Österreich Alles bleibt schlechter

Der ORF wird weiterhin einen anspruchslosen Kurs steuern.

Dieses Krisenmanagement besitzt ja nun bereits mehrjährige Tradition: Schwierigkeiten nicht einmal ignorieren. Als die grüne Parlamentsfraktion in der vergangenen Woche eine Debatte über den Zankapfel ORF auf die Tagesordnung des hohen Hauses setzte, geruhte der Herr Bundeskanzler sich anderwärtig zu beschäftigen und zur Vertretung seinen auch irgendwie zuständigen Herrn Staatssekretär am Ring vorbeizuschicken. Franz Morak wusste das wohl ganz richtig in der Sprache seines ursprünglichen Metiers mit einem Wort aus dem klassischen Zitatenschatz zu deuten: Er aber, sag’s ihm, er kann mich. So inspiriert, deklamierte der Kanzlervertreter auch sein gelangweiltes Referat.

Stimmt schon, an der beharrlichen Gelassenheit verzweifeln nach geraumer Zeit selbst besonders lästige Störenfriede. Auch wenn sie aus den eigenen Reihen kommen. Die ganze Aufregung ist sicherlich nicht der Rede wert. 70000 Unterschriften unter einem Internet-Protest – das ist doch Virtual Reality. Tatsache hingegen ist, dass die Kanzlerpartei die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt weiter fest in fürsorglicher Umarmung hütet und keinen Anlass erkennen mag, diesen Würgegriff ein wenig zu lockern.

Die Opposition hat sich abgemeldet. Die Zwischenrufer haben ihre Widerworte aufgebraucht. Während der Fußball-WM schnuppern sogar die Quoten Höhenluft. Gleich darauf beginnt der Sommer, und die politische Berichterstattung geht baden. Bloß ein paar fröhliche Urlaubswochen trennen dann den stimmberechtigten Freundeskreis des Kanzlers im ORF-Kuratorium von dem machiavellistischen Wahltermin am 17. August, an dem eine neue Unternehmensführung gekürt wird. Diese wird, kaum überraschend, der alten gleichen.

Derweil lässt sich der unternehmensinterne Protest wegadministrieren. Eine »Gruppe« (die heißt wirklich so) beschäftigt sich nun mit den Vorwürfen gegen den umstrittenen Fernseh-Chefredakteur, der anschließend für eine einflussreichere Position vorgesehen ist. Heißsporne dürfen Luft ablassen, bevor die kollegiale Einigung erzielt worden sein wird, künftig sollten Missverständnisse wie jene, die zu den Anschuldigungen gegen Herrn Mück geführt haben, tunlichst vermieden werden. Nach einem Bauernopfer, das möglicherweise unvermeidlich sein wird, die aufgebrachten Gemüter zu beruhigen, sucht man noch. Weitere Fragen?

Natürlich weicht das schwarze Medienkartell keinen Millimeter von seinem Kurs. Vergangene Woche bekräftigte ORF-Generaldirektorin Monika Lindner bei einer Vorstandsklausur des Zeitungsverbandes ihre Entschlossenheit, die Schlüsselbastion zu halten. Ihre Durchhalterede, die trotzig zu nennen verniedlichend wäre, schrumpft im ORF-Jargon auf die Formel: Alles bleibt schlechter (Zur Erinnerung: Vor vier Jahren bewarb der ORF eine Programmreform mit dem mäßig feurigen Slogan »Alles bleibt besser«).

Der öffentlich-rechtliche Auftrag des Senders wird weiterhin als magerer Vetter in der Tischgesellschaft der Programmverantwortlichen sitzen. »Aus meiner Sicht«, erklärte Lindner, könne »nicht die Reduktion öffentlich-rechtlicher TV-Angebote auf eine Art Ö1 für das Fernsehen gemeint sein«, wenn von ihrem Sender Qualität eingefordert wird. Abgesehen davon, dass die ORF-Chefin ihr eigenes Aushängeschild desavouiert, zeichnet sie mit diesem verräterischen Eingeständnis bereits die künftige Entwicklung in der Ära Lindner II vor. Der redaktionelle Inhalt wird weiter ausgedünnt werden, der Informationsgehalt noch mehr verwässert, die öde Bilderplapperei im Beruhigungsfernsehen zur Sintflut anschwellen. Wer dann noch im Fernsehen zu Wort kommen will, der darf nun wirklich nichts mehr zu sagen haben.

Dieser Kurs deckt sich mit den politischen Vorgaben. Hatte doch der niederösterreichische Landeshauptmann, der mächtige Mentor der ORF-Chefin, fast zeitgleich den Kopf des Radiointendanten gefordert. Der habe, so Erwin Pröll, nämlich nicht die Analyseseuche eingedämmt, die in dem »Kulturradio« Ö1 grassiere und dazu führe, dass die Redakteure das Land hemmungslos mit Nachrichten verpesten würden. Bei aller Gelassenheit: Solchem Treiben könnte die Kanzlerpartei auf Dauer im TV nicht zuschauen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 06.07.2006
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