Über den ganzen so genannten Literaturskandalen vergisst man leicht, wie sensibel der literarische Betrieb eigentlich ist. Man vergisst, dass es sich um ein Wesen handelt, hinter dessen vordergründiger Rauflust ein delikates Unbewusstes steckt, das hoch empfindlich auf Ereignisse und Schwingungen reagiert.

Ein Beispiel: Momentan steht das Buch Resturlaub von Tommy Jaud auf der Bestsellerliste. Nun gibt es Bücher, bei denen man überhaupt nicht nachdenken muss, warum sie auf die Bestsellerliste kommen, Harry Potter zum Beispiel. Und Bücher, bei denen man ein bisschen oder ziemlich lang nachdenken muss. Dazu dürfte Resturlaub von Tommy Jaud gehören. Der Mittdreißiger Jaud, der aus der Comedy-Szenerie stammt, für die Sat.1-Wochenshow getextet, für Ladykracher produziert hat, schreibt recht witzig. Aber so witzig auch wieder nicht. Seine Bücher der erste Roman hieß Vollidiot dürften zum Rezeptionstyp Fangemeinde gehören. Aber: Tommy Jaud, gebürtiger Schweinfurter, stammt aus Franken!

Resturlaub spielt in Franken! Genauer gesagt in Bamberg, der herrlichen Stadt in Oberfranken. Der Ich-Erzähler ist Bamberger, er ist sozusagen Vollbamberger und Vollfranke. Er heißt Pitschi mit Vornamen, arbeitet in der Geschäftsleitung einer Brauerei, fährt jedes Jahr mit seiner Clique nach Mallorca, immer in dasselbe Hotel, er ist seit zehn Jahren mit Biene zusammen, die endlich heiraten, ein Haus im Bamberger Umland bauen und ein Kind bekommen will, wogegen sich Pitschi erbarmungslos sträubt. Und er ist des fränkischen Dialekts mächtig. Er weiß, dass Herzanfall auf Fränkisch Herzkaschber, tolerant dollerand, Croissant Budderhörnla und Halteverbot Haldeverbod heißt. Obwohl er das weiß und erzähldramaturgisch völlig zu Recht gleich auf der ersten Romanseite im Schlenkerla sitzt, der ältesten und berühmtesten Kneipe Oberfrankens (Spezialität Rauchbier), macht er ein paar Fehler im Schriftfränkischen. Klassische Kompromissfehler, damit die hochdeutsche Leserschaft mitkommt.

Des is obe, wemma drüba nochdengt, völlich logisch

Egal. Wichtig ist: Der Roman spielt in Franken. (Pitschi will zwar, was ja für literarische Provinzsujets zwingend ist, aus der Provinz weg und flüchtet nach Buenos Aires.

Aber am Ende kommt er natürlich nach Bamberg und zu Biene zurück.) Und nur, weil er in Franken spielt, ist er auf der Bestsellerliste. Jetzt fragt sich jeder: Wieso? Warum? Was hat das mit den Franken zu tun?

Tja, da muss man jetzt ein bisschen kombinieren und mit dem Unbewussten um die Ecke denken, um drauf zu kommen, was es mit den Franken auf sich hat, die rhetorisch Experten sind für kurzangebundene und tautologisch flache Ausdrucksweisen (Des kannst net machen, weil des geht echt net), und die, was die Blödigkeit der ihnen angehängten Regionalwitze betrifft, nah bei den Ostfriesen rangieren (Man muss Gott für alles danken, auch für einen Mittelfranken).