Philip GlassIch habe einen Traum

Philip Glass, 69, ist einer der bekanntesten Komponisten zeitgenössischer Musik. Sein erster großer Erfolg gelang ihm 1976 mit der Oper »Einstein on the Beach«. Neben Orchester- und Kammermusik komponierte er Soundtracks für über 70 Filme, darunter »Koyaanisqatsi« und »Die Truman Show«. In Erfurt wurde im vergangenen Herbst »Warten auf die Barbaren« uraufgeführt, sein 21. Bühnenstück. Die Oper wird im September in Amsterdam zu sehen sein, nächstes Jahr in Texas. Philip Glass gelingt es gelegentlich, seine Musik zu erträumen von Jan Kühnemund

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Die Grenze zwischen Träumen und Wachen ist manchmal schwer zu ziehen. Man hat einen Traum und wacht auf. Und dann, nach einer Weile, merkt man, dass man immer noch träumt. Und wacht ein zweites Mal auf. Wer jemals diese Erfahrung gemacht hat, ist hinterher nie wieder sicher, ob er wacht oder schläft. Mir geht es so.

Die Musik kann im Traum zu mir kommen, auch wenn ich lieber schlafe. Ich arbeite tagsüber und mag es nicht besonders, in der Nacht aufzuwachen. Wenn es trotzdem geschieht, muss ich mit mir ringen und stehe erst nach ein paar Minuten auf, ungern.

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Ich fange den Traum lieber auf eine andere Art ein, morgens, im Moment des Aufwachens. Wenn ich da Musik im Ohr habe, kommt sie definitiv aus einem Traum. Ich denke dann: »Oh, ich habe eine Idee.« Aber das ist nicht wahr, ich habe die Idee nicht, ich hatte sie. Unsere Träume sind die Laboratorien unserer Kreativität. Musik aus dem Traum in die Wirklichkeit zu holen ist sehr schwer.

Ich hatte schon äußerst präzise musikalische Träume, in denen ich ganze Stücke gehört habe, an denen ich gerade arbeitete – vollständig aufgeführt! Aber was half das, ich musste sie ja trotzdem noch aufschreiben.

Als ich meine erste große Oper komponierte, es war noch während des Studiums, hörte ich in der Nacht vor einem wichtigen Examen die gesamte Aufführung des Stückes in meinem Traum. Bei der Prüfung hat mir das überhaupt nicht geholfen. Solche Geschichten klingen interessant, sind aber leider meist nutzlos.

Auch beim Komponieren meiner Oper Warten auf die Barbaren habe ich mich immer wieder in das Stück hineingeträumt. Als ich die Musik schrieb, fiel mir auf, wie sehr ihre Entstehung mit dem Träumen zusammenhängt.

Vor 25 Jahren schrieb der südafrikanische Literaturnobelpreisträger John Coetzee den Roman Warten auf die Barbaren , einen Roman, in dem er uns seine politischen Träume enthüllt. Zehn Jahre später las ich das Buch und träumte von einer Opernfassung. Coetzee willigte ein, und voriges Jahr brachten 200 Menschen dieses Stück in Erfurt auf die Bühne: Schauspieler, Designer, Musiker, Kostümschneider. Eine richtige kleine Kultur war da entstanden, weil ein Mann in Südafrika vor vielen Jahren einen so starken Traum hatte. Jetzt ist es nicht mehr sein Traum oder mein Traum, es ist ein kollektiver Traum, zu dem viele Menschen etwas beitragen.

Coetzees Buch handelt vom Guten und vom Bösen. Es geht um einen grundlosen Krieg, um Unterdrückung, um Staatsterrorismus. Die Absichten des Präfekten sind edel, er versucht die Stadt zu schützen vor der Armee, die gesandt wurde, einen Aufstand an der Grenze niederzuschlagen. Aber dieser Aufstand existiert gar nicht, man will nur die Kontrolle in der Stadt.

Das klingt sehr aktuell, es könnte die Geschichte des Iraks sein. Am Ende des Stückes sind die Soldaten weg, die Stadt ist zerstört von der Armee, die sie beschützen sollte, und der Präfekt bleibt allein zurück. Er sagt: »Ich bin ein Mann, der eine lange Straße hinabgeht, die nirgendwohin führt. Und ich gehe und gehe, weiter und weiter. Ich bin gefangen in einem dummen und hässlichen Traum. Aber ich gehe weiter.«

Leserkommentare
  1. 1. \N

    Ich habe mit großem Interesse gelesen, dass die neue Philip-Glass Oper im September in Amsterdam aufgeführt werden soll und habe mich daraufhin im internet um Detail-Informationen dazu bemüht, da ich das Stück unbedingt sehen möchte. Leider waren meine Bemühungen völlig erfolglos. Wenn mir jemand die Informationen über Veranstltungsort und Zeiten mitteilen könnte, wäre ich sehr glücklich.
    Ich freue mich über hilfreiche Tipps!

    MathiasH

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