Was ist männlich? Der Traum der Väter

Männer sind längst nicht mehr familienfaul und haushaltsscheu. Wenn man sie lässt, sind sie gerne Vorbild, Koch, Erzieher. Aber wer verdient dann das Geld?

Jens Lehmann zum Beispiel, einer unserer neuen Fußballhelden. Gerade war der Mann zur Nummer eins im Tor der deutschen Nationalmannschaft bestimmt worden, als er mit seiner Familie beim Einkaufen in London fotografiert wurde. Das Foto erschien tags darauf in der Bild- Zeitung. Lehmann telefonierte, das Handy am Ohr, seine Frau schob den Kinderwagen. Kein ungewöhnliches Motiv, man sieht solche Konstellationen auch in Köln, München oder Chemnitz. Aber Lehmann war die Szene peinlich.

»Ignorant« und »machomäßig« habe das ausgesehen, ärgerte er sich später, »nach Chefgehabe innerhalb einer Beziehung, einer Familie« (ZEIT, Nr. 21/06 ). Auch dass er nachts um fünf das Zimmer wechsele, um ungestört weiterschlafen zu können, wenn seine Tochter Lieselotta schreit, findet Lehmann blöd: »Das entspricht eigentlich nicht meinem Idealbild gemeinsamer Elternschaft.« Und trotzdem klemmt er sich manchmal das Kopfkissen und die Bettdecke unter den Arm. Schließlich muss Mann morgen wieder Elfmeter halten.

Man braucht sich um die Familie Lehmann wahrscheinlich keine Sorgen zu machen. Der Vater verdient gut genug, um seine Frau und die drei Kinder zu ernähren und gute Kinderbetreuung zu organisieren, falls die Mutter etwas anderes machen möchte als Familienmanagement: berufstätig sein, zum Beispiel. Obwohl also mancher Druck fehlt, der in anderen Familien zum Alltag gehört, ist das Selbstverständnis, mit dem der Torhüter über seine Rolle als Familienvater spricht, typisch: typisch für eine Generation von Vätern, die außerhalb der Familie ihren Mann stehen, die aber zu Hause um Himmels willen nicht als Chef auftreten wollen; die sehr wohl Karriere machen, wenn sich die Chance ergibt, aber den Preis, den sie dafür zahlen, kennen und bei Gelegenheit nüchtern benennen; die de facto Ernährer sind, obwohl sie gern Erzieher wären – und beides zusammen nur selten unter einen Hut bekommen. Fast so wie ihre Frauen.

Mehr als drei Jahrzehnte dauert nun der Kampf der Geschlechter. Väter spielten darin von Anfang an eine herausgehobene, wenn auch lange Zeit eher passive Rolle. Sie dienten als bevorzugte Zielscheibe feministischer Kritik, schließlich standen Väter nicht nur dem Aufstieg der Kollegin am Arbeitsplatz im Wege, sondern banden auch die Mutter ihrer Kinder daheim an den Herd.

»Engagierte Vaterschaft« war daher zuerst ein Postulat der Frauenbewegung: Wenn Frauen (mehr) arbeiten wollten, mussten sich Männer (mehr) an der Kinderbetreuung beteiligen. Ein berechtigtes Anliegen. Die Feministinnen haben dabei allerdings lange Zeit übersehen, dass ihre Forderungen schon damals den Wünschen gar nicht so weniger Väter entsprachen; dass viele Männer in diesem Kampf eher zu den Verbündeten als zu den Gegnern zählten. Der aktuelle Familienbericht der Bundesregierung zitiert die amerikanische Soziologin Kathleen Gerson, die bereits vor mehr als zehn Jahren festgestellt hat, gerade Frauen seien relativ blind gegenüber intendierten Veränderungsprozessen der Männer, »da sie ihnen nie weit genug gehen«. Tatsächlich, Alice Schwarzer schimpfte unlängst unverdrossen in der Emma , die meisten Männer hätten immer noch nicht gelernt, zu kochen und zu wickeln. Wirklich nicht?

Gerade dreht die alte Debatte über Männer und Frauen, über Väter und Mütter eine neue Runde. Vor die Debatte über Arbeitsteilung unter Eltern hat sich die Grundsatzfrage geschoben, ob sie überhaupt Eltern werden – oder: werden wollen . Schrill klingen die jüngsten Schreckensmeldungen von der demografischen Front: Jeder vierte Mann in Deutschland will kinderlos bleiben; fast jeder dritte der unter 39-Jährigen ist es. Der Väterdiskurs hat die Spur gewechselt, er ist jetzt Teil des demografischen Problems.

Deutschland stirbt aus, und die Männer sind schuld? Vielleicht hängt das eine ja mit dem anderen zusammen: die Angst vor dem Vaterwerden mit der Sorge um das Vatersein. Bevor die nächste Runde im Geschlechterkampf wieder mit einer Schuldfrage beginnt, lohnt sich eine Bestandsaufnahme. Wie steht es um die deutschen Väter 30 Jahre nach der Erfindung des neuen Manns?

Zunächst ein paar Zahlen. Männer zwischen 25 und 45 Jahren verbringen im Durchschnitt täglich zweieinhalb Stunden mit Haus- und Familienarbeit und verwenden etwa die Hälfte dieser Zeit für die Betreuung von Kindern. Damit engagieren sie sich zwar sehr viel weniger Zeit als ihre Frauen, aber immerhin tun Väter damit mehr als noch zehn Jahre zuvor, wie der Männerforscher Peter Döge herausgefunden hat.

In einer Allensbach-Umfrage aus dem vergangenen Jahr erklärten 69 Prozent der Männer mit Kindern unter 14 Jahren, dass Vater und Mutter einem Kind ganz unterschiedliche Dinge vermittelten, dass es also wichtig sei, »dass man sich auch als Vater viel um sein Kind kümmert«. Für 58 Prozent ist es »heutzutage einfach selbstverständlich, dass man sich als Vater genauso um die Kindererziehung kümmert wie die Mutter«. Die klassische Rollenverteilung erscheint dagegen als Auslaufmodell; nur noch 31 Prozent der Befragten beharren darauf, dass ein Vater sich vor allem ums Geldverdienen kümmern muss.

Auf ähnliche Werte kommt auch eine Studie, die der langjährige Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, Wassilios Fthenakis, verantwortet hat. Zwei Drittel der Männer definieren sich demnach als »Erzieher des Kindes«, nur noch ein Drittel als »Brotverdiener der Familie«. Fthenakis, einer der Pioniere der Väterforschung in Deutschland, spricht von einer »sanften Revolution« – und von einem »subjektiven Konzept«.

Denn die neuen, engagierten Väter existieren zunächst in den Köpfen der (potenziellen) Eltern, in ihren Wünschen und Träumen. Auf den Spielplätzen und in den Kinderarztpraxen trifft man sie dagegen selten. Im Kindergarten fallen sie auf, wenn sie die Kleinen nicht nur morgens bringen, sondern nachmittags auch abholen. Und in den zahllosen Fernsehreportagen zum Thema sind sie längst zum Klischee erstarrt: sanfte Männer, die mit merkwürdig entrücktem Gesichtsausdruck ihren Töchtern auf der Schaukel Schwung geben. Zu glücklich, um wahr zu sein. Offensichtlich führt die einfache Umkehr der Rollen auch nicht weiter.

Sind die neuen Väter, die sich ihren Kindern nicht nur am Wochenende zuwenden, die Hausarbeit übernehmen und Familie und Beruf tatsächlich leben, also nur eine Illusion? Jedenfalls werden sie, wenn sie leibhaftig auftreten, noch immer bemerkt. Von der Verkäuferin im Schuhladen, die dem Vater wohlwollend zuzwinkert, wenn er seiner dreijährigen Tochter die Vorliebe für pinkfarbene Lackschuhe auszureden versucht. Oder von der Dame am Flughafenschalter, die den offensichtlich allein reisenden Mann mit den zwei Kindern beim Einchecken vorwurfsvoll nach seiner Frau fragt und, als dieser nicht sofort antwortet, einfach die nächstbeste Frau in der Reihe zur Mutter seiner Kinder bestimmt. Das neue Selbstverständnis, das die Väter in den Umfragen formulieren – es ist noch lange nicht selbstverständlich.

Aus gutem Grund: Denn jenseits der subjektiven Vorstellungen berichten Daten von einer ganz anderen Wirklichkeit. Demnach sind 88 Prozent der Väter in Deutschland in Vollzeit erwerbstätig, ein Drittel von ihnen arbeitet 45 Stunden oder mehr. Während Frauen und Männer vor der Geburt ihres ersten Kindes etwa gleich viel arbeiten, gehen die Kurven danach dramatisch auseinander: Väter steigern ihr berufliches Engagement, Mütter reduzieren ihre Erwerbsarbeit erheblich – und zwar langfristig. Mit jedem weiteren Kind verfestigt sich das alte Muster.

Väterforscher Fthenakis sieht darin eines der größten familienpolitischen Probleme, nicht nur für die ehemals berufstätigen Frauen, die sich, kaum haben sie Kinder, doch am Herd wiederfinden, sondern auch für die Männer, die nachts mit schlechtem Gewissen das Schlafzimmer wechseln und ihren Traum gemeinsamer Elternschaft nicht verwirklichen können. »Die Traditionalisierung des Zusammenlebens«, so Fthenakis, »zwingt die Männer, die Brotverdienerfunktion zu übernehmen, und ist zugleich der Beginn eines innerfamilialen Prozesses, der zur Erosion in der Qualität der Partnerschaft führt, von der sich viele Paare nicht mehr erholen.«

Die neuen Väter würden demnach an unflexiblen Strukturen scheitern: Sie sind Leidtragende einer Arbeitswelt, die ihnen wie den berufstätigen Müttern wenig Spielraum lässt. Man mag das für übertrieben halten, wahrhaftig nicht alle Väter träumen davon, Kinderbrei zu kochen statt Bilanzen zu schreiben. Nur noch ein Drittel beharrt auf seiner traditionellen Rolle als Versorger und Ernährer? Man könnte auch sagen: Immer noch ein Drittel! Die anderen zwei Drittel aber rennen häufig gegen dieselben Mauern an wie ihre Frauen – nur kommen sie von der anderen Seite. Die vielbeschworene Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist längst auch ein Männerthema geworden.

Dabei haben Väter zweifellos eine ungleich günstigere Ausgangsposition. Denn Männer, die sich Zeit für ihre Kinder nehmen und dafür vielleicht sogar beruflich kürzer treten, dürfen grundsätzlich mit Anerkennung rechnen – nicht zuletzt von ihren eigenen Eltern. (Groß-)Väter klopfen ihren Söhnen auf die Schulter, weil sie ahnen, dass sie selbst etwas verpasst haben; (Groß-)Mütter finden ihre partnerschaftlich orientierten Söhne ausgesprochen ritterlich. Frauen, die das Leben in Familie und Beruf miteinander verbinden, müssen sich hingegen oft für beides rechtfertigen, nicht zuletzt vor ihren eigenen Eltern: Dafür, dass sie trotz ihrer guten Ausbildung keine richtige Karriere machen – und dafür, dass sie ihre Kinder (zu) früh in die Obhut einer Krippe oder Tagesmutter geben.

Bis heute sind Mütter vor allem eine biologische Größe, Väter waren dagegen stets ein gesellschaftliches Konstrukt. Nicht die Geburt eines Kindes machte den Mann zum Vater, sondern die Abenteuer, die er außerhalb von Familie und Kreißsaal erlebte: die Bären, die er fing (ja, früher haben deutsche Männer die Bären noch gefangen!), die Elfmeter, die er hält. In der Sprache der Soziologie: »Autorität und Respekt, die ein Mann im häuslichen Kontext erhält, sind unlösbar mit seinem ökonomischen und sozialen Status außerhalb der Familie verknüpft.« Weshalb Wirtschaftskrisen auch in der Vergangenheit immer Väterkrisen waren. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt sich für viele Väter heute gar nicht, weil die nach dem Arbeitsplatz nicht beantwortet ist. Je unsicherer die Zukunft der Arbeitswelt erscheint, desto prekärer wird ihre Situation. Ein Teil von ihnen reagiert darauf so, wie Männer in den vergangenen 200 Jahren häufig reagiert haben, mit Flucht oder Suff.

