Nahost Der siebzigjährige Krieg
In Israel und Palästina eskaliert wieder die Gewalt. Und dennoch: Seit 20 Jahren gewinnen die Realisten an Boden
Auch die Israelis hatten einst ihre Hamas. Sie hieß Irgun und wurde von Menachem Begin befehligt. Auch diese Truppe wollte das ganze Land »zwischen Jordan und Mittelmeer«, auch sie versuchte im Unabhängigkeitskrieg 1948/49 die Macht im Staat zu ergreifen. Der Unterschied zu Hamas? Irgun wurde von David Ben Gurion, dem »Gründervater«, zurückgeschlagen, der realistischerweise den halben Laib dem ganzen vorzog. Das ist die Kurzfassung des Problems, das sich in diesen Tagen wieder gewaltsam entlädt.
Der tausendfache Beschuss mit Kassem-Raketen, die Entführung des israelischen Soldaten, der Einmarsch der Armee summieren sich nur auf den ersten Blick zu einer weiteren Runde im Ringen der beiden Völker. In Wahrheit ist dies der lange zurückgestaute Machtkampf unter den Palästinensern selber. Die Sache ist zudem komplizierter als die Fehde zwischen dem alten Regime der Fatah und dem neuen der Hamas, die nun die Regierung stellt.
Während sich der Hamas-Premier Hanija millimeterweise dem Realismus nähert (und auch glaubhaft versichert, mit dem Angriff jenseits der Grenze und der Entführung nichts zu tun zu haben), verfolgen seine Widersacher im Damaszener Exil und im eigenen Lager ein anderes Programm. Sie wollen den Premier und den Präsidenten Abbas (Fatah) entmachten, zumindest an die Kette legen. Folglich haben sie die Entführung just zu dem Zeitpunkt inszeniert, da die Besonneren den Israelis eine verschwurbelte Quasi-Anerkennung als Olivenblättchen hinlegten – die sofort von den Extremisten für null und nichtig erklärt wurde. Zugleich wollen die Alles-oder-nichts-Kräfte die Olmert-Regierung in Israel diskreditieren, die den weitgehenden Abzug aus dem Westjordanland vorbereitet. Deshalb der monatelange Raketenbeschuss über die »Grüne Linie« hinweg, den Hanija nicht stoppen konnte oder wollte.
Maschal, der Hamas-Führer in Damaskus, und seine Mannen in Gaza wussten sehr wohl, dass die Entführung einen massiven israelischen Schlag provozieren würde. Wahnsinn? Nicht in der perversen Logik des Terrors, die im Schlimmeren das wahre Gute sieht, soll doch den Trümmern des Krieges der Triumph der »Schreckensmänner« entwachsen, um ein Enzensberger-Wort aufzugreifen.
Freilich haben die Israelis programmgemäß (über)reagiert. Was versprechen sie sich davon, Hamas-Minister zu verhaften, Elektrizitätswerke und Regierungsgebäude zu bombardieren? Sie werden doch wieder mit den Palästinensern reden müssen; also sollten sie deren Repräsentanten nicht in die Bunker treiben. Welches Interesse können sie daran haben, die Regierungsfähigkeit der Halb-Realisten noch mehr zu dezimieren? Das haben Hamas, Fatah und Dschihad schon selber getan. Es wiederholt sich das Szenario der Zweiten Intifada, als die Israelis gezielt die Infrastruktur der Palästinenser-Behörde zerlegten. Gewalt, wenn sie denn »zielführend« sein soll, darf allein die Gewalt- und nicht die Regierungsfähigkeit des Gegners reduzieren. Wie sollen denn die Abbas ihre Realos bei der Stange halten, wenn israelische Panzer ihnen ihre Macht- und Nutzlosigkeit bescheinigen?
