Leben Daheim im Kongo

Nächste Woche rückt die Bundeswehr in Kinshasa ein. Ein paar Deutsche sind schon da.

Götz Heinicke steigt aus dem Geländewagen, den der Fahrer von der Straße auf einen Erdhaufen bugsiert hat. Menschen strömen um Heinicke herum, Autos lärmen, es ist heiß. Er steht da, in schwarzem Polohemd und Tropenhose, als könnte ihm die Hitze nichts anhaben, als würde ihn auch der Krach nicht erreichen. Er läuft zu einem Haus. Über der Tür ein Schild, »Organisme des Femmes Débrouillardes«, Organisation der pfiffigen Frauen. Drinnen ein winziges Zimmer, ein halbes Dutzend Frauen an Tischen, vor sich Bündel von Geldscheinen, kongolesische Franc. Ein junger Mann kramt in einer Schublade nach Batterien, steckt sie in ein Megafon. Alle treten vor die Tür.

Heinicke blinzelt in die Sonne. Dies ist eines der ärmsten Viertel Kinshasas, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. An den Marktständen liegen kleine Haufen Soja, Mais, Erdnüsse, ein Tisch trieft von blutigem Ziegenfleisch. Der Mann mit dem Megafon schiebt sich ins Gewühl, die Frauen aus dem Büro folgen. Der Letzte ist Heinicke. Ausländer, die in Kinshasa leben, halten das Viertel für gefährlich, sie nennen es einen Slum. Dabei sieht es ganz ordentlich aus. Menschen winken Heinicke zu, er winkt zurück. Er taucht ein in die Blicke, die Rufe, das Klatschen von Händen, es meint allein ihn, den einzigen Weißen auf dem Markt von Masina.

Wo andere das Herz der Finsternis vermuten, sieht er ein Land voller Chancen.

Der Wirtschaftsberater Götz Heinicke arbeitet für die bayerische Hanns-Seidel-Stiftung. Sie hat seit den siebziger Jahren in Kinshasa ein Büro. Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß verstand sich mit Diktatoren, auch mit Kongos Mobutu, damals hieß das Land Zaire. Neun Monate ist Heinicke nun da. Er hilft den Marktfrauen und anderen Kleinunternehmern, sorgt auch mal auf dem Markt für Wirbel, gute Werbung. Die Frauen aus dem Büro vergeben Zinsen auf Erspartes, auch Kleinkredite, dem Land fehlen Banken. Heinicke unterstützt Geschäftsleute durch Beratung, Seminare. Unternehmer stabilisieren die Demokratie, daran glauben sie in der Münchner Zentrale. Heinicke ist ein Botschafter des Friedens und Fortschritts, wie die 380 deutschen Soldaten, die bald nach Kinshasa kommen werden – der erste riskante Auslandseinsatz der Bundeswehr unter europäischer Führung. Am 30. Juli gehen die Kongolesen zum ersten Mal seit 1965 wieder zu einer freien Wahl, eine EU-Truppe soll dafür sorgen, dass alles ruhig bleibt. Zu Hause zweifeln manche am Sinn der Mission. Aber bringt es etwa nichts, was Heinicke hier macht?

Er ist 32 Jahre alt und Rechtsanwalt, Sohn eines Diplomaten, aufgewachsen in Kairo, Istanbul, München. Er ist einer von 150 Deutschen in Kinshasa, insgesamt leben im Kongo etwa 250. Historisch gesehen, haben sie hier nichts verloren, die Belgier knechteten bis 1960 das Land. In den siebziger Jahren lebten hier um die tausend Deutsche. Als der Krieg Ende der Neunziger begann, hielten nur ein paar Dutzend durch. Die meisten kamen wie Heinicke erst in den vergangenen drei Jahren, seit die UN den Frieden mit 17000 Soldaten schützen. Sie arbeiten bei den UN, als Entwicklungshelfer, für europäische Firmen oder betreiben selbst Geschäfte. Sie haben ein anderes Bild von diesem Land als jene, die es nur aus der Entfernung und durch den Schleier afrikanischer Mythen sehen. Alle ärgerten sich, als vor kurzem eine große deutsche Zeitschrift Kinshasa als Müllhaufen und Sündenpfuhl beschrieb, voller Abenteurer und Huren, jeder Ausländer werde überfallen.

»Nichts davon ist wahr«, sagt Heinicke.

