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Warum auch Erzieherinnen eine akademische Ausbildung brauchen von 

Professor Stefan Sell erlebt gerade die »anstrengendste Phase« seines Hochschullebens. Er bildet an der Fachhochschule Koblenz Erzieherinnen und Erzieher in einem berufsbegleitenden Studiengang zu Kita-Managern weiter. Direkt aus den Kindergärten kommen seine Studenten in die Hörsäle. Neugierig und wissensdurstig, aber mit einiger Skepsis hören sie sich an, was ihnen der Professor aus dem Reich der Wissenschaften mitzuteilen hat. Und sobald sie merken, dass seine Theorien in ihrer täglichen Praxis nicht umzusetzen sind, protestieren sie. Geht es etwa um das Beobachten von Kindern, das Dokumentieren bestimmter Begabungen oder Auffälligkeiten und das Aufspüren individueller Bildungsbedürfnisse, hört Stefan Sell: Wie soll das funktionieren – in einer Gruppe mit 25 Kindern, oft allein? Den Professor schrecken solche Zurufe aus der Wirklichkeit nicht. Er versteht sie als Warnung, die neuen Studiengänge nicht wieder zu theorielastig zu gestalten. Sell denkt dabei an »Fehler der Vergangenheit«, vor allem in der Lehrerausbildung, die auf den Alltag in den Schulen kaum vorbereitete.

Es tut sich etwas. Der Vorwurf, nirgendwo in Europa würden Erzieherinnen so schlecht ausgebildet wie in Deutschland und Österreich, saß tief. Während in Staaten wie Italien, Finnland und Schweden die Fachkräfte für die Kleinsten ganz selbstverständlich Universitäten besuchen, wurden und werden sie hierzulande mit oft schlechten Abschlusszeugnissen auf Fachschulen geschickt und zu Allround-Experten fürs Soziale ausgebildet. Das Thema frühe Kindheit hat dabei meist den gleichen Stellenwert wie die Arbeit im Heim für schwer erziehbare Jugendliche. In kaum einem anderen Land hat der Beruf ein so mieses Image und erfährt so wenig Wertschätzung. Nach der Pisa-Kränkung allerdings reifte nicht nur die Erkenntnis, dass unsere Jüngsten ein Potenzial bieten, das viele deutsche Kinderaufbewahrungsstätten jahrzehntelang verschenkt haben. Es wuchs auch die Einsicht, dass sich der Graben zwischen Kindergarten und Schule schließen muss.

Im Durchschnitt 4000 wache Stunden verbringen Kinder in der wissbegierigsten Phase ihres Lebens in einem Kindergarten. Sie brauchen dort Menschen, die ihnen nicht nur die Jacken zuknöpfen und Spielzeug in die Hand drücken, sondern ihnen geistiges Futter geben, sich auf ihre Fragen einlassen, ohne ihnen mit Standardantworten das Nachdenken abzugewöhnen.

Der Veränderungsdruck ist groß. Nun sollen Kindergärten zu Bildungsinstitutionen werden und Erzieherinnen (rund 95 Prozent in diesem Beruf sind Frauen) zu Schlüsselfiguren in den Bildungsbiografien unserer Kinder.

Die Frage, ob wir in Deutschlands Kindergärten Akademiker brauchen, wagt unter Experten kaum noch einer mit Nein zu beantworten. Umso erstaunlicher, dass die Kultusministerkonferenz momentan »keinen Diskussionsbedarf zu diesem Thema« sieht, so Klaus Illerhaus, Referatsleiter Berufliche Schulen. Von einem Konsens zur Akademisierung könne noch keine Rede sein. Stattdessen betont man, an der Fachschulausbildung unbedingt festhalten zu wollen. Auf Länderebene ist man da zumindest gedanklich weiter. Sechzehn Studienangebote gibt es mittlerweile in Deutschland für die zukünftigen Bildungsprofis, viele grundständig, andere berufsbegleitend, mit Schwerpunkten von integrativer Frühpädagogik bis zum Kita-Management. Von Emden über Neubrandenburg bis Berlin und Koblenz gibt es neue Bachelorangebote zur Pädagogik der frühen Kindheit. Aber vieles bleibt ungeklärt: Müssen alle Erzieherinnen studieren? Was sollten sie lernen? Entwicklungspsychologie, die neuesten Erkenntnisse aus der frühkindlichen Hirnforschung oder doch viel konkreter: wie man im Kindergarten die Bildungspläne für die Drei- bis Sechsjährigen umsetzt? Sollten sie gute Sprachförderer werden oder endlich lernen, professionelle Elterngespräche zu führen? Was bedeutet es, wenn die neuen Bachelors of Education neben Erzieherinnen mit herkömmlicher Breitbandausbildung arbeiten? Und wer soll die Akademiker in den Kitas bezahlen?

Keine Zeit, auf die Antworten zu warten. Hochschulen, die noch keinen Studiengang gegründet haben, könnten schon fast zu den Verlierern im Kampf um Fördergelder und um die besten Leute für die Lehre gehören. »Der Markt an Frühpädagogen ist leer gefegt. Schon muss man auf Lehrer aus den Fachschulen zurückgreifen«, sagt Stefan Sell. Jene Ausbilder also, die man bislang im Verdacht hatte, unsere Erzieherinnen unter Niveau zu schulen. Weil Deutschland jahrzehntelang die frühkindliche Pädagogik zum Stiefkind machte, keine Mittel in ihre Erforschung steckte, gibt es heute kaum wissenschaftlichen Nachwuchs. Zwar will Bundesbildungsministerin Annette Schavan dieser Disziplin mehr Beachtung und Mittel zukommen lassen, doch es wird Jahre dauern, bis sich die Elementarpädagogik an den Hochschulen etabliert.

Das wissenschaftliche Desinteresse am frühen Lernen rächt sich auch inhaltlich. Jeder neu gegründete Studiengang wird zum Experimentierfeld. Während man die Studenten erst mal drauflosstudieren lässt, werden hinter den Kulissen fieberhaft Curricula überarbeitet. Eine »abenteuerliche« Situation sei das, findet Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts in München, und fordert einen nationalen Council, »der gemeinsame Inhalte festlegt«.

Die Robert-Bosch-Stiftung versucht, den Wildwuchs an Reformansätzen zu stutzen, und fördert bis 2010 fünf ausgewählte Modellstudiengänge in Berlin, Bremen, Koblenz, Dresden und Freiburg mit insgesamt fünf Millionen Euro. »Wir möchten in dieser fragmentierten Landschaft zumindest gewisse Standards setzen«, sagt die Projektleiterin Monika Lütke-Entrup. Zweimal im Jahr tauschen sich die Vertreter der Fachhochschulen mit dem Bildungswissenschaftler Gerwald Wallnöfer von der Freien Universität Bozen aus, der dort Lehrer und Erzieher gemeinsam ausbildet und unter Deutschlands Frühpädagogen als Kindergarten-Guru gilt. Aber auch die Fachschulen werden in konzeptionelle Überlegungen einbezogen. Länder wie Schleswig-Holstein und Berlin haben die Zugangsvoraussetzungen für die Fachschulausbildung angehoben und verlangen jetzt das Abitur. Das Niveau in den Kursen sei dadurch beträchtlich gestiegen, berichtet Norbert Hocke, Kita-Experte bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. »Die Inhalte unserer Ausbildung sind qualitativ vergleichbar mit denen der Fachhochschulen«, sagt Annegret Lauffer-von Reiche. Sie leitet die Sozialpädagogische Fachschule im Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus, die mit europäischer Ausrichtung und Profilierungskursen zu den wenigen Leuchttürmen am Fachschulhorizont gehört.

Wenn es um die Vorteile ihrer Arbeit geht, argumentieren die Fachschulen paradoxerweise gerade mit der oft bemängelten Breitbandausbildung. Weil sie ihre Schüler für die Arbeit mit Jugendlichen, in Heimen oder Behinderteneinrichtungen ebenso qualifizieren wie für den Kindergarten, hätten ihre Absolventen größere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Der Kritik, gerade in frühkindlicher Pädagogik zu wenig zu spezialisieren, entgegnen sie, dass die schon heute einen Ausbildungsanteil von 50 bis 75 Prozent ausmache. Das wirklich große Pfand in ihrer Hand aber bleibt die Zahl der Absolventen – 20000 Erzieherinnen entlassen sie jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt. Dagegen wird die Summe der FH-Abgänger verschwindend gering ausfallen.

»Die Fachschulen empfinden uns als große Bedrohung«, sagt Marion Musiol, Professorin für Early Education an der FH Neubrandenburg. »Dabei bin ich doch selbst gespannt und unsicher, ob wir die Ausbildung besser hinkriegen werden als sie.«

Auch in den Kindergärten sind die Vorbehalte groß. Praktikanten aus den Fachhochschulen werden kritischer beäugt als die vertrauten Fachschüler. »Ich denke, du studierst?«, wurde eine Bremer Studentin von einer Erzieherin hämisch gefragt, nur weil sie den Namen eines ausländischen Kindes falsch geschrieben hatte. Viele herkömmlich ausgebildete Erzieherinnen betrachten die jungen Akademiker als Konkurrenten: Werden sie ihren Status verlieren, aus ihren Gruppen verdrängt werden? Irgendwann nur noch Äpfel schälen und Fenster dekorieren – bloß weil sie nicht studiert haben?

»Alle Erzieherinnen, die heute schon im System arbeiten, brauchen eine Chance, sich weiterzuqualifizieren«, fordert Stefan Sell. »Sonst dauert es 35 Jahre, bis wir einen messbaren Erfolg erzielen.« Angewiesen auf qualifizierte Mentoren in der Praxis, holen die Fachhochschulen Erzieherinnen aus den Kindergärten in die Hörsäle und bilden sie selbst weiter. In Zukunft könnten Fortbildungen als Zulassung für ein Studium anerkannt werden. Durchlässiger sollen auch die Übergänge zwischen Fachschulen und FHs werde n.

Ob es sinnvoll ist, beide Ausbildungswege aufrechtzuerhalten, entscheiden am Ende die Bewerberzahlen – denn schon zeigt sich, dass beide Systeme um die gleiche Klientel kämpfen werden. Viele Bundesländer verlangen eine zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten, bevor die dreijährige Fachschule startet. Damit dauert die gesamte Ausbildungszeit länger als mit den neuen, meist dreijährigen Bachelorstudiengängen. »Bei den jungen Leuten kommt die Botschaft an: Ohne Studium bist du nichts. Also werden die FHs immer mehr Zulauf bekommen und die Fachschulen noch mehr um qualifizierten Nachwuchs kämpfen müssen«, sagt Stefan Sell von der FH Koblenz.

Marion Musiol hatte die Wahl. Unter 378 Bewerbungen durfte sie 20 auswählen. Davon hatten alle einen Abischnitt mit einer Eins vorm Komma. »Ich möchte Experten in die Kindergärten schicken, die Lust auf die Arbeit mit den Kindern haben und nicht sofort einen Leitungsposten wollen.«

Die Motivation der Studenten in den neuen Studiengängen ist unterschiedlich. Ernüchternd war eine Befragung unter Bremer Studenten nach ihrem ersten Praktikum in Kindergarten und Schule. An der Universität Bremen werden seit vergangenem Jahr Elementar- und Grundschulpädagogen gemeinsam ausgebildet. Der Ansatz ist vielversprechend, denn wenn die Kitas Zahlen und Buchstaben nicht mehr vor die Tür sperren, Experimentieren so selbstverständlich ist wie Vorlesen, wird die strenge Trennung zwischen Erziehern und Lehrern verschwinden müssen. Aus den Kindergärten kamen die Praktikanten aber enttäuscht zurück: Mit Bildung habe das ja nichts zu tun, sagen sie und sehen ihre Zukunft eher in der Schule. Natürlich auch, weil dort eine bessere Bezahlung lockt.

Die Befürchtung, die Akademiker in den Kindergärten könnten die Kosten in die Höhe treiben, ist ein beliebtes Argument gegen eine Professionalisierung des Berufes. Dabei kann bislang kein Absolvent einer FH mit mehr Geld rechnen als seine Kollegen ohne akademischen Titel. Andererseits kam eine Studie der Uni Halle-Wittenberg zum erstaunlichen Ergebnis, dass selbst eine höhere Vergütung »gesamtgesellschaftlich« keine höheren Kosten verursachen würde. Der Grund: Die Kinderzahlen sinken und damit auch der Bedarf an Fachkräften. Viele Erzieherinnen werden ohnehin bald in den Ruhestand gehen. Der Zeitpunkt für eine Reform sei günstig wie nie.

Marion Musiol nimmt ihren Studenten von Anfang an die Illusion vom höheren Gehalt. »Hoch motiviert sind sie trotzdem.« Spannend bleibt, wie sie den Spagat zwischen Ideal und Alltag meistern werden. Die didaktischen und methodischen Ansätze, die sie aus der Fachhochschule mitbringen, stehen oft im krassen Widerspruch zur Kindergartenpraxis in Mecklenburg-Vorpommern. »Da wird die Beschäftigung am Vormittag abgehandelt wie eine Unterrichtseinheit. Alle Kinder sitzen im Stuhlkreis und müssen das Gleiche machen. Was völlig vorbeigeht an ihren individuellen Bedürfnissen«, sagt Musiol. Das habe nichts zu tun mit dem Bild vom Kind, wie sie es ihren Studenten vermittle. Aber manche von ihnen wissen schon, wie sie den Praxisschock umgehen und ihre Visionen Wirklichkeit werden lassen, ohne ständig anzuecken: Sie gründen ihren eigenen Kindergarten.

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