Es ist brütend heiß im Naturpark. Trockenes Gras raschelt unter den Sohlen. Auf der Kuppe des Hügels eröffnet sich ein Rundblick über Tausende grüner Bäume und Sträucher. Wer der Verkehrshektik von Mailand entronnen ist, der wähnt sich hier, eine halbe Autostunde weiter im Norden, in einer Idylle. Nur die vierspurige Superstrada in Richtung Como rauscht leise herüber. Südlich und westlich des Parks liegen die Häuser von Seveso. Unter dem Hügel in der oberen Bildmitte liegt der Schutt des Chemiewerks Icmesa begraben. Zum Rückblick auf das Unglück in Bildern » BILD

Seveso – hier herrschte vor 30 Jahren Katastrophenalarm. Seit Juli 1976 ist der Ort das Synonym für lebensbedrohliche Umweltverschmutzung und industrielle Schlamperei. Am 10. Juli war eine ätzende Chemiewolke durch Seveso gezogen. Pflanzen verdorrten, Tiere starben, Menschen erkrankten. Hunderte wurden zwangsevakuiert, Soldaten errichteten Sperrzonen, vermummte Gestalten mit Atemmasken stapften durch das Gelände. Bilder von weinenden Kindern gingen um die Welt, ihre Gesichter von Eiterpusteln entstellt. Sie litten unter Chlorakne, typisch für die Wirkung von Dioxin.

Die Umweltkatastrophe wurde zum politischen Fanal: »Seveso ist überall«! Sie führte international zu schärferen Gesetzen und dem Niedergang eines Industriezweigs. Das bekannteste Produkt dieser »Chlorchemie« war DDT, einst für die Rettung vieler Millionen Menschenleben mit dem Medizin-Nobelpreis gewürdigt, heute als Umweltgift geächtet.

Der Aussichtshügel ist Teil eines Parks, des bosco delle querce (Eichenwald). Das Gebiet wurde 2005 feierlich zum neuen Naturpark der Lombardei erhoben. Die Natur hat allerdings nur mitgeholfen. Alles hier wurde detailliert geplant und mit Millionenaufwand angelegt: die Büsche und Bäume, die Wiesen, Wege und Feuchtbiotope. Sogar der Mutterboden, auf dem alles wächst und wuselt, stammt aus benachbarten Regionen. Das ursprüngliche Erdreich war stark mit Dioxin belastet.

Dioxin gilt als eines der stärksten Gifte, weniger als ein Milligramm kann tödlich wirken. Mehrere Kilogramm wurden vermutlich bei dem Unfall freigesetzt. Rein rechnerisch ließen sich damit Millionen Menschen vergiften, hieß es in Presseberichten.

Nach jahrelangem Streit um die beste Sanierungsmethode wurde der Boden der verseuchten Kernzone großflächig abgegraben, 40 Zentimeter tief. Der Park begann als Wüste, so groß wie 60 Fußballfelder. Die belastete Erde verfrachtete man vor Ort in eine riesige Deponie. Deren Boden wurde mit Kunststofffolie ausgekleidet. Darauf landete neben der Gifterde der Abbruch der verseuchten Häuser samt Möbeln und persönlicher Habe, ferner kontaminiertes Gerät aus den Sanierungsarbeiten. So wuchs ein Hügel heran, den man mit Kunststoff und Stahlbeton abdeckte. Das wasserdichte Grab bekam einen Überzug mit Mutterboden und wurde begrünt. Auf dass über alles Gras wachse.

Den naturnahen Deponiegipfel bedeckt nun eine Trockenwiese und niederes Gestrüpp, das bewahrt einen freien Blick über den Eichenwald. Wildnis kehrt zurück, Seveso lebt! Der bosco delle querce ist mehr als ein Naturpark. »Er ist auch eine Gedenkstätte«, sagt Massimiliano Fratter. Der Historiker betreut für das städtische Umweltbüro den Park, er stammt von hier und hat seine Doktorarbeit über Seveso geschrieben. Er räumt ein, dass die Einstufung als Naturpark »ein wenig erzwungen« ist. Noch ist das Gelände eingezäunt und nur am Wochenende geöffnet: ein Kinderspielplatz, ein Teich für Sportfischer, Parkbänke und Schrifttafeln, die an die Vergangenheit erinnern.