Stadt der Spieler
Berlin hat alles verloren: Seine Industrie, seine Subventionen und die Illusionen der neunziger Jahre. Und jetzt? Wovon sollen 3,4 Millionen Berliner leben? »Berlin muss Las Vegas werden«, sagt der Architekt Hans Kollhoff. Begegnungen und Beobachtungen in einer ernüchterten Stadt
Wir fahren nach Berlin!« – der Schlachtruf von Fußballfans im ganzen Land gibt Antwort auf eine praktische Frage: Wohin, wenn etwas so Großes bevorsteht wie das WM-Finale? Jede große Freude will ihren Ort. Jede Sehnsucht. »Nach Berlin«, das ist der Mythos, der Hype, der Sog einer jeden Großstadt, die diesen Namen verdient: Kommt alle her, die ihr mühselig und beladen seid! Hier ist alles größer, schöner, höher.
Sicher, im Fall von Berlin ist dieser Sog paradox. Mühselig und beladen ist die Stadt ja selbst. Heillos verschuldet. Und nichts in Sicht, was 3,4 Millionen Berliner ernähren könnte. Kein big daddy wird kommen und, sagen wir, 20.000 neue Arbeitsplätze spendieren. Als Berlin über Nacht die Mauer verlor und gleich darauf seine Subventionen, da gab es ein böses Erwachen. Erst 1989 endete hier die Nachkriegszeit. Erst da begriff Berlin in schmerzhaften Erkenntnisschleifen, dass es Berlin nicht mehr gab – das dramatische, tolle Berlin, auf das einst die Völker der Welt geschaut hatten.
In den ersten, wilden Jahren nach 1989 wurde es zu New Berlin hochgeschrieben. Man zog hin. Bezog Posten. Projektierte. Baute. Bis man merkte, es reicht nicht. Man wässert den märkischen Sand mit Millionen, und er schluckt sie einfach weg. Kaum dreht man sich um, ist der Sand wieder trocken. So ausgedörrt ist diese Stadt, so durstig nach Sinn und Geld, sie schluckt und schluckt, aber das große Berlin-Ding kommt nicht ins Fliegen.
Da kippte die Stimmung. Nun wurde Berlin runtergeschrieben. Seine Taxifahrer. Seine Faulenzerjugend mit Latte Macchiato. Sein Partybürgermeister mit den übernächtigt wirkenden Augen. Es war die Saison der Berlin-Hasstraktate. Bleibt nur die Frage: Warum sind trotzdem (fast) alle da?
Denn der Sog hält an. Er nimmt sogar zu. 1,6 Millionen Berliner haben die Stadt seit 1991 verlassen, 1,66 Millionen sind nach Berlin gezogen – ein regelrechter Bevölkerungsaustausch! Mit jeder Milliarde, die Berlin sich mehr verschuldet, so scheint es, fliegen der Stadt weltweit mehr Herzen zu. Ist es die Lust am Ruinen-Chic einer ehemaligen Weltstadt? Ein Riecher für billige Mieten? Oder doch die Ahnung, am richtigen Ort zu sein? Sind die Berlin-Ritter der Neunziger zu ungeduldig gewesen – kommt Berlins Stunde erst noch?
Es gibt Leute, die das glauben. Sie ziehen sogar her, eine bunte Karawane aus Malern, Rentnern, Investoren. Londoner, New Yorker, Pariser Künstler, die es leid sind, dort allein für die exorbitanten Mieten zu arbeiten. Westdeutsche Pensionäre, die ihr kulturfernes Reihenhaus gegen eine Berliner Citywohnung tauschen, um wenigstens jetzt dort zu sein, wo die Opern wohnen, die Theater und großen Museen. Auch alte Gegner kaufen sich ein. Mancher Bonner aus der Initiative gegen den Regierungsumzug besitzt heute eine Wohnung im seinerzeit heftig bekämpften Berlin. Amerikanische Schauspieler, die hier gedreht haben, bleiben, weil sie die Stadt mögen – das Zart-Rohe ihrer alten Häuser und jungen Gesichter, den schrundigen Charme von Berlin.
Natürlich, die Preise. Nirgendwo in der westlichen Welt kann man so hip und so opulent in einer Großstadt leben und zugleich so billig. Nirgendwo ist Raum so preiswert. Wenn Berlin irgendetwas im Überfluss hat, dann sind es Zeit und Raum.
Eine kleine Wanderung die Schönhauser Allee hinab ruft asiatische Städtebilder auf, mit ihrem Kleinstgewerbe als Überlebenskunst, ihren Rucksacktouristen auf der Suche nach hübschen Mädchen und billigem Bier. Bangkok-Bilder. Ein winziges Internet- und Telefon-Café. Eine »China-Perle«. Tattoostudios. Massagen. Szenekleidung für den Hippie, den Hooligan. Ein Waffenladen, ein Reste-Shop, ein Backpacker-Hostel. Weitere Mini-Cafés plus Computer, plus dies und das. Die Geschäftstätigkeit spielt sich auf dem Stuhl vor der Tür in der Sonne ab, mit Zigarette und dem unvermeidlichen Latte Macchiato.
So ungefähr hatten sich Ettina und Sonja das auch vorgestellt, als sie ihre Ausbildung zur Modedesignerin abschlossen hatten. Ein Label namens Klonk, ein Laden am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg für 300 Euro, eine kleine, ausgefallene Kollektion. Sachen, die man selber trägt. Kunden, mit denen man stundenlang plaudert. Ein nettes, entspanntes Berliner Leben unter ihresgleichen.
Das lief auch so, bis eines Tages dieser Japaner eintrat, der eigentlich Franzose ist. Dieser Yann kam herein, weil ihm die Dekoration gefiel. Laub unter der Decke, Papierradios hingen herab, Papierfernseher. Die Kleider gefielen ihm auch. Er arbeite, erklärte er den beiden jungen Frauen, für eine japanische Firma mit 70 Modeläden in Japan und weiteren in New York und anderswo und bot ihnen an, nach Tokyo zu kommen, um dort einen neuen Laden zu gestalten. So einen wie hier. Wie in Berlin.
Es gibt ihn jetzt, die beiden haben ihn in Tokyo eingerichtet. »Wut Berlin« heißt er. Und aus Ettina und Sonja sind Frau Schultze und Frau Lotz geworden. Geschäftsfrauen, 26 und 31 Jahre alt, mit einem neuen Laden in Mitte. Es ist erst ein Anfang. Man wird sehen. Aber es ist der Sprung vom low budget am Prenzlauer Berg zum high speed einer kleinen globalen Berliner Modefirma.