Der Mann mit dem Megafon und der Tross der Frauen kämpfen sich durchs Dickicht der Marktstände, biegen in eine überfüllte Gasse ab.

»Die deutschen Soldaten müssen sich auch in armen Vierteln wie hier in Masina zeigen«, sagt Heinicke zu dem Mann neben ihm, dieser ist ebenfalls im Auftrag der Stiftung da, sie reden Französisch. »Wenn nach der Wahl Unruhen ausbrechen, dann hier, wo viele Flüchtlinge leben.« – »Die Europäer kommen doch nur, um im Notfall Weiße auszufliegen.« – »Unsinn.« Er klingt fast beleidigt.

Bevor Heinicke in den Kongo kam, beschäftigte er sich in München mit Mietstreitereien. »Da hat einer einen Riss in der Wand, schon klagt er.« Jene Welt ist reich, aber ist sie nicht auch eng? Jetzt wohnt Heinicke im Zentrum von Kinshasa, wie die meisten Ausländer. Die breiten Boulevards der Belgier sind voller Löcher. Aber fast jeder Kongolese hat ein Handy, und es gibt sogar riesige klimatisierte Supermärkte, außerdem Hunderte von Bars, Tanzlokalen. Manchmal läuft Heinicke durch seine moderne Zweizimmerwohnung und betrachtet die Wasserflecken an der Wand, in stiller Genugtuung. Er hat den Kongo gewählt, um sich zu beweisen, dass er flexibel ist. Den Eingang seines Hauses bewacht ein Mann mit einer Maschinenpistole.

Heinicke mag die Kongolesen, aber er findet es nicht leicht, sich anzufreunden. Sie sehen einen doch immer als Weißen, als einen, der Geld hat. Die Geschichte des Landes rumort in ihnen, man spürt das – die Diktatur und Ausbeutung unter Mobutu, dem Despoten mit der Leopardenmütze; die Wirrnisse des Krieges, der 2003 nach fünf Jahren endete; Soldaten aus mehreren afrikanischen Ländern kämpften im Kongo. Manchmal bricht auf den Straßen Wut aus, meistens in Menschenmengen. »Ist ja klar, Mobutu hat das Volk jahrzehntelang beklaut.« Vor kurzem fuhr Heinicke sonntags am Stadion vorbei, nach einem Fußballspiel. Ein Fehler. Tausende stürmten auf die Straße, er war mittendrin, zum Glück hatte das Team aus Kinshasa gewonnen. Die Kongolesen hieben mit den Fäusten auf das Autodach, riefen: »Hau ab, Weißer!« Viele Ausländer erzählen von solchen Situationen, von Hass, der plötzlich überschlägt, sich gegen weiße Hautfarbe richtet. Heinicke glaubt, dass es bei Gefahr besser ist, aus dem Auto zu steigen und mit den Leuten zu reden.

Der Tross bleibt in der Gasse stehen. Die Frauen wiegen sich in den Hüften, schreien, singen auf Lingala, einer der vielen kongolesischen Sprachen. Heinicke guckt ratlos. Heute Abend wird er ausgehen, man versteht dieses Land nur, wenn man sich den Menschen nähert. Er will eine Terrasse besuchen, in die sich sonst kein Weißer wagt – Terrassen nennen sie hier die Nachtlokale. Die Frauen drängen ihn an einen Marktstand, wedeln mit den Händen in der Luft. Einen Moment lang steht er unschlüssig da, dann macht auch er mit. Er reißt die Arme hoch, streckt sie gerade in den Himmel.

Seit 16 Jahren lebt

Dieter Haag lässt seinen Fahrer die zerbeulten Kleinbusse überholen, deren Türen offen stehen und aus denen Menschenknäuel hängen, es gibt keine anderen öffentlichen Verkehrsmittel in Kinshasa. Die Straße außerhalb der Stadt ist öde und leer wie das Buschland. Im Wagen rauscht die Klimaanlage. Haag ist ein Mann um die 50, in frisch gebügeltem Hemd. Als Geschäftsführer der Holzfirma Siforco lebt er seit 16 Jahren im Kongo. Er ist hierher gekommen auf der Suche nach beruflichem Glück.

»Da, die Felder«, sagt Haag. »Das geht höchstens zwei Jahre, dann bräuchten sie Dünger. Aber die Leute nehmen sich neues Land.« Der Fahrer beschleunigt weiter, als habe ihn Haag beauftragt, den Kongo so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. »Im Wald passiert das Gleiche. Sie brennen ihn ab, bauen Mais und Maniok an. Nach zwei oder drei Jahren roden sie das nächste Stück.« Der Tacho zeigt 160. Haag bedeutet dem Fahrer, vom Gas zu gehen, mit einer Handbewegung, als scheuche er eine Fliege fort.

Aus dem Nichts taucht eine Mauer auf, ein Eisentor, Stacheldraht. Wächter treten zur Seite. Der Wagen umkurvt eine Lagerhalle, hält vor einer gepflegten Rasenfläche, einem Neubau. Über der Tür von Haags Büro grinst von einem Foto der Staatspräsident Joseph Kabila, ein ehemaliger General, der aussieht wie ein dicker Junge, 35 Jahre alt. Drinnen hängt das gleiche Foto, dem Schreibtisch gegenüber. »Muss sein«, sagt Haag, »wegen der Geschäftspartner.« Hinter den Lamellen des Vorhangs schiebt sich der Kongo-Fluss durch die Mittagshitze, grau und träge, als handele es sich um eine Sinnestäuschung.

Dieter Haag stammt aus der Nähe von Stuttgart. Er lernte in einer Mercedes-Werkstatt, stieg dann ins Fuhrunternehmen des Vaters ein, arbeitete dort acht Jahre lang. Dann wollte er weg, »egal wohin«. Nahm eine Stelle bei Mercedes, Algerien. Nahm auch die Auslandsvertretungen in Niger, Guinea, Elfenbeinküste, Kamerun. Nahm zum Schluss auch noch den Kongo hin, mit Frau, Sohn, Tochter, bis Mercedes den Laden an Franzosen verkaufte, Haag passte das nicht. Aber wo sollte er hin? »Zu Hause wartete ja niemand auf mich.« 2001 wechselte er zu Siforco. Die Firma produzierte kein Holz während des Krieges, ganz allein baute er das Geschäft wieder auf. Seine Frau fand einen Job in der Entwicklungshilfe, die Tochter setzte sich zum Studium nach Belgien ab. Der Sohn wird bald Abitur machen an der französischen Schule, er liegt gerade mit Malaria im Krankenhaus. Haag arbeitet viel, er hat auch ein paar Freunde. »Es geht schon. Man gewöhnt sich.«

Jetzt muss er raus aus dem Büro, in die Mittagsglut, als gehöre es zu seinem Job zu leiden. Er läuft über das Gelände – zur Anlegestelle, dem Holzlager, zu den Sägehallen, dem Furnierwerk. 500 Angestellte arbeiten hier für ihn, die meisten sind Kongolesen, ein paar Deutsche. Einmal hält ein Auto, jemand ruft etwas auf Schwäbisch. Das Grundstück ist umgrenzt von Fluss und Mauern, es liegt 80 Kilometer außerhalb von Kinshasa, im Nichts. Dieter Haags Kongo, das ist ein Stück Wald im Norden, 1,6 Millionen Hektar, eine Fläche so groß wie Thüringen. Haag lässt die Bäume schlagen und sie zu Flößen binden, Schiffe bringen sie in die Fabrik. Manchmal fliegt er in einem kleinen Flugzeug über das endlose Grün, es dauert zwei Stunden. »Schön, sehr schön«, sagt Haag. Nur dort begeistert ihn das Land.

Für einen Geschäftsmann ist es eine Katastrophe. Die Verschiffung des Holzes: ein riesiges Logistikproblem. Die Arbeitskräfte: unproduktiv. Die Bürokratie: ein Gegner, gegen den man sich nur mit einer Hand voll Juristen wehren kann. Obendrein ärgern die Umweltschützer zu Hause Dieter Haag. Sie verdächtigen die Holzindustrie, sie vernichte den Regenwald. Vor ein paar Jahren griff Greenpeace auch seine Mutterfirma Danzer an. »Die Bevölkerung macht den Wald durch Brandrodungen und illegalen Holzeinschlag kaputt, nicht wir«, sagt Haag mit der selbst auferlegten Sanftmut, ohne die man hier nicht überlebt. Nur wenn er abends zur Ruhe kommt und ein paar Bier getrunken hat, verdüstert sich seine Stimmung, wie vor kurzem beim deutschen Stammtisch, montags im Restaurant Le Surcouf. Dort treffen sich selten mehr als ein Dutzend Deutsche, auch von der Botschaft kommen welche. Sie sitzen beieinander, als hätten sie trotz der Hitze noch das Bedürfnis, sich aneinander zu wärmen. Haag sagt: »Irgendwann sind wir hier weg, bei diesen Bedingungen.« In 16 Jahren hat er nie ernsthaft daran gedacht zu gehen.

Wie war die Zeit unter Mobutu, vor 1997?

»Sehr schwierig, nicht anders als heute.«

Ist er froh, dass die UN da sind?

»Bringt gar nichts, nicht mal Sicherheit.«

Und die Bundeswehr?

»Vor Soldaten aus Europa hat jeder Respekt.«

Haag steigt in seine Limousine. Dieselbe Straße spult sich wieder unter ihm ab, der Fluss daneben ist weit, unüberwindbar. Manchmal sieht er ein Bild vor sich. Darauf ist er selbst. Er sitzt in einem Garten, wischt sich nicht mehr den Schweiß. Auf dem Bild hat er sich in Kirchberg bei Stuttgart ein Haus gebaut, dort sind er und seine Frau aufgewachsen. Das Dorf hat 4000 Einwohner, nie verändert sich was, zumindest sieht es so aus, wenn die Familie dort einmal im Jahr Urlaub macht. Neben Haag sitzen seine Eltern, die ihn im Kongo nie besucht haben. Auf dem Tisch steht eine Flasche Trollinger, rubinrot, aus Württemberg. Zehn Jahre, so lange wird er noch bleiben, hat Haag ausgerechnet. Dann kann er in Rente gehen.

»Ich mach hier fertig«, sagt er.

Alle kennen

Christa Göpfert steht vor dem Kücheneingang, neben dem Käfig ihres Papageis, dem Springbrunnen, den Palmen, sie schreit Kommandos. Ein halbes Dutzend Angestellter springt in den Garten und postiert sich: je einer am Atelier, so hat es Göpfert vorgesehen, noch einer bei den Toiletten, einer am Swimmingpool, zwei im Laden, damit sich keiner der Gäste heimlich eine der Statuen oder Tierfiguren greift. 800 Leute hat Christa Göpfert an diesem Samstagnachmittag in ihr Haus eingeladen, wo sie auch Kunsthandwerk verkauft. Sie ist eine Frau um die 60 mit blonden aufstehenden Haaren, Dior-Brille, rotem Schal. Sie rudert mit den Armen, es ist schwer, Ordnung zu halten im Paradies.

Gleich werden die Gäste kommen. Sie fahren in Autos vor, am Anfang der Straße haben sie eine bewachte Schranke passiert. An der Pforte zeigen sie ihre Einladungen den Mitarbeitern einer Sicherheitsfirma. Das Villenviertel auf einem Hügel über dem Fluss war mal eine gute Gegend Kinshasas, heute stehen Häuser leer, sind Fenster vernagelt. Man sieht sie nicht von Christa Göpferts Grundstück aus, es ist von hohen Mauern umstanden. Der Stacheldraht auf der Brüstung ist kunstvoll unter Pflanzen versteckt. In Töpfen wachsen Hunderte von Orchideen. Jeder Besucher dringt in einen Dschungel ein, den Christa Göpfert geschaffen und bevölkert hat, mit Gänsen, Pfauen, 20 Bediensteten. Der Weg von der Pforte führt geradewegs in ihren Laden, er heißt »Symphonie des Arts«.

Dort hat sie sich aufgestellt, zwischen Tierfiguren und Ölbildern, tritt von einem Bein aufs andere, Schweißperlen auf der Stirn. Einen Moment lang sieht es aus, als verschwinde die Frau mit den hellblonden Haaren und dem roten Schal unter all den bunten Dingen, die sie verkauft. Sie lebt seit 1968 in Kinshasa, mit ihrem Mann, einem Holzingenieur. Er ist gerade in Deutschland, verbringt da viele Monate im Jahr. Seiner Frau gefällt es in Afrika besser, die alte Heimat ist ihr zu kalt. Nie würde sie Kinshasa verlassen, wie das Ausländer immer wieder getan haben wegen des Krieges, der seine Ausläufer bis nach Kinshasa schickte. 1997 verjagte Laurent Kabila mit Hilfe der ruandischen Armee den Diktator Mobutu, vier Jahre später wurde Kabila von einem Leibwächter ermordet, danach kam sein Sohn an die Macht. Gab es Unruhen, sorgte die Botschaft für die Evakuierung. »Niemand mehr da bei jedem kleinen Bumbum«, sagt Göpfert und lacht, sie deutet eine Explosion an mit den Armen.

Die Gastwirtstochter aus der Nähe von Stuttgart traf ihren Mann Anfang der sechziger Jahre. Sie begleitete ihn nach Afrika, »wie man in Urlaub fährt«. Kinshasa fand sie langweilig, deshalb machte sie den Laden auf. Sie stellt auch Malerei kongolesischer Künstler aus, verlangt hohe Dollarpreise. Wer sich die leisten kann, kommt heute, »das ganze Niveau«, Kabinettsmitglieder, Diplomaten, die Schwestern des Präsidenten. Göpfert kennt jeden, auch Joseph Kabila, er habe gerade drei Ölbilder gekauft für den König von Marokko. Ihre Tochter leitet ein Sportstudio und eine Ballettschule, in die die Kinder der reichen Familien gehen. Einmal im Jahr lädt sie zu einer Aufführung, im hinteren Teil des Gartens ist eine Bühne aufgebaut. Es gibt Bier vom Fass.

Christa Göpfert ist wohl von allen Deutschen am längsten im Kongo. Aber ist sie wirklich da?

»In den sechziger Jahren gab es in den Wohngebieten nur Schotterstraßen«, sagt Göpfert. »In den Siebzigern wurden die Straßen geteert. Heute haben die Straßen wieder Löcher.«

Ist das alles, die ganze Geschichte?

»Es gab Plünderungen, Monate ohne Strom und Wasser«, sagt sie widerwillig, sie redet nicht gern über die Vergangenheit. »Einmal schoss es, ich warf mich zu Boden, hinter der Gartenmauer lagen Tote.« Näher kamen ihr der Irrsinn, die Gräuel im Kongo nie. Verbindet sie Hoffnungen mit der Wahl, dem Einsatz der Bundeswehr? Sie ringt sich ein Ja ab. Falls es einen neuen Präsidenten geben sollte, wird sie ihn kennen lernen.

Die Gäste kommen, die meisten sind Weiße. Alle müssen an Christa Göpfert vorbei, Küsschen, »Bonjour, wie geht’s, how are you«. Die Frauen tragen schlichte Sommerkleider, die Männer Hemden, die ihnen klimatisch günstig über der Hose hängen. Dies ist nicht der Kongo, in dem Menschen sich gegenseitig ermorden. Es ist ein Traum, den Göpfert für sich ganz allein geschaffen hat. Nach einer Stunde sind alle Stühle im Garten besetzt, Göpfert steht hinter der letzten Reihe. Die Kinder laufen in bunten Kleidchen zur Bühne, es sind mehr als 200. Die Sonne senkt sich in die Spitzen der Palmen, die Hitze ist noch genauso unerträglich. Dann beginnt das Ballett.

Malaria ist für

Karin Müllers Augen sind glasig. Vor drei Wochen hatte sie Malaria, die Krankheit ist wieder ausgebrochen. Das kann passieren, manchmal überleben die Erreger trotz Medikamenten im Blut. Also schluckt Müller noch mal Pillen, es ist das dritte Mal in zwei Jahren. Die Mücken stechen einen trotz der stinkenden Creme, die man sich auf den Leib schmiert, man schwitzt sie ab. Neuerdings vergisst Müller die Creme auch schon mal, sie nimmt Malaria nicht mehr richtig ernst. Manchen Gefahren kann man nicht ausweichen, das ist eine der ersten Lektionen, die man im Kongo lernt. Müller tut ihre Arbeit, als hätte sie nur einen Schnupfen.

Sie hat sich in eine Ecke eines Holzverschlags gesetzt, als wollte sie nicht gesehen werden von den Kongolesen, die den Schatten unter dem Wellblech füllen. Der Verschlag ist umgeben von ein paar Häusern, einer Landstraße, von Kinshasa hierher waren es zwei Autostunden. Müller und eine Mitarbeiterin wollen dem Volk erklären, was eine demokratische Wahl ist. Was ein Bürger da tut. Müller ist eine kleine Frau mit blassem Gesicht, der UN-Ausweis hängt an einer langen Schnur um ihren Hals. Als sie anfing mit diesem Job, wollten Vorgesetzte ihr Soldaten mitgeben, sie trauten den Kongolesen nicht. Müller lehnte ab. »Was denken da die Leute?«

Sie sagt das so ungerührt, als spreche sie über Malaria.

Das erste Mal erwischte die Krankheit sie in einer Stadt im Landesinneren. Was man hier Stadt nennt. Keine Straßen, Autos, Geschäfte, kein Krankenhaus, nur ein Hotel voller Kakerlaken. Die Malaria fing mit Nackenschmerzen an, es folgte heftiger Schüttelfrost, jede Faser des Körpers schien zu vibrieren. Ein Arzt gab Medikamente. Sie lag im Hotel auf dem Bett, starrte auf den Ventilator an der Decke. Sie sieht ihn bis heute, er dreht sich wie in einem ewigen Fiebertraum. Etwas dringt an die Oberfläche, das sie sonst zu vergessen versucht. Vielleicht ist es Angst. Heute fühle sie sich wohl im Kongo, sagt sie. Nur der Verkehr, das Chaos in der Stadt zehrten an den Nerven.

Müller ist 33 Jahre alt, in Paderborn geboren. Sie hat in Hamburg studiert und in Kapstadt, Jura und development studies . Warum kam sie ausgerechnet in den Kongo? Sie überlegt, als habe sie nie darüber nachgedacht. »Ich wollte schon immer nach Afrika.« Dann sagt sie: »Hier ist so viel Bewegung. So viel Abenteuer wird nirgendwo sonst geboten.« Tage später wird sie eine E-Mail schicken. Die Frage habe sie noch weiter beschäftigt. Sie wolle auch als Juristin Erfahrungen sammeln, den Rechtsstaat mit aufbauen.

Eine Frau in einem bunten Kleid tritt vor die Menschenmenge, Müller bleibt sitzen. Die Frau ist mit ihr im Land Rover gekommen. Sie sprachen nur wenige Worte, dann nickte die Frau ein. Sie arbeitet für eine einheimische Organisation, die das Volk über die Wahlen aufklärt. Die UN unterstützen sie dabei, bringen sie mit Jeeps und Hubschraubern auch in abgelegene Dörfer. Sie bezahlt die Broschüren, die Tische, Stühle, Wahlkabinen. Die Frau murmelt Gebete. Dann stellt sie Müller vor, Applaus, Müller nickt sanft. Niemand soll glauben, sie sei hier der Chef. Die UN sind unbeliebt, weil sie vor drei Jahren im Osten des Landes zusahen, als Milizen Tausende von Zivilisten umbrachten. Vielleicht auch, weil sie sich im friedlichen Kinshasa hinter Sandsäcken und Schützenpanzern verschanzen. Wie Müller in dem Verschlag hier sitzen auch die UN im Kongo irgendwie am Rand.

Die Frau hält einen Pappkarton hoch, darauf ein Bild des Diktators Mobutu. »Früher gab es eine Partei«, sagt die Frau, »jetzt gibt es viele. Jeder darf offen darüber reden, welche ihm am besten gefällt.« Müller sagt nichts. Sie hat sich den Vortrag mit ausgedacht, die vielen Bilder, fast niemand hier kann lesen oder schreiben. 9000 Kandidaten bewerben sich um ein paar hundert Parlamentssitze, Präsident werden wollen 33 Kongolesen. Der Wahlzettel ist groß wie eine aufgeschlagene Zeitung. Die Frau nimmt die nächste Tafel, darauf sind Männer zu sehen, die sich prügeln. Das Bild ist rot durchgestrichen. »Wer die Wahl verliert, darf sich hinterher nicht beklagen.« Ein Polizist läuft vorbei, um die Schulter eine Kalaschnikow. Auf der Straße entladen sie einen Laster, Kisten voller Coca-Cola.

Am Vortag ist Müller mit Freunden von den UN baden gewesen im Kongo-Fluss. Sie mieteten ein Motorboot, fuhren auf eine Sandbank zum Grillen, das machen viele hier sonntags. Der Fahrer des Boots, der einzige Schwarze, baute das Sonnenzelt auf. Als es stand, war die Sonne weg. Er baute es wieder ab. Die anderen saßen daneben auf ihren mitgebrachten Plastikstühlen. Man gewöhnt sich schnell an die Rolle des Weißen, wie an viele Dinge, die man zu Hause unerträglich fände. Vor kurzem sah Müller aus dem fahrenden Auto, wie Soldaten am Straßenrand einen Mann verprügelten, sie stutzte. »Niemand kontrolliert diese Soldaten«, dachte sie. Es war, als hätte sie jemand erinnert an die Realität des Landes.

Die Frau im bunten Kleid sagt: »Es wird keinen Präsidenten mehr geben durch Kämpfe und Waffen.«

Sie beginnt Broschüren zu verteilen. Auf einmal schreien alle durcheinander, einige sehen wütend aus. Karin Müller sammelt ruhig die Bilder ein, sie ist solche Tumulte gewohnt. Politiker im Kongo schenken den Wählern T-Shirts, Limonade, bei ihr gibt es nichts außer bedrucktem Papier. Sie geht zum Land Rover zurück, bleibt kurz stehen, Menschen drängen sich um sie. Sie macht ein Gesicht, als wäre ihr das unangenehm. Hundert Dörfer muss sie noch besuchen bis zum 30. Juli, sie ist verantwortlich für Kinshasa-Ost, die Armengebiete um den Flughafen, Masina, Ndjili, da leben Millionen. Die meisten Deutschen glauben, dass es nach der Wahl Krawalle geben wird. Viele Mächtige haben Privatarmeen, auch der Präsident, in seinem Kabinett sitzen ehemalige Warlords. Doch Karin Müller hat keine Zeit, sich zu sorgen.

Im Nachtlokal, als einziger Weißer, fühlt sich

Götz Heinicke steigt aus dem Geländewagen, blickt sich um, es gibt keine Straßenbeleuchtung in Ndjili. Er steigt wieder ein, parkt den Wagen ein paar Meter weiter, da ist es heller. Hinter der weißen Mauer liegt das Restaurant Chez Sebastian, es verwandelt sich nachts in ein Tanzlokal. Ein schmaler Durchgang, dann ein Innenhof voller Menschen, die tanzen, die Musik ist blechern und laut. Gerade hat Heinicke den Monatsbericht an die Zentrale der Hanns-Seidel-Stiftung in München geschickt. »Die innenpolitischen Spannungen und die Unruhe in der Bevölkerung steigen weiter«, steht darin. Die Münchner sorgen sich, sie wollen lange Berichte. Um Büroarbeit kommt Heinicke selbst hier nicht herum.

Hinter einem Torbogen lodert ein offenes Feuer, neben dem Grill schlachten sie Ziegen, servieren das Fleisch mit Maniokfladen. Heinicke setzt sich an einen Plastiktisch, bestellt ein Primus-Bier, es wird in Kinshasa gebraut und ist so dünn, dass man es auch bei Hitze trinken kann. Er trinkt viel davon, er hat im Kongo bereits zugenommen. Ein Mann spricht ihn an, gibt ihm seine Visitenkarte, er arbeitet bei einer einheimischen Fluggesellschaft. Er will, dass Heinicke mit seiner Schwester tanzt. Heinicke lehnt ab. Er sitzt lieber da und sieht zu, auf einmal in sich versunken. Es klingt seltsam, aber Heinicke hat tatsächlich das Gefühl, hier wird er geliebt.

Er blickt geradeaus, der einzige Weiße in einem Viertel, in das andere sich nicht trauen. Die Kongolesen tanzen zwischen den Tischen. Hinter der Bar brennt versteckt eine Glühbirne, sonst gibt es keine Beleuchtung. Wo Heinicke hinschaut, ist es vollkommen dunkel.

 
Leser-Kommentare
    • redrum
    • 08.07.2006 um 15:45 Uhr

    Im Herzen der Finsterniss die Organisation der pfiffigen Frauen zu finden , dass ist ähnlich schön, wie diesen
    kleinen schwarzen Punkt in der linken weissen Hälfte des Yin und Yang Zeichens gesehen zu haben
    Bitte Bitte Bitte , mehr davon !

  1. Ich habe ihren Artikel über den Kongo gelesen und möchte dazu einen kleinen Kommentar schreiben.
    Da ich selber in Kinshasa gelebt habe und die Leute, die Sie in ihrem Artikel zitieren kenne.

    Herr Jörg Burger, schreibt sehr pejorativ über dieses Land und vor allem über die Leute, die er interviewt hat.
    Ich würde forschlagen, dass er nächstes mal intensivere Recherchen betreibt.

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