschimpfen. Oder wenn wieder mal ein Stasi-Major behauptet, in der DDR habe es keine Isolationshaft gegeben. »Neulich wollte ich so einen am liebsten schütteln. Aber ich bin nur aufgestanden und habe gewettert.« Solche geharnischten Auftritte gehören auch zur Erinnerungsarbeit. Ein halber Sieg sei einzugestehen und eine neue Niederlage, schrieb Jürgen Fuchs 1998 in seinem Stasi-Roman Magdalena: das Wegtauchen der Täter, das Versacken der Fakten in einem merkwürdigen Macht- und Meinungsmorast. »War die Diktatur nur die Erfindung irgendwelcher Opfer, die nichts beweisen können?«

Klewin versucht, den Opfern wenigstens symbolische Genugtuung zu verschaffen. Zwar werden die Führungen in Bautzen nur ganz selten von ehemaligen Häftlingen gemacht. Aber sie leitet ihr Haus in dem Bewusstsein, dass es kein bloßes Museum wie ein Komponistengeburtshaus ist, sondern privater Gedenkort, öffentliches Podium, Friedhof. An diesem Junisamstag kommt zufällig noch ein älterer Häftling vorbei, der in den Fünfzigern einsaß, er bringt seine Familie mit. Silke Klewin, die seit 1996 ein halbes Dutzend penibel recherchierte Publikationen über Bautzen herausgegeben hat, kocht Kaffee für alle. Heute ist mal wieder so ein Tag, an dem sie die gebotene Distanz zu ihren »Gegenständen« außer Acht lassen muss. Heute ist wieder so ein Tag, an dem man merkt, dass die Aufarbeitungsprovinz, vier Autostunden von Berlin entfernt, das Zentrum der Aufarbeitung ist. Später steht vor dem äußeren Tor auch der westdeutsche Haftanstaltsleiter, der nach der Wende als Letzter hier Dienst tat, und diskutiert mit einem befreundeten Gefängnispfarrer über Gerechtigkeit.

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Leserkommentare
  1. Wiedereinmal hat dieser Artikel, wie schon die Evaluation meines Workshops "Praxis der Gerechtigkeit" beim ersten deutschen Sozialforum 05 in Erfurt oder auch andere repräsentative Umfragen, das signifikante Ergebnis zu Tage gefördert, dass Deutschland von mindestens zwei verschiedenen Gerechtigkeitsparadigmen getrennt wird. Während die einen Markt- und Sozialstaatlich vermittelte Gerechtigkeit ablehnen, gleich ob sie davon profitieren oder nicht, bejahen die anderen diese Gerchtigkeitsparadigmen. Im Widerspruch dazu sehen jene andere wenig Anlass dazu hinter einer Doktrin wie: "jeder nach seinen Bedürfnissen, jedem nach seinen Fähigkeiten" höchste Gerechtigkeit zu vermuten, wie erstere es tun.

    Das dieser tiefe Abgrund nicht bewältigt, sondern als Entäußerung des Gewissens mit Milliardentransfers ins Vergessen abgedrängt wird, wäre ein Skandal wert, wenn nicht die sublimierten Reize dessen, sich selbstdestruktiv verkehrt auswirken könnten. Bei der einheitlichen Feier einer Fußball WM im eigenen Land, kann das fehlen dieser einen manchmal zu offensichtlich anspringen. Während die Konjungtur allerdings, spätestens nach Beendigung der Spiele wieder nicht im erhofften Maß anziehen wird und weil die selbstzerfleischung am unthematisierten Widerspuch die weitere Talfahrt besiegelt.

    • Welzin
    • 01. Juli 2006 20:51 Uhr

    Im ersten Semester meines Journalistikstudiums lernte ich, dass sich in einer Schlagzeile oder Überschrift der Inhalt eines Beitrages wiederfinden sollte. Also dachte ich, nun erfahre ich, was die DDR war und was von ihr bleiben wird. Erfahren habe ich nur etwas über die Stasi und ihre Vergehen, als habe es sonst nichts in der DDR gegeben, schon gar nichts positives. Und unter den Zeitzeugen war auch nicht einer, der sich für die DDR engagiert und nicht mit ihr im Konflikt gelebt hat. Von der Bildzeitung hätte ich dies nicht anders erwartet, von der Zeit schon, dnn redlich istdas nicht.
    Man stelle sich vor, es wäre ein Beitrag unter dem Titel "Was war die BRD" zu schreiben und es würden nur Einrichtungen für Arbeitslose, Obdachlose und andere Systemverlierer- bzw. gegner vorgestellt, außerdem nur Zeitzeugen aus dieser Klientel. Niemand würde es drucken . Mit Recht nicht, denn es wäre ebenso unredlich. Schade, dass Die Zeit sich auf ein solches Niveau begibt um dem Zeitgeist zu genügen. E.Fensch

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  • Schlagworte Preussag | DDR | Bautzen | Leipzig | Berlin | Hannover
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