»Wir sind professioneller geworden«, sagen sie, »härter.« Erstaunlich, wie selbstverständlich die zwei weltweit agieren. Der ständige aufgeregte Vergleich mit New York, den das Berlin der achtziger Jahre pflegte, käme ihnen nur noch komisch vor. Viele ihrer Freunde leben in New York oder kommen von dort und leben jetzt hier. Oder eben aus Tokyo oder sonstwo. »Wenn du in New York sagst, du bist aus Berlin, erntest du ein aufgeregtes, begeistertes ›Wow!‹.« So sind die Verhältnisse heute.
Noch etwas ist erstaunlich – die illusionslose Klarheit, mit der die beiden sich selbst sehen. »Wir verkaufen den Berlin-Hype in die Welt.«
Ettina Schultze hat ein eigenartiges Phänomen beobachtet. »Sein Ruf eilt Berlin voraus. Er schafft erst die Realität, die normalerweise einen Ruf nach sich zieht. Er bringt Leute überall in der Welt dazu, in der Stadt etwas zu sehen, was erst dadurch wahr wird, dass sie diesem Ruf folgen.«
In einem Café am schattigen Ludwigkirchplatz im Westen der Stadt sitzt früh um neun, wenn die Berliner Luft noch frisch ist, ein nachdenklicher Investmentmakler mit Sitz in Wien und Berlin. Er kommt gerade aus London. »Die Ersten«, sagt Peter Forstner, »die im großen Stil in Berlin Immobilien kauften, waren Amerikaner und Briten. Inzwischen kauft fast ganz Europa, besonders aktiv sind Dänen, Iren und Österreicher, aber auch Russen und Israelis. Meist Fondsgesellschaften.«
So stark sei die Nachfrage, dass Berlin derzeit einen regelrechten Verkäufermarkt habe. »Wer verkauft, kann wählerisch sein: lieber an Briten oder lieber an Wiener?«
Mentale Eigenheiten hat Forstner auch bei den Investoren festgestellt. »Angelsachsen kaufen nicht gern in Kreuzberg, wegen des hohen Ausländeranteils. Sie bevorzugen Prenzlauer Berg und Mitte. Österreichern ist das egal.«
Was aber darf man aus diesem globalen Run auf Berlin schließen? Ist er die Morgenröte eines bevorstehenden Berliner Aufschwungs oder bloß ein Irrtum des dummen Kapitals – es rennt halt immer dahin, wo die Preise am tiefsten sind, und wundert sich hinterher, dass der Gewinn ausbleibt?
»Eigentlich«, sagt Forstner, »würde man die Finger von Berlin lassen. Eigentlich sollte man denken: Investor, sei vorsichtig! Wer soll die Mieten zahlen, die du brauchst, um Gewinn zu machen? Berlins Kaufkraft ist schwach, seine demografische Kurve sinkt, und die vielen Graffiti schrecken zusätzlich ab. In Hamburg ist alles picobello, da laufen Citypfleger herum und picken jeden Schnipsel auf.«
Eigentlich. Aber? »Aber der Berlin-Tourismus boomt. Die Berliner Hotellerie boomt, sie hat die größten Zuwächse in Europa.« Es werden sogar noch mehr Luxushotels gebaut, das Hotel de Rome beim Gendarmenmarkt zum Beispiel. Der Sog also, der Mythos, der Hype: Wir fahren nach Berlin! Ist es das? Funktionieren auch Investoren so?
Was soll ein ehrlicher Makler dazu sagen, er ist kein Prophet. »Berlin«, sagt Forstner, »hat nach wie vor etwas Ambivalentes. Ich denke, es dauert noch einmal zehn Jahre, bis das Gesicht des neuen Berlin erkennbar wird. Aber es ist klar, Investoren, die jetzt hingehen, schauen auf etwas anderes als auf die nackte Analyse der Lage.«
Etwas anderes. So ähnlich haben es Ettina und Sonja auch genannt. So gesehen, sind Investoren und Subkultur Brüder im Geiste der Berliner Utopie. Es lässt sich billig einkaufen in der Berliner Ambivalenz, wenn man Millionen hat – und genauso nett darin schaukeln, wenn man jung ist und illiquid, aber voller Ideen. Läden wie Klonk gibt es viele. Wer es ganz billig will und das Risiko kurzfristiger Kündigung nicht scheut, wählt einen Zwischennutzungsvertrag in einem unsanierten Platten- oder Altbau in Friedrichshain, Prenzlauer Berg und allmählich auch im Wedding. Die Tete der jungen Kreativen zieht von Viertel zu Viertel, von Straße zu Straße, und der Tross der Makler und Investoren folgt ihr auf dem Fuße und vermietet die sanierten Lagen an Geschäftstüchtigere: Kanzleien, Galerien, indische oder Thai-Restaurants. So war es in New York in den achtziger Jahren auch.
Armut als Standortvorteil also. Billig plus Mythos. Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit drückt es etwas partymäßiger aus: »Arm, aber sexy« hieß sein Vorschlag für die Identität des neuen Berlin in der Glamour-Zeitschrift Gala. Ist das die Kapitulationserklärung einer Stadt, die einmal Metropole war? Vielleicht ist es einfach die Berliner Art, in der Realität anzukommen. Jedenfalls ist daran abzulesen, wie sehr Berlin sich gerade wandelt.
Erstens, Armut schändet nicht mehr. Berlin schämt sich nicht mehr dafür. Es trägt seine monetäre Minderbemitteltheit wie einen Nylonnerz.
Zweitens, die Zeit der Phrasen ist vorbei. Die Parolen der Berlin-Propaganda der neunziger Jahre – Brücke zwischen Ost und West, bald vier, fünf, sechs Millionen Einwohner – sind verrauscht. Berlin ist, was es ist. Nur, was ist es?
Es ist ein postpolitischer Ort. Es gibt einen dramatischen Bedeutungsverlust des Politischen in der Stadt. Berlin war ganz aus Politik gemacht, alles war hier politisch. Sein komplizierter Status, die Mauer, seine Vierteilung unter die Siegermächte, die Gründe, West-Berlin zu halten, koste es, was es wolle, und Ost-Berlin spiegelbildlich.
Wer sich an den dauerempörten Schrei von Demonstranten der Mauerzeit nach dem Senat, an das permanente Fordern aller möglichen Dinge vom Senat erinnert, dem muss die politische Stille von Berlin heute gespenstisch vorkommen. Wer weiß noch, wer im Senat sitzt? Geschweige denn, dass er irgendetwas von ihm erwartete.
Immer noch heißt das Stadtoberhaupt: der Regierende Bürgermeister von Berlin. Dieser großmächtige Titel galt einmal etwas. Reuter, Brandt, von Weizsäcker, sie waren eine Art Staatschef eines insularen Restreiches, kleine Könige von West-Berlin. In der Stunde der Gefahr hielten sie Reden von römischem Format, alltags verteilten sie Bargeld (»Berlin-Zulage«) an jeden, der blieb. Heute wirkt der Titel »Regierender« wie eine seltsame Herzogswürde aus ferner Zeit. Würde man Klaus Wowereit einen Regierenden und was er tut, regieren nennen?
