50 Klassiker der modernen Musik Die Geburt des HipHop

1982 wurde das Plündern zum Prinzip: Grandmaster Flash und die Furious Five betraten die Bühne. Seitdem hat HipHop sich verändert – und mit ihm die Popmusik.

Im Jahr 1982 erfährt die Welt, ohne danach gefragt zu haben, wie es aussieht in der South Bronx: Zersplittertes Glas überall, im Treppenhaus stinkt es nach Pisse, im Wohnzimmer gibt es Ratten und Kakerlaken, im Flur patrouillieren Junkies mit Baseballschlägern. The Message ist eine wortmächtige Reportage von einem fremden Kontinent: Grandmaster Flash & the Furious Five funken im Reimstakkato ein erstes Lebenszeichen vom schwarzen Planeten. Karg war die Nachrichtenlage bis dahin, so karg, dass das musikalisch Revolutionäre daran lange Jahre unbemerkt geblieben war. In den Ghettos von New York entstand bereits Ende der Siebziger aus dem Mangel eine neue Kultur, die in den Achtzigern erblüht. Wer es sich nicht leisten kann, in Manhattan auszugehen, und das sind die meisten, schiebt die Stereoanlage auf die Straße und lädt die Nachbarn ein: Bei einer Block Party kommt der Strom aus den Laternenmasten, die Kunst aus der Sprühdose, die Grooves von alten Soul- und Funk-Aufnahmen.

Der auf Barbados geborene Joseph Saddler entwickelt den so genannten Crossfader, eine Apparatur, die den DJ in die Lage versetzt, verschiedene Songs ineinander übergehen zu lassen. Es ist der historische Moment, in dem der Plattenaufleger zum Akrobaten wird, der Dienstleister zum Artisten. Fortan wird mit zwei Plattenspielern und einem Mischpult die Popgeschichte zerstückelt, zusammengesetzt, uminterpretiert und schlussendlich Neues erschaffen. HipHop ist geboren, aus Joseph Saddler wird DJ Grandmaster Flash, das Komponistengenie alter Prägung bekommt Konkurrenz, das Plündern wird zum Prinzip und Recycling zur Kunst: Die Popmusik ist endgültig in der Postmoderne angelangt.

Diese Veredelung von Sekundär-Rohstoffen treibt Saddler in Stücken wie The Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel zu einer ersten Meisterschaft: Motive aus Funk, Disco und Pop verschmelzen mit Erkenntnissen, die die deutsche Band Kraftwerk in der Maschinenhalle gewonnen hatte, zu einer neuen Sinfonie aus der neuen Welt. Aber es ist erst der Titelsong The Message, der die Grundlage dafür legt, dass das lokale Partyphänomen zu einem internationalen Massenereignis wachsen wird. Denn erstmals fordern die Furious Five das Publikum nicht nur zum Tanzen auf; stattdessen erzählen die fünf Rapper von der Lebenswirklichkeit ihrer Zuhörer, berichten von Arbeitslosigkeit und Prostitution, von Missbrauch, Drogen, Geld und Gefängnis.

Sieben Minuten und acht Sekunden lang ist diese erste Nachrichtensendung, die das »schwarze CNN« in den Äther schickt. 24 Jahre später hat sich das Programm ausdifferenziert, das Spektrum reicht von radikal politischen bis zu noch radikaleren kommerziellen Positionen, von poetischen Höchstleistungen bis zur Doku-Soap aus dem Zuhältergewerbe. Der Sendebetrieb läuft seitdem ohne Pause. Thomas Winkler

 
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