Studiengebühren Ruhe ohne Sturm
Warum weniger Studenten als erwartet gegen die Studiengebühren demonstrieren
Sie haben ihrem Idol eine Website gewidmet. Studiengebühren rückwirkend zum 14. Juli 1789 fordern sie da, und wer ist aus ihrer Sicht der beste Garant für die Umsetzung dieser Vision? Udo Corts, hessischer Wissenschaftsminister und Star des Udo-Corts-Fanclubs. Seinen Terminkalender kann der Minister neuerdings im Internet finden. Bei seinen Auftritten erscheinen dann häufig Studenten, die lautstark gegen Corts protestieren – und seinen Plan, von 2007 an Studiengebühren von bis zu 1500 Euro pro Semester zu erheben.
Hinter www.corts-fanclub.de steht der AStA der Technischen Universität Darmstadt, die Website ist Symbol einer lange nicht mehr gesehenen Form des Widerstandes an deutschen Hochschulen. Vorbei sind die friedlich-netten Märsche durch Fußgängerzonen, wie sie noch beim Studentenstreik 2003 angesagt waren. Stattdessen gibt es Kampagnen im Internet, Rektoratsbesetzungen und Rangeleien mit der Polizei. Die Studenten blockieren Autobahnen und Bahnstrecken in Hessen oder in Hamburg, wo die Bürgerschaft kürzlich Gebühren in Höhe von 500 Euro pro Semester beschlossen hat. »Diese Dimension des studentischen Protestes haben wir seit mindestens zehn Jahren nicht erlebt«, sagt Christian Berg von der Studenten-Dachorganisation FZS. Großes Vorbild der Aktionen sind die französischen Studentenunruhen vom Frühjahr.
Was ist los an deutschen Hochschulen? Entsteht tatsächlich eine »neue gesamtgesellschaftliche Bewegung«, wie die Welt vermutete? Von den bundesweit Zehntausenden Gebührengegnern allerdings, die Zeitungen und Studenten für den Mittwoch vergangener Woche prognostizierten, waren in Hamburg am Ende laut Polizeiangaben gerade 2200 und in Wiesbaden 7000 aufgetaucht – in der hessischen Landeshauptstadt schon inklusive Tausender Lehrer, Schüler und Eltern, die eigentlich nur gegen die hessische Schulpolitik anmarschieren wollten. Die Studenten hatten sich – strategisch geschickt – der bereits geplanten Schuldemo angeschlossen, um höhere Zahlen vermelden zu können. Spiegel Online befindet daher, der Anti-Gebühren-Protest sei weit davon entfernt, die Massen zu erfassen. Das ist das Hauptproblem der aufmuckenden Studenten: Trotz teils spektakulärer Aktionen bringen sie nicht so viele Kommilitonen auf die Beine, dass die Medien entsprechend ausführlich über sie berichten würden. Dabei wäre genau das Voraussetzung, um mehr Teilnehmer zu mobilisieren.
»Die Interessen der Studenten sind zu vielfältig, als dass man sie unter einen Hut bringen könnte«, sagt der Politikwissenschaftler Karl Rudolf Korte. Das liege an der föderalen Struktur der Bundesrepublik, wo die Länder ihre Strukturreformen scheibchenweise durchsetzen könnten, ohne dass es den einen großen Aufschrei wie im zentralistisch organisierten Frankreich gebe. »Außerdem sind die Studenten weitaus weniger politisiert als vor 20, 30 Jahren«, sagt Korte. »Für viele ist das Studium nur ein Job.« So droht der Proteststurm abzuebben, bevor er richtig begonnen hat.
Über mangelndes Wohlwollen der Journalisten können sich die Organisatoren der Studenten-Aktionen dabei keineswegs beschweren, im Gegenteil: Die Sympathie der Kommentatoren ist groß. Dahinter wiederum eine Medienkampagne zu vermuten, wie es Mitglieder der Koch-Regierung tun, führt zu weit. Eher scheint es so, als könnten einige Journalisten und Experten nicht recht verstehen, warum sich die Studenten so passiv verhalten. »Der Protest hätte viel früher kommen müssen«, sagt Korte. Tatsächlich sind seit dem alles verändernden Verfassungsgerichtsurteil zu den Studiengebühren bereits anderthalb Jahre vergangen. »Es macht eben einen Unterschied, ob über Gebühren nur geredet wird oder die Rechnung schon im Briefkasten liegt«, räumt sogar Christian Berg ein.
Am größten ist die Unruhe derzeit noch in Hessen, wo die Gebühren frühestens im Herbst vom Landtag abgesegnet werden sollen, dann allerdings in Rekordhöhe. Für den 6. Juli haben die Studenten die nächste Großdemonstration in Frankfurt angekündigt, mit französischer Flagge auf dem Flyer. Dann könnte sich bereits entscheiden, ob die Proteste auch in den bevorstehenden Semesterferien weiterleben werden. Der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger zumindest scheint keine großen Aktionen mehr zu fürchten. Er hat sich bis zum 18. Juli in den Urlaub verabschiedet.
Die Campus-Maut - ungerecht oder die richtige Richtung?
Diskutieren Sie über dieses Thema mit in der
Campus Community und klicken Sie hier
!
