Man kann in Deutschland fast alles öffentlich singen. Verboten aber ist zum Beispiel das Horst-Wessel-Lied, es zählt zu den »Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen«. Schon wer die Melodie summt, macht sich strafbar. Das Deutschlandlied dagegen darf jeder mit allen Strophen singen.

Das war kurzzeitig einmal anders. Nach dem Zweiten Weltkrieg verboten die Alliierten das »Lied der Deutschen« für kurze Zeit – die erste Strophe (»Deutschland, Deutschland über alles…«) bildete ja zusammen mit dem Horst-Wessel-Lied die Hymne des Nazi-Staates. Die Verfassung der neuen Bundesrepublik sagte zwar etwas über die Fahne, aber nichts über die Hymne. Der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, bemühte sich vergeblich, den Bundesbürgern eine alternative Hymne schmackhaft zu machen. 1952 gab er schließlich dem Drängen Adenauers nach, und in einem Schriftwechsel zwischen den beiden wurde das »Hoffmann-Haydn’sche Lied« rehabilitiert mit der Zusatzvereinbarung: »Bei staatlichen Anlässen soll die dritte Strophe gesungen werden.«

Das Ganze war kein Gesetz und zudem nicht sehr eindeutig formuliert – 1990 kam das Verfassungsgericht zu dem Schluss, das ganze Deutschlandlied stelle die Hymne dar.

Das änderte sich erst im wiedervereinigten Deutschland. Zwar gibt es auch heute keine gesetzliche Grundlage für die Nationalhymne. Aber in zwei neuen Briefen zwischen Präsident und Kanzler wurde Klarheit geschaffen. Richard von Weizsäcker schrieb im August 1991 an Helmut Kohl über das »Lied der Deutschen«: »Die 3. Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben mit der Melodie von Joseph Haydn ist die Nationalhymne für das deutsche Volk.« Die anderen beiden Strophen kann man ungestraft singen – aber dann singt man nicht die Nationalhymne.
Christoph Drösser

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