So bombt man sich keinen palästinensischen Ben Gurion herbei. Also weiter im 70-jährigen Krieg, der in den dreißiger Jahren begann? Nicht ganz. Wer den Blick zurückwirft, sieht trotz allem den Realismus wachsen. Israelis und Palästinenser wollen nicht miteinander reden? Sie haben sich 1993 im Weißen Haus die Hand gereicht. Kairo und Amman haben mit Jerusalem einen Frieden geschlossen, der zwar kalt bleibt, aber jede Störung – vom Libanon-Einmarsch bis zur Zweiten Intifada – überlebt hat. Die Israelis wollten »Judäa«, »Samaria« und Gaza behalten? Vorbei – jetzt geht es nur noch um das Wie und Wann des Abzugs. Selbst ein Hamas-Mann wie Hanija hat erkannt, dass Terror und Revolution dort aufhören, wo das Regieren beginnt.
Als demokratische Supermacht im Regionalformat waren die Israelis den Palästinensern bei der Realitätsaneignung immer einen kleinen Schritt voraus. Die Israelis haben längst erkannt, dass sie die Palästinenser nicht beherrschen können, und die meisten Palästinenser wissen inzwischen, dass sie die Israelis nicht vertreiben können wie weiland die Algerier die Franzosen. Diese Einsicht ist mehr wert als tausend Kassem-Raketen, so denn die Israelis einem künftigen palästinensischen Ben Gurion eine Chance geben, die Präsident Abbas nicht bekam.
- Datum 06.07.2006 - 13:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.07.2006
- Kommentare 24
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Ist nicht möglich, die Palästinenser sind für eine pragmatische Lösung, viel zu religiös-ideologisch gefärbt.
Warum kommt der Autor nicht auf die einzige richtige Schlußfolgerung, nach diesen erneuten israelischen Verbrechen gegen das Volk von Palästina? Nämlich den sofortigen Rückzug aus dem besetzen Westjordanland, x-mal durch die UNO "befohlen", mit Nachdruck zu fordern.
Aber nein, da sind die Blicke vernebelt, da werden die Augen geschlossen, und fabuliert, daß Ben Gurion damals Remedur gemacht hat gegen die eigenen jüdischen Terror-Organisationen. Doch der Autor verschweigt, daß zu diesem Zeitpunkt die staatliche Macht Israel gegründet war - und Ben Gurion selbstverständlich keine brutalen Terrorfürsten neben (oder über?) sich haben wollte.
Da eine Parallele zur jetzigen Palästinaregierung ohne Staat und ohne staatliche Gewalt zu ziehen, ist abenteuerlich daneben. Aber eben symptomatisch, wenn man die wirklichen Realitäten nicht sehen will.
8. Juli 2006
An MZUNGU:
...., warum eigentlich der Pseudonym?
In dem Land wo die Mehrheit Ihre Landsleute Sie unterstuezen?
Gegenueber/in einer Zeitschrift, die mehr auf Ihrer "Seite" liegt als anderswo?
Den "anderen" Lesern, zwoelf eng-beschriebenen Zeilen aus 2002 von Noam Chomsky anzubieten, ist wohl ueberfluessig, wenn nicht unverschaemt Was Sie heute und hier sagen, wird dort (ZNet) damals wie jetzt unterstuezt. Brauchen Sie diese Unterstuezung, weil Sie denken, dass Sie nicht logisch auf Ihren erignen Fuessen stehen koennen? Haben Sie nicht in Goettingen, Tuebingen, Berlin oder Heidelberg gelernt, Argumente koennen nicht von Meinungunen, sondern muessen mit Tatsachen unterstuetzt werden?
Noam Chomsky is ein Jude und denkt fuer sich selbst. Und versucht, wie man es soll, andere zu ueberzeugen. Was noetig ist in den zwei Nachbar-Schulen, wenn man vorankommen oder dort-bleiben will: Harvard und MIT.
Dass die Ueberzeugungen nicht meiner Meinung sind, ist eine Nebensache. Wirklich.
Aber das gibt Chomsky (und Ihnen) nicht automatisch Recht.
Oft hoert man: "Von von zwei Juden hoert man drei Meinungen." Ich fuege dazu: In Deutschland hoert man meistens von einer groesseren Mehrheit dieselbe Merinung. [Etwas, das nicht neu ist!]
Zum Beispiel will ich Ihnen nicht Seiten und Seiten von Kommentaren auf den Hals schicken.