Es ist Sommer in Berlin, und obwohl dem alten Westen gerade sein allerletztes Symbol genommen wurde, der Bahnhof Zoo, obwohl sein Ku’damm hundertmal totgesagt wurde, ist alles an diesem Abend leicht und gut. Alles flaniert unter den Platanen. Deutsche Touristen mit kurzen Hosen und Rucksäcklein. Moskauer mit teuren Uhren und ihren teuren, jungen Frauen. Jungtürken im tiefer gelegten BMW. Nein, dem Kurfürstendamm muss nicht bange sein. So wie Berlin der Ort ist, zu dem das Land rennt, wenn etwas Außerordentliches geschieht, so läuft Berlin an seinem Ku’damm zusammen, wenn es etwas zu feiern gibt. Und die Filialen der Edelmarken stehen Spalier.
Es ist Sommer, und an so einem Abend auf einem großstädtischen Platz zu sitzen, den man selbst geschaffen hat, unter den eigenen hohen Kolonnaden, ist ein rares Vergnügen. Sein Architekt Hans Kollhoff ist von seinem Büro am nahen Kurfürstendamm herübergeschlendert, um beim Italiener seine Lieblingspasta zu ordern, die mit Spargel, und von den Kolonnaden aus das Treiben der Anwohner und ihrer Kinder zu betrachten, die sich bis in die Nacht hier tummeln. Mal nachschauen, wie es seiner Piazza so geht. Er hat sie in langjährigem Ringen gegen die Grünen durchgesetzt, die hier alles grün haben wollten, was sonst?
Kollhoff ist einer der Architekten, die das neue Berlin geprägt haben. Im Streit darum, wie es aussehen solle, vertritt er eine feste Position: die Stadt der Häuser; das steinerne Haus in steinerner Stadt – als Adresse unter Adressen. Nicht lauter bunte, beziehungslose Kunstwerke egomanischer Architekten. Es ist das Plädoyer für eine Kleiderordnung. Im Grunde eine moralische Position, denn die ästhetische Regel macht Gesellschaft erst möglich.
Wollte man sich seine ideale Stadt figürlich vorstellen, es wäre eine Gesellschaft in Anzug und Abendkleid, und wer sich unterscheiden wollte, täte es, indem sie oder er besonders gut sitzende Kleider trüge. Nicht etwa dadurch, dass man sich piercte und tätowierte. Sein Berliner Wahrzeichen ist der hochelegant aufragende, dunkelrote Kopfbau am Potsdamer Platz – backsteingotische Antithese des gläsernen Sony-Hochhauses vis-à-vis.
Und dann sagt Hans Kollhoff auf die Frage, ob er eine Chance für Berlin sehe:
»Ja. Las Vegas.«
Am ehesten habe Berlin Chancen, wenn es werde wie die Spielerstadt in Nevada. »Es liegt in der Pampa wie Las Vegas in der Wüste. Dieses Artifizielle muss man unterstützen.«
Aber ist die totale Künstlichkeit von Las Vegas nicht das gerade Gegenteil einer konservativen Idee wie der von der steinernen Stadt?
»Was man seit hundert Jahren beklagt«, sagt Kollhoff, »dass Berlin nicht die Substanz von London hat, das ist doch der Vorteil. Bildungslabor und Vergnügungsort, diese Mischung hat etwas ungeheuer Zeitgenössisches. Kreativität plus billige Mieten. Ich bin viel in Italien. Die Italiener sind ganz wild auf Berlin.«
Für ihn liegen die Prioritäten auf der Hand: »Festspiele ausbauen. Ein Opernfestival, warum nicht? Kein Opernhaus schließen, das ist doch das Pfund, das wir haben. Und die Spielbank stärken – eine richtig große nach Berlin. Ich weiß, es gibt ein föderalistisches Problem, wenn ich das sage, dann rebelliert Baden-Baden.« Aber die Hauptstadt sei ausgeschlachtet worden nach dem Krieg. »Der föderalistische Erfolg der Bundesrepublik ging auf Kosten Berlins.« Regierung, Banken, Industrie – alles flüchtete westwärts. Bonn, Frankfurt, München, Stuttgart teilten das Fell des Berliner Bären und legten so den Grund neuen Reichtums.
»Das kann und will niemand rückgängig machen, aber es müsste doch einen Ausgleich geben.« Das sagte sich auch der Regierende Bürgermeister und klagte beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, der Bund möge Berlins seit der Wiedervereinigung explodierte, auf sagenhafte 60 Milliarden Euro angewachsene Schulden tilgen – die Stadt allein könne das nicht schaffen, trotz des harten Sparkurses ihres Finanzsenators Thilo Sarrazin. Das Urteil wird noch in diesem Sommer erwartet.
Was hält Kollhoff eigentlich von seinem Bürgermeister und dessen Partystil?
»Wowereit – im Grunde sind doch alle froh, dass er da ist. Er tut mehr für die Stadt, als es scheint. Er hat Berlin aus dem Ost-West-Mief herausgeholt, das ist seine historische Leistung. Er lebt und agiert jenseits von Ost-West-Kategorien.«
Ein leicht verwegenes Lächeln erscheint.
»Wowereit ist ein Las-Vegas-Typ.«
Hans Kollhoff meint das anerkennend.
Wie porös die Stadt immer noch ist! Nach einer Bauwelle ohnegleichen. Wer vom Brandenburger Tor südwärts geht, in Richtung des neuen Potsdamer und Leipziger Platzes, dem bietet sich eine Aussicht auf offenen Horizont. Als ende die Stadt hinter der Grasschneise, die sich zwischen den Hochhäusern beider Plätze erstreckt. Berlin scheint abzubrechen dort hinten. Ein ähnlicher Effekt stellt sich ein, wenn man aus dem neuen Bahnhof tritt (der übrigens nicht Hauptbahnhof heißen sollte wie in Bielefeld, sondern Berlin Central). Man steht vor einer weiten, asphaltierten Fläche, die an einen leeren Kirmesplatz erinnert. In der Ferne Kuppeln: Reichstag, Sony-Center, allerlei ambulante Festzelte. Auf einem steht »Afrika«.
Solche fatamorganischen Leeren tun sich vielerorts auf. Nein, Berlin sitzt nicht auf Taille. Es ist sich selbst zu weit, noch immer. So groß war die Stadt einmal gewesen, das politische, gesellschaftliche, industrielle Zentrum eines bedeutenden Reiches, dass die Jahre seit 1990, trotz riesiger Investitionen, nicht gereicht haben, sie wieder prall auszufüllen. Mit Leben, Unternehmungen, Gebäuden.