Und selbst wenn die Partnerschaft glücklich und die V-Frage zur beiderseitigen Zufriedenheit geklärt ist: Von welchen Abenteuern können Väter ihren Kindern heute noch erzählen, die ihre Frauen nicht auch erlebt hätten? Sieben von zehn Männern sagen, sie möchten ihren Kindern ein Vorbild sein. Das vor allem! Nur was tun solche Vorbilder heute? Aus der Öffentlichkeit sind die alten Vaterfiguren weitgehend verschwunden und mit ihnen eine Quelle angestammter Autorität. Der Bundespräsident tritt auf als erster Angestellter seines Staates, niemand käme mehr auf die Idee, ihn »Papa Köhler« zu nennen. In der Wirtschaft regieren die Controller, Patriarchen sind von vorgestern. Und Franz Beckenbauer war längst Kaiser, bevor er spät noch einmal Vater wurde – eine Ikone der lässigen Allmacht, aber keine angestammte Autorität.

Man muss das Verschwinden des Vaters als öffentliche Respektperson nicht groß beklagen, manches hat dazu beigetragen – auch das gewandelte Rollenverständnis der Väter. Engagierte Männer, die es schaffen, Kindererziehung und Karriere zu verbinden, haben individuell sicherlich gewonnen. In der Gesellschaft suchen sie dagegen noch nach ihrem Platz. Der Respekt, den sie beim Wickeln erwerben, lässt sich nicht einfach nach außen, in die Sphäre der Abenteuer und Erfolge übertragen. Im Gegenteil, die Zeit, die sie neuerdings für Familien- und Hausarbeit aufwenden, fehlt ihnen an anderer Stelle. Väter sind häuslicher geworden – und erleben dabei, was für Frauen ein alter Hut ist: Kindererziehung ist aufregend, aber nur begrenzt kommunizierbar. Jedenfalls solange die Trennlinie zwischen den Sphären, zwischen dem Familienleben hier und der Arbeitswelt dort, so scharf gezogen wird wie heute.

Auch der Torhüter Jens Lehmann entwirft öffentlich ein ganz unaufgeregtes Bild von Familienleben. In seinem Haus in London steht ein großer Holztisch, damit Kinder und Freunde Platz haben, »aus Eiche, wenn ich mich nicht irre. Sehr robust. Und Flecken kriegt man sehr gut weg.« Im Garten spielt er mit den beiden Söhnen Fußball. Manchmal lässt er absichtlich einen Ball ins Tor. Abends lesen Vater und Mutter Lehmann ihren Kindern Geschichten vor von Astrid Lindgren. Das alles klingt ausgesprochen langweilig und würde niemanden interessieren, wenn der Mann nicht auf einem anderen Feld reüssieren würde. Als Vorbild könnte Vater Lehmann dennoch taugen.

Was ist männlich? - Eine ZEIT-Serie über den Widerspruch, ein Mann zu sein »

 
Leser-Kommentare
  1. Es nervt mich tierisch, wenn Männer und Frauen ständig darüber jammern, wie ungerecht die Rollen verteilt sind. JA, als Zahlvater ist man der Depp. JA, als sitzengelassene Alleinerziehende auch (wenn nämlich der Zahlvater einen auf pleite macht). Und JA, die Deppenrolle ist ein wesentlicher Grund für die Verweigerungshaltung vieler Männer (und Frauen, aber die haben wenigstens ne biologische Uhr), was Kinder anbelangt. Die grassierdende Kinderlosigkeit ist vor allem Folge einer immer vorsichtigeren, immer bindungsscheueren Partnerwahl: eine Familiengründung ist so existenziell riskant, daß man schon GANZ sicher sein will, den/die Richtige erwischt zu haben - oder es halt sein läßt. Geht doch auch ohne!

    Geht viel zu leicht ohne. Das ist die zentrale Illusion.

    Hört auf zu jammern! Kämpft endlich für die Abschaffung des eigentlichen Problems: die wirtschaftliche Benachteiligung ALLER Eltern. Mach einer Trennung tritt sie nur stärker zutage, weil getrennte Haushaltsführung NOCH teurer ist - und weil das ökonomisch irrsinnige Lebensmodell, das man für eine "intakte" Familie akzeptiert hatte (meist: Mann verdient, Frau betreut), ziemlich frustrierend wird, wenn man die Kinder kaum noch zu sehen bekommt und zur Mutter allenfalls noch Hassgefühle existieren. Nur: es ist praktisch unmöglich, diese Konflikte in jedem Fall "fair" aufzulösen, solange in den Mittelschichten die Kosten der Kinderaufzucht (und dazu zählt halt neben Ernährung und Kleidung auch die Betreuung, mindestens teilweise durch ein Elternteil, letztlich 16 Stunden am Tag) unter dem Strich zu 90% von den Eltern getragen werden, während Kinderlose von diesen Kindern später deutlich stärker profitieren als die eigenen Eltern.

    It's the economy, stupid. Der Kampf "Männer gegen Frauen", "Scheidungsväter gegen Mütter" ist ebenso albern wie der Kampf "Alt gegen Jung". Sie alle verstellen nur den Blick auf das zentrale Problem: Kinderlos (eingeschränkt: Kinderarm) gegen Kinderhabend. Setzt Euch endlich dafür ein, daß Eltern durch die Geburt von Kindern keine finanziellen Nachteile mehr erleiden. Keine! Wenn JEDE(R) Deutsche gezwungen wäre, nach seinen finanziellen Möglichkeiten in gleichem Maße in Nachwuchs zu investieren - in den eigenen oder in fremden - dann würden sich viel mehr Männer für EIGENE Kinder entscheiden. Wenn das, nach Abzug der Unterhaltslasten (!), frei verfügbare Einkommen eines kinderlosen Artzes (Handwerkers, Bürokaufmannes...) auch nur annähernd so hoch wäre wie das eines Arztes (Handwerkers etc) mit zwei, drei Kindern, sowohl jetzt als auch im Rentenalter, hätten wir keine Probleme.

    Müßte jeder Kinderlose (eingeschränkt: Kinderarme) das, was er sich an Aufwendungen für eine Familie "erspart", an den Staat abführen, dann würden finanzielle Mittel für alle die Probleme frei, die erst dadurch entstehen, daß Eltern überall mit Kinderlosen konkurrieren und stets die schlechteren Karten haben: am Arbeitsplatz und in den Sozialsystemen. Beispiel gefällig? Wenn Eltern auf dem Arbeitsmarkt gleiche Chancen haben sollen, dann geht das nur, wenn man die Arbeitgeber für den finanziellen Mehraufwand entschädigt. Eltern sind teurer! Denn sie können nicht "mal eben" Überstunden einlegen, nicht "mal eben" drei Wochen auf Dienstreise gehen oder die Außenstelle in Shanghai übernehmen. Wenn der Kleine die Windpocken hat, dann fallen sie aus; und nach der Kleinkindphase sind sie einem anspruchsvollen Beruf erst mal draußen. Wer will, daß Eltern berufstätig sind, der muß nicht nur Kinderbetreuung organisieren (übrigens: auch in Schweden arbeiten die meisten Frauen Teilzeit), sondern vor allem die Handicaps der Eltern / Mütter ausgleichen. Sprich: sie für den Arbeitgeber, als Ausgleich, RENTABLER machen, etwa bei den Sozialbeiträgen.

    Alternativ könnte man ach einfach die bislang verdeckten Kosten der Kinderlosigkeit aufgedecken und den Kinderlosen allein aufgebürden. Dann würde Kinderlosigkeit in dem Mittelschichten sehr, sehr teuer - noch teuer als Kinder, um genau zu sein. Ich garantiere dafür, dass die Leute dann ganz von selbst wieder Kinder bekämen. Nur: das Experiment wurde bislang noch niemals gewagt. Auch nicht in Skandinavien oder Frankreich.

    Eine ökonomisierte und lieberalisierte Gesellschaft aber, in der Kinderhaben für die Leistunsträger ein gigantisches Draufzahlgeschäft ist, muss zwangsläufig scheitern. Europa zerbricht am Kindermangel seiner Mittelschichten. Nicht heute, aber noch in diesem Jahrhundert. Warum? Weil wir Autobahnen für eine Aufgabe aller halten, Kinder aber für eine Privatsache. Weil wir nicht sehen wollen, daß eine Gesellschaft nicht funktionieren kann, wenn eine teure Investition, auf die ALLE angewiesen sind und von der ALLE profitieren - hinreichend gut ausgebildete Kinder - jedem Einzelnen völlig freigestellt ist. Der Appell ans Gefühl (Kinder sind doch so eine BEREICHERUNG etc) reicht nicht - das ist offensichtlich, aber den Mut zur Konsequenz hat praktisch niemand.

  2. Massive Unterstützung folgender Petition ist ein erster Schritt um zu handeln und etwas gegen die von brestling so treffend beschriebenen Zustände zu unternehmen.

    http://www.bundestag.de/a...

    Otto Schily: „Es ist leichter im Nahen Osten Frieden zu schaffen, als in Deutschland den Finger in das Schlangennest Kindschaftsrecht zu stecken.“

    Soll es bei Sarkasmus bleiben?

  3. So besagt dies ja die klassische bürgerliche Variante. Aber auch in der Natur ist dies wohl so, weshalb sich dort die Alpha-Männchen verstärkt vermehren.
    Bei uns ist das aber nicht so sehr so, da sich ja auch viele Menschen vermehren, die von anderen ganz klar abhängig sind, die z.B. schon vor der Geburt ohne Arbeit und eigenes ausreichendes Einkommen sind.

    Die Frage, ob "wir" immer noch obrigkeitshörige Feiglinge und Duckmäuser sind, müsste man hier deshalb wohl so beantworten, dass manche Menschen stärker aberhängig von anderen sind. Aber sicher, fällt ein Alpha-Männchen aus, oder zeigt es Schwächen, wird es von anderen ersetzt bzw. verdrängt.

    In der Endzeit, am Ende aller Zeiten und Spiele, wird aber auch diese Spiel fragwürdig, ja sinnlos. Da ist sich keiner mehr eines Teiles unseres Lebensssinnes, der Sinnhaftigkeit der Fortpflanzung, mehr sicher, das ist dann der Gipfel der Sinnkrise...

    • joqel
    • 07.07.2006 um 1:16 Uhr

    je mehr ich lese... Warum steht in diesen Artikeln neben allen diesen wunderbaren Statistiken eigentlich nie ein Wort über die Frauen (ich schätze im 80+x Bereich) die vor und in der Schwangerschaft große Karriereplanungen trotz Kind machen und nach der Geburt voll umschwenken. Scheiß Hormone...

  4. So wie Sie das hier darstellen, tun wir das, das Alpha-Männchen-Spiel, ganz bewusst. Auch hat man den Eindruck, dass man dazu einen neuen Menschen braucht.

    Zum anderen wird mir nicht klar, was genau daran so falsch ist, und was genau anders werden soll bzw. muss, worin hier also der "Schatz" liegt. Wenn ich mir z.B. sage, wenn ich Fleisch esse, dann hat das diese und jene negative Auswirkungen, für andere, und esse deshalb nur noch pflanzliche Nahrung, dann werde ich, werden die meisten wohl auch, denke ich, dennoch großen Appetit bekommen, wenn irgendwo was Tierisches gebruzelt wird. Aber sicher, kann man dieses und anderes unterdrücken, und das geht oftmals gar nicht anders. Gleichwohl kommt es irgendwo und irgendwie wieder zum Vorschein, und sei es in Form von Weltuntergangsvorstellungen, scheint mir. Diese gibt es ja doch schon sehr lange, seit der Neuzeit, das ist schon erstaunlich, m.E., genau dann, wo wir eine höhere Kulturstufe erreichen, treten auch Untergangsgefühle auf. Könnten wir anders denken, Versuche dazu hat es ja reichlich gegeben, (alle sind bisher ja gescheitert), so müsste dies ja gerade umgekehrt sein, da hätten diese dann verschwinden müssen! Stattdessen mal Michelangelo ganz groß das Jüngste Gericht in den Petersdom.

    M.E. kann es hier durchaus hilfreich sein, sich auch mal mit dem Gedanken des friedlich-wohlorganisierten Aussterbens zu befassen. Dann, bei einer weltanschaulich gemeinschaftlich klar beschriebenen Untergangssituation, hat die Vermehrung ja ihren Sinn verloren, und dann hört eben auch das Alpha-Männchen-Spiel, die biologische und soziale Selektion durch die Weibchen also, auf. Damit dürfte dann aber eben die ganze (beteiligte) Menschheit aussterben. Solange es einer Mehrheit von uns aber (noch) um die Vermehrung, um den Sinn einer gemeinsamen Vermehrung geht, solange wird es wohl darum gehen, wer hierfür, für den Erhalt der Art (biologisch und kulturell), die besten Möglichkeiten bietet. Dazu muss man aber eben wählen können, dazu muss man bzw. Mann den Weibchen zeigen, inwieweit man hierfür besser oder schlechter geeignet ist, was eben auch bisweilen sehr harte Konkurrenz bedeutet. Diese ist letztlich auch durch die ja eben doch begrenzten natürlichen Lebensressourcen bedingt.

    Wenn der Dumme und Faule fast so viel bzw. das Gleiche darf und bekommt, zumindest in unserem zentralsten Bereich, der Fortpflanzung, die gleichen Rechte und Chancen für das Überleben seines bzw. seiner Kindes quasi staatlich garantiert bekommt, dann kann ich mir nicht vorstellen, warum andere, so sie denn noch an einen Sinn der ewigen Weiterexistenz der Menschheit glauben, sich dann - und dafür - noch besonders anstrengen.

  5. und Wirtschaft sollten sich darüber ganz im Klaren sein, daß die Situation, die rijukan beschreibt, erhebliche Folgen hat. Der wirtschaftliche Druck, der auf vielen Familien lastet und die Angst vorm Scheitern der Ehe/Beziehung mit dann eventuell erhöhter finanzieller Anspannung, hängt psychologisch wie ein Damoklesschwert über mancher Beziehung. Disharmonie innerhalb des Elternpaares geht oft zu einem Gutteil auf das Konto dieser Situation und der Sorgen und des Alltagsstress, die sie verursacht. Das heißt in meinen Augen, daß Politik und
    Wirtschaft, die in Sonntagsreden viel beschworene "Keimzelle der Gesellschaft" selber fahrlässig oder vorsätzlich in die Bredoullie bringen, weil sie einfach ein erholsames, progressives Familienleben erschweren.

    • joqel
    • 07.07.2006 um 1:11 Uhr

    Blödsinn. Ich fliege regelmäßig mit meinen beiden Söhnen von hier nach da. Niemals hat mich irgendwer nach meiner Frau gefragt. Wir arbeiten beide, ich habe das "Glück" meine Arbeit flexibel einteilen zu können, was bedeutet, dass ich nachts nacharbeite, was ich wg Kinderbetreuung nicht geschafft habe. Weniger arbeiten wäre kein Problem, aber meine Frau verdient mit einer ähnlichen Qualifikation und ähnlicher Stellung in vergleichbarem Betrieb 2 Drittel von meinem Gehalt... Wer bezahlt die Eigentumswohnung und kümmert sich ab und zu um die Kinder???? Denn es stimmt noch nicht mal, dass man auf Spielplätzen als Mann mit den Mamis anbändeln kann.

  6. Es geht hier um das Thema Familie. Dann möchte ich Richard Sennetts "Der flexible Mensch" empfehlen. Man prüfe, inwieweit ein solcher Menschentypus in einer flexibilisierten Umwelt familienfähig oder -tauglich ist.
    Paradoxerweise treiben die Konservativen diese flexibilisierte Welt mit ihrer Politik weiter voran, fordern vom Individuum Leistungsbereitschaft, die Bindung an einen Ort oder an ein soziales Umfeld auf eine harte Probe stellen. Gleichzeitig beschwören sie die Familie, familiere Werte. Aus diesem Paradoxon kann keine Dichotomie werden.
    Gerade jetzt soll der Ladenschluss abgeschafft werden. Für die Beschäftigten im Einzelhandel heißt das, weniger verlässlich für ihre Kinder da sein zu können, weniger zeitliches Grundgerüst der Familienorganisation.
    Ich frage mich, ob sich manche Politiker im Klaren sind, was sie da anrichten? Sie selbst betrifft es wenig, weil ihr Gehalt so hoch ist, daß der Partner zu Hause bleiben kann oder eine umfassende Kinderbetreuung möglich ist.
    Die Angehörigen von Mittel- und Unterschicht frage ich:
    Schlaft Ihr, gibt man Euch Tranquilizer? Was lasst Ihr alles mit Euch machen? Wollt Ihr gehetzte Eltern sein und die Auswirkungen, die das auf Eure Kinder hat, in Kauf nehmen? Oder stimmt das alles nicht, was über das neue deutsche Wesen geschrieben wurde, seid Ihr immer noch obrigkeitshörige Feiglinge und Duckmäuser?

    MfG

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