Aber ueberlegen Sie sich:
1. Klaus Fuchs (an den Sie sich doch erinnern), spaeter in Dresden zu Hause, kennen Sie doch auch? Er war ein Jude (vielleicht rechtgefertigt, in Ihrer Ueberzeugung, in was er getan hat. Obwohl es der Mehrheit der Juden nicht Recht war.
2. Deutschland, nicht so lange her, wohl von Ihren Eltern und Grosseltern (was nichts mit Sippenhaft zu tun hat) besonders wenn sie zu Zeitungsleuten, Akademikeren und Rechtsanwaelten gehoerten, unterstuetzten jemand (als Teil der 95% ueberzeugten Buerger bis zum Mai 1945), der bei allen jetzt (einssschliesslich wohl auch Sie) ausserordentlichen Unfug und Millionen zu Toten zu verantworten hat.
Und erinnern Sie sich an Schroeder's Justiz Ministerin, die ehrlich glaubte und sich nicht schaemte, der Welt zu erklaeren, dass Adolf sich auf Aussenpolitik verlassen hat/eine Krise erfunden hat, als er dem Volk etwas anmuten wollte, das er nicht "verkaufen" konnte mit einem geraden Gescicht. Unverzeihbares DUMMES ZEUG! Was ihre/Ihre Eltern ihr und wohl Ihnen nicht beibrachten: Adolf, der Geliebte ueber Alles, brauchte nie eine Entschuldigung!
Chomsky's ZNet ist offen. Es ist eine Zeitschrift, die Amnesty International verehrt - durch dick und duenn. Und auch dem SPIEGEL (Pritzke&Co) und der ZEIT (Kleine-Brockhof&CO und seinem Chef, Joffe)! Was Ihr Recht ist. Aber auch nur eine Meinung ist. Wie die Ihre. Es ist ein Kommentar. Nicht notwendig Wahrheit oder Tatsache.
Warrum regen Sie sich ueber Joffe und Zeit aus? Nochmal: Brauchen Sie Zitate "weil es unter Akademikern ueblich sein sollte", um Recht zu haben? Koennen Sie nicht Ihre eigenen Worte/Ihre Logie dazu benuetzen?
Wenn Ihre Leser sich im ZNet wirklich finden wuerden, nach zehn Minuten, wuerden sie sich selbst ueberzeugen, dass es eine Zeitschrift ist, die Meinungung (sie koennen die doch von Tatsachen unterscheiden?) veroeffentlichen, wie es sich gehoert.
Unter den heutigen "Featured Articles", wuerden Sie finden:
1. "War resistance: Sanctuary and Counselling..."
2. "Civil disobedience: SOA Watch.."
3. Africa:: Suffering in the Congo.....
4. Z Papers on Strategy: Reorganizing Amerrican Labor....
5. Art: The New Wave of Activist Art
6. "Top Lies about Iraq".
Das sind die "Featered articles". Ich ueberlasse es Ihnen, zu vermuten, was in den folgenden "Kommentaren" steht, die die "Articles" folgen.
Zum Abschluss: Jemand der sich Leute sucht, die ihm/ihr zustimmen, sich von Europa zu trennen, da wir mit Ihnen weniger "in common" haben als mit Asien zum Beispiel, weil wir vermeiden wollen, wieder auf uns mit "richtigen Kugeln" zu schiessen, sollten wir uns so widerlich empfinden als vor 65 Jahren, deshal;b lese ich die Zeit. Die Kommentare ihrer Leser (wie das Kommentar von Ihnen) ueberzeugen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Und dafuer sind wir Ihnen dankbar.
Mit besten Gruessen,
D/J Gerbeth
Worcester, NY
An die Zeit Redaktion: Mit welchem Recht löschen Sie die links von "Entenhausen"??? Welche Bevormundung Ihrer Leser!!!!
Jeder größere Terroranschlag der Islamisten im Irak fordert mehr Tote als der von den Palästinensern provozierte israelische Einmarsch.
(Zahlen laut B'Tselem Stand 2. Juli 2006)
Und Fritzfernando kreischt schon von "unermessliche Leidensfähigkeit der Palästinenser".
Jeder Tote ist einer zuviel, aber dieses hysterischen Übertreibungen sind wirklich nicht Angebracht! Vor allem angesichts der Tatsache die Palästinenser das auch noch selber provoziert haben! J.S.