Selbst da, wo es gelang, die Leere wenigstens baulich zu füllen wie in der hochverdichteten Friedrichstraße, die im Sommer vor Hitze, Handygesumm und Absatzgeklacker flirrt wie irgendeine Großstadtavenue der Welt, stehen Etagen leer. Da ist die Leere nur in große steinerne Kästen gepackt. Das ist unschön für jene Investoren, die in den baunärrischen Neunzigern ihr Geld in die vielen neuen Bürohäuser steckten – und schön für die, die jetzt erst kommen, wo alles hübsch billig ist.
Es gibt aber mindestens zwei Berlin – das innerhalb der Ringbahn und das außerhalb. Sie trennt die innere Stadt, in der Mythen und Investitionen blühen und die Berlin-Bilder in alle Welt funkt, von der äußeren Stadt, wo Hotels »Berliner Bär« heißen und die Leute so uncoolen Tätigkeiten nachgehen wie Motorräder und Reihenhäuser bauen und im Gartencenter Geranien verkaufen.
Am Südkreuz – noch ein großer neuer Bahnhof, den aber das innere Berlin kaum kennt – findet sich, eingekeilt von Autobahn, Eisenbahn und Großbaustelle, ein letztes, alleinstehendes Eckhaus. Parterre hat der Club der Mittelalterlichen e.V. seine Räume. »Gastrecht nur für Mitglieder.« Das sind Damen und Herren jenseits der fünfzig, die hier vergnügt ihren Feierabend teilen, bei Bierchen, Tanz und Schlagermusik. Adrett nennt man wohl ihren Stil.
Es sind – man fasst es nicht, wenn man aus der inneren Stadt kommt – ganz normale Berliner. In den Fenstern liegen Menschen, die einander ein fröhliches Wort zurufen, das zwar im Lärm von Autobahn und Baustelle fast untergeht, was aber die gute Laune nicht trüben kann – dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert. Es mag pathetisch klingen, aber in diesem letzten Eckhaus am Südkreuz wohnen der sprichwörtliche Mut und der Schneid und der schwarze Humor von Berlin.
Entlang der Ringbahn liegen die großen Märkte: Bau, Elektro, Möbel. Und in der S-Bahn sitzen lauter Menschen, die erkennbare Ziele haben. Sie kommen vom Arbeiten oder fahren zum Einkaufen oder umgekehrt. Das Diffuse und nicht selten Irrsinnige der inneren Bahnen existiert hier nicht. Niemand ist offensichtlich auf irgendeinem mentalen oder synthetischen Trip. Keiner bizarr gekleidet. Niemals auf der langen Fahrt einmal um das innere Berlin herum ertönt der Monolog des Obdachlosenzeitungsverkäufers, nie das Schrammeln des notorischen U-Bahn-Musikanten.
Hier draußen ist sogar noch Industrie. Alle sind nicht fort. Gero Wiese, der Geschäftsführer von Gillette, erklärt in seinem holzgetäfelten Besprechungsraum aus den dreißiger Jahren, wie das geht. Gillette ist eine deutsch-amerikanische Firma seit der Vorkriegszeit, heute gehört sie zu Procter & Gamble. Simpel gesagt, versorgt Boston die Bärte der westlichen und Berlin-Tempelhof die Bärte der östlichen Hemisphäre mit Rasierklingen. Jeweils gut tausend Leute arbeiten in diesen beiden Stammwerken. Auch Gillette verlagerte nach dem Mauerbau, wie viele Berliner Unternehmen, einige technische Abläufe nach Westdeutschland. Aber schon vier Jahre später, 1965, kehrte die Firma nach West-Berlin zurück. »Es war übertrieben, zu gehen.«
Und heute – die Globalisierung, die niedrigen Arbeitskosten in Osteuropa?
Wiese nickt. Sicher. Dann erklärt er die spezielle Situation seiner Firma. »Unsere Maschinen, die Rasierklingen herstellen, enthalten zwanzig Computer. Dafür brauchen wir hochqualifizierte Facharbeiter, die haben wir hier, in Osteuropa müssten wir erst langwierig welche heranbilden.«
Auch Gillette habe ein Werk in Polen gebaut. Aber dort werde ältere Technik eingesetzt, in Berlin die neueste. Er lächelt und legt die Stirn in Falten wie ein Trainer, der seinen Spielern erklärt, sie seien sehr gut, aber die anderen auch.
»Immer die Nase fünf Jahre vorn haben, darauf kommt es an. Aber die haben Sie nie dauerhaft vorn, der Vorsprung ist nicht eingefroren. China bildet so viele Ingenieure aus wie ganz Europa. Die Frage ist nur, wann sie uns überholen, wann sie anfangen, eigene Produkte zu entwickeln, statt uns zu kopieren.«
Gillette kooperiert mit der Berliner Technischen Universität, und das führt zur – neben Armut und Mythos, also billigen Immobilien und touristischer Attraktivität – dritten Hoffnung der Stadt: ihrer geballten Wissenschaft.
Zu einer Lichtgestalt, beschworen in hundert folgenlosen Senatspapieren, im High-Tech-Future-Blabla Dutzender Kongresse und staatssekretarieller Tischvorlagen, all diesen Berliner Ersatzhandlungen für ein reales wirtschaftliches Leben. Das Dumme ist nur, die Politik kann diesen Lichtbringer nicht synthetisch erzeugen. All die Senatspapiere über Innovation reden von Strukturen, Anreizen, Vernetzungen. Es sind Lockrufe im Dunkel. Auf die Lichtung treten muss er schon selber.
Und erscheint er dann wirklich, heißt er zum Beispiel Bernd Michel, kommt aus Chemnitz, spricht ein sächselndes Englisch, trägt eine bunte, breite Krawatte und beschäftigt sich mit etwas auf den ersten Blick so Biederem wie – Zuverlässigkeit.
Wenn es in Berlin einen gibt, der den Traum der Senatspapiere geradezu schwindelerregend erfolgreich verkörpert, dann ist es dieser den Berlinern so gut wie unbekannte Prof. Dr. rer. nat. habil. in seinem Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration der Fraunhofer-Gesellschaft in einem Gebäude des riesigen früheren AEG-Werks im alten Arbeiterbezirk Wedding.
Professor Bernd Michel sitzt in seinem Drehstuhl hinterm Schreibtisch, ein runder Mensch von 57 Jahren, aber von der agilen Sorte, an der Wand hängen Urkunden seiner internationalen Auszeichnungen, darunter amerikanische. Dieses schlichte Büro ist der Nukleus eines erstaunlichen globalen Netzwerks, man könnte es auch ein Feuerwerk nennen – eines von Ideen und Gründungen.
»Wir machen die Zuverlässigkeit in der Chipfabrik Dresden«, sagt Bernd Michel, »und für die gesamte Autoindustrie, da sind wir gut im Geschäft. Da gab es ja viele Rückrufaktionen – und öffentlich bekannt sind nur die offiziellen.« Ein wissendes Lächeln huscht über das Gesicht des Professors. »Wir haben an unserem Rechner etliche exakt vorhergesagt.«
Zuverlässigkeit – solche enorm teuren und rufschädigenden Rückrufaktionen stellen den altmodischen Begriff in ein neues Licht.
Vielleicht könnte man sagen, das Geschäft des Professors sei es, das technologische Gewissen der High-Tech-Industrie zu sein. Der Preisdruck, erklärt er, führe dazu, dass nicht immer die technisch beste Lösung in ein Auto, in einen Chip gebaut werde, sondern nur eine gute. Er und seine Leute haben die Verfahren, im Mikro- und Nanobereich sehr exakt zu bestimmen, welche Lösung wie lange hält. Was geht und was bricht. Und etwa wann.
Hier eröffnet sich ein ungeheures Geschäftsfeld. Die großen Auto- und anderen Industrien. Praktisch alles, was mit Chips zu tun hat. Plus deren Zulieferer. Ferner die juristische Dimension. Der Professor und sein Institut sind auch als Gutachter bei Schadensverfahren tätig. Und das alles weltweit. Auch wissenschaftlich, fachpublizistisch, kongressmäßig. Es ist, nach dem Abend mit einem Architekten unter dessen eigenen Kolonnaden, ein weiteres rares Erlebnis, einem leibhaftigen Berliner Forscher, Gründer, Unternehmer zuzuhören, der von sich sagen kann: Wir sind die Besten. Weltweit.
»Wir machen keine Gefälligkeitsgutachten«, sagt Michel. »Wir sind als objektiv anerkannt von Amerikanern und Japanern. Wir arbeiten auch für die Nasa. Ich leite dort Konferenzen.«
Rund 120 Tage im Jahr ist er unterwegs. Tokyo, Shanghai, Europa, USA und so weiter. Sieben erfolgreiche Firmen hat er mitgegründet, aus dem Institut heraus. Er hätte längst die Seiten wechseln und ganz Unternehmer sein können. Aber die Freiheit des unabhängigen Forschers reizt ihn am Ende mehr.
»Natürlich kann ich unseren jungen Firmen wertvolle Hinweise geben. Wo auf der Welt läuft gerade was – wo habt ihr zwei Jahre Vorsprung, wenn ihr jetzt mit eurer Idee an den Markt geht?« Wie er das sagt, leicht in seinen Drehstuhl zurückgelehnt, dazu dieses überlegen-unterstützende Lächeln – ein moderner Patriarch. Ja, genau solche Patriarchen braucht Berlin. Nein, der Senat kann sie nicht backen. Die kann man nur erkennen, ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen und sie bitten, in der Stadt Platz zu nehmen. »Wir müssen nicht so hart kämpfen«, fährt Michel fort. »Wir haben einen Ruf. Unsere Konferenzen werden weltweit außerordentlich hoch bewertet. Bei Rankings sind wir ganz vorn.«
Ganz vorn. Und wo ist Berlin? Gerade ist wieder ein Städteranking erschienen, in dem es ganz, ganz hinten liegt, kurz vor Rostock.
»Berlin«, sagt Professor Michel und faltet die Hände, »ist im Bereich Zuverlässigkeit/kleine Bauteile/Chips/Mikroelektronik/ Mikrosystemtechnik auf jeden Fall die Nummer eins in Europa.« Wieder dieses lippenkräuselnde Lächeln, wie man es zuletzt bei Gert Fröbe als Goldfinger gesehen hat.
»Weltweit kann man diskutieren.«
Der Satz hallt nach, draußen im prasselnden Sommerregen. Weltweit kann man diskutieren, ob ich die Nummer eins bin oder, na gut, vielleicht die zwei. Es gibt nicht viele in Berlin, die das von sich sagen können.
Ein härterer Kontrast zu diesem Besuch ist schwer denkbar als ein Nachmittag auf der leeren Pressetribüne des Berliner Abgeordnetenhauses. Der Niedergang einer Politik, die außer Schulden nichts mehr zu bieten hat und überdies, vor allem bei der CDU, ihre besten Köpfe wegbeißt und im Provinziellen versinkt, ist mit Händen zu greifen. Es geht wieder einmal um die Hauptschule, aber das Thema scheint nur Vorwand zu sein für allerlei zänkische Händel. Wer hat wann was gesagt und wen beleidigt, und wer muss jetzt was schärfstens zurückweisen. Das alles in einem Stil, der einer Schrebergartenversammlung angemessen wäre, parteiübergreifend.
Nebenan, in der Kantine des für 250 Millionen Mark sanierten Hohen Hauses – er erwähnt es kopfschüttelnd, es war vor seiner Zeit –, sitzt der Mann, den viele, auch externe Finanzfachleute und politische Gegner, für den einsamen Helden der Berliner Politik halten.
Thilo Sarrazin muss gar nicht viel sagen, es ist ihm anzusehen, wie schlecht er in dieses trübe Bild passt. Diesen skeptisch-unbeeindruckten Blick durch funkelnde Brillengläser hat man zuletzt auf Porträts preußischer Staatsräte gesehen. Das Motiv wiederholt sich, als er seine blitzenden Folien auf den Tisch legt. Seine berüchtigten Grafiken, Kurven, Zahlen zur Berliner Finanzlage. Er hat die Politiker damit gequält, ihnen immer wieder die brachiale Wahrheit über ihre Stadt zu zeigen, die sie so genau gar nicht wissen wollten.
»So konnte es nicht weitergehen.«
Seine stolzeste Folie ist der Ländervergleich bei den Primärausgaben pro Einwohner; das sind die politisch gestaltbaren Ausgaben der Landesregierungen. Mag Berlin bei Vergleichen der Wirtschaftskraft hinten liegen – beim Sparen liegt es unerreichbar an der Spitze: fast elf Prozent Einsparung jener Ausgaben von 1995 bis 2004. Der Durchschnitt der Länder liegt bei 3,3 Prozent.
Natürlich merkt die Stadt das. Väter müssen in Subbotniks Kindergärten anstreichen, und der Asphalt mancher Wilmersdorfer Wohnstraße gleicht der über und über geflickten Hose eines Tramps.
Sarrazin weiß das. »Der Berliner findet diese ganze Sparerei natürlich schrecklich.« Aber er weiß auch, dass der Berliner ahnt, »dass Geld allein nicht hilft. Ost- wie West-Berlin wurde ja mit Geld zugeschüttet – und?!«
Aber es ist doch erstaunlich, wie wenig Widerstand ihm entgegenschlägt. Als ob die Stadt ihrer jahrzehntelangen Kämpfe mit dem Senat müde geworden sei.
Der Senator, der irgendwie aussieht, als trage er Schmisse vom Paukboden, obgleich das überhaupt nicht zutrifft, hat einige spektakuläre Kämpfe gefochten und gewonnen. Den Austritt aus der Tarifgemeinschaft der Länder gegen die Gewerkschaften. Das Auslaufen des sozialen Wohnungsbaus gegen den Bausenator und die eigene Partei. Am Ende trug sie es mit.
