Und jetzt, Herr Neururer...?
Peter Neururer, 51, ist Trainer des Erstligisten Hannover 96 und kommentiert für die ZEIT das Geschehen bei der Fußballweltmeisterschaft
DIE ZEIT: Torsten Frings war gesperrt beim Halbfinale gegen Italien, weil er nach dem Elfmeterschießen gegen Argentinien einen Gegner geschlagen hatte. Fehlte er zu Recht?
Peter Neururer: Das geht voll in Ordnung. Sosehr ich das menschlich verstehen kann: Stellen Sie sich vor, Sie sind im Viertelfinale einer WM – ich war dort noch nie, Sie auch nicht…
ZEIT: Nein.
Neururer: …Sie gewinnen in einem dramatischen Elfmeterschießen, und die Verlierer fangen an, Ihre Mitspieler zu verprügeln. Frings hat sich ja fast mannschaftsdienlich verhalten, er wollte seine Mitspieler schützen, wenn auch mit den Fäusten. Aber klar: Sportlich geht das gar nicht. Er wurde zu Recht bestraft.
ZEIT: Frings war zu aggressiv. Fußballtrainer fordern aber immer Aggressivität.
Neururer: Tja, das ist eine der Grundaufgaben eines Trainers, es geht um die psychovegetative Motivationslage des Spielers, so heißt das in der Fachsprache. Ganz schwierige Sache: Einige Spieler muss ich vorm Spiel heiß machen, andere muss ich runterkühlen. Jeden Spieler muss ich anders ansprechen.
ZEIT: Was würden Sie Wayne Rooney sagen?
Neururer: Den kenn ich ja leider nur vom Zusehen auf dem Spielfeld. Ein einfacher Satz zu einem Spieler, der zu Aggression neigt, ist: Wir können das Spiel nur gewinnen, wenn wir am Ende zu elft auf dem Platz stehen. Funktioniert meistens.
ZEIT: Rooney flog vom Platz nach einem rüden Tritt zwischen die Beine seines Gegenspielers. Jetzt schützt ihn sein Trainer, sagt zu den Fans: England braucht Rooney noch. Muss ein Trainer seinen Spieler immer schützen, unabhängig davon, wie schlimm das Vergehen war?
Neururer: Ja, nach außen schon. Wenn einer meiner Spieler Rot sieht, dann unterscheide ich: War es ein Foul im Sinne der Mannschaft, eine Notbremse zum Beispiel, dann kann es sogar sein, dass ich gleich nach dem Platzverweis zu ihm gehe und ihn tröste.
ZEIT: Dann darf er sich auch neben Sie setzen?
Neururer: Nein, der Spieler muss nach Rot in die Kabine, deshalb war diese berühmte Szene im Spiel Holland gegen Portugal, als die Rotspieler zusammensaßen, ja eigentlich illegal.
ZEIT: Wie reagieren Sie auf ein böses Foul, eine Tätlichkeit?
Neururer: Dann lasse ich den Spieler erst mal in Ruhe, auch um ihn vor einem Wutausbruch meinerseits zu schützen. Und hinterher kriegt er von mir was zu hören, durchaus auch vor seinen Mitspielern, das hilft. Kann auch sein, dass ich ihm sage: Ich erwarte, dass du dich dafür bei deinem Gegenspieler entschuldigst.
ZEIT: Reden Sie immer gleich in der Kabine?
Neururer: Am nächsten Morgen. Es ist wie bei einem Streit zwischen Paaren: erst mal eine Nacht drüber schlafen.
Das Interview führte
Matthias Stolz
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Peter Neururer, 51, ist Trainer des Erstligisten Hannover 96 und kommentiert für die ZEIT das Geschehen bei der Fußballweltmeisterschaft
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- Datum 05.07.2006 - 05:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.07.2006 Nr. 28
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