Natürlich hat Israel kein Interesse an der Zerschlagung des Irak! Wohl aber an dessen Demokratisierung!
Das Sie die Absetzung des Despoten Saddam Husseins als Zerschlagung des Irak betrachten, zeigt lediglich ihre undemokratische Gesinnung!
Natürlich hatte Israel ein Interesse am Sturz eines seiner Erzfinde! Besonders nach dem, Saddam mit SCUD Raketen auf Israel geschossen hatte und zuletzt 25000 Dollar für Selbstmordattentate zahlte.
Viel interessanter ist die Frage was Sie gegen die Absetzung Saddam Husseins haben!
"vorgeblichen Terroranschlag SAUDISCHER Terroristen"
Mal wieder bei irgendwelchen wirren Verschörungstheorien? Fahren Sie mal nach New-York dann werden sie sehen das das WTC nicht nur "vorgeblich" weg ist! Im übrigen stammen die Terroristen aus der gesamten islamischen Welt. So nun ist es wieder genug, denn ich habe keine Lust auf dieses Niveau! J.S.
wenn Israel seit letztem Herbst über 5000 Granaten auf palestinensisches Gebiet abschiesst, die Palestinenser also 800 bis 1000 Kasam-Raketen: eine Idiotie gegen die andere; was ist aber mit den Menschen: lesen Sie einfach mal die Artikel des israelischen Journalisten Gideon Levy von Ha'aretz bei [Link gelöscht, die Redaktion]: das sind Auszüge, die aus dem Hebräischen übersetzt sind und nicht in der englichsprachigen Ausgabe von Ha'aretz erscheinen, sie geben einen Einblick in das "Leben" unter israelischer Besatzung oder lesen Sie bei [Link gelöscht, die Redaktion] die Berichte israelischer Soldaten von ihren Erlebnissen.
Wann haben denn die Palästinenser Krieg geführt , ausser man sieht die unermessliche Leidensfähigkeit der Palästinenser als Krieg an.
Bisher gab es nur symbolische Kommandounternehmen , damit die Weltöffentlichkeit nicht vergisst dass es dort noch eine ungeklärte Situation durch eine völkisches zionistisches Experiment gibt.
Aber Krieg, haben die Palästinenser nicht geführt, sie haben nur ihr gutes Recht gefordert und diesse Forderung regelmässig erneuert. Etwas anderes blieb ihnen angesichts der Krafteverhältnisse nicht, die überwiegende Mehrheit der 4 Millionen Palsästinenser im Machtbereich Israels war immer so realistisch aus Vernunftsgründen, und nicht erzwungen durch völkische zionistische Gewalt der Knochenbrechertrupps der IDF. Krieg ist etwas anderes, er ist nur zu rechtfertigen wenn er auch Aussicht hat gewonnen zu werden, was angesichts der Kräfteverhältnisse wärend des kalten Kriegs bis jetzt unwarscheinlich war. Aber nach dem Ende des kalten Kriegs hat sich der Westen nicht gemässigt, sondern die Menschheit in ganz unterschiedlichen Bereichen und Regionen herausgeforert und das Rechtsempfinden empfindlich gestört. Das Bewirkt eine langsame neue Änderung der Kräfteverhältnisse, Länder die früher unter die Fittiche der Sowjetunion schlüpfen konnten müssen nun selbst für ihre Sicherheit und Dasein sorgen. Andere konnten sich aus der Unterdrückung durch den Westen herauswinden, andere bekommen Gewicht durch eine sich anbahnende Energiekrise. So ändern sich auch die Kräfteverhältnisse im Nahen Osten, man kann die Panik und Hysterie der Westlichen Politiker und Galgenvögel förmlich spüren. Ohnmächtige Kriegsdrohungen und Technologieverbote werden schon ausgestoßen und Institutionen wie die UNO und IAEO die helfen könnten wenn sie denn unabhängig wären und nicht korrumpiert zeigen sich unfähig. Man kann nur hoffen dass im westlichen Lager endlich sich Realisten finden und Boden gewinnen, bevor es zu einem Ende mit Schrecken kommt.
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