- Datum 30.10.2006 - 13:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.07.2006
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Die Studierenden, die in diesen Tagen hinausgehen, um damit den Protest in die Städte zu tragen haben sich einer ganz ohne Zweifel großen Herausforderung gestellt. Sicher müssen sich die Protestierenden auch den Vorwurf gefallen lassen zu spät wahrscheinlich viel zu spät mit ihrem Protest begonnen zu haben. Sicher aber auch gibt es immer viele Gründe und Entschuldigungen, die gesucht und gefunden werden können. Keiner sollte davon ausgehen, dass die Protestierenden auch wenn sie es häufig tun nichts anderes täten als zu protestieren. Wenn von Studentenprotesten die Rede ist, sollte nicht vergessen werden, dass wer sich heute gegen neoliberalen Bildungs- und Sozialabbau engagiert, eben auch noch Studierender ist. Es sollte bitte niemand so tun, als wäre ein Studium ausschließlich ein Privileg, was es sicher auch ist, doch ist es eben auch harte Arbeit, die oft unterschätzt wird. Ich meine hier nicht ausschließlich die Studienleistungen, die erbracht werden müssen, sondern vor allem auch das Bestreiten des Lebensunterhaltes, was selten leicht und schon heute überproportional von der sozialen Herkunft abhängig ist. An den Tatsachen werden solcherlei Diskussionen nichts ändern können, doch vielleicht eine Idee davon geben, welche Belastung besonders finanzieller Art ein Studium bereits ohne Gebühren darstellt und wie sehr sie die Situation verschärfen würden besonders für die Eltern, die diesen Kraftakt leiten müssen. Es ist eben nicht so, dass sich heute ein Studium leicht finanzieren lässt und es letzten Endes nur die Entscheidung ist, ein Studium aufzunehmen oder eine Berufsausbildung zu beginnen. Weit gefehlt wer denkt ein Studium sei mit dem BAföG zu finanzieren. Viel entscheidender aber in diesem Kontext ist doch die Frage nach der gesellschaftlichen Wertschätzung von Bildung. Was geschieht mit dem Humboldtschen Bildungsideal der Einheit von Forschung und Lehre? Es geht hier um weit mehr als um Gebühren die sicher schmerzhaft sind. Wir verabschieden uns von einer gesellschaftlichen und sozialen Errungenschaft: der freien Bildung und beugen uns gleichsam ökonomischen Zwängen. Wieder wird hier Sozialstaatlichkeit beschränkt, deren Ausformung legislative Aufgabe ist. Jeder der heute protestiert und damit den regierenden Parteien Legitimität entzieht, tut gut daran und besinnt sich auf die elementare Souveränität des Volkes. Jeder Student und jede Studentin, die in den vergangenen Tagen und Wochen den Protest getragen haben, haben dies auf oft über das zu Erwartende hinaus getan und erhebliche Anstrengungen unternommen. Bis ein Protest von einer breiten Masse getragen wird, ist es ein weiter Weg und oft wird vergessen, dass Proteste, die von weitaus kleineren Gruppen getragen wurden durchaus Wirkungen hatten. Nichtsdestotrotz ist festzuhalten, dass diese studentische Protestbewegung größer ist, als viele andere in der Vergangenheit. Mehr denn je geht es auch darum, in Zeiten der Großen Koalition, Meinung zu haben und zu bekennen auch dafür gibt es historische Belege. Junge Menschen stehen auf die Methoden und der Zeitpunkt mögen umstritten sein und beziehen eindeutige Positionen, die aller Ehren wert sind. Allein eine Lobby fehlt, was an den Zielen liegen mag. Soziale Gerechtigkeit fällt heutzutage in der öffentlichen Diskussion den Reformlügen und der Reform-Rhetorik zum Opfer. Dabei entstehen einseitige Öffentlichkeiten, die der Einfußnahme von diversen Interessensverbänden unterliegen. Zudem stellt sicher auch die föderale Ordnung, und damit die differenten Adressaten der Proteste, eine Schwierigkeit für dar. In den letzten Wochen haben sich weit mehr Studierende engagiert, als es durch die, trotz der zum Teil sympathisierenden, Medien bekannt gemacht wurde der Weg in die Medien ist wohl ähnlich weit wie der zur breiten Protestbewegung und bedingt sich gleichermaßen. Der Sommer wird zeigen, ob die studentischen Proteste die vorlesungsfreie Zeit überstehen können und damit auch den legislativen Akteuren die Hoffnung nach einem baldigen Ende der Proteste nehmen können. Die exekutiven Repressionen und die damit einhergehende Kriminalisierung von Studierenden, sind ein deutliches Zeichen für die Befürchtungen der Landesregierungen, dass die Proteste nachhaltiger als 2003 sein könnten und sicher scheint zu sein, dass die friedlich-netten Märsche durch Fußgängerzonen vorbei sind. Mehr denn je soll etwas verändert werden und das nicht weil es jetzt auch für die Studierenden an das eigene Geld geht, sondern weil Grenzen überschritten wurden und es Bereitschaft gibt für deren Einhaltung zu streiten. Sozialstaatlichkeit ist mehr als ein Sozialstaatspostulat dessen Ausprägung immer auch ein Ausdruck gesellschaftspolitischer Willensbekundung ist.
Das Volk der Dichter und Denker hat den Sinn für die Wichtigkeit der freien Bildung verloren großer Pathos und genauso bitter in der Erkenntnis.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren