Weltmeisterschaft Der Unerreichbare

Hybris oder Führungsstärke? Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat die deutsche Fußball-Elf nach seinem Bild geformt – und das Land begeistert. Wird er bleiben?

Dortmund

Das Spiel war zu Ende, da hatte Jürgen Klinsmann seinen Auftritt. Er stürmte auf den Rasen, zu seinen Spielern als wolle er sie schützen, alle, bevor sie erschöpft darniedersanken. Innerhalb von vier Minuten war der Traum zerstoben, durch zwei Tore in der Verlängerung, 0:2 gegen Italien. Später gingen die Spieler in die Kabine, einige weinten, der Trainer klatschte ihnen Beifall, dann ging auch er, als Letzter.

Er konnte beruhigt gehen, denn Jürgen Klinsmanns Triumph stand bereits vor dem Anpfiff fest. Fußballkommentatoren würden sagen: »Seit dem Spiel gegen Argentinien war Klinsmann der Sieg nicht mehr zu nehmen.«

Welch ein Sieg. Gegen die Von-Anfang-an-Zweifler und die Bis-zuletzt-Zweifler. Binnen zwei Jahren hat Klinsmann einer Mannschaft aus der Defensive geholfen und in den letzten vier Wochen einer ganzen Nation gleich mit. Dabei sprach am Anfang, im Sommer 2004, alles gegen den Mann aus Kalifornien: die Mehrheiten im Deutschen Fußball-Bund, die Mehrheit der veröffentlichten Meinung, die Mehrheit der Liga, die Mehrheit der Deutschen – und nicht zuletzt die Qualität der ihm zur Verfügung stehenden Spieler. Er setzte auf die Jugend, auf Offensive, auf Aktion statt auf Reaktion. Darauf hatte Deutschland lange gewartet.

Sollte Jürgen Klinsmann, was keiner wirklich voraussagen kann, demnächst irgendwann zu Vertragsverhandlungen nach Frankfurt reisen, wird niemand mehr Fitness-Coaches zählen oder seine Heimflüge aufaddieren. Nein, die grauen Herren des DFB werden einen Blankovertrag vorlegen, sie werden Jürgen Klinsmann die Wünsche von den Lippen ablesen, diese aufmerksam notieren und noch ein paar Zeilen freilassen, für Dinge, die Klinsmann vielleicht später noch einfallen und die er ihnen dann per Mail nachreichen kann. Sie werden das sehr gern tun, denn sie wissen: Das Auftreten der deutschen Nationalmannschaft in diesem Sommer der Freude hat schon jetzt mehr Geld in die Kassen von Verband und Vereinen gespült, als selbst der für seine finanziellen Forderungen gefürchtete Klinsmann in den nächsten Jahren ausgeben könnte.

Sommer 2004. Klinsmann konferiert in seiner Heimat mit seinem Berater Mick Hoban, der zugleich sein Partner bei der Firma Soccersolution ist, einer weltweit operierenden Fußballberatungsagentur. Klinsmann hört eine sehr persönliche Geschichte, sie spielt im Jahr 1994, während der Fußballweltmeisterschaft in den USA. Carlos Alberto Parreira, damals wie bei der WM 2006 brasilianischer Nationaltrainer, ruft seinen Berater Hoban zu sich. Der fürchtet schlechte Nachrichten. Parreira aber spricht mit ruhiger Stimme: »Mick, ich werde jetzt zu Bett gehen. Wir haben alles getan, damit die Mannschaft gewinnt. Alles, was jetzt geschieht, liegt nicht mehr in unserer Hand.« Am Tag darauf bezwingt Brasilien Schweden mit 1:0. Wenige Tage später ist Parreiras Team Weltmeister.

Klinsmann hört Hoban aufmerksam zu. Wie für Parreira, so ist Hoban auch für Klinsmann ein wichtiger Berater: »Wenn die WM losgeht«, sagt er, »musst du vor dir selbst sagen können: Ich habe alles getan, um die Mannschaft optimal vorzubereiten.« Und dann gibt Hoban seinem Partner den entscheidenden Rat: »Schaffe dir von Anfang an die Bedingungen, die du brauchst, um dies erreichen zu können. Sonst lass es lieber.« Klinsmann ahnt in diesem Augenblick nicht, dass er zwei Jahre später, am Vorabend des Halbfinals gegen Italien in Dortmund, zu seinem Co-Trainer Löw sagen wird: »Wir haben alles getan, was jetzt geschieht, liegt nicht mehr in unserer Hand.«

Selbst erfahrene Spieler bekommen bei Klinsmanns Ansprachen Gänsehaut

November 2004, Jürgen Klinsmann ist mit der deutschen Nationalmannschaft auf dem Weg nach Asien. Wir führen ein erstes Gespräch, zum Kennenlernen, nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Er spricht schon damals von »einem absoluten Traum, von einer einmaligen Chance«, von Rückschlägen, die kommen, davon, dass »wir vor allem viel lernen müssen«. So wird er sprechen, bis zum Auftakt der WM im Juli 2006. Jede Niederlage wird er als Lernprozess, als »hilfreich und nötig« hochreden. Klinsmann spricht so, wie Deutschland vor Klinsmann spielte – vor allem keine Chancen zulassen, egal, wie ungelenk es aussieht, Hauptsache, dichthalten.

Im Flugzeug testet Klinsmann seine neue Philosophie: Er macht auf, kommt aus der Deckung. Ja, er weiß schon damals um das schwankende Leistungsvermögen der Spieler, die ihm die Bundesliga zur Verfügung stellt, auch um seine Widersacher im Verband, um das Drohpotenzial in den Schubladen der Boulevardblätter. Schon damals sagt er: »Erst die unmittelbare Vorbereitungszeit wird entscheiden« und: »Wir wissen, dass die Bundesliga unsere Methoden übernehmen muss.« Schon damals zeigt er sich überzeugt: »Der Heimvorteil könnte entscheidend sein.« Dann, plötzlich, saugt er die letzten Tropfen aus seiner Espressotasse, steht auf und geht, dreht sich noch einmal kurz um und sagt: »Rufen Sie mich jederzeit an.« Das ist sein Spiel aus Nähe und Ferne, aus Vertrautheit und Abgrenzung, ein Spiel, das Klinsmann bis heute so perfekt beherrscht wie früher Flankenlauf und Flugkopfball.

Im Juli 2006 wirken die Notizen aus diesem ersten Gespräch fast unheimlich. Einem eigensinnigen Schwaben ist es von Kalifornien aus gelungen, mit den Instrumenten amerikanischer Think-Tanks und Fitness-Fabriken einer darbenden (Fußball-)Nation Spielfreude zu verleihen und Lebensfreude dazu. Ausländische Zeitungen feiern ihn als Propheten, während der nationale Boulevard eher mit zusammengepressten Lippen jubelt. Was aber hat diese Revolution mit dem Propheten, was hat sein Job aus Jürgen Klinsmann selbst gemacht?

Eine Antwort auf diese Frage fällt allein deshalb schwer, weil Klinsmann ganz selten von sich spricht. Vielmehr führt er – nicht wirklich revolutionär – das »Wir« fast penetrant häufig im Munde, solange es um die Erläuterung von Erfolgen oder die Erklärung der Arbeit seines Trainerstabes geht. Für zwei Situationen behält er sich – ganz revolutionär – die erste Person Singular vor: Wenn es darum geht, wer das letzte Wort oder darum, wer eine mögliche Niederlage zu verantworten hat.

Viele halten dieses »Wir« für eine einstudierte Floskel, für eine stabile Viererkette in Klinsmanns Selbstverteidigungssystems. In Wahrheit liegt im Verhältnis von »Ich« und »Wir« ein, vielleicht sogar der Schlüssel zu Jürgen Klinsmann. Das »Wir« steht für den Arbeiter, der drüben in Kalifornien frühmorgens vor fünf Uhr den Laptop anwirft, um zur Hauptgeschäftszeit in Mitteleuropa online mitmischen zu können. Es steht für den Teamspieler, der jede seiner Überlegungen mit einem engen Beraterkreis erörtert, für den Chefcoach, der seinen Assistenztrainer vor der Mannschaft die Taktik erläutern und sich von Fitness-Trainer und Mannschaftspsychologen ebenso schulen lässt, wie er es seinen Spielern empfiehlt. Das »Wir« steht auch für einen Trainer, der aus der Reservebank einen gleichberechtigten Mannschaftsteil formte. Das »Wir« steht schließlich für Kabinenansprachen, die selbst bei erfahrenen Spielern Gänsehaut hervorrufen, weil sie in diesen Momenten ihren Trainer als Menschen und Strategen gleichzeitig erleben, weil sein »Wir« sich in diesen Momenten mit dem »Ich« verbündet. Ausnahmsweise, denn das »Ich« bedeutet gewöhnlich: Flucht, Rückzug, Notausgang.

»Du kannst doch die Jungs nicht einfach einem Nachfolger überlassen«

Klinsmanns »Ich« bezeichnet den Familienmenschen, dem die Achtung seiner Privatsphäre durch die Medien für den Verbleib im Bundestrainer-Job wichtiger ist als ein gewonnenes Halbfinale. Der, wenn man ihn in den USA auf dem Handy erreicht, gerade dabei ist, seine Kinder in die Schule zu bringen, der sich am Abend vor Bekanntgabe des WM-Kaders Gedanken darüber macht, dass er das wiedervereinigte Deutschland, dass er das Land, dessen Hoffnungsträger er geworden ist, eigentlich noch gar nicht kennt. Das »Ich« steht aber auch für ein Alphatier, das seine engsten Berater detaillierteste Pläne entwickeln lässt, um sich dann doch nur eines Bruchteils, seines Bruchteils davon zu bedienen. Für den unabhängigen Quereinsteiger, der dem Boulevard droht, »man könne ab sofort die Tür auch zumachen«. Das »Ich« steht außerdem für Sturheit und Ungerechtigkeiten im Umgang auch mit Mitarbeitern. Vor allem steht das »Ich« jedoch für ein großes Rätsel.

Während der zwei Jahre seiner Amtszeit war dieses »Ich« für Klinsmann stets der Fluchtpunkt, das Refugium. Er wusste, würde das »Wir« scheitern, dann existierte da immer noch das »Ich«, der Rückzug. Das »Ich« ist seine gefährlichste Waffe, eine innere Ausstiegsklausel, die Nähe verhindert, wo Nähe geboten ist, auch Irritation stiftet, wo Vertrauen nötig wäre.

In den raren Momenten, in denen Klinsmann diese Waffe im Köcher lässt, in denen er im Gespräch Fragen stellt und nicht das Wir-sind-stolz-auf-diese-Mannschaft vor sich her trägt, wenn er von sich aus anruft, um sich auszutauschen, da spürt der Gesprächspartner, dass etwas mehr Nähe, wie der Trainer Jürgen Klinsmann formulieren würde, »in keinster Weise« schädlich ist, sondern vielmehr, um in der Sprache des Trainers zu bleiben, dass Jürgen Klinsmann, dem Leader, im Teilbereich »emotionale Fitness« vielleicht noch ein Trainingslager gut täte, »um die letzten 20 Prozent noch aus sich rauszuholen«. Er wird es müssen, wenn er Bundestrainer bleibt. Denn dann muss er die Intimität des Rausches durch nachhaltige, echte Nähe zu den Spielern und, ja, durch kritische Kollegialität gegenüber der Bundesliga ersetzen.

Wie es scheint, hat der Trainer seine Schwäche erkannt. Kürzlich, man logierte schon im Mannschaftshotel im Berliner Grunewald, nimmt ein Vertrauter Klinsmann beiseite. Es geht um die Zukunft. »Jürgen«, sagt der Freund, »du kannst doch die Jungs nicht einfach einem Nachfolger überlassen, der sie dann wieder auf destruktives Spiel zurückschult.« Dies trifft die Gemütslage des Bundestrainers auf den Punkt genau: Seine Spieler sind ihm, weit über die Taktiktafel und die Medizinbälle hinaus, ans Herz gewachsen. Wenn also das »Ich« auch das Synonym für die unersetzliche Geborgenheit innerhalb der kalifornischen Kernfamilie ist, so steht das »Wir« inzwischen für die Möglichkeit einer doppelten Haushaltsführung.

Die einfache Erklärung für die emotionale Annäherung des Trainers an die Mannschaft wäre der Rausch des Erfolgs, die wahre Erklärung indes ist noch viel einfacher: Von Anfang an hatte Jürgen Klinsmann bei seiner Arbeit vor allem einen Referenzpunkt – sich selbst. Er schuf einen Kader, dem Spieler angehören, die seinem eigenen Ideal als Stürmer nahe kamen: selbstständig, charakterfest, mannschaftsdienlich. Deshalb ließ er manche zu Hause, die er hätte berufen müssen, wäre es allein um die fußballerische Stärke gegangen. Er lässt die Spieler trainieren, wie er selbst trainiert hat: mehr als üblich, weil mangelnde Begabung durch harte Arbeit ausgeglichen werden muss. Er motiviert sie, wie er sich selbst motivierte, um über sich hinauswachsen zu können: durch das Berauschen am eigenen Rausch. Und er führt sie, wie er selbst gern geführt worden wäre: im Dialog und doch Halt gebend durch Autorität. Das »Ich« als Blaupause für das »Wir« – ist das Hybris oder Führungsstärke, Sturheit oder Strategie?

Seit dem gewonnenen Viertelfinale braucht niemand mehr eine Antwort auf diese Frage. Im Halbfinale nun musste das neue Deutschland gegen Italien antreten. Und das spielte wie das neue Deutschland, nur glücklicher. Das neue Deutschland hat gegen Italien verloren. Früher haben wir uns nach Siegen manchmal geschämt. Heute können wir eine Niederlage feiern.

Jürgen Klinsmann
30. Juli 1964 geboren in Göppingen
1972 beginnt er beim TB Gingen/Fils mit dem Fußballspielen
1978 bis 1984 spielt er bei den Stuttgarter Kickers, seit 1982 in der Zweiten Bundesliga
1984 bis 1988 Bundesligaspieler beim VfB Stuttgart
Seit 1987 Nationalspieler
1988 Wechsel zu Inter Mailand
1990 Weltmeister
1992 bis 1998 weitere Stationen beim AS Monaco, den Tottenham Hotspurs und Bayern München
1998 beendet er seine Karriere nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM in Frankreich
Seit Juli 2004 Bundestrainer


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Leser-Kommentare
  1. 1. Klinsi

    heute in der FAZ ein Interview mit Eilts ( sorry ZEIT) 2x wurde Sammer ins Spiel gebracht, als zukuenftige Nummer1und Sportdirektor, als derjenige, der In Zukunft den Weg und dei Linie bei der natioanlelf bestimmt! Klinsi wurde so hingestellt, dass er eigentlich nur die Ernte einfuhr, die die DFB Trainer, darunter natuerlcih Eilts, gebracht haben. Klinsis Arbeit wird in keiner Weise erwaehnt ! Er hat alles das gemacht, was die DFB Trainer eben auch schon immer gemacht haben, so Eilts!
    Also, man kann sich vorstellen, was Klinsi nach der WM erwartet, wenn er weitermacht!

  2. "Hätte die deutsche Wirtschaft, Verbände, Politik und Presse mehr solcher integren und kompetenten Kaliber wie Jürgen Klinsmann, ginge es in Deutschland vermutlich seriöser und konsequenter voran."
    .....nichts hinzuzufügen

  3. ...wieviel Lobhudelei und Verklärung der Person Jürgen Klinsmann seit neuestem seitens der Presse entgegengebracht wird. Eigentlich sollte gerade die Presse damit sehr zurückhaltend umgehen, hat sie Herrn Klinsmann doch noch vor einem guten halben Jahr mehr oder weniger die Pest an den Hals geschrieben, weil er sich getraut hat, seinen eigenen Weg zu gehen. Von den ganzen Unken á´la Beckenbauer ganz zu schweigen. Hätten die deutsche Wirtschaft, Verbände, Politik und Presse mehr solcher integren und kompetenten Kaliber wie Jürgen Klinsmann, ginge es in Deutschland vermutlich seriöser und konsequenter voran.

  4. wie er es machen wird, wirds falsch sein, wenn Beckenbauer ihn auffordert, ist wie der Todeskuss des Paten, weiter zu machen, wird ihn die B_B_B_B Mafia ( Beckenbauer-Bild-Breitner-Bayern) jede Menge Intrigen an den Hals haengen, im Hintergrund lauert der DFB mit Sammer! dann kommt wieder diese unsaegliche Wohnssitzdiskussion usw, ( wenn Klinsi weitermacht, sollte er sich die Sprueche von FB uebers Bett haengen)
    Wenn nun aufhoert, wirden eben diese oben erwaehnten ihn einen Vaterlandsverraeter heissen!
    MERKE! NIx vergeht so schnell, wie der Ruhm vergangner Tage!

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