Sein größter Kampf ist nun der, dessen Ausgang noch offen ist: Karlsruhe. Er habe ihn »politisch fast den Kopf gekostet«. Sein erster Doppelhaushalt 2002/03 enthielt »eine astronomisch hohe Neuverschuldung: sechs Milliarden Euro allein im ersten Jahr«. Die Investitionen lagen weit darunter: 1,8 Milliarden. Das beliebte Berliner Argument, daran sei die schlechte Konjunktur schuld, da könne man leider nichts machen, nannte er einen Quatsch. Die Stadt leiste sich überhöhte Ausgaben.
»Die Opposition sagte: Dieser Haushalt ist verfassungswidrig. Ich sagte: Bitte sehr, hier sind die Zahlen. Es geht nicht anders. Wenn Sie so wollen, ja, ist der Haushalt verfassungswidrig. Unruhe bei der SPD. Geheul bei der CDU.«
Verfassungswidrig ist ein Etat, wenn die Neuverschuldung die Investitionen übersteigt. So sagt es das Grundgesetz. Aber das deutsche Balancesystem hält eine Hintertür offen. Wenn sich nämlich der Bund oder ein Land auf eine »Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts« berufen kann, darf das Kriterium verletzt werden.
Die CDU klagte damals gegen Sarrazins Haushalt, und tatsächlich stellte Berlins Landesverfassungsgericht im Oktober 2003 fest: Der Haushalt ist verfassungswidrig. Er darf sich nicht auf eine gesamtwirtschaftliche Gleichgewichtsstörung berufen. Allerdings öffneten die Richter einen anderen Ausweg. Berlin befinde sich in einer extremen Haushaltsnotlage. Darum dürfe dieser Haushalt sein. Eine neue verfassungsrechtliche Ausnahme war geschaffen. Sarrazin war bestätigt.
Ging es damals um einen Doppeletat, geht es in Karlsruhe ums Ganze: Wenn in Berlin jener extreme Etatnotstand herrscht – löst dies dann den bundesstaatlichen Bündnisfall aus? Muss der Bund dann Berlin beispringen und ihm die untragbar und unabtragbar gewordene Schuldenlast abnehmen? Es ist durchaus die Frage, was größer sein wird in Berlin, falls die Richter dies bejahen: der Jubel oder das Heulen.
Gut möglich, dass sie noch weit schärfere Sparauflagen in ihr Urteil schreiben würden, als Sarrazin sie in der Stadt durchsetzen konnte. Ist es am Ende so, dass der Senator heimlich hofft, die Verfassungsrichter möchten fortführen, was er mit parlamentarischen Mitteln nicht mehr weiterzutreiben vermag – Politik als Fortsetzung der Demokratie mit juristischen Mitteln?
»Na ja, die Justiz hat ja schon öfter geholfen.«
Und die mutmaßlich scharfen Auflagen im Falle eines Sieges in Karlsruhe?
»Diesen Auflagen sehe ich mit Neugier und Gelassenheit entgegen. Ich habe, nach den schlechten Erfahrungen mit Bremen und dem Saarland, das allergrößte Verständnis für sachgerechte Auflagen, wenn sie überflüssigen Luxus ausschließen, uns aber Luft zum Atmen lassen.«
Bremen und das Saarland hat der Bund bereits früher entschuldet, ohne sie dadurch vom Schuldenmachen kurieren zu können.
Das Bild des Senators in der Stadt ist so ambivalent wie die Lage. Man weiß, dass es so nicht weitergeht, und bewundert seine altpreußische Gradlinigkeit. Und man sträubt sich gegen diese Einsicht und ihre schmerzhaften Folgen und verteufelt Sarrazin als ungemütlichen Bösewicht, der stets verneint.
Es ist nicht so, dass ihm diese leicht mephistophelische Rolle überhaupt nicht gefiele. Wo sind die größeren Widerstände gegen seinen Sanierungskurs, im Osten oder im Westen?
»Eindeutig im Westen.«
Und gibt es einen Kreis Gleichgesinnter; Leute, die wollen, was Sarrazin will?
»Darüber denke ich auch gelegentlich nach.«
Aus dem Plenarsaal dringt neuer Wortwechsel herüber. Eigentlich müsste eine bürgerliche Opposition ihn doch gar nicht so übel finden.
»Es gibt keine im Parlament. Ich ersetze die bürgerliche Opposition in diesem Land.«
Ein Schlusswort. Mehr muss man nicht sagen. Überdies geht es aufs Wochenende zu. Alle vierzehn Tage läuft der Sohn einer pommerschen Landadeligen und notorische Finnlandfahrer einmal um seinen geliebten Sacrower See herum. »Da draußen ist es ein bisschen wie Finnland. Hell und weit.«
Sarrazin ist ein heller, ein weißer Mephisto, falls es das gibt. Eine Rolle, auf die Berlin nicht verzichten kann. Einer muss ihn geben.
Die Regieanweisung für die letzte Begegnung lautet: Mitternacht. Penthouse, offene Tür zur Terrasse. Weiter Blick über Berlin. Weißwein. Ernst Freiberger sitzt am Tisch und denkt übers Leben nach, was zählt und was nicht, und über Berlin – was geht und was nicht.
Mit dem Leben ist es einfach. Als Freiberger viel, sehr viel erreicht hatte als bayerisch-berlinischer Unternehmer – sein Lebensmittelimperium verkauft, das riesige Areal am Spreebogen entwickelt, 150.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, damals das größte Bauprojekt der Stadt, vermietet unter anderem ans Bundesinnenministerium –, da sagte er sich, jetzt gehe ich auf Reisen, ein Jahr lang. Es wurden dann zweieinhalb Jahre daraus: 1998 bis 2001. Er hat alle Kontinente besucht, neunzig Länder, hat Tagebuch geführt und über jede Reise ein Buch geschrieben. »Nur für mich.« Und – was zählt?»
Von meinen Reisen bleiben nicht der schönste Strand, die schönsten Frauen, das schönste Essen. Es bleiben Familie, Religion, Gastfreundschaft.«
Es bleibt ein Mann um die fünfzig, der mit seiner Firmengruppe jährlich Hunderte Millionen Euro umgesetzt hat und der sich nebenher um das Gespräch der Weltreligionen müht, deren Vertreter er alljährlich in seinen bayerischen Heimatort Amerang lädt, eine Frucht seiner Reisen.
Und was ist, was wird mit Berlin, seiner Wahlheimat seit bald dreißig Jahren?
»Ich bin kräftig dabei, in Berlin zu investieren.« Wenn er sich frage, wovon die Stadt leben solle, dann fielen Industrie und Finanzdienstleistungen ja wohl aus. Diese Claims haben sich andere Städte gesichert. Und so beschreiben die Berliner Unternehmungen des Ernst Freiberger den Horizont dessen, was hier eine Chance haben könnte.
