Lebenszeichen Wortgefecht
Harald Martenstein über Kritik an Kulturkritikern
Ich hatte über ein Buch geschrieben. Das Buch stammt vom Kulturchef des Spiegel, es fordert die Deutschen auf, patriotisch zu sein. In dem Buch sind zahlreiche Fehler enthalten. Ich mache auch Fehler, aber nicht so viele, glaube ich. Ich bin ja auch kein Kulturchef. Meine Kritik war eher negativ.
Der Kulturchef rief an. Er war wütend. Er sagte: »Wie können Sie behaupten, dass ich in meinem Buch den Nationalismus gut finde?« Ich antwortete: »In Ihrem Buch steht auf Seite 23: Nationalismus ist kein Schimpfwort mehr, sondern es drückt das notwendige Selbstinteresse eines Landes aus.« Daraufhin sagte er, na gut, das sei missverständlich formuliert und könne von böswilligen Menschen vielleicht so ausgelegt werden, als halte er Nationalismus für etwas Notwendiges, aber das Gegenteil sei der Fall.
Dann gab der Kulturchef ein Interview in der Netzeitung. In dem Interview sagte er, ich sei ein Schwindler, ein politisch korrekter Affe, ein Troglodyt, eine mexikanische Wüstenpalme und ich würde einen Schnauzbart tragen, was auch wieder nicht stimmt. Was ein Troglodyt ist, weiß ich nicht, vielleicht hat er in dieser Hinsicht Recht. Außerdem sagte er, dass ich sein Buch nur deswegen negativ beurteilte, weil ich ihn vor zehn Jahren in einem Artikel mit dem Musikkritiker Diedrich Diederichsen verwechselt hätte, dafür hätte ich mich entschuldigen müssen, und das würde mich bis heute wurmen. Ich schwöre beim Leben all meiner Lieben, dass ich mich an diesen Vorfall nicht erinnere, möglicherweise verwechselt mich der Kulturchef seinerseits mit jemand anderem. Ich habe ihn vor Jahren mal getroffen, es war nett, er ist nicht unsympathisch. Dann habe ich über mich selber nachgedacht. Ich dachte, der Kulturchef des Spiegel nimmt an, dass ich, weil ich mich angeblich vor zehn Jahren bei ihm entschuldigen musste, ihn zehn Jahre lang observiere, zehn Jahre auf Rache sinne und in seinem Werk nach Fehlern suche, das heißt, entweder findet er selbst es normal, sich nach zehn Jahren wegen eines belanglosen Vorfalls zu rächen, oder er hält mich für einen Menschen, dessen Rachsucht und Bosheit an eine gefährliche Geisteskrankheit grenzen, diese Krankheit heißt offenbar Troglodysmus. Ich wirke auf andere Menschen bösartiger, als ich es beabsichtige. Wenn ich mich rächen wollte, würde ich dem Kulturchef die Frau ausspannen oder so was. Ich finde, wenn man mit jemandem ein Hühnchen zu rupfen hat, sollte man nicht negativ über seine Bücher schreiben. Die Leser denken, dass man sich Gedanken gemacht hat, in Wirklichkeit möchte man sich rächen. Ich merke aber, dass es fast immer passiert. Freunde loben Freunde, Feinde schmähen Feinde, Seilschaften loben sich gegenseitig, und das Ganze nennt sich Kulturjournalismus, nicht überall, aber vielerorts. Statt so genannter Kritiken sollte man Beziehungsgeflechte abdrucken, daraus ergibt sich automatisch, wer welches Buch gut oder schlecht findet. Auf dieses moralische Ross kann ich mich selbstverständlich nur setzen, weil ich mich, aus Testosteronmangel, für die Rolle des nachdenklichen Beobachters der deutschen Gesellschaft entschieden habe.
- Datum 06.07.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.07.2006 Nr. 28
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Der Kulturchef des Spiegel polterte ja schon im sonst so gesitteten "Presseclub" in der ARD herum - exakt um das Wort "Nationalismus", welches ihm Herr Tichy unterstellte. Vermutlich kann er nur noch poltern, bzw. legt es darauf an. Oder er hat einfach zuviel englisches Rindfleisch gegessen. Oder zuviel getrunken. Oder beides. Oder beides nicht.
Aber: Er bleibt in den Medien und darf dadurch hoffen, seine mediokren Gedanken, die ungefähr so aktuell sind wie die Nachricht über den Einsturz der Zwillingstürme in New York, weiterverbreiten zu dürfen.
Mir sind diese ganzen Matusseks oder Schirrmachers und sonstigen BeckmannChristiansenKernerIllner-Lieblinge inzwischen zuwider. Ihren billigen Ramsch verkaufen sie als Kulturkritik. Dabei sind es nur Zuckungen im Dilettantenstadl. Zu wahrhaftigem Schreiben sind sie schon lange nicht mehr in der Lage.
Lieber Harald Martenstein,
mit großer Freude habe ich wieder die neueste Ausgabe der ZEIT aufgeschlagen und bin ein wenig enttäuscht, denn ihr Artikel setzt doch ein großes Hintergrundwissen voraus. Seit Jahren lese ich den Spiegel nicht mehr regelmäßig. Ich glaube aber, dass das Thema Nationalismus natürlich ein sehr, sehr sensibles ist. Die jetzt noch laufende Fußball-Weltmeisterschaft hat mir jedoch gezeigt, dass es sich, so glaube ich, mittlerweile in der heutigen Zeit mehr um ein Mitmachen handelt, als das Vorzeigen eines verstärkt nun auftretenden Nationalismus. Natürlich ist es auch für mich nicht einfach mit anzusehen, wie Menschen aufstehen und gewisse Parolen singen unter dem Motto Steh auf wenn du ein Deutscher bist. Da glaube ich, dass dort Menschen zu Gange sind, die ihren Kopf nicht im Betrieb haben. Ich freue mich aber, dass sie so wachsam und frei sind wie sie mir scheinen.
Liebe Grüße
Hm, schon peinlich der matussek wollte ja sein eigenes Buch im Spiegel zum Artikel machen.
Gab's da mal nicht so etwas wie: Eigenlob stinkt.
Ich binmir sicher, es gibt genügend Autoren, die einen Spiegel-Bestseller viel dringender zum Überleben bräuchten als Herr Matussek.
Im übrigen Herr Martenstein, warum so mutlos, warum nennen Sie Matussek nicht Matussek?
Denke klar, rede wahr.
Sehr geehrter Herr Martenstein,
selbst auf die Gefahr hin, als Klugscheißer da zu stehen, möchte ich Ihnen das Wort Troglodyt übersetzen:
Lt. Duden ist es die alte Bezeichnung für eiszeitlicher Höhlenmensch.
Mit freundlichem Gruß
Christof Braun
aber was lacht man gern, wenns einen trifft, von dem man denkt, er könne es gut vertragen.
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