Es ist, als habe Per Petterson, ehemals Bibliothekar, ein literarisches Konzentrat dessen erstellen wollen, was den Lebensstil und die Weltwahrnehmung der Norweger prägte, bevor die vom Erdöl verursachte Wohlstandsexplosion das Land in ein anderes Zeitalter katapultierte. Der Roman Pferde stehlen schildert mit geradezu provozierender Langsamkeit das Leben in und mit der skandinavischen Landschaft. Er erzählt von alltäglichen Verrichtungen und handwerklichen Fertigkeiten, von Wetterumschwüngen und Lichtwechseln und ihrem Einfluss auf das Gemüt, von der wortlosen Kommunikation zwischen Mensch und Tier, von der Kunst, Bäume zu fällen und zu flößen, von den Gerüchen des Waldes und der »Form des Windes im Wasser«. Daneben handelt er von unerhörten Begebenheiten, dramatischen Konfrontationen und schicksalhaften Verstrickungen, aber auch sie sind ein Teil der Natur, eingebettet in ihre großen Rhythmen, und diese Erkenntnis, die eher ein existenzielles Grundgefühl ist, bewahrt die Menschen davor, sich selbst zu wichtig zu nehmen.

Jemand zieht sich aus dem Stadtgetriebe zurück, ein Mann von 67 Jahren, nach heutigem Maßstab im besten Alter, um im norwegisch-schwedischen Grenzland, dort, wo ein kleiner Fluss in einen See mündet, sein Ende zu erwarten. Nicht aus Todessehnsucht oder aufgrund einer Diagnose, sondern wie aus jenem Instinkt heraus, mit dem sich ein Tier vom Rudel entfernt, wenn es spürt, dass seine Zeit gekommen ist. Dieser Trond Sander, gebildet und belesen, ein großer Liebhaber zumal von Charles Dickens, hat irgendwann viel Geld verdient; man nannte ihn den »Jungen mit den Goldhosen«. Er ist verwitwet und Vater zweier Töchter, die in der Stadt leben. Die eine besucht ihn am See, doch er hat ihr nicht viel zu sagen. Das Jahrtausendjubiläum steht kurz bevor, aber es interessiert ihn nicht. In seinem einfachen Refugium gibt es weder Fernsehen noch Telefon, nur Radio, und eine Hündin unbestimmter Rasse leistet ihm Gesellschaft. Obwohl er sich Handwerker leisten könnte, will er alles, was es im Haus noch zu tun gibt, selbst machen. Sein Leben lang, sogar in Glücksmomenten, hat er sich an einen Ort wie diesen gewünscht, »an dem es einfach nur still war«.

Die Stille ist ihm deshalb so kostbar, weil er in sich hineinhören möchte. Um aber in den langen, ruhigen Fluss der Erinnerung einzutauchen, bedarf es eines Auslösers, einer Begegnung der besonderen Art: Der Mann, der in der benachbarten Hütte wohnt, ebenfalls allein mit seinem Hund, ist ein Bekannter aus der Jugendzeit. Hat Trond ihn unbewusst gesucht oder zufällig gefunden?

In modernen Romanen, behauptet er, seien Zufälle unglaubwürdig: »Bei Dickens ginge es vielleicht noch, aber wenn man Dickens liest, liest man eine lange Ballade über eine verschwundene Welt, in der am Ende alles aufgehen muss wie in einer Gleichung, wo die Balance, die einmal gestört wurde, wiederhergestellt werden soll, damit die Götter Grund zum Lächeln haben.« Jedenfalls wird er, dem die großen Erwartungen längst abhanden gekommen sind, nun »heimgesucht« von den Ereignissen eines Sommers vor mehr als fünfzig Jahren, nach dem nichts mehr so war wie vorher. Damals verbrachte er mit seinem Vater die Ferien in einer Hütte am Fluss in Ostnorwegen, er half beim Holzfällen und freundete sich mit dem ältesten Sohn der Nachbarfamilie an, in der eines Tages ein schlimmes Unglück geschah. Und er erfuhr, dass sein Vater, den er nach jenen Wochen intensiver Gemeinsamkeit nie mehr wiedersehen sollte, die Mutter seines Freundes liebte, seit er mit ihr während der Kriegsjahre im politischen Widerstand zusammengearbeitet und Verfolgte über den Fluss nach Schweden gebracht hatte.

Pferde stehlen war das Codewort für solche Aktionen, von denen mindestens eine ein katastro-phales Ende genommen hatte. Später, im Frieden, benutzten die Jugendlichen diesen Ausdruck für Reitausflüge auf kurzzeitig entführten Arbeitsgäulen. So zeigen in Pettersons Erzählung viele Dinge auf unaufdringliche, ja selbstverständliche Art ihr Doppelgesicht: Was als unbeschwert und sommerfroh erlebt wird, kann unter anderen Vorzeichen todernst und gefahrvoll sein; die Natur ist manchmal bukolisch-idyllisch, dann wieder hart und erbarmungslos.

Den Vater, den Gefährten, der ihm kostbare Lebensweisheiten mit auf den Weg gab wie »Denken ist erlaubt« und »Wir entscheiden selbst, wann es weh tut«, erlebte der 16-Jährige zugleich als Rivalen, denn auch er fühlte sich zu der Frau hingezogen, die nur wenig jünger war als seine eigene Mutter. Und am Ende des Sommers hatte der Vater seinen Sohn und die übrige Familie bedenkenlos verraten.

Eine seltsame Erfahrung, die der alternde Mann sich ins Gedächtnis zurückruft, erhellt und er-wärmt die Geschichte von innen wie ein sanftes Feuer, und sie hat wiederum etwas mit dem Tod zu tun. Während einer Bootsfahrt hatte der 16-Jährige sich gefragt, wie das mit dem Sterben wohl sei und wie die letzten Sekunden davor sich anfühlen mochten: »Es gab eine schmale Öffnung, wie eine Tür, die einen winzigen Spaltbreit offenstand und gegen die ich mich stemmte, denn ich wollte hinein, und die Sonnenstrahlen leuchteten golden durch meine Lider, und dann glitt ich plötzlich hinein, und einen winzigen Augenblick lang fühlte ich mich ganz sicher, und es machte mir überhaupt keine Angst, machte mich nur traurig, und ich war verwundert darüber, wie still es war.«