»Wachstumsmärkte sind der kreative Bereich, der Tourismus – und der Medizinbereich. Da kenne ich mich aus, ich besitze in Bayern eine Gruppe von Krankenhäusern. Nun bin ich dabei, in Berlin eine Klinik zu planen.«
Etwas Großes, versteht sich. Außerdem baut er sein Spreebogenareal um, das Hotel, die Gastronomie, ein Ärztezentrum. Macht zusammen 500 bis 600 Arbeitsplätze. Dazu kommt sein neues Großprojekt: das frühere Haupttelegrafenamt an der Museumsinsel. »Ich habe Helmut Jahn gebeten, die Planung zu übernehmen.« Den bekannten Chicagoer Architekten. »Solche Dinge würde ich nicht tun, wenn ich nicht an Berlin glauben würde.«
Das Berlin, das sich abzeichnet, ist eines nach der Industrie und nach den Subventionen. Und nach den Illusionen der neunziger Jahre. Es wird eine Stadt sein, die mit dem nachkriegsdeutschen Ideal der überall ähnlichen Lebensverhältnisse, ja der Gleichheit nichts mehr zu tun haben wird. Ein Teil Bangkok. Ein Teil Las Vegas. Ein Teil Tempelhof. Ein Teil Berlin, D.C. Und wenn es gut geht, ein Teil High Tech obendrein. Mit Leuten wie Professor Bernd Michel. Mit Herzzentren und anderen hochspezialisierten Kliniken, die reiche Patienten aus aller Welt anziehen. Mit Festivals, Opern und Luxushotels für die Abende und die Nächte. Und mit tätowierten Jungs aus der Vorstadt, die an der Terrasse des Adlon vorbeistromern und die Gäste anstarren und obszöne Bemerkungen machen. Ja, auch das. Das gibt es jetzt schon.
Das Aushalten der Gegensätze zwischen Arm und Schwerreich, Schrebergarten und place to be, absoluter Welt und absoluter Provinz, neuen Russen und alten Zehlendorfern, Anatoliern und Philharmonikern übt die Stadt seit sechzehn Jahren. Sie ist ganz gut im Training. Sie hat sich eine ordentliche Portion Lakonie und Gleichmut neu antrainiert, alte Berliner Tugenden.
»Das wird sich ausgleichen«, sagt Freiberger. »Auch Touristen schätzen das Originale. Nicht bloß: Nice to see you, have a nice day. Der Berliner ist halt respektlos, er akzeptiert keine Obrigkeit.«
Dann erzählt er eine Anekdote aus dem Münchner Bratwurstglöckl – »das Bayerischste, was man da haben kann«. Er sagt: »Zahlen!« Die Kellnerin sagt: »Drei Bier, ein Schnaps, zwei Wein.« Er sagt: »Wein hatte ich nicht.« Sie: »Die hab ich getrunken.« Er zahlt alles. »Verstehen Sie, das war eine Ehre. Weil ich Stammgast bin, hat die einen auf mich getrunken, derweil ich da war.« Vielleicht ist es nicht die schlechteste Voraussetzung, ein Bayer zu sein, um Berlin zu verstehen.
Es ist Mitternacht, die Verabredung in seinem Penthouse war auf elf Uhr abends angesetzt, kein Problem. Nur keine Umstände machen. Das Große und das Niedere, sie kennen sich gut, sie hocken auf derselben Bank, im Münchner Bratwurstglöckl wie in der Berliner U-Bahn.
Wind weht herein, ferner Lärm. Musik. Irgendwo feiern welche. Irgendwer feiert immer. Gibt es was zu staunen, was Kühles zu trinken dazu und eine Bratwurst auf die Hand, dann lässt sich das Volk von Berlin nicht lange bitten. In solchen Momenten spürt sich Berlin, wird es Welt, indem es die Welt umarmt, und sei es der nächstbeste verschwitzte Kerl in der Menge. Dann vergisst Berlin seine Sorgen für eine Nacht.
Es muss nicht rummelig zugehen wie in den Tagen der Fußballweltmeisterschaft, es kann ausgesprochen gutbürgerlich sein. Spielen nicht heute Abend die Philharmoniker in der Waldbühne? Die Berliner lieben diese jährlichen Sommerkonzerte auf ihre Art. Aus Picknickkörben holen sie gebratene Hähnchenteile, Rotwein und gute Laune hervor, wenn die Sonne untergeht und sich das Himmelsblau immer dunkler färbt, und dann, ganz am Ende, spielt das Orchester die Berliner Luft, und alles pfeift den schmissigen Refrain. Dann ist Berlin selig, ganz bei sich selbst, dann ist es Avustribüne und Sportpalastwalzer und Herbert von Karajan, alles auf einmal. Viva Las Vegas!
Lesen Sie weiter im Berlin-Journal, Jochen Reinickes Tagebuch über das Leben in der Großstadt: www.zeit.de/berlinjournal
- Datum 07.07.2006 - 04:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.07.2006 Nr. 28
- Kommentare 18
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Die ganze Berlin-Sache ist hauptsächlich eine Blase. Eines der deutlichsten Beispiele für postmoderne Imagebildung, hauptsächlich auf Sand gebaut. Die meisten der ach so kreativen oder intellektuellen Hype-Trittbrettfahrer sind nicht mal schlau genug, zu bemerken, wann ein hippes Ding Substanz hat und wann nicht. Leute, die nach Weltläufigkeit und Zurschaustellung derselben gieren, tun mir einfach nur leid. Zum Großteil bestehen solche Phänomene aus semantischer und emotionaler Überfrachtung durch innerlich leere Menschen. So etwas kann einen gewaltigen Kater nach sich ziehen. Komisch, daß gegenwärtig viele Großstädter so wenig hype-immun sind.
Da hat die Postschnecke aber einmal ein besonders schönes Briefchen in die Redaktion gespült. Sehr interessant auch, dass ein Architekt zum Hauptkonzeugen avanciert. Dessen Haltung wiederum, "von Las Vegas lernen", ist geborgtes Motto eines anderen Architekten. Aber "Stadt der Spieler" heisst ja wohl auch, die doppelten Böden und Spiegelkabinette von vornherein mit einzukalkulieren. Berlin wird langsam, was es schon einmal war, eine Ikone dessen was Weltstadt im kompletten Sinne genannt werden darf, Abgründe selbstverständlich eingeschlossen. Daher, bei aller Sympathie, Las Vegas, die Stadt als Inszenierung, das wäre viel zu wenig.
Ihnen, Herr Büscher, sei Dank, wenn Sie als letzter Fußgänger auch dort langziehen, wo Kiaulehn nie ging.
Alle deutschen Staedte waren nach dem Krieg nicht mehr das, was sie vorher waren und mussten nach einer Entwicklungsgeschichte von vielen hundert Jahren bei null wieder anfangen. Berlin traf es noch haerter durch den Verlust der Industrien, den Verlust der Ostprovinzen und durch die Teilung Deutschlands. Berlin musste nicht nur bei null, sondern vor null anfangen und dann auch noch total anders. Nicht mit mehr mit ihren Berlinern, die langsam aussterben, nicht mehr mit ihren Taxifahrern, die einem am Banhof Zoo mit "Hamse Jepaeck ufjejehm ? " gruesste. Heute sitzt eine Taxifrau aus irgendeinem osteuropaeischen Land am Steuer, gruesst nicht, spricht kein deutsch und weiss auch nicht, wo die Strasse ist.
Ich will damit nur sagen, dass es Berlin nicht leicht hat und wahrscheinlich 60- 80 Jahre brauchen wird, um wieder zu einem homogenen Ganzen mit neuen Berlinern zu werden, die mit den alten, die wir noch kennen, nichts mehr zu tun haben. Das ist aber dann egal. Die Berliner, die dann in dieser Stadt leben, werden das so in Ordnung finden.
Nein, Berlin ist keine Weltstadt im Stile von London oder Paris. Dafür fehlt es in Berlin an einigem. An grenzenlosem Konsumwahn. An blinkenden Werbetafeln. An überlebensgroßen Ikonen, die die Wände von wahnwitzigen Phalluskompensationen schmücken. Nein, Berlin ist etwas anderes.
Berlin ist hip. Berlin ist angesagter als London, mehr Avantgarde als Paris und kann - wenn Berlin will - mindestens genauso elegant wie Rom sein. Der deutsche weiß das nicht zu schätzen, denn "der Deutsche" weiß eben nicht was angesagt ist, hat keinen Bezug zur Avantgarde und über eleganz müssen wir wohl gar nicht reden. Das alles, was wir so gern "typisch deutsch" schimpfen findet in Berlin gleichzeitig sein Extrem und seinen Antipol. Und irgendwie outet sich der, der in Berlin immer noch nur einen Millionensumpf sieht als eben typisch deutsch, wie es keiner von uns zugeben will zu sein: pessimistisch, oberflächlich, nörgelnd.
Berlin ist anspruchsvoll. Auch das, auch wenn es dieser Stadt niemand zutraut entsteht in Berlin die anspruchsvollste Kultur Deutschlands, und das ist europaweit betrachtet mindestens konkurrenzfähig.
Berlin ist überraschend. Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist die jüngere Geschichte der Rütli-Schule. Nach der Resignation mehr als nur die Restauration. "Rütli", das ist jetzt ein Label, das bald nicht nur in Berlin seinen Absatz finden wird. "Rütli", das heisst ein Stück Berlin. Hier ist das meiste Scheisse, aber wir machen was draus. Das ist Berlin.
Berlin, das ist weit weg vom Potsdamer Platz und nur manchmal am Ku'damm. Berlin, das ist immer ein bisschen dreckig, aber immer authentisch.
Entschuldigung, aber Berlin zu machen wie Las Vegas, das halte ich für einen der dümmsten Gedankengänge die ich in der Zeit je gelesen habe. Die ganze Welt interessiert sich für Berlin, wie es jetzt ist und von sich aus werden wird. Kein Mensch hat ein ernstes Interesse für Las Vegas, es sei denn, er sucht das schnelle Geld. Das ist nochwas, was Berlin für eine klassische Weltstadt fehlt: das schnelle Geld. Rein-reich-raus, das geht nicht mit Berlin. Wer sich nicht auf Berlin einlässt, der hat nichts in Berlin zu suchen. Auch nicht aus journalistischem Interesse.
Endlich eun vernünftiger Blick auf die "neue" Metropole der Deutschen! Das Land des Federalismus in dem noch die meisten von uns aufwuchsen ist ebenso am Ende, wie die Stadt, die alles gleichzeitig sein sollte. Die Schaffung eines exemplarischen Zentrums in Deutschland ist gescheitert, etwas auf das alle stolz sein können.
Wer die Architekturprojekte in der Hauptstadt betrachtet kann sich auf jeden Fall an den Größenwahn und Germaniagedanken der NS-Verbrecher erinnert fühlen...
Gute Nacht, Deutschland
Das meinige Geschichtswissen wird wohl nicht so gut sein, wie das von jemanden der die "west coast" sein Heim nennen kann. Amerika ist nun einmal das non plus ultra, das hat es eben mit der Partymetropole Berlin gemein. Schade, das sich 95% der Einwohner der BRD schämen müssen nicht in dieser Stadt zu leben. ´Tschuldigung.
Alles nach Berlin zurück dann: VW, Bosch, BMW, Daimler, die Frankfurter Börse, der Medien aus Köln und auch der Hamburger Hafen. Habe gerade nachgelesen, das war auch früher schon immer in Berlin...
Tut mir Leid aber es gibt keine Frankfurter Börse, es gibt eine Deutsche Börse mit Sitz in Frankfurt. Ob die wieder zurück nach Berlin kommt ist auch egal. So oder so interessiert sich niemand für Frankfurt und jeder für Berlin. Und der Hamburger Hafen brauch garnicht umziehen, Hamburg ist ohnehin schon immer der Hafen von Berlin. Was denken sie warum die Stadt den Beinamen das Tor zur Welt hat?
An Tagen, an denen die Extreme dieser Stadt sich partout nicht mit dem Innenleben ihrer Bewohner in einer orgasialpoetischen Stimmung vereinigen, wenn Provinzilität und Metropolen Flair nicht gleichmäßig ein- und ausatmen, dann ist die Stadt klebrig und unentspannt. Ist die Kreativität dieser Stadt, wirklich die Lösung des Problems oder sind die Leute hier nur kreativ, weil sie keine Arbeit finden und Kreativität und Lebenskunst eine gute entschuldigung sind, sich auch keine zu suchen? In der Masse von 4 Millionen Menschen wird jede Lebenskunst zur Banalität, zumal es sich nicht unterscheiden lässt was wirkliches Streben nach Originalität und was albernes Modegequatsche ist. Der Poesie des Artikels von Büscher fehlt eine U Bahn Fahrt bei 32 Grad im Schatten von Dahlem nach Friedrichshain unter stressigen Alltagsbedingungen. Auch die Legendäre U1 fährt letztendlich im Kreis. Die Dimensionen Raum und Zeit reiben sich im Alltag gegenseitig auf und der Mythos Berlin ist wie die Möhre vor der Nase des Esels, der den Schlitten ziehen soll. Diesen Schlitten zieht man von Wochenende zu Wochenende, bis man die Regeln des Spiels verstanden hat. Wer dann nicht weg ist, ist reif für Latte Macchiato und Harz IV.
Vincent Büsch
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren